Du kannst mich mal, papierloses Büro!
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Du kannst mich mal, papierloses Büro!

Martin Jud
Zürich, am 05.03.2018
Bilder: Thomas Kunz
Vor mir liegt ein Notizblock. Daneben ein doppelseitiger Schwarz-Weiss-Ausdruck dieser Zeilen. Warum? Weil sich Fehler auf einem Ausdruck besser finden lassen, als am Bildschirm. Ansonsten wimmelt es auf meinem Pult von Haftnotizen und anderem Schreibkram. Mein Tisch bietet dabei auch eine kleine Tee-Bar, Kabel, Schokolade, einen Himbeer-Muffin, Kaffee, Taschentücher, Kaugummis, Spielzeuge und eine Energy-Milk. Das blanke Chaos liegt vor mir. Und nur, weil ich in einem «papierlosen Büro» sitze!

Du denkst jetzt bestimmt, dass ich meine persönlichen Effekte auch woanders verstauen könnte. Das würde ich liebend gerne! Doch versuche ich nach der Schublade meines Korpus zu greifen, bemerke ich, dass ich keinen Korpus habe. Halb so schlimm (WTF!) denke ich mir, denn als neuer Mitarbeitender muss man ab und zu geduldig sein. Da kann es vorkommen, dass die Infrastruktur zwei Monate benötigt, um alle Möbel zur Verfügung zu stellen.
Doch kurz danach erfahre ich, dass es für neue Mitarbeitende keine Korpusse mehr gibt. Begründung: «Papierloses Büro».

Als ob ich jemals einen Korpus für Schreibmaterial gebraucht hätte. Der Korpus war bisher immer das Möbelteil, das mir im Büro etwas Privatsphäre brachte. Die Grosspackung Taschentücher gehörte dabei genauso in den Korpus, wie die Tee-Bar, Notfall-Schokolade, ein Knirps und weitere Dinge, über die ich hier nicht schreiben möchte.

Das papierlose Büro – die Definition

Die Idee zum papierlosen Büro ist bereits in den 70er Jahren entstanden.
Die Idee zum papierlosen Büro ist bereits in den 70er Jahren entstanden.

Wusstest du, dass am 24. Oktober «World Paper Free Day» ist? Ich auch nicht. Trotzdem finde ich ihn absolut sinnvoll, denn alle anderen besonderen Tage gehen mir mächtig auf den Keks. Ist es nicht heuchlerisch, der Frau nur am Valentinstag (überteuerte) Blumen zu schenken? Warum Geschenke für Weihnachten kaufen, wenn es sich dabei eigentlich um die Wintersonnenwende handelt, welche die Christen nach der Missionierung Europas um drei Tage verschoben haben? Warum zu Halloween Süssigkeiten bereithalten, wenn die Kinder der westlichen Welt schon mit zwölf Jahren an Gelenkschmerzen leiden?

Aber bevor ich hier total abschweife erstmal die Definition. Das Büro ist papierlos: * Wenn sämtliche Dokumente in elektronischer Form gespeichert werden. * Wenn die Übermittlung von Dokumenten nur über elektronische Wege geschieht. * Wenn auf rechtsgültige elektronische Unterschriften umgestellt wurde (Verzicht auf handschriftliche Signaturen). * Wenn alte Papierdokumente eingescannt und archiviert wurden (Verzicht auf physische Ablage).

Liebes Holz, ich versichere dir, mir möglichst sparsam den Hintern abzuwischen

In der Schweiz wird gerodetes Holz stets woanders wieder aufgeforstet.
In der Schweiz wird gerodetes Holz stets woanders wieder aufgeforstet.

Die Fläche der Schweiz wird zu rund einem Drittel von Wald bedeckt. Seit 1876 besteht ein Waldgesetz (damals Forstpolizeigesetz), welches den Schutz vor Abholzung und Rodung regelt. Somit wird in unserem Land dafür gesorgt, dass gerodeter Wald stets woanders wieder aufgeforstet wird.

Allerdings habe ich dennoch ein schlechtes Gewissen, Papier zu brauchen. Denn Papier aus Holz ist alles andere als Nachhaltig. Hanf oder Flachs würden erheblich schneller wachsen und zu ökologischeren Produkten führen. Aber was seit tausenden Jahren gut war, muss nicht zwingend auch in ein kapitalistisches System passen. Daher verzichtet unsere Wirtschaft auf Errungenschaften, die wenig Geld einbringen.
Warum jede Pfanne mit Emaille beschichten, wenn Teflon dreimal schneller kaputtgeht und den Kunden nach wenigen Jahren wieder in den Laden lockt? Warum Glühbirnen mit Wolfram bestücken, wenn sie danach über 100 Jahre brennen? Warum ein Wasserstoff-Tankstellen-Netz in Europa aufbauen, solange sich mit Benzin und Diesel gut Geld machen lässt?

Ich nehme mir das papierlose Büro echt zu Herzen – zumal ich auch gerne Bäume umarme. Dennoch kann und will ich nicht überall auf Papier verzichten. Doch ich versuche möglichst sparsam damit umzugehen. Egal, ob auf dem stillen Örtchen, oder im Office.

