Mehr Bewegung trotz Lockdown
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Mehr Bewegung trotz Lockdown

Patrick Bardelli
Zürich, am 08.05.2020
Radfahren, Joggen, Schwimmen oder simples Treppensteigen: Mit einer Smartwatch werden deine Aktivitäten getrackt. Garmin liefert überraschende Zahlen während der Coronakrise dazu.

Vor rund einem Monat veröffentlichte Garmin in den USA einen ersten Bewegungsreport. Dieser zeigte auffallende Veränderungen und Trends hinsichtlich der Sportarten und Übungen, die Träger einer Smartwatch machen.

Nun liefert das Unternehmen Daten zum Bewegungsmuster in Europa. Genauer gesagt, in den fünf EU-Ländern mit den meisten bestätigten Coronavirus-Fällen: Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland und Grossbritannien. Um das Ausmass zu veranschaulichen, wurde auch Schweden in die Datenerhebung miteinbezogen, wo wesentlich weniger Einschränkungen gelten und die Kontaktbeschränkungen geringer sind. Für die Schweiz liegen keine Zahlen vor.

Beim Blick auf die Daten von Millionen Garmin Smartwatch-Usern verwendet das Unternehmen eine eigene Methodik zur Analyse. Dabei sei die reine Betrachtung der Gesamtzahl an Schritten nicht aussagekräftig genug. Obwohl diese Zahl in allen Ländern rückläufig sei, liesse dieser Datensatz alleine nicht darauf zurückschliessen, dass sich die Menschen weniger bewegen würden. Dies wird am Beispiel einer hypothetischen Frau, die in einer 120 Quadratmeter grossen Wohnung in Italien unter Quarantäne steht, erläutert.

Während sie aufgrund der physischen Enge eine sehr geringe tägliche Schrittzahl aufzeichne, könne sie gleichzeitig auf einem Hometrainer 20 Kilometer pro Tag mit dem Fahrrad zurücklegen. Habe ihr Aktivitätsniveau aufgrund der Pandemie abgenommen? Nein. Tatsächlich bewege sie sich sogar mehr. Sie habe jedoch aufgrund der Umstände ihre Aktivitäts-Routine geändert.

Für ein wahrheitsgetreues Bild sei es wichtig, tief in die Daten einzutauchen und diese mit Sorgfalt aus der richtigen Perspektive zu betrachten. Die Wearables von Garmin verfügen über mehr als 20 verschiedene integrierte Sport- und Aktivitätsprofile. Dieser Funktionsumfang in Verbindung mit einer breiten globalen Benutzerdatenbank zeige nicht nur, ob sich Menschen bewegen, sondern auch, wie sie sich bewegen.

Der Blick auf die Daten, viele Daten

Jede der folgenden Darstellungen zeigt gemäss Garmin die Bewegungsdaten der sechs ausgewählten europäischen Länder. Die nationalen Ausgangsbeschränkungen sind in Italien am 9. März in Kraft getreten, während die anderen Länder ähnliche Massnahmen in den darauffolgenden Tagen eingeführt haben. Um ein konsistentes und klares Bild zu erhalten, hat Garmin den 9. März als Mittelpunkt genommen und die fünf Wochen davor sowie die fünf Wochen danach miteinbezogen, um prozentuale Zu- und Abnahmen zu ermitteln. Auch wenn dies in den Diagrammen nicht visualisiert ist, wurden die Entwicklungen mit den Daten aus dem Jahr 2019 desselben Zeitraums verglichen. So können die üblichen saisonalen Trends von denen unterschieden werden, die durch COVID-19-bezogene Ereignisse ausgelöst wurden.

Radfahren

Das oben dargestellte hypothetische Szenario scheint die überraschende Realität in Frankreich, Italien und Spanien zu sein, wo strenge Richtlinien für das Zuhause bleiben gelten. Vergleicht man die Phasen vor und nach der Ausgangssperre in Frankreich, so stellt Garmin einen bemerkenswerten Anstieg der Aktivitäten um 157 Prozent fest. Spanien und Italien melden mit 273 Prozent beziehungsweise 309 Prozent ebenfalls Rekordhöhen beim Indoor-Cycling. Das Ausmass dieser Verschiebung sollte nicht unterschätzt werden – man erlebe einen historisch steilen Anstieg bei einer Aktivität, die typischerweise im Frühjahr abnimmt. Das habe es noch nie zuvor gegeben.

