Filmkritik: No Time to Die ist das Ende einer Ära

Filmkritik: No Time to Die ist das Ende einer Ära

Luca Fontana
Zürich, am 29.09.2021

«No Time to Die» ist nicht nur der längste Bond-Film aller Zeiten, sondern auch Daniel Craigs würdiger Abschied vom ikonischen Doppelnull-Agenten. Auf bald, Mr. Bond.

Eines vorweg: Für diese Filmkritik gilt: No Time for Spoilers. Du liest nur Infos, die aus den bereits veröffentlichten Trailern bekannt sind.


Was sagt man am Schluss? Am Ende einer Ära? Schliesslich ist «No Time to Die» nicht einfach nur irgendein Bond-Film. Er schliesst das Kapitel Daniel Craig ab. Wohl für immer. Es sei denn, Craig überlegt es sich nochmals anders.

Unwahrscheinlich, denn die Geschichte, die Craig und die Macher da erzählen, ist ein Abschluss. Keiner für die Ewigkeit – das verraten vier Wörter am Ende des Abspanns. Der nächste Bond-Film wird aber eine neue Geschichte erzählen. Ein frisches Kapitel aufschlagen. Und unerwartete Wege gehen, wohl ohne den 53-jährigen Craig.

Bis dahin bleibt eine Frage: Ist «No Time to Die» ein würdiger Abschied von Daniel Craigs James Bond?

Darum geht's

Fünf Jahre sind vergangen, seit James Bond den Dienst für die MI6 quittiert hat. Auf Jamaika pflegt er sein neues, ruhiges Leben zwischen Palmen, Strand und Meer. Bis Freund und CIA-Agent Felix Leiter (Jeffrey Wright) ihn aus dem Ruhestand holen will.

Die Mission: Ein Wissenschaftler ist aus einem britischen Geheimlabor entführt worden. Die Bedrohung: Waffenfähige Biotechnologie. Nächster Schauplatz: Kuba. Und: Womöglich könnte jene Terror-Organisation dahinter stecken, die seit «Casino Royale» die Fäden im Hintergrund zieht.

Spectre.

Wir haben alle Zeit der Welt

Es fühlt sich melancholisch an, wenn Bond und Madeleine Swann (Lea Seydoux) am Anfang des Films in den malerischen Sonnenuntergang Italiens fahren – zur Melodie Louis Armstrongs «We Have All The Time In The World», der Titelmelodie des George-Lazenby-Bond-Filmes, bei dem am Ende seine frisch Vermählte getötet wird.

Wir erinnern uns: Bond, seine tote Liebe in Armen haltend, sagt zwischen den Tränen «Alles ist gut. Sie ruht sich nur aus. Wir haben alle Zeit der Welt.»

Die letzte Szene in «James Bond – On Her Majesty's Secret Service»

Dass «No Time to Die» genau diese Melancholie beschwören will, ist ungewohnt für Bond, aber kein Zufall: «No Time to Die» ist anders. Geht mehr unter die Haut. Und nicht mehr aus dem Kopf.

Das zeigen bereits die ersten Filmminuten. Ein Rückblick, fast schon in Horror-Film-Manier, als ein ruchloser, maskierter Killer ein hilfloses Mädchen über einen tödlichen, zugefrorenen See Norwegens verfolgt. Zusammenhänge werden gezeigt. Spectre, Quantum, Mr. White, Swann. Es lohnt sich, sich vor «No Time to Die» zumindest eine Zusammenfassung von «Spectre» anzuschauen. Denn «No Time to Die» knüpft nach dem Rückblick direkt am Ende des Vorgängers an, als Bond und Swann im restaurierten Aston Martin davon gefahren sind.

Und wie: Vor der Kulisse Materas, einer Stadt auf einer felsigen Landzunge im Süden Italiens, entfesselt «True Detective»-Regisseur Cary Joji Fukunaga eine der furiosesten Bond-Eröffnungsszenen aller Zeiten. Ein Fest für Auge und Ohr, das im Kino betrachtet gehört und dessen Ende emotional ist, selbst für Daniel-Craig-Bond-Verhältnisse.

