
KI-Firmen drängen an die Börse – und du kaufst mit
SpaceX, Anthropic und OpenAI planen ihre Börsengänge. Weil Indexanbieter wie Nasdaq und MSCI ihre Regeln ändern, landen die riskanten KI-Aktien in fast jedem Portfolio. Wie schlimm ist das?
SpaceX, Anthropic und OpenAI bereiten ihre Börsengänge vor. Alle drei brauchen gewaltige Summen für Rechenzentren, Chips und Personal. Wer zuerst den öffentlichen Markt anzapft, verschafft sich einen Vorteil beim Zugang zu Kapital – und damit mehr Rechenleistung als die Konkurrenz.
Die IPOs (Initial Public Offering) werden drei der grössten aller Zeiten. Brisant dabei: Normalerweise würden die Unternehmen trotz ihrer Grösse noch nicht in Aktienindizes wie Nasdaq 100, S&P 500 und MSCI World aufgenommen. Doch die Anbieter ändern Hals über Kopf ihre Regeln, damit die KI-Firmen bereits nach Tagen im Portfolio zahlloser Anleger landen.
SpaceX: grosse Träume, grosse Verluste
Die Raumfahrt- und KI-Firma von Elon Musk soll bereits am 12. Juni an die Börse gehen. Sie schreibt bis heute tiefrote Zahlen. Insgesamt belief sich das Minus letztes Jahr auf 4,9 Milliarden US-Dollar, bei einem Umsatz von 18,7 Milliarden. Profitabel ist nur die Tochtergesellschaft Starlink mit einem rasant wachsenden Jahresgewinn von aktuell 4,4 Milliarden US-Dollar. Im Februar 2026 fusionierte Musk SpaceX zudem mit seinem KI-Unternehmen xAI. Dieses verbrannte 2025 6,4 Milliarden US-Dollar. Ein Ende der Verluste ist nicht in Sicht, denn die geplanten Investitionen in neue Infrastruktur sind gigantisch.

Quelle: SpaceX
Mit anderen Worten: Wer eine SpaceX-Aktie kauft, erhält eine finanzielle Rakete in Form von Starlink – auf die Elon Musk jedoch die zwei instabilen Treibstofftanks SpaceX und xAI geschnallt hat. Damit die Wette insgesamt aufgeht, müssen sich Musks Weltraum- oder KI-Visionen bewahrheiten. Am besten kombiniert in Form von Rechenzentren in der Erdumlaufbahn.
SpaceX will gut vier Prozent des Unternehmens als neue Aktien öffentlich anbieten – und damit 75 Milliarden US-Dollar einsammeln. Musk strebt eine Gesamtbewertung von 1,77 Billionen US-Dollar an, was einem Kurs-Umsatz-Verhältnis (P/S Ratio) von fast 95 entspräche. Zum Vergleich: die P/S Ratio des hochprofitablen Nvidia liegt bei etwa 22, was ebenfalls schon viel ist.
Der «Free Float»-Anteil – der Prozentsatz an frei handelbaren Aktien – fällt damit zu Beginn extrem tief aus. Die restlichen 96 Prozent des Unternehmens bleiben in den Händen von privaten Investoren. Allen voran Elon Musk, der über 40 Prozent hält. Geht sein Plan auf, wird er mit dem SpaceX-IPO auf dem Papier der erste Billionär der Welt. Musk hat sich verpflichtet, seine Anteile mindestens ein Jahr über den Börsengang hinaus zu halten. Andere Investoren dürften eine Sperrfrist von 90 bis 180 Tagen haben.
Anthropic: Wachstum dank Firmenkundschaft
Die Firma hinter dem Chatbot Claude geht voraussichtlich als erster reiner KI-Gigant an die Börse. Anthropic hat bei der US‑Aufsichtsbehörde SEC das dazu notwendige S‑1‑Formular eingereicht. Bereits im Herbst 2026 könnte die Aktie an der Börse gehandelt werden. In seiner letzten Finanzierungsrunde im Mai 2026 hat die Firma 65 Milliarden US-Dollar aufgenommen. Damit stieg die Gesamtbewertung auf rund 965 Milliarden US-Dollar – erstmals mehr als der Wert von OpenAI.
