
Hintergrund
«Pokémon» wird immer schlechter? Das stimmt doch gar nicht!
von Cassie Mammone

Die «Pokémon»-Welt steht vor einem massiven Umbruch. Ausgerechnet ein Free-to-Play-Spiel könnte das Franchise nachhaltig zum Besseren verändern.
Kennst du noch «Pokémon Stadium» für den N64? Mit «Pokémon Champions» erscheint am 8. April ein spiritueller Nachfolger zum legendären Battle-Simulator. Das Game für Switch und Smartphones stellt strategische, rundenbasierte Pokémon-Kämpfe in den Fokus und verzichtet auf unnötigen Schnickschnack. Es gibt keine Story, keine Spielwelt zum Erkunden, keine zusätzlichen Spielmodi.
Nur Sammeln und Kämpfen.
Bei den europäischen «Pokémon»-Meisterschaften in London habe ich das Spiel bereits angetestet und mit Producer und Development Director Masaaki Hoshino gesprochen. Auch wenn dir kompetitive «Pokémon»-Kämpfe egal sind, kannst du dich als Fan der Taschenmonster freuen. Denn «Pokémon Champions» hat das Potenzial, die Spielreihe als Ganzes dauerhaft zu verändern.
Entwicklerstudio Game Freak steht bei jedem neuen «Pokémon»-Mainline-Spiel vor einer grossen Herausforderung – das Studio muss ein extrem diverses Publikum zufriedenstellen. Das zeigt sich unter anderem in der Gestaltung des Kampfsystems.
Die Kämpfe müssen in erster Linie als Singleplayer-Erfahrung Spass machen und Casual-Fans begeistern. Sie dürfen nicht frustrierend schwer sein. Sie sollten immer wieder mit neuen Gimmicks und Spielmechaniken überraschen. Zudem erwarten Fans, dass mit jeder Generation neue Taschenmonster und Attacken eingeführt werden.

Andererseits muss Game Freak die kompetitive «Pokémon»-Szene berücksichtigen. Denn jedes neue Mainline-Spiel wird jahrelang an offiziellen «Pokémon»-Turnieren gespielt. Das heisst: Die neuen Spielmechaniken müssen auch im Multiplayer funktionieren und die neuen Monster sowie Attacken sollten für kompetitive Kämpfe perfekt ausgeglichen sein.
Das ist eine schier unlösbare Aufgabe. Experimentiert Game Freak zu wenig, beschweren sich Casual-Fans, dass «Pokémon» langweilig sei und nichts Neues wage. Experimentiert Game Freak zu viel, verärgern sie ihre Hardcore-Community und riskieren den Zusammenbruch der wachsenden kompetitiven «Pokémon»-Szene.

Auch in weiteren Aspekten des Gamedesigns stehen sich die Ansprüche der Singleplayer-Casuals und Multiplayer-Hardcore-Fans gegenüber.
Einzelspieler wollen möglichst viel Zeit in der «Pokémon»-Welt verbringen. Das Fangen, Züchten und Trainieren des eigenen Teams ist ein langwieriger Prozess. Der Grind gehört zum Spass dazu. Man baut langsam eine Beziehung zu den kleinen Monstern auf und lernt sie lieben.
Für kompetitive Spielerinnen und Spieler ist dieser Singleplayer-Aspekt eine riesige Einstiegshürde. Um ein halbwegs konkurrenzfähiges Pokémon-Team zusammenzustellen, müssen sie Hunderte Stunden im Einzelspielermodus schuften. Es ist verdammt mühsam, Taschenmonster mit genau den richtigen Statistiken, Fähigkeiten und Attacken zu bekommen.
Dies ist unter anderem ein Grund, weshalb ich mich nie für kompetitive Kämpfe interessiert habe. Für diesen Grind fehlt mir die Zeit und die Geduld.