James Bond (Daniel Craig) in Matera, Italien.
James Bond (Daniel Craig) in Matera, Italien.
Universal Pictures

Tatsächlich hat vor Craig kein James Bond je einen derart konsequenten und nachverfolgbaren Charakterwandel durchgemacht. Das liegt an der zusammenhängenden Geschichte, die die Craig-Filme erzählen. Zuvor war James Bond stets nur eine Schablone: Cool, abgebrüht und schlagfertig. Ein universeller Alleskönner.

Ein Superheld im Smoking.

Craigs erster Bond-Film, «Casino Royale», änderte das. Bond ist dort ein ungewohnt roher Rabauke. Ein Schnösel, der einerseits bereits der Beste ist, aber sich gleichzeitig masslos überschätzt. Dann taucht Vesper Lynd (Eva Green) auf. Seine grosse Liebe – und seine bitterste Niederlage.

Vesper Lynds Tod hallte nach, zog sich wie ein roter Faden durch die Filme, besonders in «Quantum of Solace», dem am wenigsten gelungenen Bond-Film der Craig-Ära. Nichts anderes formte Bonds Charakter mehr. Zuerst gebrochen, gefühlskalt und beinahe soziopathisch. Dann aber erschreckend rational und nichts und niemandem mehr an sich ranlassend. Ein moderner Bond eben, der nicht wie Sean Connerys Bond anno 1963 bloss ein verspielter Playboy mit Macho-Attitüden ist.

James Bond und Paloma (Ana de Armas) in Kuba.
James Bond und Paloma (Ana de Armas) in Kuba.
Universal Pictures

Es ist genau das, was das Publikum an Daniel Craigs Bond so schätzt: Er fühlt sich echt an. Real. Aber genau jene Dämonen der Vergangenheit will Daniel Craigs Bond in «No Time to Die» anfangs hinter sich lassen – Schuld, Versagen, Vesper, Spectre. Alles. Denn Lea Seydoux’ Madeleine Swann bietet ihm eine Zukunft, die er zuvor nicht mehr gesehen hat.

«Wir haben alle Zeit der Welt», sagt Bond, lächelnd, verliebt, strahlend und nur Stunden, bevor die Hölle über die beiden hereinbricht.

Und trotzdem: Bond durch und durch

Keine Sorge: Trotz der neugefundenen emotionalen und melancholischen Wucht, die «No Time to Die» in seiner gesamten 163-minütigen Laufzeit begleitet, bleibt der Film in seinem Kern ein waschechter Bond-Film.

Dazu trägt auch Komponist Hans Zimmer bei, dessen Musik zwar keinen Innovationspreis gewinnen wird, aber genau das tut, was sie soll: Die ikonische Bond-Titelmelodie in allen möglichen Variationen durchdüdeln. Mal laut, mal triumphal, mal treibend, mal leise, mal geheimnisvoll.

Dazu die üblichen Bond-Zutaten: Exotische Schauplätze, lose verbunden durch einen Plot, der beim ersten Schauen kaum nachvollziehbar ist. Action-Einlagen und Stunts, die die Kinnlade auf den Boden knallen lassen. Bond, stoisch dem Tode trotzdend und ihm immer wieder gerade noch so von der Schippe springend. Dazu einen geschüttelten Martini, Omega-Uhren und viele weitere Product Placements.

Nein, Regisseur Fukunaga hat dabei nicht dasselbe filmische Auge wie die oscarprämierte Regie-Legende Sam Mendes. Auch darum sieht «No Time to Die» nicht ganz so schön aus wie «Skyfall» und «Spectre». Muss es auch gar nicht. Gerade in «Spectre» verlor sich Mendes immer wieder in der Opulenz seines bildgewaltigen und ebenfalls oscarprämierten Kameramanns Hoyte van Hoytema. Die Geschichte fiel eher flach aus.

Diesen Fehler macht Fukunaga nicht. Zweckdienlich, aber packend, inszeniert er die Action. Lässt die Charaktere – nicht die Locations und Kulissen – Eindruck schinden. Wohl auch, weil das Drehbuch, das «No Time to Die» zu Grunde liegt, um einiges mehr hergibt als bei «Spectre». Vor allem ist es mutiger. Gerade im dritten Akt, wo Fukunaga sein bereits fantastisches Eröffnungs-Action-Set-Piece einfach mal übertrumpft.

