«Moon Knight»: Lasst uns bitte über DIESEN Moment reden!

Luca Fontana
Zürich, am 22.04.2022

Die vierte Folge von «Moon Knight» hört mit einem kontroversen Knall auf. Was es damit auf sich haben könnte, könnten bereits die Comics verraten haben.

Eines vorweg: Das ist eine Folgenanalyse. Mit Spoilern! Schau dir also zuerst die ersten vier Episoden von «Moon Knight» an, bevor du weiterliest.


«Was zum Geier!»

«Echt jetzt!?»

«Ich versteh ja gar nichts mehr… »

Etwa so lesen sich die meisten Reaktionen zum Ende der vierten «Moon Knight»-Folge. Zu Recht. Rekapitulieren wir: Gerade noch in London, hat es Steven Grant – oder Marc Spector, je nachdem – mittlerweile nach Ägypten verschlagen. Dort will er auf der Suche nach dem Gefängnis-Grab der ägyptischen Göttin Ammit dem bösen Arthur Harrow zuvorkommen. Schliesslich wurde Ammit aus gutem Grund vom Ennead, dem ägyptischen Götter-Pantheon, zu ewiger Gefangenschaft verdonnert: Ginge es nach Ammit, würden sämtliche Menschen, die jemals etwas Böses begangen haben oder noch begehen werden, augenblicklich ausgelöscht – selbst Kinder.

Harrow will Ammit befreien. Marc will das verhindern. Die Ereignisse überschlagen sich. Am Grab angekommen, wird Marc von Harrow erschossen. Dunkelheit umschliesst ihn. Marc stirbt… oder nicht? Als die Dunkelheit vergeht, befindet er sich plötzlich in einer Irrenanstalt.

Hat er sich etwa alles nur eingebildet? Moon Knight? Khonshu? Sein ganzes Leben?

Die Inspiration aus den Comics

Wer das Interview zwischen Regisseur Mohammed Diab, mir und zwei anderen europäischen Journalisten gesehen hat, weiss: So unerwartet ist die unerwartete Wendung gar nicht. Schliesslich sagte Diab von Anfang an, dass er sich stark von den «Moon Knight»-Comics des Autoren Jeff Lemire aus dem Jahr 2016 inspirieren liess.

Tatsächlich beginnen Lemires Comics dort, wo die vierte Episode aufgehört hat: Marc Spector bekämpft als Moon Knight seit Jahren Kriminelle – oder nicht? Als er in einem Irrenhaus ohne Superkräfte und Anzug aufwacht, stellt das seine gesamte Identität in Frage. Seine Identitäten. Irgendetwas stimmt nicht. Aber ist das, was nicht stimmt, womöglich Marcs Verstand selbst?

Lemires Story ist ikonisch, weil sie Comic-Leserinnen und Leser erstaunlich lange darüber im Unklaren lässt, ob Marc sich sein ganzes bisheriges Superhelden-Leben tatsächlich nur eingebildet hat. Dazu kommen die aufwendigen und detaillierten Zeichnungen des Greg Smallwoods, die Wahnsinn und Realität so vermischen, dass nie ganz klar ist, was Einbildung ist und was nicht. Eine Kombination, wie ich sie bisher selten in Marvel-Comics zu Gesicht bekommen habe.

Diese letzte zehn Minuten sind eine schöne Hommage am Lemire-Run.
Diese letzte zehn Minuten sind eine schöne Hommage am Lemire-Run.
Marvel Comics

Darum: Falls du den Lemire-Run (Autoren bleiben nie lange bei einem Charakter, darum nennt man die Zeit, die sie für den jeweiligen Charakter geschrieben haben, einen «Run») selber lesen möchtest, ohne gespoilert zu werden, brichst du am besten hier ab, liest «Moon Knight» 2016, #1-14, und kommst dann zum Artikel zurück.

Für alle anderen – weiter geht’s.

Die Anstalt: Bildet sich Marc alles nur ein?

Zunächst will uns die Serie glauben lassen, dass Marc sich tatsächlich alles nur eingebildet hat. Besser: dass er sich alles zusammen fantasiert hat – aus Menschen und Dingen, die er in der Anstalt sieht und erlebt.

Da ist etwa Marcs Goldfisch, gleich an seinem «Lieblingsplatz», wo ihn ein Pfleger platziert, der aussieht wie der Fake-Polizist, der eigentlich ein Handlanger Harrows ist. Oder seine Fussfessel am Rollstuhl. Die Doughnuts aus dem Truck. Der Rubik's Cube. Die Moon-Knight-Spielfigur. Oder der Typ mit den langen, weissen Haaren, der die Bingo-Zahlen ausruft: Den sahen wir schon als goldiger Mime, dem Steve sein Herz ausschüttete. Er sieht Crawley aus den Lemire-Comics übrigens zum Verwechseln ähnlich.

