Trailer Tuesday: Die besten Dokus auf Netflix

Ramon Schneider
Zürich, am 23.06.2020

Dieser Trailer Tuesday stillt deinen Wissensdurst. Ich präsentiere dir die Crème de la Crème der Dokumentarfilme und -serien auf Netflix, von welchen du noch was lernen kannst.

Das Beste, das Netflix zu bieten hat, sind Dokus. Nicht alle, aber viele davon, habe ich bereits gesehen. Manche auch schon mehrfach. Diejenigen, die du dir keinesfalls entgehen lassen solltest, sind in diesem Trailer Tuesday enthalten.

Die Auflistung ist alphabetisch und nicht von grossartig bis sensationell geordnet.

American Factory

Was kann schon schief gehen, wenn man die chinesische Arbeitsmentalität in den USA etablieren will? Ziemlich viel!

Die Kleinstadt Dayton im Bundesstaat Ohio befindet sich mitten im sogenannten Rostgürtel. Die durch die Automobilindustrie gross gewordene Region leidet seit Jahren an wachsender Arbeitslosigkeit. Fabriken müssen wegen der schlechten Wirtschaftslage ihre Tore schliessen und ganze Belegschaften entlassen. In einer solchen stillgelegten Fabrik von General Motors sieht der chinesische Windschutzscheiben-Hersteller Fuyao ein lukratives Geschäft. Es wird ihr erstes Werk in den USA.

Die amerikanische Gemeinde ist dankbar. Endlich gibt es wieder Arbeit. Doch das anfängliche Hochgefühl ändert sich rasch. Fuyao zahlt nicht nur weniger als die Hälfte des Stundenlohnes als ihr ehemaliger Arbeitgeber General Motors, auch die Arbeitssicherheit wird in diesem Betrieb kleingeschrieben, was vermehrt zu Unfällen führt. Als dann die amerikanischen Arbeiter eine Gewerkschaft gründen, eskaliert die Situation.

Dirty Money

Macht, Gier, Korruption. Wenn Unternehmen beim Wirtschaften über Leichen gehen und Moral ein Fremdwort ist. Geld regiert die Welt.

Zwei Staffeln à je sechs Folgen zeigen in dieser True-Crime-Dokuserie auf, was Unternehmen für ihren Profit alles in Kauf nehmen. In einer Folge wird beispielsweise der Dieselskandal über die manipulierten Emissionstests von VW aufgearbeitet. In einer anderen Folge deckt «Dirty Money» die Machenschaften der britischen Grossbank HSBC auf, die sich in Mexiko mit dem Geld von Drogenkartellen eine goldene Nase verdient hat.

Eine Dokuserie, die dir knallhart vor Augen führt, wie wenig für manche Unternehmen ein Leben, die Umwelt oder Gesetze wert sind.

Five Came Back

Wie kann man dem amerikanischen Volk den Zweiten Weltkrieg schmackhaft machen? Mit Kinofilmen, gedreht von Hollywood-Regisseuren an der Front.

Die dreiteilige Dokureihe «Five Came Back» zeigt die Entstehung und Bedeutung von US-Propagandafilme während des Zweiten Weltkrieges. Die fünf Hollywood-Regisseure John Ford, William Wyler, John Huston, Frank Capra und George Stevens traten in dieser Zeit der Armee bei, um an vorderster Front Kriegsfilme für die Heimat zu produzieren. Für diese Dokureihe analysierten heutige Filmemacher, darunter Steven Spielberg, Paul Greengrass, Francis Ford Coppola, Guillermo del Toro und Lawrence Kasdan, Hunderte Stunden des historischen Filmmaterials und kommentieren diese in ihren eigenen Worten.

«Five Came Back» erzählt ein Stück Geschichte, die Filmliebhaber kennen sollten.

FYRE: The Greatest Party That Never Happend

Fake it, till you make it! Oder eben auch nicht.

Billy McFarland, CEO von Fyre Media Inc., will seine neue App mit einem exklusiven Festival und hochkarätigen Musikern auf einer Privatinsel in den Bahamas promoten. Tageskarten kosten 500 bis 1500 Dollar und versprechen eine moderne Unterkunft sowie kulinarische Köstlichkeiten von Sterneköchen. VIP-Pässe gibt es für 12000 Dollar, worin auch die Anreise per Flugzeug inbegriffen sei. Beworben wurde das Festival auf Instagram von Influencer wie Kendall Jenner oder Bella Hadid. So weit, so gut. Wäre da nicht ein CEO mit keinerlei Eventerfahrung, fragwürdiger Finanzierung und leichtgläubige Social-Media-Follower. Es wird zum Desaster!