«Pokémon Champions» schickt sich an, dieses grundlegende Problem der «Pokémon»-Spiele zu lösen. Mit dem Game trennen sich die Singleplayer-Welt und die kompetitive Multiplayer-Welt.
Der Plan sieht wie folgt aus: Game Freak soll sich künftig auf die Entwicklung der Mainline-Spiele und auf eine gelungene Singleplayer-Erfahrung konzentrieren. Das Studio kann neue Pokémon, Attacken und Kampf-Gimmicks, wie zuletzt die Terakristallisierung, einführen, ohne sich Gedanken über die kompetitive Szene zu machen. Möglich ist auch, dass künftige Mainline-Spiele noch grössere Experimente wagen – etwa Echtzeit-Kampfsysteme, wie wir sie in den «Pokémon Legends»-Spinoffs gesehen haben.

«Pokémon Champions» hingegen soll langfristig als kompetitive Multiplayer-Plattform genutzt werden und die Mainline-Games an Turnieren ersetzen. Entwickelt wird der Battle-Simulator von «The Pokémon Works» – einem Joint Venture der Pokémon Company und dem japanischen Studio ILCA, das zuvor bereits an «Pokémon Home» und «Pokémon Strahlender Diamant & Leuchtende Perle» gearbeitet hat. Durch diese Auslagerung wird Game Freak weiter entlastet.
Producer und Development Director Masaaki Hoshino schreibt «Pokémon Champions» zudem eine symbolische Bedeutung zu: «Mit ‹Pokémon Champions› wollen wir das klassische rundenbasierte Kampfsystem langfristig bewahren. Gewissermassen als eine Art Vermächtnis, egal in welche Richtung sich die Hauptspiele entwickeln.»
Hoshino bestätigt, dass trotz Singleplayer- und Multiplayer-Trennung weiterhin Brücken zwischen beiden Welten bestehen sollen: «Neue Inhalte aus den Hauptspielen – etwa neue Pokémon oder neue Features – sollen mit der Zeit ebenfalls in ‹Pokémon Champions› erscheinen. Sie sollen jedoch immer für dieses klassische, rundenbasierte Kampfsystem angepasst werden.»

Für Hoshinos Team sei es wichtig, dass «Pokémon Champions» nicht nur bestehende Hardcore-Spieler bedient. Damit die kompetitive «Pokémon»-Welt gesund bleibt, muss sie wachsen und neue Zielgruppen ansprechen. Das wolle man erreichen, indem möglichst viele Einstiegshürden eliminiert werden.
Das zuvor erwähnte Grinden, um die «perfekten» Pokémon zu bekommen, fällt mit «Pokémon Champions» komplett weg. Für Hoshino eine bittersüsse Entscheidung. Er erinnert sich und lacht: «Ich habe selbst reichlich Erfahrung damit, in den Hauptspielen Pokémon zu trainieren und zu züchten – inklusive vieler Nächte, in denen ich auf dem virtuellen Fahrrad herumgefahren bin, um Pokémon-Eier auszubrüten.»
Er führt weiter aus: «Diese Erfahrung wird in den Mainline-Games weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Aber bei ‹Pokémon Champions› ging es von Anfang an darum, den Einstieg zu erleichtern, damit sich Spieler schneller auf die Kämpfe konzentrieren können. Deshalb haben wir uns entschieden, drastische Änderungen vorzunehmen.»

Am Anspieltermin mache ich mir selbst ein Bild von diesen Änderungen. «Pokémon Champions» ist ein reiner Battle-Simulator. Es gibt keinen unnötigen Schnickschnack drumherum. Story, Spielwelt, Kontext? Fehlanzeige. Mit wenigen Klicks kann ich mich in einen Kampf gegen einen Journalisten-Kollegen aus Frankreich stürzen, der neben mir sitzt.
Bevor es jedoch losgeht, dürfen wir unser Pokémon-Team ins Training schicken. Ich wähle ein Monster aus – hier: Quajutsu – und ändere seine Kampfeigenschaften (KP, Angriff, Verteidigung, etc.) mit wenigen Klicks. Mir stehen insgesamt 66 Statuswertpunkte zur Verfügung. Mache ich den Kampffrosch in seinen bereits stark ausgeprägten Werten noch stärker? Oder verbessere ich lieber seine Schwächen?