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Bemerkenswert: Ein grosser Teil der Indoor-Cycler fährt virtuell mit intelligenten Trainern, wie sie von Tacx hergestellt werden. Dabei synchronisieren sie ihre Aktivitäten mit einer Drittanbieter-Plattform wie etwa Zwift, die es den Benutzern ermöglicht, virtuell auf der ganzen Welt zusammen zu fahren. Floskeln wie «Einander fern bleiben, bringt uns zusammen» scheinen demnach für Radfahrer dieser Tage tatsächlich zu gelten.

Da immer mehr Menschen ihre Indoor-Cycling-Aktivitäten aufzeichnen, stellt Garmin zudem eine Zunahme der durchschnittlichen Entfernung pro Fahrt fest. Spanien verzeichnet beispielsweise eine Zunahme von satten 41 Prozent. Währenddessen unternehmen die Deutschen trotz eines leichten Rückgangs des allgemeinen Aktivitätstrends immer noch längere Fahrten mit einem Anstieg der durchschnittlichen Entfernung pro Fahrt um 12 Prozent. Der Spitzenwert vom 1. März in Schweden geht mit dem Vasaloppet-Langlauf einher. Es wird vermutet, dass viele Menschen als Ersatz für die Teilnahme an dem Rennen Indoor-Cycling betrieben haben.

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Schaue man sich den Radsport in Deutschland, Grossbritannien und Schweden an, zeige die Trendlinie eine deutliche Verlagerung nach Draussen. Allein in Deutschland verzeichnet Garmin einen Anstieg des Outdoor-Radsports um 153 Prozent. Im gleichen Zeitraum, im Jahr 2019, gab es in Deutschland nur einen Anstieg von 36 Prozent. Es sei gut möglich, dass hier psychologische Faktoren wie der Wunsch nach mehr Aktivität im Angesicht von Widrigkeiten, eine Rolle spielen könnten. Zudem zeige diese Trendlinie auch, wie gut die Ausgangsbeschränkungen in Frankreich, Italien und Spanien eingehalten würden.

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Allgemeines Fitnesstraining

Aber was ist mit der breiten Masse? Schliesslich fährt nicht jeder gerne Rad. Um dieser Frage nachzugehen, zieht Garmin ihre Aktivitätsdaten zu Fitnessfunktionen hinzu. Dazu gehören Aktivitäten, die mit einem der folgenden vorinstallierten Sport-Profile mit einem Garmin-Wearable durchgeführt wurden: Ellipsentraining, Indoor-Cardio-Training, Indoor-Rudern, Stepper und Krafttraining. Auch hier überraschen die Ergebnisse.

Italien verzeichnet einen 105-prozentigen Anstieg der Fitness-Aktivitäten, wenn man die Zeiträume vor und nach der Ausgangssperre vergleiche. Nutzer in Frankreich, Spanien und Grossbritannien trainierten ebenfalls mehr mit einem Anstieg von 80, 93 beziehungsweise 8 Prozent. All das deute darauf hin, dass selbst diejenigen, die in Ländern mit sehr weitreichenden Massnahmen lebten, trotzdem Wege fänden, sich zu bewegen.

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Golf

Wenn du Golf spielen möchtest, solltest du nach Schweden gehen. Tatsächlich ist die schwedische Post-Winter-Migration auf die Golfplätze derzeit sogar noch stärker als 2019. Das nordeuropäische Königreich befindet sich inmitten eines aussergewöhnlichen Anstiegs der Golfaktivitäten um 741 Prozent. Diese Zahl sei noch bemerkenswerter, wenn man den Rückgang um 26 Prozent im Vereinigten Königreich betrachte – einem Ort, an dem die Popularität des Sports hoch sei, wo aber die British Open (geplant für Juni) vor kurzem abgesagt wurden.