Selten hatte ich bei einer Doku solche Schadenfreude in mir, obwohl ich mich immer wieder fragen musste: Wie verblendet kann man eigentlich sein? Egal ob Organisator oder Besucher.

Icarus

Was mit einem Doping-Selbstversuch eines Hobby-Radrennfahrers beginnt, endet im Zeugenschutzprogramm des FBI und dem Beinahe-Ausschluss von allen russischen Sportlern aus den Olympischen Spielen.

US-Filmemacher und Radrennfahrer Bryan Fogel wagt den Selbstversuch. Er will herausfinden, wie er sich einem Dopingprogramm unterziehen kann, ohne dabei erwischt zu werden. Zusammen mit Grigori Rodtschenkow, Direktor des russischen Anti-Doping-Zentrums, erstellt er einen ausgeklügelten Plan, der laut Rodtschenkow zu 100 Prozent wasserdicht sei. Er macht das ja auch bereits schon seit Jahren mit russischen Sportlern. Je länger die Beziehung der beiden dauert, desto mehr gibt Rodtschenkow über das staatlich organisierte Dopingprogramm Russlands preis. Ein Programm, das bis zu Putin reicht und mit Geheimdienstaktivität während den Olympischen Winterspielen 2014 in Sochi seinen Höhepunkt erreicht.

Bei «Ikarus» entwickelt sich die Handlung in eine komplett andere Richtung als ursprünglich gedacht. Und zwar so weit, dass die Protagonisten um ihr Leben fürchten müssen. Denn wie einst Ikarus, der Sohn des Daidalos, drohen Fogel und Rodtschenkow der Sonne zu nahe zu kommen.

Jim & Andy: The Great Beyond

1999 verkörpert Jim Carrey das Leben des Entertainer und Performance-Künstler Andy Kaufman im Spielfilm «Man on the Moon». Und verkörpert ist in diesem Satz das richtige Wort, denn Carrey wurde effektiv zu Kaufman. Auch Abseits vom Set.

«Jim & Andy» liefert einen eindrücklichen Blick hinter die Kulissen des Filmdrehs und zeigt auf, wie anstrengend Carrey für alle Mitwirkenden war. Oder in seinen eigenen Worten: «What happened was out of my control.» Denn Carrey existierte in dieser Zeit nicht mehr, sondern nur noch Andy Kaufman. Er terrorisierte die Crew, trank Alkohol und schämte sich für keinen seiner Ausbrüche.

Jim Carrey kann man mögen oder auch nicht. Aber diese Doku zeigt auf, was für ein genialer Schauspieler dieser Mensch ist. Wenn auch zum Leid aller Beteiligten.

LA Originals

«LA Originals» erzählt die Geschichte von zwei Chicanos, die in den 1990er-Jahren die Hip-Hop-Kultur von Los Angeles wie kaum jemand anderes geprägt haben. Estevan Oriol und Mister Cartoon.

Oriol war in den 90ern der Fotograf schlechthin für alle, die in LA Rang und Namen hatten. Er porträtierte unter anderem Cypress Hill, Eminem, Snoop Dog, Danny Trejo, 50 Cent und viele mehr. Zudem drehte er als Regisseur Musikvideos für Künstler wie Xzibit, Tech N9ne, Rise Against oder Blink-182. Cartoon zeichnete hauptsächlich Airbrushs für Lowriders, mauserte sich jedoch zu einer Instanz in Sachen Tattoos. Ein Tattoo von Cartoon auf seiner Haut tragen zu dürfen ist etwas Exklusives. Man gehört quasi zu einem auserwählten Klub. Er tätowierte unter anderem Kobe Bryant, Dr. Dre, Snoop Dog, 50 Cent, Eminem oder Travis Baker.

Die Doku zeigt auf, wie die beiden Personen hinter dem Rampenlicht massgebend zu der Geschichte des Hip Hops und dem Rollenbild von Chicanos in LA beigetragen haben.