Der aktuelle Umsatz soll hochgerechnet bei rund 47 Milliarden US-Dollar pro Jahr liegen. Ein Vielfaches des Vorjahres, aber noch immer ein Bruchteil der letzten Zahlen von etablierten Software-Giganten (siehe Grafik unten). Wachstumstreiber sind vor allem Unternehmenskunden und der Programmier‑Assistent Claude Code. Trotz des Hypes ist das Geschäftsmodell riskant. Genauere Zahlen sind noch nicht öffentlich, aber unter dem Strich dürfte Anthropic hohe Verluste machen. Vor allem wegen teurer Server und hochbezahltem Personal.

Quelle: Anthropic
Hinzu kommen politische und regulatorische Unsicherheiten: Die US‑Regierung hat das Unternehmen von bestimmten Regierungsaufträgen ausgeschlossen, weil es sich gegen die breite militärische Nutzung seiner Modelle sträubt. Das könnte Milliardenumsätze kosten und schreckt Teile des Marktes ab. Andere Analysten sehen die Haltung hingegen als Pluspunkt, weil sie das Image verbessert.
Wie viel Kapital Anthropic an der Börse aufnehmen will, bleibt offen. Schätzungen gehen von rund 60 Milliarden US-Dollar aus. Bei einer Bewertung von knapp einer Billion ergäbe das zu Beginn einen handelbaren Free-Float-Anteil von sechs Prozent. Das wäre etwas höher als bei SpaceX, aber immer noch deutlich hinter vergangenen Tech-IPOs, die meist zwischen 15 und 25 Prozent des Unternehmens öffentlich verfügbar machten.
OpenAI: Sind Chatbots für die Massen profitabel?
Der «Original Gangster» des Chatbot-Hypes wurde bei der letzten Finanzierungsrunde im März 2026 mit 852 Milliarden US-Dollar bewertet. Vermutlich reicht auch OpenAI bald seine IPO-Pläne bei der SEC ein. Denn auch das Unternehmen um Sam Altman scheint den privaten Kapitalmarkt langsam ausgeschöpft zu haben, braucht aber Geld für neue Server. Nachdem ein Gericht Elon Musks Klage wegen des Wandels in ein profitorientiertes Unternehmen abgewiesen hat, ist der Weg zum Börsengang frei.
Genau wie Anthropic gibt OpenAI bisher keine genauen Unternehmenszahlen bekannt. Hier dürften die Verluste noch grösser sein. Denn Altman zielt mit ChatGPT eher auf die breite Masse als auf zahlungskräftige Firmenkundschaft. Der jährliche Umsatz betrug 2025 etwa 20 Milliarden US-Dollar, also weniger als die Hälfte des Umsatzes von Anthropic. Wie bei allen KI-Firmen ist zudem offen, wie profitabel das Geschäft mit LLMs langfristig sein wird. Denn die Konkurrenz ist gross, auch in Form von günstigen Open-Weight-Modellen aus China.
Gemäss «Reuters» plant OpenAI sein IPO mit einer Gesamtbewertung von einer Billion US-Dollar. Den Schätzungen zufolge will die Firma rund 60 Milliarden auf dem freien Markt einnehmen. Das entspräche dem gleichen Free-Float-Anteil von sechs Prozent, der auch bei Anthropic erwartet wird.
Wir investieren alle mit
Mit ihren Bewertungen in Billionenhöhe gehören SpaceX, Anthropic und OpenAI zu den finanziell grössten Unternehmen der Welt. Damit sind sie Kandidaten für kapitalgewichtete Aktienindizes wie Nasdaq 100, S&P 500 oder MSCI World. Bisher galten allerdings gewisse Regeln und Fristen, die eine Firma erfüllen musste, bevor sie dort aufgenommen wurde. Für den S&P 500 zum Beispiel:
- Die Firma muss mindestens zwölf Monate an der Börse sein.