Bond-Herz, was willst du mehr?

Die wahre Stärke des Films: das Casting

Wie schon seine Vorgänger darf sich Regisseur Fukunaga dann auch auf die geballte Unterstützung von Schauspiel-Schwergewichten wie Ralph Fiennes, Christoph Waltz und den oscarprämierten Rami Malek verlassen. Malek, der übrigens einen perfiden, furchtbar bösen und in seiner rätselhaften Ruhe umso bedrohlicheren Bösewicht gibt.

Rami Malek als Lyutsifer Safin.
Rami Malek als Lyutsifer Safin.
Universal Pictures

Dass er wie dereinst Dr. No im allerersten Bond-Film sein Unwesen von einer eigenen Privatinsel aus treibt, verstehe ich als Hommage. Davon hat es viele in «No Time to Die». Meistens sind sie subtil genug versteckt, um nicht als plumper Fan-Service durchzugehen.

Etwa, wenn im MI6-Hauptquartier Portraits der ehemaligen Chefs des britischen Geheimdienstes zu sehen sind. Da ist nämlich nicht nur Judi Dench, die «M» vor Ralph Fiennes gespielt hat, sondern auch Robert Brown und Bernard Lee, die anderen zwei «M»-Darsteller vergangener Zeiten.

«No Time to Die» gefällt aber auch – oder besonders – wenn’s um Neuzugänge Lashana Lynch und Ana de Armas geht. Lynch ist im Film nicht nur Bonds Nachfolgerin, sondern auch jene, die Bond auf Jamaika aufsucht und davor warnt, sich zusammen mit Felix Leiter erneut in Geheimdienst-Angelegenheiten einzumischen.

«Ich bin hier, um nach alten Wracks zu tauchen», stellt sie sich Bond erstmals vor – nicht bloss ein Witz auf Kosten des alternden Bonds, sondern auch eine liebevolle Hommage an Ursula Andres’ Auftritt in «James Bond jagt Dr. No».

Lashana Lynch als Nomi.
Lashana Lynch als Nomi.
Universal Pictures

Ana de Armas, die nach «Knives Out» erneut mit Daniel Craig vor der Kamera steht, spielt Paloma, eine auf Kuba stationierte Geheimagentin, irgendwo zwischen beschwipst und unheimlich schlagfertig. Fast schon wie Bond. Und ja – es sind genau diese weiblichen Noten in der zu früheren Zeiten vornehmlich männlichen Domäne Bonds, eingepflegt von der «Fleabag»-Drehbuchautorin Phoebe Waller-Bridge, die dem Film guttun.

Fazit: Ein würdiger Abgang für Daniel Craig

Zum Ende bleibt der 25. kanonische Bond-Film, der sich anfühlt, als ob er tatsächlich das Geschehene und Gesehene seiner 24 Vorgänger verarbeiten und auf den Punkt bringen möchte. Darum auch die Überlänge: 163 Minuten.

Aber «No Time to Die» braucht sie, diese zweieinhalb Stunden. Die Geschichte ist komplex und hantiert nicht nur mit zig Schauplätzen, sondern auch Charakteren und Plot-Twists rum. So sehr sogar, dass sich die Geschehnisse der ersten Filmminuten anfühlen, als ob sie vor 18 Monaten passiert wären – was ja ursprünglich auch der Plan gewesen ist. Damals noch unter der Regie des Oscarpreisträgers Danny Boyle, der das Projekt «Bond» Monate zuvor verlassen hatte, weil das Studio durchsetzen wollte, Boyles Stamm-Drehbuchautoren John Hodges auszutauschen, aber nicht den Regisseur.

Wie dem auch sei: Wäre die Pandemie nicht gewesen, wäre der jüngste Ableger der Reihe bereits im April 2020 in die Kinos gestartet. Eine lange Wartezeit, die sich zum Glück gelohnt hat: «No Time to Die» ist nicht nur Actionreich, sondern eine ungewohnt und nie dagewesene emotionale Bond-Erfahrung, die der Daniel-Craig-Bond-Ära einen würdigen Schlusspunkt gesetzt hat.


«James Bond: No Time to Die» läuft ab dem 30. September im Kino.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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