Hulu / Disney+
Kritik

«Malcolm in the Middle: Life's Still Unfair»: Nett. Leider nur nett.

Luca Fontana
9.4.2026

«Malcolm in the Middle» ist zurück – und macht eigentlich alles richtig. Genau darin liegt das Problem: Ein Revival, das so sehr damit beschäftigt ist, wie früher zu klingen, vergisst, etwas Neues zu sagen.

Keine Sorge: Diese Kritik spoilert nichts. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Malcolm in the Middle: Life's Still Unfair» läuft ab dem 10. April auf Disney+.

Meine Güte. Zwanzig Jahre ist es her, dass «Malcolm in the Middle» sein Finale feierte. Dabei war die Serie sieben Staffeln lang eine der ehrlichsten, anarchischsten und unberechenbarsten Sitcoms im amerikanischen Fernsehen – mit einer Familie am unteren Rand der Mittelschicht, die zu laut, zu chaotisch und zu dysfunktional für das Bilderbuch-Fernsehen der frühen 2000er war.

Hal und Lois waren schliesslich keine Super-Eltern mit den richtigen Lektionen am Ende jeder Folge à la «Full House». Sie waren überfordert, impulsiv und manchmal sogar unfair. Wer kennt's nicht. Und ihre Kinder waren nicht süss (okay, Dewey schon), sondern egoistisch, manipulativ, brillant und tragisch zugleich. Mittendrin: Malcolm, hochintelligent und emotional genauso verloren wie alle anderen.

Aber genau das machte diese Familie so unwiderstehlich. Egal, ob man die Serie damals als Jugendlicher geschaut hat oder heute selbst als Elternteil – was in Erinnerung geblieben ist, ist ein Hoch auf die Mittelschicht.

Chaos als Normalzustand

Jetzt also die Rückkehr. Und die beginnt mit einem Recap. Kinder verprügeln Polizisten. Klauen Geld von der Kirche, während der Weihnachtsmann einen Tritt ins Gesicht bekommt. Dann explodiert ein Sack voller Fäkalien im Familienauto, bevor eine Grossmutter ihren Enkel so fest an den Kronjuwelen packt, dass er nur noch quietscht – eine atemlose Montage der irrsten Momente aus sieben Staffeln Original-Seriengeschichte.

«Und irgendwer wollte tatsächlich mehr davon», sagt Bryan Cranston aus dem Off. Ich sitze da und denke: Stimmt. Mehr davon. Aber ist «Life's Still Unfair» mehr davon?

Die Antwort kommt nicht als Film, wie ursprünglich geplant, sondern als Mini-Event mit vier Folgen à je knapp 30 Minuten. Darin erfahren wir, dass Malcolm sich über die letzten Jahre konsequent von seiner Familie distanziert hat. Mit seiner Tochter Leah und seiner Freundin Tristan führt er nun ein ruhiges, kontrolliertes Leben, das er vor Hal, Lois und seinen Geschwistern geheim hält, weil er weiss, dass er in ihrer Gegenwart wieder zur schlimmsten Version seiner selbst würde.

Doch als Hal und Lois zum 40. Hochzeitstag ein grosses Fest planen und Malcolms Anwesenheit einfordern, taucht Lois unangemeldet bei ihm auf, stolpert in sein Doppelleben – und das Chaos nimmt seinen Lauf.

Die grosse Frage: Warum?

Es ist nicht so, dass «Life's Still Unfair» schlecht wäre. Im Gegenteil: Die meisten Figuren von damals sind zurück, die Dynamiken funktionieren, und Bryan Cranston liefert als Hal einmal mehr jene grandios absurden Momente, die die Serie schon immer ausgezeichnet haben. Etwa wenn er nackt und in Fötusstellung auf dem Boden liegt, weil aus dem geplanten Microdosing ein ausgewachsener Trip geworden ist.

Bryan Cranston schöpft als Hal aus dem Vollen: Er tanzt Choreografien im Supermarkt, halluziniert sich in Lederstiefeln als Trent Reznor und ist dabei gefühlt öfter nackt als angezogen.
Bryan Cranston schöpft als Hal aus dem Vollen: Er tanzt Choreografien im Supermarkt, halluziniert sich in Lederstiefeln als Trent Reznor und ist dabei gefühlt öfter nackt als angezogen.
Quelle: Hulu / Disney+

Und die anderen? Malcolm überdenkt immer noch jede Situation, Reese ist immer noch manipulativ, Francis braucht immer noch die Bestätigung als Problemkind Nummer eins und Lois rastet immer noch aus. Also: alles da. Alles wie gehabt. Genau das ist das Problem.

Denn was hier fehlt, ist nicht die Kompetenz, sondern die Notwendigkeit. «Life's Still Unfair» reproduziert die Oberfläche der Originalserie in der zweiten und dritten Folge sogar ziemlich gut. Trotzdem beantwortet die Serie nie die entscheidende Frage: Warum braucht es dieses Revival? Es gibt keinen neuen Blickwinkel, keine Weiterentwicklung, die über das Offensichtliche hinausgeht.

Natürlich macht «Life's Still Unfair» inhaltlich durchaus ein Drama daraus. Hal und Lois sind tiefverletzt, als Malcolms Doppelleben auffliegt. Und Malcolm ist nicht das einzige ihrer Kinder, das seinen Eltern innert kürzester Zeit emotionale Tiefschläge versetzt. Die Konflikte sind da, die Dynamiken funktionieren, die Fetzen fliegen. Aber irgendwie fehlt allem der Punch. Als hätte jemand die Lautstärke der Originalserie auf ein gesellschaftsverträgliches Niveau heruntergedreht.

