Wie ich die Telefon-Betrüger in den Wahnsinn trieb
Hintergrund

Wie ich die Telefon-Betrüger in den Wahnsinn trieb

Aurel Stevens
Zürich, am 25.07.2018
Bilder: Livia Gamper
Kennst du das? Das Telefon klingelt und am anderen Ende ist ein Mitarbeiter von Microsoft mit indischem Akzent. Weil ich kürzlich selbst von den Betrügern belästigt worden bin, habe ich verschiedene Strategien ausprobiert. Die letzte führte zwar zu einer Beschimpfung, allerdings auch zum vorläufigen Ende der Anrufe!

Natürlich handelt es sich bei diesen Anrufern keineswegs um Mitarbeiter von Microsoft. Es sind Kriminelle, die einen zum Installieren von Software bewegen wollen, mit deren Hilfe sie dann Trojaner installieren und den Computer fernsteuern. Im Darknet existiert ein reger Handel mit gekaperten Maschinen, sogenannten «remote access trojans» oder kurz RATs. Kunden sind andere Betrüger, die damit Botnets aufbauen oder Kreditkartendaten sammeln.

Aus aktuellem Anlass – fünf Anrufe an einem einzigen Tag! – berichte ich von meiner Strategie im Umgang mit den ungebetenen Anrufern.

1. Höflich ablehnen – Fail!

«Hello this is Bob from Microsoft. We found out that your computer is infected.»

«Please don’t call again. Bye!»

Hat nicht funktioniert. Es folgten weitere Anrufe.

2. Weiterleiten – Fail!

«Hello this is Alice from Microsoft. We found out that your computer is infected.»

«Hi Alice! That is horrible! But I’m not good with computers. Let me get my boss to handle this!» – und reiche den Telefonhörer an meine 4-jährige Tochter weiter (die kein Englisch spricht).

Alice hat keine Lust, sich mit meiner Tochter zu unterhalten – schade!

Tuuut. Tuuut. Tuuut.

3. Mitmachen und aufs Glatteis führen #1 – Fail!

«Hello this is Michael from Microsoft. We found out that your computer is infected.»

«Hi Michael! Whoah, really? Can you help me?»

«Yes of course, that’s why I’m calling. Are you sitting next to your computer?»

«Yes I am.»

«Now, open your browser. Are you ready?»

«Yes, I opened the browser.»

«Now, search for Teamviewer.»

Die Scammer wollen erreichen, dass ich die Software «Teamviewer» installiere. Die habe ich bei meinem Vater ebenfalls installiert, damit ich seinen Computer bei Bedarf fernsteuern kann. Ich streame seinen Desktop und kann Probleme sofort aus der Ferne beheben. Die Scammer wollen «Teamviewer» missbrauchen, um einen Trojaner zu installieren. Wenn sie das schaffen, haben sie gewonnen: sie können jeden Tastendruck mitverfolgen, Passwörter abfischen sowie Webcam und Mikrofon anzapfen. Oder eben: den Zugang zu meiner Maschine im Darknet verhökern.

Ab jetzt erlaube ich mir einen Scherz mit «Michael», der dem Akzent nach vermutlich Chowdhury heisst. Ich tue nämlich so, als hätte ich ihn falsch verstanden und bei Google nach «teen viewer» gesucht.

«Michael! What are you doing to me! Now I see naked girls on my computer!»

«Wait, what? Did you enter Teamviewer as I said?»

«Yes, I was looking for teen viewer and now I see naked girls! I will get problems with my wife! What have you done to me! That was not...»

Tuuut. Tuuut. Tuuut.

4. Mit Freundlichkeit erschlagen – Fail!

«Hello this is Josh from Microsoft. We found out that your computer is infected.»

«Oh, hi Josh! Nice to hear from you. How do you do?»

«I’m doing fine and you?»

«I’m doing just great. Josh, where do you live?»

«I’m in Boston.»

«That’s an awesome city. How’s the weather in Boston?»

«The weather is nice. Now, regarding your computer: your Windows-PC is infected, you have to do something about it.»

«It’s nice that the sun is shining in Boston. We have a rainy day here.»

«That’s sad. But about your PC...»

«I have a Macintosh.»

Tuuut. Tuuut. Tuuut.

5. Mitmachen und aufs Glatteis führen #2 – Win!

«Hello this is Jennifer from Microsoft. We found out that your computer is infected.»

«Hi! That is horrible! What can I do about this?»

«I can help you. Now, next to the CTRL-Key at the bottom of the keyboard, what key do you see there?»

Jennifer verblüfft mich! Sie versucht gerade herauszufinden, ob ich einen Mac oder einen PC habe. Obwohl ich einen Mac habe, weiss ich natürlich, dass dort bei PCs die Windows-Taste liegt.

«A Windows logo!»

«Great. Now hit the windows key. Are you ready?»

«I hit the windows key.»

«What do you see?»

«A menu.»

«Great! Now start typing E, V, E, N, T»

Ah! Jennifer möchte, dass ich den Eventviewer öffne. Ich weiss, dass dort zahlreiche harmlose Fehlermeldungen und Warnungen des Betriebssystems angezeigt werden. Diese Meldungen sollen mich davon überzeugen, dass mein Gerät gravierende Probleme hat.

«I’ve done that.»

«Now, click on eventviewer.»

«I clicked on eventviewer.»

«What do you see?»

«Holy crap! I see a ton of error messages! What’s going on?»

«You see? Your computer has a virus!»

«Please, Jennifer, help me!»

«That’s why I’m calling you. Now hit the Windows Button and the E key at the same time.»

Dieser Shortcut öffnet den Dateiexplorer. Ich weiss nicht, was Jennifer vorhat. Ab jetzt muss ich improvisieren.

«I did.»

«What happened?»

«A window opened!»

«What’s the title of the window?»

«I can’t read it! It’s too small!»

«Make it bigger. Can you read the title of the window?»

«It says… S, C, A, M!»

«You little bastard!»

Tuuut. Tuuut. Tuuut.

Die Beschimpfung lasse ich an mir abperlen wie eine Ente Wasser an ihrem Hintern. Denn seit diesem letzten Anruf herrscht vorerst Ruhe. Hat es wirklich funktioniert? Habe ich es geschafft, auf einer Blacklist zu landen?

Restlos überzeugt bin ich nicht.

Falls es wieder klingeln sollte, hat Kollege Dominik Bärlocher schon eine Idee: Eine virtuelle Maschine, auf der wir die Scammer noch viel mehr Zeit sinnlos verbraten lassen. Die Lösung bereiten wir diese Tage vor. Stay tuned!

Update 26.7.

Microsoft ist noch mit einem nützlichen Hinweis auf uns zugekommen: Betrügerische Anrufe und Mails können hier gemeldet werden.

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Aurel Stevens
Aurel Stevens
Chief Editor, Zürich
Ich bändige das Editorial Team. Hauptberuflicher Schreiberling, nebenberuflicher Papa. Mich interessieren Technik, Computer und HiFi. Ich fahre bei jedem Wetter Velo und bin meistens gut gelaunt.

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