
Playstation braucht mehr Games wie «God of War: Sons of Sparta»
Sony war mit seinen Playstation-Games früher viel mutiger. Heutzutage gibt es neben AAA-Blockbustern kaum mehr Platz für experimentelle Games. Titel wie «God of War: Sons of Sparta» machen mir Hoffnung, dass Sony langsam umdenken könnte.
An der vergangenen «State of Play»-Präsentation hat Sony mit einem überraschenden Shadowdrop für Aufsehen gesorgt. Mit «God of War: Sons of Sparta» erschien kurz nach der Veranstaltung ein Retro-«God of War»-Spin-off, das Kratos’ Geschichte als jungen Krieger Spartas beleuchtet.
Ich liebe solche merkwürdigen Experimente. «God of War: Sons of Sparta» lässt mich wehmütig an eine Zeit zurückdenken, in der die Playstation-Plattform deutlich mutiger war. Und es lässt die Hoffnung aufkeimen, dass sich Sony in Zukunft eine Scheibe von Nintendo abschneiden könnte.
Playstation ist risikoscheu
Ich liebe Playstation-Games. Viele von Sonys Exklusivkrachern gehören zu meinen absoluten Lieblingsspielen. Trotz beständig hoher Qualität bin ich nicht vollends zufrieden. Sonys Output fühlt sich zu vorsichtig und berechenbar an. Das Unternehmen produziert zwar Hits am laufenden Band, traut sich aber kaum mehr zu experimentieren.

Egal ob «The Last of Us», «Ghost of Yotei» oder «Horizon» – Sonys Singleplayer-Blockbuster teilen sich alle dieselbe DNA. Es fühlt sich an, als habe das Unternehmen mit ihrem Exklusivportfolio ein eigenes Genre erschaffen. So, als müssten alle Playstation-Exclusives dieselbe Checkliste abarbeiten:
- Third-Person-Perspektive
- spektakuläre, auf Hochglanz polierte Grafik
- hollywoodreife Inszenierung und Zwischensequenzen
- Fokus auf Linearität und wenig spielerische Freiheit
- düstere Story mit traumatisierten Charakteren
Sony veröffentlicht mit dieser risikoaversen Erfolgsformel maximal massentauglichen Blockbuster. Prestige-Produktionen, die bei den Game Awards abräumen und so die Strahlkraft des Playstation-Brands stärken.
Alles schön und gut, aber wo bleibt die Abwechslung?

Quelle: Playstation
Abwechslung gab es früher mal. In den «guten alten Zeiten» während der PS1-, PS2- und PS3-Generationen. Ich denke mit Nostalgie daran zurück. Plattformer («Jak & Daxter», «Sly Cooper», «Ratchet & Clank»), Musikspiele («Parappa the Rapper», «Vib-Ribbon»), weirde Experimente («Fat Princess», «LocoRoco», «Tokyo Jungle») – alles war dabei.
Es gab kein etabliertes «Playstation-Genre», keine gemeinsame DNA. Playstation war früher eine unberechenbare Wundertüte, oder: das komplette Gegenteil der risikoscheuen Blockbuster-Produktionsstätte, die es heutzutage ist.
Sonys AAA-Teufelskreis
Der Grund für Sonys graduellen Strategiewechsel hin zum risikoaversen «Playstation-Genre» liegt primär in der Natur des knallharten AAA-Gaming-Marktes. Durch den technologischen Fortschritt zwischen Konsolengenerationen steigen die Entwicklungskosten für Games exponentiell. Höhere Auflösungen, detailliertere Modelle sowie rechenintensive Effekte fordern immer mehr Geld, Zeit und Ressourcen.
Selbst die aufwendigsten Blockbuster der PS1-Ära kosteten nur wenige Millionen Dollar und hatten eine Entwicklungsdauer von etwa ein bis zwei Jahren. Im Gegensatz dazu kostete ein PS5-Kracher wie «Spider-Man 2» rund 300 Millionen Dollar und befand sich mehr als fünf Jahre in Entwicklung.

Quelle: Playstation
Weil Sony im technologischen Wettrüsten mit der Konsolen- und PC-Konkurrenz seit jeher an vorderster Front stand, hat sich das Unternehmen dazu verdammt, Blockbuster nach Blockbuster zu produzieren. Die Playstation ist Opfer ihrer eigenen Ansprüche.
Jedes Game muss beweisen, dass die Playstation die «beste» Plattform ist. Jedes Game muss noch spektakulärer, grösser und teurer sein als das vorherige und alles aus der aktuellen Hardware holen. Und bei solch absurden Produktionsbudgets und Entwicklungszeiten gibt es in Sonys Welt mittlerweile keinen Platz mehr für Experimente. Jeder Schlag muss sitzen, sonst drohen massive finanzielle Einbussen.
Ein Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen gibt. Oder doch?
Was Playstation von Nintendo lernen kann
Ich wünsche mir, dass sich Sony eine Scheibe von Nintendos aktueller Strategie abschneidet. Das japanische Unternehmen veröffentlicht Games in unglaublich vielen unterschiedlichen Genres. Switch-Fans bekommen regelmässig exklusive Plattformer, Racer, Kampfspiele, Action-Adventures, Rollenspiele, und, und, und.
Nintendos Wundertüte zeichnet sich nicht nur durch die hohe Bandbreite an Genres, sondern auch durch die extremen Unterschiede in der Produktionsgrösse aus. Zwischen grossen Blockbuster-Releases veröffentlicht das Unternehmen auch kleinere oder experimentellere Titel. Diese Diversifizierung sorgt nicht nur für Abwechslung, sondern reduziert auch das Risiko potenzieller Flops.