Rotten

«Rotten» stellt die Lebensmittelindustrie und deren perverse Machenschaften an den Pranger. Und nein, es geht nicht nur um Fleisch. Auch Veganer kriegen hier ihr Fett weg.

Honig, Erdnuss, Knoblauch, Milch, Avocado, Wein, Wasser, Schokolade. Alles Lebensmittel die wir tagtäglich konsumieren und dennoch selten über deren Herkunft nachdenken. Wusstest du zum Beispiel, dass der Anbau von Avocado in Mexiko lukrativer ist als Kokain? Oder dass Arbeiter auf Zuckerrohrplantagen noch immer ausgebeutet werden wie anno dazumal während des Kolonialismus? «Rotten» zeigt in zwei Staffeln à sechs Folgen, was in der Lebensmittelindustrie falsch läuft und wer die Löwenanteile des Geldes kassiert.

Rotten hat mich stark zum Nachdenken gebracht. Nicht nur über mein Lebensmittelkonsum, sondern auch über die Ungleichheit in diesem System. Ich kann die Serie wirklich jedem wärmstens ans Herz legen.

The Bomb

Vorneweg: «The Bomb» ist ziemlich experimentell. Eher eine Kunstinstallation als Dokumentarfilm.

60 Minuten dauert diese Dokumentation über Atomwaffen und dessen Zerstörungskraft. The Bomb wird narrativ in keiner Weise kommentiert und besitzt keine lineare Struktur. Visuell werden Archivaufnahmen von Armee-Paraden, Atombomben und animierten Blaupausen gezeigt. Untermauert wird die Doku mit einem grandiosen Soundtrack von The Acid, der passend zum Bild synchronisiert ist.

Mich hat diese Doku überwältigt. Nicht nur weil der Film alles andere als konventionell ist, sondern da die Message trotz der fehlenden Narration auf den Zuschauer überschwappt. Eine einzigartige Doku, die es so kein zweites Mal gibt.

The Great Hack

Wie man mit Unwahrheiten und Verschwörungsmythen Wähler auf Social Media beeinflussen kann. Geschehen beim Brexit und den US-Präsidentschaftswahlen 2016 durch Cambridge Analytica.

Seine Befürworter zu kennen ist von Vorteil. Wichtiger sind jedoch die unentschlossenen Wähler. Diese für seine Zwecke zu gewinnen kann über Sieg oder Niederlage in einem Wahlkampf entscheiden. Brittany Kaiser, ehemalige Mitarbeiterin von Cambridge Analytica, deckt in dieser Doku als Whistleblowerin auf, wie sie über Werbung auf Facebook gezielt Wähler manipuliert haben. Soweit, bis diese Wähler die Welt in einem komplett anderen Licht sahen.

The Great Hack zeigt uns auf eine beängstigende Art und Weise auf, wie unsere Daten gegen uns verwendet werden und wie Social Media als Waffe eingesetzt wird.

The White Helmets

Wenn der Staat zu wenig Rettungskräfte hat, muss die Bevölkerung eine Lösung finden. In Syrien nennt man sie The White Helmets.

Als spontane Freiwilligentruppe gestartet, wurde aus ihnen eine private Zivilschutzorganisation. Die Weisshelme. Sie sind die ersten Helfer vor Ort, wenn in Syrien Krankenhäuser, Schulen und Wohngebäude bombardiert werden. Unter Einsatz ihres eigenen Lebens versuchen sie so viele Menschen wie möglich aus den Trümmern zu befreien. Die mit einem Oscar ausgezeichnete Kurzdoku führt gnadenlos vor Augen, wie die Bevölkerung in einem Kriegsgebiet leidet und dennoch füreinander einsteht. Treu dem Motto der White Helmets und zudem Zitat aus «Schindler’s List»: «Die Rettung eines Lebens … ist die Rettung der gesamten Menschheit.»

Eine äusserst bewegende Kurzdoku über Menschen die physisch und psychisch über ihre Grenzen hinausgehen, um ihren Mitmenschen das Leben zu retten. Bilder, die man so rasch nicht wieder vergisst.


Kennst du noch andere Dokumentationen auf Netflix, die ich mir unbedingt anschauen sollte? Schreib’s in die Kommentare.

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Bezahlt werde ich dafür, von früh bis spät mit Spielwaren Humbug zu betreiben.


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