Kritik

«Zero Parades: For Dead Spies» im Test: fesselnde Welt, blasse Spionin

Kevin Hofer
18.5.2026
Bilder: Kevin Hofer

Mit «Zero Parades: For Dead Spies» versucht das Entwicklerstudio ZA/UM an das geniale «Disco Elysium» anzuknüpfen. Das gelingt – aber nur teilweise. Grösster Kritikpunkt ist die blasse Protagonistin.

Mein Herz klopft. Ich starre auf die rote CD, die auf dem Nachttisch liegt. Irgendetwas stimmt damit nicht – das sagen mir zumindest die Stimmen in meinem Kopf. Also spiele ich sie ab. +2 Delirium, einer meiner Statuszustände verschlechtert sich. Ich spiele sie erneut ab. Nochmal: +2 Delirium. Ich bin davon überzeugt, dass mir diese CD das Geheimnis dieses Raumes verraten wird. Spoiler: Tut sie nicht.

Willkommen in «Zero Parades: For Dead Spies». Ein Spiel, das mich vom ersten Moment in seinen Bann zieht, dem aber eine Identifikationsfigur fehlt.

Eine CD erhöht mein Delirium. Sollte ich mit dem Hören besser aufhören?
Eine CD erhöht mein Delirium. Sollte ich mit dem Hören besser aufhören?

Spionin ohne Gedächtnis, Raum ohne Antworten

Vor dem eigentlichen Start wähle ich einen Archetypen oder stelle ein eigenes Statset zusammen. Das Spiel beginnt in einem Zimmer. Ein kleines Stück Normalität, das sich von Minute zu Minute auflöst. Ich schlüpfe in die Rolle von Hershel Wilk, auch bekannt als Agent Cascade. Die Mission der Spionin ist bereits gescheitert, bevor sie begonnen hat: Die Person, die ich treffen sollte, liegt katatonisch im Raum – nicht tot, aber auch nicht wirklich anwesend. Und eine mysteriöse rote CD liegt herum, die offensichtlich nichts Gutes verheisst.

Am Anfang wähle ich entweder einen Archetypen oder erstelle mein eigenes Statset.
Am Anfang wähle ich entweder einen Archetypen oder erstelle mein eigenes Statset.

Ich durchsuche den Raum, klicke auf alles Anklickbare – eine Hose im Badezimmer könnte einen Hinweis verbergen. Hinter einigen Aktionen verbirgt sich ein Würfelwurf. Er entscheidet darüber, ob mir eine Handlung gelingt oder nicht. Besonderheit dabei: Cascade kann sich durch einen sogenannten Anstrengungswurf einen dritten Würfel erkämpfen, wobei das schlechteste Ergebnis der drei gestrichen wird. Das erhöht die Erfolgschancen merklich – treibt aber gleichzeitig einen der drei Statuswerte in die Höhe. Risiko und Belohnung halten sich die Waage.

Mehrere Romane Text

Nachdem ich mir einen Überblick im Raum verschafft und mich durch unzählige Monologe geklickt habe – was ungefähr eine halbe Stunde dauert –, werde ich auf die Welt von «Zero Parades» losgelassen. Denke ich zumindest. Denn im Fotogeschäfts, in dessen oberen Stockwerk sich der Anfangsraum befindet, wartete das nächste Abenteuer: ein defektes Faxgerät. Mein erster erfolgreicher Würfelwurf. Ich nenne mich seitdem den Faxgeräteflüsterer. Bevor es weitergeht, werde ich in ein Gespräch mit der Besitzerin des Geschäfts verwickelt. Es geht um meinen Auftrag und um Gott und die Welt. Das ist ein charakteristisches Muster von narrativen Rollenspielen, das auch «Zero Parades» kennzeichnet. Jede scheinbar belanglose Konversation verrät mir etwas über die Welt, meinen Auftrag oder kann kompletter Nonsense sein. Ich muss immer aktiv lesen.

Der Kardio-Opa ist nur einer von unzähligen schrägen Charakteren.
Der Kardio-Opa ist nur einer von unzähligen schrägen Charakteren.

