Universal Studios
Kritik

«Obsession»: So unwohl war mir im Kino lange nicht mehr

Patrick Vogt
25.6.2026

Bestnoten auf Filmportalen, Lobeshymnen von Kritikerinnen und Kritikern: «Obsession» startet mit vielen Vorschusslorbeeren in den Schweizer Kinos. Zu Recht. Curry Barkers fieser Horrorschocker bringt frisches Blut nach Hollywood und auf die Kinoleinwand.

Keine Sorge: Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Obsession» läuft seit dem 25. Juni im Kino.

Es ist egal, was ich über «Obsession» schreibe – dieser Film ist jetzt schon ein Phänomen. Mit einem Budget von gerade mal etwa 750 000 Dollar hat er weltweit schon weit über 300 Millionen eingespielt. Und er ist der erste Film seit «E.T.» (1982), der seine Einspielergebnisse nach einem starken Eröffnungswochenende in den beiden darauffolgenden Wochenenden sogar noch steigern konnte, wie Cosmic Book News schreibt.

Ich könnte jetzt also völlig gegen den Strom schwimmen und schreiben, «Obsession» sei Schrott. Es würde erstens nichts am Erfolg ändern und zweitens wäre es doch nur Ragebait der billigsten Sorte – und erst noch eiskalt gelogen. Schliesslich liebe ich fast alles an «Obsession». Obwohl er mich schockiert und nachdenklich zurücklässt. Oder gerade deswegen.

Jöö, so ein herziges Pärchen. Oder so.
Jöö, so ein herziges Pärchen. Oder so.
Quelle: Universal Studios

Darum geht’s in «Obsession»

Bear (Michael Johnston) liebt Nikki (Inde Navarrette). Doch weil er sich ums Verrecken nicht traut, ihr seine Gefühle zu offenbaren, weiss sie davon nichts. Da wäre es doch viel einfacher, sich die Liebe seiner Angebeteten zu wünschen. Wenn das bloss so einfach wäre. Doch genau diese Gelegenheit eröffnet sich Bear mithilfe eines sogenannten «One Wish Willow» aus einem Esoterikladen … und er bereut seinen Wunsch alsbald. Oder etwa doch nicht ganz?

Be careful what you wish for

Hand aufs Herz, auch du hast dir schon das ein oder andere gewünscht. Ich auf jeden Fall, Aladin mit seiner Wunderlampe sowieso. Auch in Horrorfilmen sind Wünsche – und vor allem ihre verheerenden Folgen – ein wiederkehrendes Thema. 1997 produzierte beispielsweise Horrorlegende Wes Craven «Wishmaster», der sogar mehrere Fortsetzungen bekam. Bleibt nur der Wunsch, es wäre ein guter Film. Na ja.

Nun lässt also Curry Barker in «Obsession» auch einen Wunsch wahr werden, mit all seinen Konsequenzen. Einen Dschinn braucht er dafür nicht, ein vermeintliches Jux-«Wünsch dir was»-Gimmick in Form eines Weidenzweiges reicht schon. Monströs wird es trotzdem, keine Bange. Sogar in mehrerer Hinsicht, wenn du dich auf den Film einlässt und zwischen den durchaus blutigen Zeilen liest. Denn einerseits funktioniert er als Schocker mit Gore-Elementen, der unerbittlich vorwärts stapft. Andererseits lädt er dazu ein, als Metapher für ungebremst aktuelle Probleme rund ums Thema Beziehungen zu dienen.

Mehr darf ich aus Spoiler-Gründen nicht sagen.

Oops, da hab ich die Ketchupflasche wohl falschrum gehalten.
Oops, da hab ich die Ketchupflasche wohl falschrum gehalten.
Quelle: Universal Studios

Believe the hype!

Was ich sagen darf und lauthals tue: «Obsession» ist fantastisch! Curry Barker präsentiert einen atmosphärisch dicht inszenierten Horrorthriller fürs Auge und Hirn, der einem ganzen Genre neues Leben einhaucht. Zwar arbeitet auch Barker mit klassischen Elementen wie dem Jump-Scare. Doch schon im nächsten Moment kann es sein, dass dich etwas völlig Unberechenbares und Unerwartetes aus den Socken haut. So angespannt wie bei «Obsession» sass ich jedenfalls schon lange nicht mehr im Kinosessel. Und das will was heissen!

Unangefochtenes Highlight des Films ist Hauptdarstellerin Inde Navarrette. Sie spielt Nikki nicht nur, sie verkörpert sie: ein Wesen, das jemanden mehr als alles auf der Welt liebt – lieben muss. Sie zeigt uns auch das gruseligste Lächeln seit «Smile». Überhaupt ist nahezu jede Szene mit ihr für die Zuschauenden unheimlich bis furchteinflössend, ob sie zu sehen ist oder ob man sie nur hört. Mir sind mehrere kalte Schauer über den Rücken gelaufen. Bei einem Horrorfilm ist das wohl das ehrlichste Kompliment überhaupt.