Auch das Wesen meines Monsters lässt sich anpassen. Dies wirkt sich auf die Grundverteilung seiner Kampfeigenschaften aus.

Zu guter Letzt wähle ich noch vier Attacken aus einer Liste aus und entscheide mich für eine einzigartige Fähigkeit: Wandlungskunst. Damit ändert das Pokémon beim Ausführen einer Attacke seinen Typ. Ein spannender strategischer Twist, der meinen Gegner hoffentlich irritieren wird.

Was ich gerade in wenigen Minuten erledigt habe, würde in Game Freaks Mainline-Spielen unzählige Stunden harter Arbeit, Training und Züchten bedeuten – vor allem, wenn dieser Prozess für ein ganzes Pokémon-Team wiederholt werden muss.
Eine weitere Einstiegshürde, die Hoshino und sein Team abbauen wollen, ist das Fangen von Pokémon. Du kannst «Pokémon Champions» spielen, ohne vorher in irgendeinem Mainline-Spiel auch nur ein Monster gefangen zu haben. Einmal täglich wählst du auf der «Rekrutierungsranch» aus einer zufällig zusammengewürfelten Pokémon-Liste aus und sammelst so Viecher für dein Team.

Hast du bereits eine gut gefüllte Pokémon-Sammlung in «Pokémon Home», kannst du deine Lieblingsmonster auch aus der Cloud-Datenbank importieren.
Hoshino erklärt, wie das funktioniert: «Wenn du ein Pokémon aus ‹Pokémon Home› herüberbringst, behält es seine Werte, Attacken und Fähigkeiten. Es kann allerdings sein, dass bestimmte Angriffe, die in anderen Spielen existieren, in ‹Pokémon Champions› nicht verfügbar sind. Anpassungen, die du in ‹Pokémon Champions› vornimmst, gelten nur innerhalb dieses Spiels. Sobald das Pokémon wieder zurückgeht, bleibt im ursprünglichen Spiel oder in ‹Pokémon Home› alles unverändert.»

Wichtig anzumerken ist, dass sowohl das Trainieren als auch das Rekrutieren sogenannte «Victorypunkte» (VP) kosten. Diese erhalte ich, indem ich Kämpfe bestreite. Ich kann also nicht uneingeschränkt an meinem Team herumbasteln und unendlich neue Monster sammeln, sondern muss zwischendurch auch mal spielen. Eine sinnvolle Einschränkung – sofern sie durch das Monetarisierungsmodell nicht zur Farce wird (dazu weiter unten mehr).
Nach dem Training stürze ich mich in einen Doppelkampf gegen meinen französischen Kontrahenten. Ich fühle mich sofort zu Hause. Das ist klassisches «Pokémon», genau wie es Hoshino verspricht. Mit einer Ausnahme: Das Game stellt alle wichtigen Informationen viel übersichtlicher dar als zuvor. Wenn ich eine Attacke auswähle, sehe ich sofort alle wichtigen Informationen – Kategorie, Stärke, Genauigkeit und gegen welche gegnerischen Pokémon der Angriff besonders effektiv ist.

In unserer Demo können wir mit ausgewählten Pokémon eine Mega-Entwicklung durchführen. Diese temporäre Entwicklung wurde in der sechsten «Pokémon»-Generation («Pokémon X & Y») erstmals eingeführt. Sie bringt für die Dauer eines Kampfes verschiedene Vorteile mit sich – etwa neue Attacken, Fähigkeiten und eine höhere Angriffs- oder Verteidigungskraft.

Neben der Mega-Entwicklung sollen in «Pokémon Champions» auch weitere Gimmicks aus anderen «Pokémon»-Generationen vorkommen. Mehr noch – erstmals in der Geschichte der Spielserie werden verschiedene Gimmicks aufeinandertreffen.
So siehst du im ersten Trailer zu «Pokémon Champions», wie ein Mega Glurak X gegen ein terakristallisiertes Heerashai antritt. Wahnsinn!

