«World of Warcraft Classic»: Willkommen Zuhause
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«World of Warcraft Classic»: Willkommen Zuhause

Philipp Rüegg
Zürich, am 09.09.2019
Das jahrelange Stürmen hat sich ausgezahlt. Blizzard hat «World of Warcraft» in seiner Ursprungsform wiederbelebt. Auch ich habe mich dem Nostalgie-Trip hingegeben. Das 15 Jahre alte Kultgame macht mehr Spass, als ich erwartet habe. Bleiben werde ich dennoch nicht.

Ich bin zuhause. Ich steh mit meinem Taure-Jäger in Camp Narache, dem Startpunkt der bulligen Kuhrasse. Die Musik hat mir schon beim Login-Screen eine leichte Hühnerhaut verpasst und beschert mir hier erst Recht Flashbacks. Vor mit steht ein NPC mit einem gelben Ausrufezeichen über dem Kopf. Allerdings ist er in der Kuhherde aus anderen Spielern, die auch grad angefangen haben, kaum auszumachen. Es ist wie vor 15 Jahren, als ich das erste mal «World of Warcraft» gespielt habe – inklusive horrender Wartezeiten. Immerhin gibt es keine Lags.

Das Gebiet der Tauren hat mir schon immer gefallen.
Das Gebiet der Tauren hat mir schon immer gefallen.

Ich laufe ein bisschen herum und alles fühlt sich völlig vertraut an, als wäre ich nie weg gewesen. Die Grafik ist simpel, sie ist aber erstaunlich gut gealtert. Meine Skillleiste ist noch gähnend leer, weil mein Jäger ausser zwei Angriffen noch nichts drauf hat. Ich hab absichtlich den gleichen Charakter ausgesucht wie früher. Einen fetten, trägen Stier als Jäger fand ich schon damals absurd.

Wie Velofahren

Das Spielprinzip habe ich sofort wieder intus. Ich merk sogar, wie meine Finger automatisch nach Shortcuts suchen, die noch gar nicht belegt sind, weil mein Charakter noch Level 1 hat. Aber das ist auch kein Wunder, schliesslich habe ich WoW bis zur ersten Erweiterung «Burning Crusade» gesuchtet bis zum Gehtnichtmehr. Das erste Wochenende machten mein Kumpel und ich fast kein Auge zu, weil wir einfach nicht aufhören konnten. Erst mit dem 40-Spieler-Raid «Molten Core», der schnell einen halben Tag verschlang, wurde «World of Warcraft» für mich immer mehr Arbeit als Vergnügen.

Bis zu Ragnaros hab ich es mit meiner Gilde leider nie geschafft.
Bis zu Ragnaros hab ich es mit meiner Gilde leider nie geschafft.

Aber davon sind ich und mein Level-1-Jäger noch weit entfernt. Im Tauren-Startgebiet Mulgore haben die stärksten Gegner Level 10. Die Quests von damals als nicht besonders einfallsreich zu bezeichnen, ist noch höflich. Es geht fast ausschliesslich darum, irgendwelche Mobs (Gegner) zu töten. Entweder, weil das schon der ganze Auftrag ist oder weil du irgendeinen Drop von ihnen brauchst. Zum Beispiel Wolfstatzen. Wenn du jetzt glaubst, jeder Wolf hat sicher mindestens vier davon, hast du dich geschnitten. Du kannst froh sein, wenn jeder eine dropt und schon das ist die Ausnahme. «World of Warcraft» war in dieser Hinsicht schon sehr absurd. Egal ob Knochen, Herzen oder ganze Schädel – offenbar gibt es in Azeroth aussergewöhnliche Gendefekte, die Tiere ohne lebenswichtige Organe oder Körperteile auskommen lassen. Aber so schlimm ist das gar nicht. Also das Questsystem, nicht der Gendefekt. Der Grind gehört schliesslich dazu und ist immer noch der effizienteste Weg, schnell zu leveln.

Die Community macht den Unterschied

Ich hab nach WoW noch viele MMORPGs ausprobiert, aber keins konnte mich lange fesseln. Nach ein paar Stunden mit WoW Classic habe ich eine Vermutung, woran das liegen könnte: Die Community. Egal ob in «Age of Conan», «Guild Wars» oder «Herr der Ringe Online»: Die Spiele fühlten sich trotz tausend anderer Spieler einsam an. In WoW hüpfe ich dagegen bei einer Quest, wo ich fünf Minuten einem Geisterwolf folgen muss, synchron mit einer unbekannten Druidin den Weg entlang, weil sie gerade die genau gleiche Quest macht und wir nichts besseres zu tun haben. Dabei flattern wir mit den Armen und sehen aus wie zwei übergewichtige Vögel, die nicht abheben können. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist es, was WoW ausmacht.

Sogar mit einem Noob wie Simon Balissat kann es Spass machen.
Sogar mit einem Noob wie Simon Balissat kann es Spass machen.