- Die letzten vier Quartale müssen insgesamt profitabel sein.
- Das letzte Quartal muss profitabel sein.
- Ein substanzieller Teil des Unternehmens muss auf dem freien Markt gehandelt werden. Die genaue Höhe dieses Free-Float-Prozentsatzes ist nicht spezifiziert, in der Praxis sind es meist 50 Prozent und mehr.
Keiner der drei KI-Konzerne erfüllt auch nur eines dieser Kriterien. Trotzdem werden sie voraussichtlich innert sechs Monaten im S&P 500 landen. Im Nasdaq 100 könnte es bereits nach 15 Tagen so weit sein, im MSCI World nach zehn Tagen und im FTSE All World nach fünf Tagen.
Warum? Weil die Indexanbieter alle kurzfristig ihre Regeln ändern. Offiziell geht es ihnen um eine «bessere Marktabbildung». Die alten Regeln würden nicht mehr zur heutigen Realität passen, in der selbst gigantische Unternehmen länger privat bleiben.
Die inoffiziellen Gründe sind Profitgier und FOMO. Als erster Dominostein fiel der Nasdaq 100. Nasdaq ist nicht nur ein Indexanbieter, sondern auch eine Börse. IPOs mit so hohen Volumina sind für den Handelsplatz ein Milliardengeschäft. Berichten zufolge drohte Elon Musk, SpaceX nicht bei Nasdaq zu listen, sondern am New York Stock Exchange (NYSE), wenn die Aktie nicht im Eiltempo im Nasdaq 100 landet. S&P, MSCI und FTSE zogen nach. Aus Angst, dass ihre Indizes sonst veraltet wirken und Marktanteile verlieren.
Jede Schweizerin und jeder Schweizer wird indirekt in drei hochriskante KI-Unternehmen investieren.
Die Folge: Jeder ETF, der einen grossen Index nachbildet, wird Aktien von SpaceX, Anthropic und OpenAI kaufen müssen. Solche Indexfonds finden sich in den Portfolios der meisten Privatanleger, Pensionskassen oder dritten Säulen mit Aktienanteil. Kurz gesagt wird praktisch jede Schweizerin und jeder Schweizer indirekt in die drei hochriskanten KI-Unternehmen investieren.
Wer von den IPOs wirklich profitiert
Weil ETF-Anleger quasi zum Kauf gezwungen werden, treibt das die Kurse in die Höhe. Vermutlich nicht erst, wenn die Indizes die Firmen final aufnehmen – sondern bereits vorher, weil diese zukünftige Nachfrage sofort eingepreist wird. SpaceX, Anthropic und OpenAI dürften deshalb ab dem ersten Tag zu luftigen Preisen handeln. Und genau zu diesen Preisen wandern sie schliesslich auch ins Portfolio deiner Pensionskasse.

Quelle: Shutterstock
Gründer, Mitarbeitende und private Investoren, die bereits vor dem Börsengang Anteile besitzen, haben diese meist massiv günstiger erworben. Nach der Sperrfrist können sie ihre Aktien zu aktuellen Marktpreisen an der Börse verkaufen und fette Gewinne realisieren. Das Geld dafür wird vom breiten Publikum stammen, welches die zusätzlichen Aktien absorbiert. Je mehr Insider ihre Anteile veräussern, desto höher wird der Free-Float-Anteil. Steigt die Nachfrage nicht proportional mit, sinken die Kurse.
Die IPOs sind ein Vermögenstransfer vom Mittelstand zur Tech-Elite im Silicon Valley.
