Samsung Galaxy S22 Ultra Space Zoom: Was passiert, wenn ein Fluss 100-fach vergrössert wird?

Dominik Bärlocher
Zürich, am 25.03.2022

Das Samsung Galaxy S22 Ultra brüstet sich mit einem 100x Zoom. Der Hersteller nennt das «Space Zoom». Der Test zeigt, dass er weiterhin ein Marketing-Märchen ist.

Endlich ist es da! Das Samsung Galaxy S22 Ultra liegt vor mir auf dem Tisch und ich frage mich vor allem eines: Ist der Space Zoom endlich brauchbar? Denn das S22 Ultra ist das dritte Flaggschiff aus dem Hause Samsung, das sich mit einem Kamera- und Software-System brüstet, das Bilder mit einem sagenhaften 100-fach-Zoom verspricht. In einem Gerät, das nur 8,9 Millimeter dick ist.

Bei dieser Dicke ist klar, dass das kein 100-facher optischer Zoom sein kann. Die Software hilft mit. Sie kombiniert Daten aus allen Linsen, vergrössert digital und bekämpft Pixel, zeichnet weich und ergänzt fehlende Daten. Daher ist das Bild am Ende weniger Fotografie, sondern mehr ein Kunststück der künstlichen Intelligenz des Kamerasystems. Rein optisch bringt das Samsung Galaxy S22 Ultra nur zehnfachen Zoom mit. Respektabel, aber halt marketingtechnisch nicht so beeindruckend wie etwas, das «100% episch» sein soll.

samsung.ch, 25. März 2022
samsung.ch, 25. März 2022

Daher: ein kurzer Trip ins Sihltal. Kamera aus der Jackentasche gezogen und den Auslöser gedrückt. Ohne Stativ und künstliches Licht will ich sehen, was der Zoom leistet, wenn er ganz normal verwendet wird.

0,6x: Fast ohne Fischaugeneffekt

Samsung Galaxy S22, 0,6x Zoom
Samsung Galaxy S22, 0,6x Zoom

Die künstliche Intelligenz (AI) des Samsung Galaxy S22 Ultra greift bei jedem Bild ein. Sogar bei der Weitwinkelaufnahme, die noch gar keine grosse Rekonstruktion von Elementen im Bild oder grobe Farbkorrekturen erfordert. Bei Weitwinkelaufnahmen korrigiert sie die Ränder, die sonst verzerrt dargestellt würden.

Das Samsung Galaxy S22 Ultra meistert diese Aufgabe. Die krummen Ränder werden ausgeglichen und nur mit scharfem Auge erkennst du die Krümmung.

1x: Die Standardaufnahme, die stimmen muss

Samsung Galaxy S22 Ultra, 1x Zoom
Samsung Galaxy S22 Ultra, 1x Zoom

Wenn eine Aufnahme stimmen muss, dann die mit einfachem Zoom. Denn das ist das Zoom Level, das du siehst, wenn du die Kamera-App öffnest und abdrückst. Streng genommen also gar kein Zoom.

Hier gibt es nur eins zu sagen: Gute Arbeit, Samsung.

2x: Wo ist der Unterschied zu 1x?

Samsung Galaxy S22 Ultra, 2x Zoom
Samsung Galaxy S22 Ultra, 2x Zoom

Wenn du dir das zweifach gezoomte Bild in der obigen Ansicht ansiehst, dann wirst du Mühe haben, einen Qualitäts-Unterschied zum Standard-Zoom zu finden. Das liegt daran, dass das Bild verkleinert dargestellt wird.

Wenn du dir das Bild auf einer Bildschirm-Zoom-Stufe von 100 Prozent anschaust, dann bemerkst du, dass die AI beginnt, zu arbeiten. Im Himmel im Hintergrund fügt das Kamerasystem eine Struktur hinzu und verpasst dem Gras im Vordergrund einen Weichzeichnungsfilter.

Wenn ich das auf Instagram posten würde, dann würde keiner eine Miene verziehen. Passt.

4x: Es wird blasser

Samsung Galaxy S22 Ultra, 4x Zoom
Samsung Galaxy S22 Ultra, 4x Zoom

Der vierfache Zoom ist ein merkwürdiges Zwischending. Obwohl die Zoomstufe vergleichsweise niedrig ist, nutzt die Kamera wenig optischen Zoom. Das erkennst du unter anderem an den Steinen, die klar vom Computer weichgezeichnet wurden.

4x ist eine Zoomstufe, die ich nur verwenden würde, wenn es gar nicht anders geht. Für Social Media würde ich eher ein 1x-Bild nehmen und einen Ausschnitt posten.