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Running

Laufen ist gemäss Garmin die beliebteste und am meisten geteilte Frühlingsaktivität. In Spanien und Italien, wo die landesweiten Sperren am extremsten sind, hat das Laufen im Freien mit einem Rückgang von 68 respektive 42 Prozent deutlich abgenommen.

Werfe man einen tieferen Blick in die Daten, zeige sich, dass Nutzer in den Ländern mit den strengsten Kontaktbeschränkungen aufs Laufband umsteigen würden, in vielen Fällen auch virtuell. Italiener, Spanier und Franzosen laden rekordverdächtig viele Laufaktivitäten hoch, wobei die jeweiligen Länder Zuwächse von 130, 84 und 18 Prozent verzeichneten.

Wie sieht es mit den Läufern in Deutschland, Schweden und Grossbritannien aus? Die Garmindaten zeigen, dass es sich hier anders verhält. In jedem dieser Länder laufen diejenigen, die draussen unterwegs sind, kürzere Distanzen. Daraus könne man schliessen, dass deutsche, schwedische und britische Läufer ihre Bewegung im Freien einschränkten – trotz lockereren Restriktionen. Während also das Indoor-Laufen an den meisten Orten auf dem Vormarsch sei, finde das Laufen im Freien auch weiterhin statt – allerdings bliebe man dabei etwas näher an seinem Zuhause.

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Schwimmen

Das Interessante an den Daten für das Schwimmen ist gemäss Garmin, dass der Rückgang der Aktivität mit der im Land eingeführten Ausgangsbeschränkungen einhergeht. Als jedes Land seine spezifischen Stay-Home-Anordnungen bekannt gegeben hat, haben die Schwimmer aufgehört zu schwimmen. Nur in Schweden hätten die lockereren Ausgangsbeschränkungen zu einem viel geringeren Rückgang der Aktivität geführt.

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Treppensteigen

Last but not Least: das Treppensteigen. Weil es nicht das erste ist, das man in Erwägung zieht, wenn man an körperliche Aktivität während einer globalen Pandemie denkt, sondern weil man es eher vergisst. Und den Daten von Garmin zufolge findet das Treppensteigen insbesondere in Spanien, Frankreich und Italien statt. Und zwar sehr häufig.

Dabei sei wichtig zu beachten, dass sich das Treppensteigen von der Aktivität auf dem Stepper unterscheide, die zuvor in den Ergebnissen der Fitnessaktivität behandelt wurde. Hier bezieht sich Garmin auf Menschen, die in ihren Wohnungen oder Häusern Treppen rauf- und runtersteigen. In Frankreich habe diese Aktivität um 103 Prozent zugenommen, in Italien sei sie um 572 Prozent in die Höhe geschnellt. Und in Spanien habe das Treppensteigen um erstaunliche 900 Prozent zugenommen.

Dies sei vielleicht die faszinierendste und auch ermutigendste Trendwende bei allen Aktivitäten. Trotz der Einschränkungen, die durch die Ausgangssperren auferlegt werden, weigerte sich eine rekordverdächtig hohe Zahl von Menschen, ihre körperliche Gesundheit darunter leiden zu lassen. Keine Fitnessgeräte? Kein Problem. Wir haben immer noch Treppen.

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Fazit

Wir Menschen sind Bewegungstiere, auch oder eben gerade in einer Krise. Garmin weiss, was du diesen Frühling gemacht hast, teilt gewisse Daten aber immerhin freiwillig mit der Welt. Allerdings sind ihre Schlussfolgerungen nur bedingt aussagekräftig. Denn wer trägt eine Smartwatch? In der Regel Menschen, die sowieso Sport machen und sich gerne bewegen. Alle anderen tragen keine und somit fehlen diese Daten. Und wie wäre es jetzt, nach den furztrockenen Zahlen, mit ein bisschen Sport? Egal, was du um dein Handgelenk trägst.

Wenn du wissen willst, was ich die letzten zwei Jahre bei Galaxus so gemacht habe, findest du hier mein Autorenprofil.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Senior Editor, Zürich
Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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