Noch mehr spürst du das, wenn du als Hordespieler ins Brachland kommst. In dieser riesigen Einöde, wo jede Aufgabe mit minutenlangen Fussmärschen verbunden ist, brodelt der Chat, als wäre das Original-WoW nie von der Bildfläche verschwunden. Schneidermeister Deedix preist seine Wolltaschen an, ein Schurke sucht eine Gruppe für die Höhle der Wehklagen und zum hundertsten Mal fragt jemand, wo man Mankriks Frau findet. Der Umgangston im Chat ist (meist) überraschend freundlich und entspannt. Es wird geblödelt und gescherzt, aber man erhält immer Hilfe, wenn man sie sucht. Als ein Spieler sich beschwert, warum das Game viel schwieriger sei als das normale WoW, lacht sich der Chat schlapp. «Das hier IST das normale WoW», schreiben etwa zehn Spieler gleichzeitig. Ich seh’s bildhaft vor mir, wie sich gerade dutzende von Spieler vor dem PC einen Schranz lachen.

Das Brachland oder Barrens ist vielleicht nicht das spannendste Gebiet, aber ich mag's trotzdem.
Das Brachland oder Barrens ist vielleicht nicht das spannendste Gebiet, aber ich mag's trotzdem.

Auch beim Questen fällt mir immer wieder auf, wie hilfsbereit die meisten Spieler sind. Gerade wenn es darum geht, bestimmte Mobs zu erledigen und alle am gleichen Ort auf den Respawn warten, dauert es keine fünf Sekunden bis eine Gruppeneinladung auf dem Bildschirm erscheint. Und als ein Magier an mir vorbeirennt und plötzlich das Handelsfenster aufpoppt und ich 20 Wasserflaschen zum Mana regenerieren erhalte, bin ich überzeugt: Es sind die Spieler, die dafür sorgen, dass man sich in WoW so zuhause fühlt.

Ich kenn’s wie meine Westentasche

Neben der positiven Stimmung, den die wuselnde Gemeinschaft versprüht, sorgt die Vertrautheit der Welt für ein warmes Gefühl im Bauch. Quests in WoW Classic hatten noch keine Questmarker, die dir genau sagen, wo du hin musst. Meist kriegst du lediglich eine vage Richtungsangabe. Immer wieder muss ich aber erfreut feststellen, dass ich noch ganz genau weiss, wo die Donnerechsen zu finden oder bei welcher Oase die Pilzsporen sind. So kommt der Spielfluss nie ins Stocken. Da ich das Büro zuhause mit meiner Frau teile, decke ich sie nonstop mit unzähligen Anekdoten ein, die mir bei jeder Quest in den Sinn kommen. Jeder Hügel und jede Scheune ist mit Erinnerungen verbunden.

Mein aller erster Charakter war ein Untoter Hexenmeister, daher mag ich auch den Silverpine Forrest ganz besonders.
Mein aller erster Charakter war ein Untoter Hexenmeister, daher mag ich auch den Silverpine Forrest ganz besonders.

Was ich allerdings nicht vermisst habe, ist die Trägheit des Spiels. Einerseits hat sie was gemütliches, da ich nebenbei problemlos Podcasts hören oder ein Video schauen kann. Andererseits sind die weiten Laufwege auf die Dauer doch recht öde. Und wenn du wie ich häufig den Löffel abgibst, darfst du regelmässig vom weit entfernten Friedhof zu deiner Leiche zurücktrotten. Auch die Kämpfe sind alles andere als dynamisch. Du klickst dich durch immer gleiche Abfolgen, egal bei welchem Gegner. Abwechslung sieht anders aus. Auch neue Ausrüstung hält sich in den ersten 20 Stunden arg in Grenzen. Hätte ich im Auktionshaus nicht eine neue Knarre gekauft, würde ich immer noch mit einem Level-4-Schiessprügel die Gegner unter den Achseln kitzeln.

Irgendwann ist auch wieder gut

Ich bin dann mal wieder weg.
Ich bin dann mal wieder weg.

«World of Warcraft» habe ich so viel gespielt, wie kein anderes Spiel. Nach dem kalten Entzug habe ich allerdings nie mehr den Reiz verspürt, zurückzukehren. Lediglich die Neugier blieb, ob die Faszination von damals auch heute noch zu spüren wäre. Nach rund 25 Stunden kann ich dazu eindeutig ja sagen. Der sensationelle Soundtrack, der mich mit dem monotonen, aber eben doch motivierenden Gameplay fast in Trance verfallen lässt. Das Leveldesign, das die Welt auch nach 15 Jahren noch erstaunlich stimmig aussehen lässt. Und natürlich die Nostalgie, die alles zusammenhält. «World of Warcraft» ist voller schöner Erinnerungen. Und trotzdem war mein Ausflug in Burg Schattenfang mit Kollege Simon für unser Let’s Play wohl mein vorerst letztes Abenteuer in Azeroth. Es ist eben wirklich wie nach Hause kommen. Nach Hause zu den Eltern. Wo du aufgewachsen bist. Du kommst gerne zurück. Fühlst dich zuhause. Aber nach ein paar Stunden ist es dann auch wieder gut und du bist froh, wenn du wieder gehen kannst. In diesem Sinne. Man sieht sich, WoW oder vielleicht auch nicht. For the Horde und von mir aus auch For the Alliance.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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