An quirligen Charakteren mangelt es nicht und sie machen auch die Welt aus. Etwa der Kardio-Opa, der die Treppen in einem verlassenen Raketensilo tagein, tagaus rauf und runterläuft. Einfach, weil gesund. Oder die aufstrebenden Musiker Un und Deux, die Stimmen von kaputten Gebäuden hören und diese mit ihrer Musik verewigen wollen. Oder Bagman, der mit Tüte auf dem Kopf im TV seine nihilistischen Ansichten kundtut. Das Spiel ist ein Quell der Absurdität. Herrlich. Leider gilt das nicht für den Hauptcharakter.

Protagonistin ohne Charakter

Hershel oder Cascade ist eine gescheiterte Person. Jahre vor den Ereignissen von «Zero Parades» war sie vermeintlich verantwortlich für das Scheitern einer Mission. Damit hat sie auch ihre Kolleginnen und Kollegen in die Scheisse geritten. Ob sie sich dafür die Schuld in die Schuhe schiebt oder das Ganze nonchalant wegwischt, kann ich durch meine Entscheidungen selbst beeinflussen.

Hershel gewinne ich im ganzen Spiel nicht lieb.
Hershel gewinne ich im ganzen Spiel nicht lieb.

Das ist einerseits cool, weil ich ihr so Profil geben kann, aber andererseits auch problematisch, weil sie so keines erhält – zumindest in meinem Fall. Denn ich ziehe das nicht konsequent durch, sondern gebe mich je nach Situation und Gesprächspartnerin anders. So fehlt es Cascade an Profil. Das ist ein gängiges Problem bei offenen, narrativen Rollenspielen. «Disco Elysium» umging dieses, indem Kim Harry zur Seite stand. Er hat Harry trotz aller Freiheit geformt. Ein solches Gegenstück fehlt in «Zero Parades». Hershel bleibt während der gesamten Spielzeit nicht greifbar. Dafür überzeugt die Welt.

Coole, lebendige Stadt

Die Stadt Portofiro bietet mit mehreren Stadtteilen, darunter Docks, Märkten, Wohnsiedlungen und Hintergassen, reichlich Spielraum. Die Stadt ist mit vielen NPCs gespickt, ich kann aber nicht mit allen interagieren. Sie fühlt sich dennoch belebt an und die Aufmachung gefällt mir. Ich habe das Gefühl, in einer echten Stadt zu sein.

Ein Teil der Stadt aus der Vogelpersektive.
Ein Teil der Stadt aus der Vogelpersektive.
Quelle: ZA/UM

Die vielen NPCs und Schauplätze erlauben mehrere Lösungswege für dieselben Quests. Ein unterirdisches Geheimgefängnis lässt sich etwa über Skills der «Veranlagungen für Verbindungen» oder jene für «Veranlagungen für Intelligenz» erreichen. Entweder manipuliere ich die Aufsichtsperson oder ich manipuliere das Wasserablaufsystem, um mir Zugang zu verschaffen. Meinen eigenen Weg zu finden, macht Spass.

Das Skillsystem: überschaubar, aber fokussiert

Cascade verfügt über 15 Fähigkeiten, aufgeteilt in drei Kategorien: «Veranlagung für Aktionen», «Veranlagungen für Verbindungen», «Veranlagungen für Intelligenz». Das System ist schlank, was perfekt ist. Mehr Skills wären in meinen Augen zu viel. Sie melden sich wie schon in «Disco Elysium» in Dialogen zu Wort und bieten ihre Einschätzungen an – mal hilfreich, mal komplett unsinnig.

Der Fähigkeitenbaum ist überschaubar.
Der Fähigkeitenbaum ist überschaubar.

Auf dem HUD thronen drei Statuswerte: Angst, Erschöpfung und Delirium. Zu waghalsige Dialogentscheidungen oder misslungene Würfelwürfe treiben sie in die Höhe. Erreicht einer davon das Maximum, muss ich einen Skillwert reduzieren – Würfelproben werden damit schwieriger zu bestehen. Gegensteuern lässt sich mit verschiedenen Substanzen: Zigaretten etwa senken die Angst. Das schafft einen interessanten Ressourcenmanagement-Loop, der sich quer durch alle Interaktionen zieht.

