Stromverbrauch: Was den Kamera-Akku leer saugt
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Stromverbrauch: Was den Kamera-Akku leer saugt

David Lee
Zürich, am 16.07.2020
Je nach Gebrauch reicht der Akku einer Kamera mal für mehr, mal für weniger Fotos. Mit Testmessungen stelle ich fest: Die Belichtungszeit wirkt sich kaum auf den Akku aus, die Zeit zwischen den Fotos hingegen schon.

Wie du deine Kamera verwendest, hat Einfluss auf die Akkulaufzeit: Lässt du dir viel Zeit beim Fotografieren und ist der Bildschirm dabei immer eingeschaltet? Verwendest du oft den Blitz? Verwendest du rechenintensive Funktionen?

Um die Akkulaufzeit unabhängig von der Person zu beurteilen, hat der Branchenverband CIPA eine standardisierte Messmethode definiert. Dabei kommt ein Wert heraus, mit dem sich Kameras vergleichen lassen. Der sagt aber kaum etwas darüber aus, wie viele Fotos du tatsächlich mit der Kamera machen kannst. Zudem gibt es auch bei der Kamera-Vergleichbarkeit gewisse Vorbehalte: Nicht alle Kameras haben die gleichen Voraussetzungen.

*Akkulaufzeit einer Kamera:** Wer misst, misst Mist
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Nützlich wäre, zu wissen, wie viel Strom eine bestimmte Kamerafunktion benötigt. Bei Akkuknappheit könntest du dein Verhalten entsprechend anpassen.

Es gibt einige Binsenwahrheiten, die niemand anzweifelt:

  • Bei Serienbildern reicht der Akku für mehr Fotos. Nicht nur das Auslösen braucht Strom, sondern auch der Betrieb dazwischen. Und der ist bei Serienbildern extrem kurz.
  • Aufnahmen mit internem Blitz brauchen mehr Strom als solche ohne.
  • Fotografieren mit hellem Bildschirm braucht mehr Strom.
  • Bei Videos ist der Akku schneller leer als beim Fotografieren.
  • Auch der Autofokus und der Bildstabilisator brauchen etwas Strom; schaltet man diese aus, müsste der Akku länger halten.

Doch wie viel macht das aus? Dem bin ich mit Messungen nachgegangen.

Wie ich den Stromverbrauch messe

Normalerweise messe ich den Stromverbrauch eines Geräts mit einem Strommessgerät. Doch hier bringt es mir keine aussagekräftigen Werte. Das Messgerät, das zwischen Steckdose und Kamera hängt, zeigt an meiner Sony RX100 immer ungefähr vier Watt an, egal was ich gerade mit der Kamera tue. Meine Vermutung: Der Strommesser ist für diese Zwecke zu ungenau und reagiert zu träge.

Ich benutze deshalb den Aufnahme-Timer der Kamera. Damit macht sie alle paar Sekunden selbstständig ein Foto, bis der Akku leer ist. Diesen Vorgang wiederhole ich mit unterschiedlichen Einstellungen, zum Beispiel mit Blitz und ohne, und vergleiche die Anzahl Fotos.

Der Intervall-Timer einer Nikon-Kamera.
Der Intervall-Timer einer Nikon-Kamera.

Das ist zeitaufwändig. Ein Testlauf geht mehrere Stunden und der Akku muss jedes Mal wieder aufgeladen werden. Mit einem Zweitakku könnte ich nur weiterfahren, wenn dieser genau die gleiche Leistung hätte. Das ist bei keiner meiner Kameras der Fall.

Einige Male habe ich erst hinterher bemerkt, dass der Test nicht korrekt abgelaufen ist. Das bedeutet viel verlorene Zeit. Einmal war die Speicherkarte voll, bevor der Akku leer war. Zwei Mal stellte sich beim Betrachten der Aufnahmedaten heraus, dass die Kamera zwischen zwei Aufnahmen viel länger brauchte als der Intervall-Timer programmiert war. Das verfälscht das Ergebnis, weil die Kamera die ganze Zeit in Betrieb ist und Strom verbraucht.