Wer weiss, ob der Typ mit den Bingo-Zahlen nicht noch eine grössere Rolle spielen wird?
Wer weiss, ob der Typ mit den Bingo-Zahlen nicht noch eine grössere Rolle spielen wird?
Marvel Comics

Weiter geht’s mit dem Film über den britischen Abenteurer Steven Grant. Eine Patientin, die Mondgott Khonshu als Spatzen zeichnet. Layla ist ebenfalls dort, als Patientin, die ihm den Bingo-Schein klaut. Genauso wie die fiese Leiterin des Museumsshops, Donna, plötzlich als verwirrte Patientin ein blaues Skarabäus-Plüschtier in Händen haltend. Apropos Museum: Befindet sich Marc nicht in genau jener Irrenanstalt, die ihm von der Museums-Personalabteilung nahegelegt wurde?

Und dann ist da noch Harrow selbst, dort der böse Avatar Ammits, hier der Leiter der Anstalt, der nur versucht, Marc zu helfen. Genauso, wie er es in der ersten Episode einst sagte, im Museum, kurz vor dem Auftauchen des Schakals: «Marc, ich versuche nur, dir zu helfen». Passend dazu Harrows Satz in dieser Episode, als er Marc vor dem Erwachen in der Anstalt erschiesst: «Ich kann niemanden helfen, der sich nicht selber helfen will.»

Das langsame Erwachen

Marc wehrt sich gegen die Vorstellung, sich alles bloss eingebildet zu haben. Mit Erfolg: Das Irrenhaus – wohl sowas wie ein gedankliches Konstrukt in seinem Kopf – beginnt zu bröckeln. In einem Flur findet er tatsächlich ein Sarkophag. Darin: Steven, seine andere Persönlichkeit. Zum ersten Mal stehen sich die beiden gegenüber, in Fleisch und Blut. Vielleicht ist die Umarmung gerade deshalb so herzzerreissend.

Jöööh!!
Jöööh!!
Marvel Studios

Da ist aber noch ein zweites Sarkophag. Vorerst bleibt es geschlossen. Aber wer könnte sich darin befinden? Fans der Comics haben eine Theorie, die so gut wie wasserdicht ist. Ja sein muss: Im Sarkophag befindet sich Jake Lockley, Marcs dritte Persönlichkeit, der wir in der Serie bisher noch nicht begegnet sind.

Oder doch?

Wer ist Jake Lockley?

In den Comics hat Marc drei Persönlichkeiten. Zuerst seine eigene, ursprüngliche Persona: Marc Spector, ehemaliger Militär, dann Söldner, dann… ein Sterbender in der Wüste, hintergangen von einem anderen Söldner. Mit letzter Kraft schleppt er sich in den Tempel des Mondgottes Khonshu, wo dieser ihn findet und rettet. Im Gegenzug aber muss Marc fortan als sein Avatar Moon Knight in dessen Dienste stehen.

Als Marc einwilligt, ist er bereits ein gebrochener Mensch: Während seiner Kindheit wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung von einem Nazi gefoltert. Marc konnte sich zwar befreien, aber das Trauma hinterliess Spuren: eine dissoziative Identitätsstörung mitsamt seiner ersten, abgespaltenen Persönlichkeit, Steven Grant. Grant wird später zu einer Art Bruce-Wayne-Verschnitt, der als Hollywood-Regisseur Millionen verdient, um damit seine nächtlichen Aktivitäten als Moon Knight zu finanzieren.

Die dritte Persönlichkeit entwickelt sich erst ein wenig später: Jake Lockley. Lockley ist ein Taxifahrer mit Schnauz, der sich unters Volk mischt, um an Untergrund-Informationen ranzukommen, zu denen er als Marc oder Steven keinen Zugang hat.

Der hat doch schon was Zwielichtes, nicht?
Der hat doch schon was Zwielichtes, nicht?
Marvel Comics

Während die Serie die Marc-Persönlichkeit ziemlich genau 1:1 aus den Comics übernimmt, ist Steven alles andere als ein Philanthrop und Frauenheld. Eher das pure Gegenteil davon. Es würde nicht überraschen, wenn Jake ebenfalls anders interpretiert würde als in den Comics. Brutaler, vor allem. Skrupelloser. Ohne Scheu, Menschen zu töten. Vielleicht sogar als böse.

«Ich spüre Chaos in dir», sagte Harrow ganz am Anfang zu Steven.