Das Maximum der Skillwerte lässt sich durch sogenannte konditionierte Gedanken erhöhen – mit einem interessanten Twist: Wenn ich sie missachte, drohen Konsequenzen. Beim Gedanken «Apology-Welttournee 96» etwa verliere ich verstärkte Effekte vorübergehend, wenn ich jemanden physisch verletze. Kämpfe im eigentlichen Sinn gibt es in «Zero Parades» aber nicht.

Konditionierte Gedanken erhöhen meine Statuswerte, können aber auch negative Konsequenzen haben.
Konditionierte Gedanken erhöhen meine Statuswerte, können aber auch negative Konsequenzen haben.

Dramatische Begegnungen statt klassischer Kämpfe

Ein spannendes Element sind die sogenannten dramatischen Begegnungen – rundenbasierte Hochspannungsmomente, die an die Stelle klassischer Kämpfe treten. Auf einem Marktplatz etwa versuchte ich, einem feindlichen Agenten zu entkommen. Jede Runde bietet Optionen: untertauchen, fliehen, die Lage analysieren. Welcher Weg zum Ziel führt, hängt vom individuellen Skillset ab. Das fühlt sich weniger nach Kampf und mehr nach einem taktischen Kräftemessen an – passend für eine Spionagegeschichte, in der Cleverness mehr zählt als Fäuste.

Bei den dramatischen Begegnungen geht es zur Sache.
Bei den dramatischen Begegnungen geht es zur Sache.
Quelle: ZA/UM

Technisch noch nicht rund

Auch wenn das Spiel toll aussieht, läuft es noch nicht ganz rund. Ich habe an diversen Stellen Clippingfehler bemerkt, das Voice-Over ist noch nicht finalisiert und ich hatte diverse Abstürze. Letzteres ist ein kleineres Problem, da das Spiel ständig automatisch speichert. Auch nervig ist die Controllersteuerung: Die funktioniert nicht zuverlässig und ich kann vieles nicht auswählen, das ich mit der Maus anklicke. Das Entwicklerstudio verspricht, die meisten dieser Probleme mit einem Zero-Day-Patch zu flicken.

Die Controllersteuerung ist noch nicht ausgereift. So kann ich gewisse Aktionen gar nicht ausführen.
Die Controllersteuerung ist noch nicht ausgereift. So kann ich gewisse Aktionen gar nicht ausführen.

«Zero Parades: For Dead Spies» ist ab dem 21. Mai PC erhältlich. Das Spiel wurde mir für Testzwecke von ZA/UM zur Verfügung gestellt.

Fazit

Cooles Spiel, lahme Protagonistin

«Zero Parades: For Dead Spies» ist ein cooles, narratives Rollenspiel mit eigenem Charakter. Es erinnert stark an «Disco Elysium» unterscheidet sich aber an den entscheidenden Stellen.

Die absurden Dialoge, die Tiefe der Entscheidungen, das Herauslocken von Informationen durch scheinbar banale Gespräche – das alles macht Spass. Die Stadt Portofiro lädt zum Erkunden ein, die dramatischen Begegnungen bringen frischen Wind, und das kondensierte Skillsystem erleichtert den Einstieg.

Grösster Kritikpunkt ist die Protagonistin Hershel alias Cascade. Neben all den tollen Charakteren bleibt sie blass. Hinzu kommen mehrere technische Mängel, die das Studio hoffentlich bis zum Release ausbügelt.

Magst du narrative Rollenspiele, die dich tief in eine Welt eintauchen lassen, kann ich dir «Zero Parades: For Dead Spies» empfehlen. Scheust du jedoch davor, viel zu lesen, lässt du besser die Finger vom Spiel.

Pro

  • packende Atmosphäre und Story
  • toll geschriebene NPCs
  • lebendige Welt
  • fokussiertes Skillsystem
  • grosse Vielfalt an Lösungswegen

Contra

  • blasser Hauptcharakter
  • technische Mängel
  • sehr viel Text

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