Wieso fotografiert die Kamera nicht im vorgegebenen Intervall? Ich vermute zwei Gründe. Zum einen der Autofokus: Befinden sich im Fokusfeld keine erkennbaren Konturen, versucht die Kamera sehr lange scharfzustellen, wodurch sich die Aufnahme verzögert. Das andere Problem hängt mit dem Blitz zusammen. Blitzen mit voller Leuchtkraft erfordert, dass der Blitz-Kondensator voll aufgeladen ist, und das kann einige Sekunden dauern. Dafür war mein programmiertes Intervall zu kurz.

Stromverbrauch mit internem Blitz

Mein erster erfolgreicher Durchlauf vergleicht die Laufzeit der Nikon D7500 mit und ohne Blitz. Der Blitz ist beim ersten Testlauf manuell auf volle Leuchtkraft gestellt, damit die Blitzstärke nicht vom Umgebungslicht abhängt. Beim zweiten Mal ist er deaktiviert. Alle anderen Einstellungen sind identisch. Der Autofokus bleibt zur Sicherheit immer deaktiviert. Das Aufnahme-Intervall liegt in beiden Tests bei 15 Sekunden.

Ergebnis: Mit Blitz schafft die Kamera 621 Fotos. Ohne Blitz 1271 Fotos.

Bei voller Blitzleistung reicht der Akku also nur etwa halb so lange wie ohne Blitz. Zumindest bei der Nikon D7500. Aber das dürfte bei allen Kameras ähnlich sein.

Im Verfahren nach dem CIPA-Standard wird mit Automatik geblitzt. Das ist etwas doof, da der Stromverbrauch dann von der Lichtsituation abhängt. Wenn die Hersteller in heller Umgebung testen, verwendet der Blitz nur einen kleinen Bruchteil seiner Leuchtkraft und verbraucht sehr wenig Strom. Ob die Hersteller das wirklich so machen, weiss ich nicht. Aber es wäre naheliegend, da so bessere Werte resultieren und zugleich eine Kamera mit eingebautem Blitz keinen grossen Nachteil hat gegenüber einer Kamera ohne internen Blitz.

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Stromverbrauch des Bildschirms

Der nächste Test soll den Einfluss des Bildschirms auf die Akkulaufzeit aufzeigen. Dazu verwende ich die Canon EOS R6. Hier kann ich steuern, ob zwischen zwei Aufnahmen das Sucherbild angezeigt wird oder nicht. Ganz ausschalten kann ich den Bildschirm nicht, aber ich kann statt des Sucherbilds nur die Aufnahmedaten anzeigen lassen. Ausserdem stelle ich die Bildschirmhelligkeit beim Sucherbild-Durchgang aufs Maximum und beim Testlauf mit blosser Info-Anzeige aufs Minimum.

Der Unterschied ist klein: 877 Fotos mit Sucherbild und hellem Bildschirm gegenüber 956 Fotos mit Infobild und dunklem Bildschirm.

Solange nicht eine grundlegend andere Bildschirmtechnologie (OLED) verwendet wird, werden die Unterschiede auch bei anderen Kameras nicht besonders gross sein.

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Elektronischer Sucher versus Bildschirm

Beim Fotografieren über den Bildschirm soll der Akku länger halten mit dem elektronischen Sucher. Das habe ich in den Spezifikationen schon oft gelesen. Die Panasonic Lumix G110 schafft gemäss CIPA-Standard mit Sucher 250 und mit Monitor 270 Bilder.

An dieser Kamera prüfe ich das nach. Sie hat eine Timer-Aufnahmefunktion, bei der ich zwischen Monitor und Sucher umschalten kann. Das Ergebnis bestätigt die Herstellerangaben:

Mit Sucher 7386 Fotos, mit Bildschirm bei mittlerer Helligkeit 8143 Fotos.

Die in beiden Fällen sehr hohen Werte kommen daher, dass ich die Fotos im 1-Sekunden-Takt geschossen habe. Du kannst nur diese zwei Werte miteinander vergleichen. Ein Vergleich mit den anderen Angaben in diesem Beitrag ist nicht sinnvoll.

Warum braucht der Sucher mehr Strom, obwohl sein Bildschirm viel kleiner ist? Ein Grund könnte die Auflösung sein, die beim Sucher meist deutlich höher ist. Bei der Panasonic G110 weist der Sucher 3.7 Megapixel auf, der Bildschirm 1.8 Megapixel. Höhere Auflösungen erfordern mehr Rechenarbeit und damit wohl auch etwas mehr Strom. Zudem haben Sucher und Bildschirm unterschiedliche Technologien: Der Sucher verwendet OLED, der Bildschirm TFT.