Quelle: Nintendo
Der Ursprung von Nintendos abwechslungsreichem Exklusivportfolio liegt in der Hardwarestrategie des Unternehmens. Statt beim teuren technologischen Wettrüsten mitzumachen, punktet Nintendo seit der Wii mit Innovationen. Dementsprechend fällt auch der Blockbuster-Druck weg. Nicht jedes Nintendo-Game muss neue Massstäbe in puncto Grafik, Inszenierung und Produktionsbudget setzen.
Mit dieser Herangehensweise bleibt Nintendo erfolgreich den Fesseln des teuren AAA-Marktes fern. Auf der Switch 1 veröffentlichte das Unternehmen über 100 exklusive Spiele – 84 (!) davon verkauften sich über eine Million Mal. Zahlen, von denen andere Publisher, inklusive Sony, nur träumen können.

Quelle: Nintendo
Sony hat mit Blick auf die eigenen Spielreihen alle Voraussetzungen, es Nintendo gleichzutun und sich aus seinem selbst geschaffenen Blockbuster-Korsett zu befreien. Zahlreiche spannende Playstation-Franchises liegen brach oder wurden bisher ausschliesslich mit ultrateuren AAA-Produktionen bedacht – obwohl sie sich für kleinere, experimentelle Ableger anbieten würden.
Um das massive Potenzial seines geistigen Eigentums auszuschöpfen, muss sich Sony trotz teurer Premium-Hardware trauen, seine eigenen Ansprüche an Exklusivtitel anzupassen. Nicht in Bezug auf die Qualität, sondern in Bezug auf den Produktions- und Spielumfang. Wenn nicht jeder Titel beweisen muss, dass die Playstation das Nonplusultra im Konsolenbereich ist, bleibt mehr Platz zum Experimentieren.
Der Zeitpunkt für ein Umdenken ist so günstig wie noch nie. Schliesslich dominieren in den vergangenen Jahren experimentelle Indie-Titel den Gaming-Diskurs oftmals stärker als grosse AAA-Releases namhafter Publisher. Projekte wie zuletzt «God of War: Sons of Sparta» wecken die Hoffnung in mir, dass Sony die Zeichen der Zeit erkannt hat und sich von ihren selbst auferlegten Fesseln lösen wird.

Quelle: Playstation
«God of War: Sons of Sparta» als Hoffnungsschimmer
«God of War: Sons of Sparta» ist das perfekte Beispiel für das, was ich mir von Sony wünsche. Mit diesem Prequel wird ein millionenschweres AAA-Franchise als kleines Indie-Projekt neu interpretiert.
PS1-Retro-Grafik, klassisches Metroidvania-Gameplay, überschaubarer Umfang. Ein kleiner Snack für Zwischendurch, der die Wartezeit auf das nächste grosse «God of War»-Projekt verkürzt.

Quelle: Playstation
Das Game ist nicht perfekt. Mir ist die Steuerung mit dem Analog-Stick zu unpräzise, Kratos' Moveset ist für ein Metroidvania zu simpel und die Story unterbricht das Spielgeschehen immer wieder mit unnötigen Zwischensequenzen.
Trotz dieser Schwächen bin ich froh, dass das Game überhaupt existiert. Und ich hoffe, dass Playstation-Fans fleissig zugreifen und Sony damit die richtigen Signale für die Zukunft schicken.

Quelle: Playstation
Hoffnung macht mir zudem, dass Sony in den vergangenen Jahren weitere Projekte veröffentlicht hat, die auf ein Umdenken hindeuten. «Astro Bot» war ein solch riesiger Erfolg, dass Sony verlauten liess, es sei ein «wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem breiter aufgestellten Spieleportfolio». Ebenfalls kommentierte Sony, dass man sich in Zukunft vermehrt auf «familienfreundliche Games» konzentrieren wolle. Auch das letztjährige «Lego Horizon Adventures» war ein Schritt in die richtige Richtung, auch wenn es inhaltlich nicht ganz überzeugen konnte. Bleibt zu hoffen, dass sich der kommende Multiplayer-Ableger «Horizon Hunters Gathering» trotz Live-Service-Ambitionen in die Riege erfolgreicher Spin-offs einreihen kann.
In diesem Sinne: Sei weiterhin mutig, liebe Playstation. Nicht jedes deiner Games muss neue Standards setzen und hunderte Millionen Dollar kosten. Ich freue mich auf kommende Experimente und male mir aus, wie ein «God of War»-Strategiespiel, ein «Horizon»-Racer oder «Ghost of»-Plattformer aussehen könnte. Oder wie wär's mit einem Revival? «Syphon Filter», «Ape Escape» oder «Loco Roco» hätten längst eine neue Chance verdient. Mein Geldbeutel ist bereit, der Ball liegt bei euch.
«God of War: Sons of Sparta» ist erhältlich für die PS5. Das Game wurde mir zu Testzwecken von Playstation zur Verfügung gestellt.
Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.
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