Ich vermisse den Rotz. Die Frechheit. Das Selbstbewusstsein einer Serie, der nichts heilig war. In «Life's Still Unfair» blickt das alles nur ganz selten durch.
Ich vermisse den Rotz. Die Frechheit. Das Selbstbewusstsein einer Serie, der nichts heilig war. In «Life's Still Unfair» blickt das alles nur ganz selten durch.
Quelle: Hulu / Disney+

Ich meine – «Malcolm in the Middle» konnte früher in einer einzigen absurden Szene von derbem Slapstick über Sozialsatire bis zu echter Melancholie wechseln, ohne dass es je gekünstelt wirkte. «You’re gonna put your hands inside your mommy and take out this baby!», schreit die hochschwangere Lois in der sechsten Staffel. «You don’t even like me!», schreit ihr Sohn Francis zurück. «But I love you», antwortet Lois knapp.

«Life's Still Unfair» bleibt dagegen seltsam brav. Kelly zum Beispiel, das jüngste und non-binäre Kind von Hal und Lois, macht ein paar Witze über seine Boomer-Eltern. Das ist nett, aber es ist auch alles.

Die Originalserie hätte aus Kellys Non-Binarität einen Feldzug gemacht – Hal, der in seiner gutmütigen Ahnungslosigkeit alles falsch macht, Lois, die das Kind mit eiserner Liebe erstickt, Reese, der es als Munition benutzt ... Stattdessen bleibt Kelly eine Figur mit einer Eigenschaft, die nie zur Reibungsfläche wird. Und wenn «Malcolm in the Middle» Reibung scheut, dann hat die Serie ein Problem.

Wenn die Kopie das Original zitiert

Bezeichnend dafür ist der Umgang mit der vierten Wand. In der Originalserie war Malcolms Blick in die Kamera, als er direkt zu uns als Zuschauende sprach und kommentierte, mehr als ein Stilmittel: Er war die Überlebensstrategie eines Kindes, das zu klug für seine Umgebung war und ein Ventil für alles brauchte, was sich nicht aussprechen liess.

In «Life's Still Unfair» durchbricht nun auch seine Tochter Leah diese vierte Wand. Warum? Gute Frage. Es stört nicht. Es schadet nicht. Aber es wirkt beliebig. Als hätte jemand den Mechanismus kopiert, ohne die Funktion dahinter zu verstehen.

Zwischendurch blitzt es dann doch auf: Geschwister, die sich gegenseitig beim Steueramt verpfeifen, oder Malcolm, der sein eigenes Auto zerkratzt, um zu beweisen, dass er kein Snob ist. In solchen Momenten lebt das alte «Malcolm in the Middle» kurz wieder auf.
Zwischendurch blitzt es dann doch auf: Geschwister, die sich gegenseitig beim Steueramt verpfeifen, oder Malcolm, der sein eigenes Auto zerkratzt, um zu beweisen, dass er kein Snob ist. In solchen Momenten lebt das alte «Malcolm in the Middle» kurz wieder auf.
Quelle: Hulu / Disney+

Das lässt sich auf das gesamte Revival übertragen. Nichts daran wirkt falsch. Nichts daran wirkt wirklich schlecht. Es fühlt sich allerdings so an, als spiele die Serie nichts anderes als ihre eigenen Greatest Hits nach – einfach ohne ihren rohen, zügellosen Biss, der das Original so besonders machte.

Dass es auch anders geht, zeigt ausgerechnet ein anderes Sitcom-Comeback aus den 2000er: «Scrubs». Die Ärzte-Serie stellt sich der Zeit. Sie fragt, was aus ihren Figuren geworden ist, nachdem sich die Welt verändert hat und gewinnt daraus neues Drama. Cox zum Beispiel darf nicht mehr so sein wie früher, JD hat sich in die Komfortzone geflüchtet und Turk brennt aus. Das Revival nutzt die vergangenen 16 Jahre nicht als Kulisse, sondern als Konflikt. Genau deshalb rechtfertigt es seine Existenz: Es erzählt etwas, das nur jetzt erzählt werden kann.

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    von Luca Fontana

«Malcolm in the Middle: Life's Still Unfair» hingegen macht das Gegenteil. Die Serie tut, als wäre keine Zeit vergangen. Die Figuren sind älter, aber ihre Dynamiken bleiben identisch und die Mechanismen wirken kopiert. Zwanzig Jahre liegen zwischen der siebten Staffel und diesem Revival – und die Serie weigert sich, irgendetwas damit anzufangen.

Am Ende bleiben vier Folgen, die sich wie eine auf zwei Stunden gestreckte, durchschnittlich geschriebene Episode der Originalserie anfühlen. Dass Bryan Cranstons Hal der Einzige ist, der ab und zu über die Strenge schlagen darf, sagt alles.

Fazit

Nostalgie als Sicherheitsnetz

Ich muss mir eine ehrliche Frage stellen: Bin ich zu hart? Prägt mich meine Nostalgie so stark, dass kein Revival je gut genug sein kann? Vielleicht. Zwanzig Jahre Erinnerung verklären vieles, das weiss ich. Vielleicht war «Malcolm in the Middle» am Ende auch gar nicht so konstant brillant, wie ich es in meinem Kopf abgespeichert habe.

Aber dann läuft gleich zu Beginn dieses Vierteilers das Recap. Sechzig Sekunden voller ikonischer Momente prallen im Staccato aufeinander und erinnern mich sofort daran, warum ich diese Serie so geliebt habe. Direkt danach beginnt das Revival: brav, kompetent und harmlos. Der Kontrast könnte kaum grösser sein. Es ist, als hätte sich «Life's Still Unfair» gleich selbst die Messlatte so hoch gelegt, dass sie nicht anders kann, als daran zu scheitern.

Vielleicht liegt genau darin die grösste Ironie.

Titelbild: Hulu / Disney+

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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