10x: Die Grenze des optischen Zooms

Samsung Galaxy S22 Ultra, 10x Zoom
Samsung Galaxy S22 Ultra, 10x Zoom

Im Gegensatz zum 4x-Bild ist das 10x-Bild erstaunlich gut. Das liegt zweifellos daran, dass die AI Bildmaterial der 10-Megapixel-Linse mit zehnfachem optischem Zoom zur Verfügung hat. Diese hat zwar nur eine Blende von f/4,9, braucht also vergleichsweise viel Licht, um optimal zu performen. Aber in der Frühlingssonne des März 2022 ist das kein Problem.

Darum ist die 10x-Aufnahme ein grosses Stück besser als das 4x-Bild. Das betrifft aber nur die Farben. Bei der Vergrösserung auf dem Bildschirm siehst du, dass das Phone immer mehr Mühe mit den Objektgrenzen bekommt. Gras sieht zwar in der Kleinansicht gut aus, aber bei der Ansicht in voller Grösse ist das Gras keine Ansammlung von Halmen mehr, sondern eine grünschwarze Masse.

30x: Die AI an der Arbeit

Samsung Galaxy S22 Ultra, 30x Zoom
Samsung Galaxy S22 Ultra, 30x Zoom

Der optische Zoom war bei 10x zu Ende. Alles darüber ist reine Computerintelligenz. Bei einer Zoomstufe von 30x siehst du eine Zusammenstellung aus den Aufnahmen mehrerer Kameras des Galaxy S22 Ultra, mit viel AI dazu, die das Bild tolerierbar aussehen lassen sollen.

Das gelingt. So halb.

Angenommen, das Bild taucht in deinem Instagram Feed auf. Passt. Du likest es vielleicht, scrollst weiter. Die Samsung'sche Aufnahme mit 30-fachem Zoom ist gemacht für Momente, in denen du ein Bild nicht genau ansiehst.

Doch wenn du nicht gerade durch deinen Insta Feed scrollst, dann fällt dir schnell auf, dass der Computer an der Arbeit war. Der Stein in der Bildmitte sieht mehr nach Wasserfarbe aus als nach Stein, das Lichtspiel im Wasser verliert sich.

30x Zoom ist auf technologischer Ebene respektabel, liefert aber objektiv gesehen kein gutes Bild.

100x: Oh Leid

Samsung Galaxy S22 Ultra, 100x Zoom
Samsung Galaxy S22 Ultra, 100x Zoom

Der Space Zoom. Das Bild, das laut Samsung «100% episch» ist. Das Bild, das eine ganze Technologie benennt. Das Bild, mit dem dich Samsung beeindrucken will. Das Bild, das dir die Reaktion «Wow! Wir leben echt in der Zukunft» entlocken soll.

Unsinn.

Was genau ist auf dem Bild okay? Ja, technisch gesehen ist das ein Bild, das mit einem Hybrid-Zoom von 100x aufgenommen wurde. Ja, es ist eine Datei mit JPG-Endung und hat Farben und so drin.

Aber mal ehrlich, was würdest du mit so einem Bild wollen? Warum bewirbt Samsung das? Was erwartet Samsung von uns? Dass wir dieses Wasserfarbenkuddelmuddel gut finden? Wenn ja, wieso?

Das ist nichts.

Ein kleines Lob erhält die Bildstabilisierung von mir. Samsung hat sie massiv verbessert. Wenn du mit 100-facher Vergrösserung fotografieren willst, dann ist jeder kleine Wackler deiner Hände eine Katastrophe für den Bildausschnitt. Da das fertige JPG ohnehin ein Ausschnitt eines viel grösseren Bildes ist, stabilisiert die Kamerasoftware den Ausschnitt, den du aktuell auf dem Bildschirm siehst. Kleinere Wackler gleicht sie hilfreich aus.

Fazit: Respektabel bis 30x, danach Marketing-Geschwurbel

Versteh mich nicht falsch: Die Kamera des Samsung Galaxy S22 Ultra leistet viel. Bei einigermassen zivilisierten Zoomstufen sind die Bilder mindestens social-media-tauglich, wenn nicht sogar sehr schön gelungen.

Was mich stört, ist, dass Samsung diesen Space Zoom episch nennt. Denn ich bin mir sicher, dass die Entscheidungsträger in Südkorea genau wissen, was sie tun. Sie gehen hin und bewerben ein Feature, das zwar ein Feature ist, dir bei der Benutzung aber keinen Mehrwert bietet. Freilich generiert die Kamera des Samsung Galaxy S22 Ultra ein Bild, das einen Hybrid-Zoom von 100x bietet. Aber was willst du mit der Aufnahme schon anstellen?

Bevor da ehrlich geworben werden kann, muss noch viel verbessert werden.

Samsung Galaxy S22 Ultra

Was teste ich als nächstes?

  • Nachtfotografie
    86%
  • Portraitmodus
    13%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.


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