Apps auf Kameras sind etwas für Masochisten

Apps auf Kameras sind etwas für Masochisten

David Lee
Zürich, am 06.12.2019
Auf Smartphones geht nichts ohne zusätzliche Apps. Auf Kameras kann ich gut darauf verzichten. Nur schon die Installation ist ein Graus. Warum eigentlich?

Ich habe es wieder einmal getan. Eine App installiert. Nicht auf einem Smartphone oder einem Tablet, sondern auf einer Kamera. Und es war so, wie ich befürchtet habe: Grauenhaft.

Dass ich überhaupt eine App installieren muss, finde ich schon nicht so prickelnd. Die App liefert auf der Sony RX100 III die Zeitrafferfunktion nach, die in vielen anderen Kameras (z.B. meiner Nikon D7500) von Anfang an mit dabei ist. Dafür zahle ich 13 Franken, in Deutschland wären es 10 Euro. Was mich aber viel mehr ärgert: dass das so kompliziert ist.

Nicht alles, was kompliziert ist, ist ein Beziehungsstatus

Zuerst muss ich die Kamera mit dem WLAN verbinden. Mein WLAN-Passwort ist kompliziert, es soll schliesslich sicher sein, und die Kamera hat keinen Touchscreen. Ich muss also dem Drehrad durch die Bildschirmtastatur navigieren, um die einzelnen Zeichen einzugeben.

Mit Grossbuchstaben und Sonderzeichen, bitte
Mit Grossbuchstaben und Sonderzeichen, bitte

Weil ich normalerweise keine Apps auf Sony-Kameras installiere, muss ich als nächstes einen Account eröffnen. Das geht auf der Kamera nicht. Die Kamera blendet mir eine Webadresse ein, die ich abtippen muss. Die Website empfängt mich mit dem Hinweis, dass sie nur auf Chrome und Edge getestet wurde und auf anderen Browsern möglicherweise nicht funktioniert.

Ich richte am PC meinen Account ein und bestätige meine E-Mail-Adresse. Das Passwort stammt wie immer von meinem Passwortgenerator. Nun kommt mir in den Sinn, dass dieses Passwort bei der Eingabe auf der Kamera ebenso eine Zumutung ist wie mein WLAN-Passwort. Ich ändere deshalb das Passwort in ein anderes, weniger sicheres, das ich einigermassen schnell eingeben kann.

Nun gebe ich meine Login-Daten auf der Kamera ein. Sobald ich auf «Kauf» klicke, meckert die Kamera, dass ich keine Zahlungsinformationen hinterlegt habe. Ich hinterlege am PC meine Kreditkarteninformationen im Sony-Account.

App nochmals auswählen, Nutzungsbedingungen nochmals bestätigen, nochmals kaufen. Es kommt die Fehlermeldung: Webseite nicht verfügbar. Es ist eine Seite von Viseca, über die der Zahlungsprozess laufen sollte. Ich solle meine Internetverbindung prüfen und/oder es später nochmal versuchen. Das tue ich, vergeblich.

Ich könnte einen PayPal-Account einrichten und es so versuchen. Aber PayPal ist ein Unternehmen, mit dem ich lieber nichts zu tun habe. Ich gebe auf. Da ich den Sony-Account nicht benutzen kann, nehme ich meine Kreditkarteninfos wieder heraus. Schliesslich habe ich ein unsicheres Passwort.

Bei der Gelegenheit sehe ich den Button «Eine Kamera verbinden». Vielleicht kann ich ja die App am PC herunterladen und bezahlen und sie dann auf die Kamera schieben? Ein Hoffnungsschimmer keimt auf.

Und tatsächlich, das funktioniert. Zwar muss ich dafür extra einen «Play Memories Camera Apps Downloader» herunterladen und installieren sowie meine Kreditkartendaten nochmals eingeben, aber am Schluss habe ich endlich, was ich will.

Warum geht das nicht besser?

Auf dem Smartphone ist eine App in zehn Sekunden installiert. Warum funktioniert auf dem Smartphone so super, was auf Kameras – und anderen Geräten – eine Qual ist?

Auf dem Smartphone läuft alles über Apps. Apps sind sozusagen das Grundprinzip eines Smartphones. Auf einer Kamera oder einem Fernseher oder auf Livias Taschenrechner hingegen hast du 99 Prozent der Funktionalität ohne Apps, das meiste wird vom Betriebssystem zur Verfügung gestellt. Apps sind ein Fremdkörper und entsprechend schlecht integriert.

Darum ist auf dem Phone alles schon bereit: Es ist bereits mit dem WLAN verbunden, du hast eh schon einen Account für den Store, und das Bezahlen funktioniert auch super einfach. Abgesehen davon sind viele Apps gratis.

Doch selbst wenn du bei null beginnst, ist die Sache auf dem Smartphone einfacher, da sich Passwörter auf einem 6-Zoll-Touchscreen leichter eingeben lassen als auf einem 3-Zoll-U-Can’t-Touch-This-Screen.

Zudem kommt es erfahrungsgemäss selten gut, wenn Hardware-Hersteller ein Software-Portal betreiben. Unternehmen wie Apple oder Google können das einfach besser. Sony ist zwar ein Riesenkonzern mit riesigen Ressourcen, doch das allermeiste ist hardwareorientiert. Unter dieser Perspektive dient Software lediglich dazu, die Hardware zu betreiben, ist also Beigemüse zur Hardware.

Und letztlich scheint dieser App Store auch zu wenig wichtig zu sein. Für Apple und Google sind das Goldgruben. Für Sony & Co. wohl kaum. Also fehlt es wohl am Willen, das beste zu geben, was möglich wäre.

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David Lee
David Lee

Senior Editor, Zürich

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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