Ich will wissen, wie man diese unterschiedlichen Spielmechaniken in einem Kampfsystem zusammenbringen kann. Für mich hört sich das nach einem fast unmöglichen Unterfangen an. Hoshino antwortet: «Zum Start gibt es lediglich die Mega-Entwicklung. Wie andere Kampfmechaniken später integriert werden und wie sie zusammen funktionieren, untersuchen wir derzeit noch aktiv. Dabei werden wir genau prüfen, welche Kombinationen sinnvoll sind und wie wir sie ausbalancieren können.»
Hoshino führt weiter aus und erklärt, dass sich das Regelwerk und die Spielmechaniken mit wechselnden Seasons ändern können. Ebenso soll die Auswahl an Pokémon laufend erweitert werden: «Zum Start wird es nur eine begrenzte Auswahl geben. Danach fügen wir innerhalb verschiedener Seasons allmählich weitere spielbare Pokémon hinzu. Irgendwann könnte es also Tausende geben. Wären aber alle gleichzeitig im selben kompetitiven Umfeld verfügbar, könnte das schnell zu komplex werden.»
Hoshino und sein Team wollen sich mit «Pokémon Champions» Zeit lassen. Es ist ein langfristiges Projekt, das «Pokémon»-Fans jahrelang begleiten soll: «Wir wollen das Spiel über lange Zeit hinweg betreiben und weiterentwickeln. Es soll sich verändern und wachsen. Das rundenbasierte Kampfsystem bildet dabei jedoch immer den Kern.»

Meine Zeit mit dem Spiel und das Gespräch mit Masaaki Hoshino stimmen mich positiv. Das Potenzial von «Pokémon Champions» ist riesig. Die neue Plattform könnte nicht nur die kompetitive Szene revolutionieren, sondern auch die Gestaltung der Mainline-Games prägen.
Über dem Spiel schwebt jedoch eine grosse Unbekannte: die Monetarisierung.
Hoshino kann zum Zeitpunkt des Gesprächs noch keine vertieften Einblicke in das Bezahlmodell geben: «Wir arbeiten derzeit an der genauen Ausgestaltung. Was ich sagen kann: Wir prüfen ein Modell mit einer Art Battle Pass, bei dem man gegen Bezahlung zusätzliche Belohnungen freischalten kann. Ausserdem denken wir über ein Abo-Modell nach, das zusätzliche Funktionen freischalten würde.»
In der Zwischenzeit hat die Pokémon Company einige weitere Details zum Bezahlmodell veröffentlicht. Die Informationen lassen meine Free-to-Play-Alarmglocken schrillen. Die Rede ist von unterschiedlichen Währungen, Battle Passes, kostenpflichtigen Starterpaketen um deinen Pokémon-Lagerplatz zu erweitern und einem In-Game-Shop mit kosmetischen und funktionalen Items wie Mega-Steinen (diese benötigst du, um die Mega-Entwicklung bei bestimmten Pokémon auszulösen).
Auf den ersten Blick ein typisches Free-to-Play-Chaos. Positiv stimmt mich immerhin, dass man die zentrale Währung des Spiels, die «Victorypunkte», nicht mit Echtgeld erwerben kann. VP erhältst du nur, indem du Kämpfe bestreitest. Zur Erinnerung: Die Währung brauchst du, um deine Pokémon zu trainieren und um neue Pokémon zu rekrutieren. Der Kern des Gameplay-Loops scheint vom Monetarisierungsmodell also unangetastet zu bleiben.

Wie sich das Bezahlmodell tatsächlich auf die Spielerfahrung auswirkt, wird sich erst nach dem Launch zeigen. Ich bete zu den Pokémon-Göttern, dass die Pokémon Company Vernunft walten lässt und nicht übertreibt. Denn es wäre verdammt schade, wenn die vielleicht grösste Revolution in der Geschichte der Reihe an einem gierigen Monetarisierungsmodell scheitern würde.
«Pokémon Champions» erscheint am 8. April für die Switch und die Switch 2. Versionen für Android und iOS folgen im Verlauf des Jahres. Nintendo hat mich zum Preview-Termin in London eingeladen und die Reisekosten übernommen.
Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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