Das können aber nicht die einzigen Erklärungen sein. Bei der älteren Sony RX100 III ist die Differenz noch sehr gross: 320 Fotos mit Monitor, 230 mit Sucher. Dies, obwohl die Auflösung des Suchers mit 1.4 MP nicht viel grösser ist als die des Bildschirms, der 1.2 MP hat. Bei der Sony RX100 VII ist die Auflösung des Suchers mehr als doppelt so hoch wie die des Bildschirms. Der Unterschied im CIPA-Test beträgt aber nur 20 Fotos: 260 mit Sucher, 240 mit Monitor. Völlig unklar bleibt, weshalb die Werte mit Monitor im Lauf der Jahre immer schlechter werden. Dessen Auflösung ist nämlich nicht gestiegen.

Bildstabilisator des Objektivs

Zurück zur Canon-Kamera, wo ich den Testlauf für den dunklen Bildschirm wiederhole. Alle Einstellungen sind exakt gleich, es gibt nur einen Unterschied: Der Bildstabilisator des Objektivs ist dieses Mal ausgeschaltet. Beim Objektiv handelt es sich um das RF 70-200mm F2.8.

Die Differenz ist winzig. 962 Fotos gegenüber 956 Fotos mit Bildstabilisator. Das kann auch eine zufällige Abweichung sein.

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Belichtungszeit

Brauchen Langzeitaufnahmen wirklich mehr Strom? Der vorherige Test verwendete eine manuell eingestellte Belichtungszeit von 1/250 Sekunde. Jetzt leere ich den Akku mit einer Verschlusszeit von 2 Sekunden. Das Intervall liegt in beiden Fällen wieder bei 15 Sekunden.

981 Fotos schaffte die Kamera. Das ist mehr als mit der kurzen Belichtungszeit. Eine längere Aufnahmezeit braucht also nicht mehr Strom. Während der zwei Sekunden bleibt der Bildschirm schwarz. Das könnte der Grund sein, weshalb die längeren Aufnahmezeiten sogar etwas weniger Strom brauchen.

Serienbilder

Zum Schluss will ich den Akku mit Serienfeuer durchrattern. Das lässt sich nicht per Timer machen, ich muss die ganze Zeit den Auslöser gedrückt halten. Ich verwende den mechanischen Verschluss. Da bewegt sich physisch etwas, was eigentlich Energie verbrauchen müsste.

Nach 4000 Bildern zeigt mir die Kamera den Akku immer noch als voll an. Wenn der Akku auch nur eine halbe Stunde durchhalten sollte, würde das bei einer Serienbildgeschwindigkeit von 12 fps bereits für 21 600 Fotos reichen. Mit elektronischem Verschluss (20 Bilder pro Sekunde) wären es sogar 36 000 Fotos. Der Test kommt mir sinnlos vor und ich breche ihn ab. Es ist auch so klar: Mit exzessivem Gebrauch der Serienbildfunktion sind viel, viel mehr Fotos möglich als im Einzelbildmodus.

Zusammenfassung

Die Videofunktion habe ich ausgelassen. Das ist nochmal ein Kapitel für sich und müsste wieder ganz anders gemessen werden. Die Foto-Tests zum Stromverbrauch haben folgendes ergeben:

  • Der Blitz braucht viel Strom, wenn er mit voller Kraft leuchten muss. Das verwende ich aber im Alltag sehr selten.
  • Der Bildstabilisator der Objektivs scheint praktisch gar keinen Strom zu verbrauchen. Ebenso spielt es keine Rolle, ob ich kurz oder lang belichte.
  • Ein hellerer Bildschirm braucht natürlich mehr Strom – die Differenz ist jedoch nicht allzu gross.
  • Der Sucher braucht etwas mehr Strom als der Monitor, wobei die Differenz bei den neuesten Kameras nur noch gering ist. Das war vor fünf Jahren noch anders.
  • Lange Intervalle zwischen zwei Aufnahmen brauchen sehr viel mehr Strom als kurze. Das ist der Faktor, der am meisten ausmacht.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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