Das wurde bereits in der dritten Episode angedeutet, als Marc im Spiegelbild des Messers Steven fragt, was zum Teufel er mit all den brutal getöteten Informanten angestellt hätte, und dieser nur mit einem verblüfften «Ich schwöre, ich war’s nicht» antwortet. Fans spekulieren seit dem, dass Jake dahinter steckt. Vielleicht sogar schon hinter den blutigen Kämpfen in der ersten Episode; Marc ging in der Serie immer deutlich härter zu Werk als Steven – aber vor dem Töten hatte er immer Skrupel, soweit wir wissen.

Was, wenn es sogar die Jake-Persona war, die Leylas Vater tötete? Harrow deutete ja was in der Richtung an, auch wenn er eher Marc im Sinne hatte…

Steve, Marc und… wer ist die zweite Reflektion da in der Scheibe?
Steve, Marc und… wer ist die zweite Reflektion da in der Scheibe?
Marvel Studios

Wie dem auch sei. Marc und Steven rennen am verschlossenen Sarkophag vorbei. Wer auch immer da drin ist, bleibt vorerst da drin.

Das Nilpferd: Kommt die Rettung?

Das Nilpferd. «Hi», sagt es nur, winkt und wedelt dabei fröhlich mit den Ohren. Spätestens hier ist klar, dass an dieser Irrenanstalt etwas nicht stimmt – sofern sich Marc die komischen Sachen eben nicht einbildet.

Okay, das ist definitiv zum Verrückt-werden.
Okay, das ist definitiv zum Verrückt-werden.
Marvel Studios

Geht’s nach Lemires Comic, ist die Anstalt tatsächlich ein kosmisches, vielleicht sogar interdimensionales Konstrukt. Ähnlich dem Othervoid. Das wurde in der Serie ja bereits angedeutet, bei der Versammlung der Avatare in Episode 3. Die Comics erklären uns, dass das Othervoid der Ort ist, wo die ägyptischen Götter sich zurückgezogen haben, nachdem sich die Menschen von ihnen abwandten. Ein Ort fern von unserer Realität, ausserhalb des direkten Einflussgebietes der Götter. Die einzige Möglichkeit, von dort aus auf uns Menschen einzuwirken, ist via Avatare.

Das passt Khonshu nicht. Sowohl im Comic als in der Serie. Im Lemire-Comic geht er aber so weit, dass er das Konstrukt der Irrenanstalt in Marcs Kopf erschafft, um dessen Verstand vollends zu brechen. So, dass er Marcs Körper komplett übernehmen und endlich wieder als Gottheit auf Erden wandeln kann. Ob das auch sein «Endgame» in der Serie ist? Möglich wär’s. Besonders sympathisch kam Khonshu bisher nie rüber. Im Lemire-Run ist Ammit anfangs auch die vermeintlich Böse, bis sich Khonshu als der eigentliche Strippenzieher entpuppt.

Eine interdimensional herumschwirrende Pyramide – wo sonst sollte sich das ägyptische Götter-Pantheon versammeln?
Eine interdimensional herumschwirrende Pyramide – wo sonst sollte sich das ägyptische Götter-Pantheon versammeln?
Marvel Comics

Aber was hat es mit dem Nilpferd auf sich? Offenbar handelt es sich um die ägyptische Göttin Taweret. Ihr Auftritt: eine Premiere. Schliesslich kam sie noch nie zuvor in einem Marvel-Comic vor. Entsprechend gibt es die offizielle Taweret-Biografie auf Marvel.com erst seit ein paar Tagen – seit der Premiere dieser vierten Episode.

Die Biografie verrät uns, dass Taweret eine Enneade ist, genaugenommen die ägyptische Göttin der Geburt. Aha – wird da etwa Marcs respektive Stevens wiedergeburt angedeutet? Was hat sie dann aber in der Anstalt verloren? Vielleicht wurde sie ja geschickt von jemandem, der Marc und Steven retten will. Khonshu? Ammit? Mephisto? Ich schiesse ins Blaue. Vielleicht ist sie auch nur da, um unseren Helden ins Totenreich zu begleiten. Ausserhalb des Marvel-Universums gilt Taweret nämlich auch als Totenreinigerin, damit die Verstorbenen in die nächste Phase des Jenseits übergehen können.

Nun denn. Zwei Episoden fehlen noch, die auch ich noch nicht gesehen habe. Mein Tipp: Marc, Steven und Jake müssen lernen, miteinander zurecht kommen, bevor’s in die nächste Phase gehen kann. Das wäre zumindest das, was in den Lemire-Comics passiert.

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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