Im optimistischen Szenario werden die KI-Konzerne langfristig so profitabel, dass die Kurse trotz Insider-Verkäufen steigen. Ansonsten sitzen wir alle auf teuer gekauften Aktien von SpaceX, Anthropic und OpenAI, die plötzlich weniger wert sind. Oder um es im Reddit-Slang auszudrücken: Die Insider cashen aus, die Retails sind die Bagholder. Ein Vermögenstransfer vom Mittelstand zur Tech-Elite im Silicon Valley. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern statistisch der wahrscheinlichere Fall: Im Durchschnitt sind IPOs miserable Investments. Denn auf jedes Google kommen drei WeWorks.
Wie problematisch ist das?
Bevor du nun panisch deine ETFs verkaufst oder besorgt deine Pensionskasse anrufst: Absolut gesehen ist das unmittelbare finanzielle Risiko für durchschnittliche Kleinanleger gering. Denn die meisten Aktienindizes gewichten Unternehmen nicht nach ihrer Gesamtbewertung – sondern nach dem Free-Float-Kapital (du erinnerst dich: der Teil des Aktienkapitals, der tatsächlich an öffentlichen Börsen verfügbar ist).
Diese Unterscheidung ist essenziell. Nvidia ist zum Beispiel mit satten 5,5 Prozent im MSCI World vertreten. Denn der Chiphersteller ist nicht nur extrem viel wert (5,4 Billionen US-Dollar), sondern handelt auch fast vollständig an der Börse (96 Prozent Free-Float-Anteil, 5,2 Billionen US-Dollar Free-Float-Kapital). Steckst du 100 000 Franken in einen MSCI-World-ETF, kaufst du also für 5500 Franken Nvidia-Aktien.
Das geschätzte anfängliche Free-Float-Kapital von SpaceX, Anthropic und OpenAI beträgt zusammen nur 195 Milliarden US-Dollar – ein Bruchteil dessen von Nvidia und auch weniger als das von Roche, dem wertvollsten Schweizer Unternehmen. Entsprechend tief würde die Gewichtung in den meisten Aktienindizes ausfallen:
- S&P 500: 0,3 Prozent
- MSCI World: 0,2 Prozent
- FTSE All World: 0,2 Prozent
Ein Spezialfall ist der Nasdaq 100. Der Index umfasst von Natur aus weniger Firmen und bildet deshalb weniger Marktkapital ab. So haben die einzelnen Werte ein höheres Gewicht. Ausserdem passt der Anbieter nicht nur seine Aufnahmeregeln an, sondern verdreifacht auch gleich die Gewichtung für «Mega-IPOs» mit einem tiefen Free-Float-Anteil (sprich: SpaceX, Anthropic und OpenAI). Unter dem Strich könnten die drei KI-Unternehmen deshalb von Anfang an bis zu 6,4 Prozent des Index ausmachen. Wer in einen entsprechenden ETF investiert, sollte sich dessen bewusst sein.
Die pragmatische Antwort auf die Frage, was man tun sollte, lautet wohl für die meisten Leute: nichts.
Legst du oder deine Pensionskasse hingegen 100 000 Franken in breit gestreute Welt-ETFs an, fliessen davon voraussichtlich nur etwa 200 Franken zu den neuen KI-Giganten. Der Anteil kann mit der Zeit steigen, sollten die Konzerne wachsen oder ihre Free-Float-Anteile vergrössern. Doch das liegt in der Natur solcher Indexfonds. Die pragmatische Antwort auf die Frage, was man denn nun tun sollte, lautet wohl deshalb für die meisten Leute: nichts.
Disclaimer: Der Autor hält als Privatperson den Vanguard Total World Stock ETF, welcher den FTSE Global All Cap Index nachbildet. Dieser ist als einer der ersten von den drei IPOs betroffen.
Mein Fingerabdruck verändert sich regelmässig so stark, dass mein MacBook mich nicht erkennt. Der Grund: Sitze ich nicht vor einem Bildschirm oder stehe hinter einer Kamera, hänge ich oft an den Fingerspitzen in einer Felswand.
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