Leider hat Navarrettes überragendes Schauspiel eine Kehrseite: Es macht allzu deutlich, dass der restliche Cast nicht über das solide Mittelmass herauskommt. Zudem schleicht sich bei einer Laufzeit von 109 Minuten doch mal die eine oder andere Länge ein. Ein paar Minuten weniger hätten «Obsession» nicht geschadet, im Gegenteil. Ansonsten habe ich nichts zu mäkeln und ich stimme dem zu, was alle sagen: Dieser Film ist eine Perle!

In seinem Beitrag über Sinn oder Unsinn von Filmkritiken stellt Kollege Luca fest, dass sich Kritik und Publikum öfter mal uneinig sind. «Obsession» zeigt, dass es auch anders geht. Auf Rotten Tomatoes erhält der Film bärenstarke 94 Prozent, sowohl von den Kritikerinnen und Kritikern als auch vom Publikum. Auf Imdb steht er nach fast 115 000 Bewertungen bei 8,1 von 10 möglichen Sternen und ist der beliebteste Film (Stand: 24. Juni 2026).

94 Prozent bei mehr als 10 000 verifizierten Bewertungen sind schon eine klare Ansage.
94 Prozent bei mehr als 10 000 verifizierten Bewertungen sind schon eine klare Ansage.
Quelle: rottentomatoes.com

Junge Wilde mischen Hollywood auf

Dass der 26-jährige Curry Barker mit «Obsession» seine Vision auf die grosse Leinwand bringen kann, passt zum Zeitgeist. Wie andere vor ihm – zum Beispiel Kane Parsons, der Regisseur von «Backrooms» – hat er sich zunächst in den sozialen Medien einen Namen gemacht, mit kurzen Comedy-Sketchen auf Tiktok. Mit der Zeit wurden die Filme länger und Barkers Handwerk feiner. Davon zeugt unter anderem sein preisgekrönter Kurzfilm «The Chair», der auf Youtube mehr als zehn Millionen Aufrufe hat.

Dass «Obsession» und «Backrooms» im selben Atemzug genannt werden, kommt nicht von ungefähr. Ihre Macher haben einen ähnlichen Hintergrund, so wie die Philippou-Zwillinge Danny und Michael («Talk to me», «Bring her back») vor ihnen. Dazu kommt, dass ihre Budgets – knapp eine Million Dollar bei «Obsession» und zehn Millionen bei «Backrooms» – für Hollywoodverhältnisse bescheiden sind. Umso höher ist ihre Sprengkraft an den Kinokassen.

Thematisch mögen die beiden Filme auf den ersten Blick weit auseinander liegen. Und doch eint sie etwas: das Beleuchten menschlicher Abgründe. Das ist faszinierend und auf eine wohlige Art abstossend. So genau kann ich das gar nicht beschreiben. Ich weiss nur eines: Der frische Wind, der in den Werken von Barker, Parsons und den Philippous weht, ist in Hollywood zwischen all den millionenschweren Blockbustern, Sequels, Prequels und weiss der Teufel was alles dringend nötig.

Ich sag doch, es ist nur Ketchup!
Ich sag doch, es ist nur Ketchup!
Quelle: Universal Studios

Fazit

Was kann bei einem Wunsch schon schiefgehen? «Obsession»: «Ja.»

Curry Barkers Kinodebüt ist eine Wucht. Er inszeniert die vermeintlich simple «Wünsch dir was»-Ausgangslage so vielschichtig und komplex, dass «Obsession» noch lange nachhallt und zum Nachdenken anregt. Die expliziten Gewaltdarstellungen mögen schwer zu ertragen sein; auf jeden Fall sind sie wohldosiert und niemals fehl am Platz.

Ebenfalls eine Wucht oder vielmehr eine Naturgewalt ist Inde Navarrette. Sie spielt Nikki, als ob es kein Morgen gäbe und trägt den gesamten Film auf ihren Schultern. Ich gehe soweit, zu sagen, dass der Film ohne sie trotz Barkers dichter und raffinierter Inszenierung nicht annähernd so packend wäre. So ist «Obsession» aber zweifellos ein Anwärter auf den Horrorfilm des Jahres.

Von Curry Barker und Inde Navarrette werden wir künftig noch mehr sehen und hören. Mark my words!

Titelbild: Universal Studios

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Ich bin Vollblut-Papi und -Ehemann, Teilzeit-Nerd und -Hühnerbauer, Katzenbändiger und Tierliebhaber. Ich wüsste gerne alles und weiss doch nichts. Können tue ich noch viel weniger, dafür lerne ich täglich etwas Neues dazu. Was mir liegt, ist der Umgang mit Worten, gesprochen und geschrieben. Und das darf ich hier unter Beweis stellen. 


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