Apropos stilles Örtchen:
Pro Jahr und Kopf fallen in der Schweiz 700 Kilogramm Abfall an. Davon sind 194 Kilogramm Papier. Toilettenpapier verbraucht jeder Schweizer im Schnitt 11.7 Kilogramm.
Löblich, dass wir Schweizer Weltmeister im Recyclen sind. Heuchlerisch, dass wir uns damit rühmen, denn wir sind auch Weltmeister in Sachen produziertem Abfall pro Kopf! Gerechterweise muss auch erwähnt werden, dass viele Länder unvollständige Statistiken veröffentlichen. Spaziert man in Italien durch den Wald, begegnen dir nebst Bäumen und Tieren auch alte Waschmaschinen, Pneus und anderer Müll.

Papier macht Sinn – lasst die Räppli regnen

Wenige Gründe sprechen für Konfetti. Einige aber für Papier am Arbeitsplatz.
Wenige Gründe sprechen für Konfetti. Einige aber für Papier am Arbeitsplatz.

Jäh-jäh, liebe Basler. Wie wäre es, im kommenden Jahr mal auf die Räppli zu verzichten? Nicht nur aus ökologischen Gründen, denn ich habe langsam genug vom Juckreiz am ganzen (!) Körper.

Wir verprassen unsere Rohstoffe, als hätten wir mehr, als nur diesen einen Planeten. Daher sollte man sich auf Dinge, wie das papierlose Büro, besinnen (oder gleich den Neoliberalismus abschaffen). Dennoch gibt es Einsatzzwecke, bei welchen Papier weiterhin Sinn macht. Das zeigt auch der Umstand, dass der Verkauf von Druckern nicht stagniert.

Folgende Gründe sprechen für Papier im Büro: * Beim Korrigieren von Dokumenten fallen gedruckte Fehler schneller ins Auge. Ausserdem beschleunigt sich der Workflow dank Textmarker und handschriftlichen Notizen. * Nach dem Halten einer Präsentation findet ein ausgedrucktes Handout mehr Beachtung, als ein per E-Mail geschicktes. * Das Flugticket der nächsten Geschäftsreise beruhigt in ausgedruckter Form. So kommst du auch ohne geladenen Smartphone-Akku durchs Gate. * Visitenkarten machen digital wenig Sinn. * Der Versand persönlicher Einladungen oder Glückwunschkarten findet in gedruckter Form mehr Anklang. * Gedruckte Fotos erhöhen den Erinnerungswert. * Ein Brainstorming ohne Notizblock hemmt den Denkfluss.

Drucker verkaufen sich immer gut – auch im Jahr 2018. Das wundert nicht, denn im Gegensatz zu den 90ern, wird heute nicht mehr zwingend auf Langlebigkeit getrimmt. Das musste ich auch gerade wieder selbst erfahren:
Ich möchte Samsung nichts unterstellen, aber mein LaserJet hat kurz nach Ende der Garantie vorletzte Woche den Geist aufgegeben*. Und das riecht irgendwie schon nach geplanter Obsolenz. Daher habe ich mir nicht wieder einen Samsung besorgt, sondern einen Multifunktionsdrucker von Brother. Mal sehen ob Brother noch immer selbige Qualität wie in den 90ern herstellt (ich berichte in spätestens 5 Jahren darüber, ob ich zufrieden bin).

* Ich hatte gerade neuen Toner eingesetzt, der meinem Empfinden nach nicht billig war. Keine 50 Ausdrucke später war dann alles vorbei. Der Druck war voller Schlieren, weil die Bildtrommel nicht mehr wollte, wie ich es gerne gehabt hätte.

Schlechtes Gewissen, belastest du mich nun bei jedem Toilettengang?

Systembedingt haben wir als einzelner Mensch kaum Einfluss auf das, was unsere Konzerne täglich mit der Umwelt anstellen. Dennoch können wir etwas dagegen tun. Denn je mehr Menschen bewusst mit Holz und anderen Rohstoffen umgehen, desto eher wird auch im Kollektiven ein Umdenken stattfinden.
Ja, ich glaube wirklich an die Chaostheorie und daran, dass ich auch als kleiner Redaktor insgeheim über die Macht verfüge, die Welt zu verändern. Eine Flamme kann reichen, um ein Lauffeuer auszulösen. Je mehr wir unsere Meinung gegenüber dem eigenen Umfeld kundtun, desto grösser die Chance, dass unsere Idee Anklang findet und sich weiterverbreitet.

Dennoch sehe ich ein papierloses Büro als nur teilweise sinnvoll an. Richtig und nachhaltig eingesetzt macht Papier durchaus Sinn. Zur rechten Zeit am rechten Ort darf es auch mal Papier mit fünf Lagen sein.

Ich hoffe, dass diese Zeilen etwas zum Nachdenken anregen. Und dass die Infrastruktur allenfalls doch noch irgendwo einen Korpus für mich auftreiben kann.

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Martin Jud
Martin Jud
Editor, Zürich
Der tägliche Kuss der Muse lässt meine Kreativität spriessen. Werde ich mal nicht geküsst, so versuche ich mich mittels Träumen neu zu inspirieren. Denn wer träumt, verschläft nie sein Leben.

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