Hintergrund

Handy-Abos werden teurer – oder doch billiger?

Swisscom, Salt und Sunrise machen derzeit Schlagzeilen. Der Grund: Die Mobilfunk-Abos werden teurer. Trotzdem kannst du in der Schweiz heute so günstig wie noch nie mit dem Smartphone surfen, sagt ein Experte.

«70% Rabatt auf dein Handy-Abo!», «Jetzt wechseln und sparen!» – die Mobilfunk-Anbieter sorgen für ausgebuchte Plakattafeln. Beim Surfen im Netz poppen mir die Banner von Swisscom, Sunrise, Salt und Co. entgegen. Gleichzeitig trudeln bei vielen Schweizerinnen und Schweizern Briefe oder E-Mails ein, die eine Preiserhöhung ankündigen. Rabattschlacht auf der einen Seite, höhere Abopreise auf der anderen. Gleichzeitig. Das wirkt widersprüchlich. Aber es hat eine Logik.

Welche das ist, erklärt Ralf Beyeler, Telekommunikationsexperte beim Online-Vergleichsdienst moneyland.ch. Er kennt und beobachtet den Schweizer Mobilfunkmarkt seit rund 30 Jahren. Dieser Markt, so sagt er, hat sich in drei Segmente aufgespalten.

Telekom-Experte Ralf Beyeler.
Telekom-Experte Ralf Beyeler.

Oben stehen Swisscom, Sunrise und Salt mit ihren Premium-Hauptmarken, die umfangreichen Service versprechen, aber auch viel kosten. In der Mitte positionieren sich die Zweit- und Drittmarken: Migros Mobile, Coop Mobile, Post Mobile, Lidl Connect. Dahinter stecken die grossen Netzbetreiber, die bekannte Retail-Marken nutzen, um weitere Kundensegmente zu erreichen. Für Migros Mobile zum Beispiel produziert die Swisscom das ganze Produkt, der Kunde wird sogar Vertragspartner der Swisscom und nicht der Migros. Migros stellt im Wesentlichen ihre Marke, ihre Verkaufsstellen und ihre Marketingmöglichkeiten zur Verfügung.

Yallo, Wingo und Lebara fallen ebenfalls in dieses mittlere Segment. Hier haben die Anbieter ein Problem, sagt Beyeler. «Preislich sind sie nicht attraktiv genug, der Service ist oft nicht gut. Die Mitarbeitenden sind eher darauf getrimmt, Produkte zu verkaufen, als Probleme zu lösen.»

Dauerhaft günstige «Discount»-Player

Im dritten Segment – Beyeler nennt es «Discount-Segment» – spielen Zweitmarken der grossen Anbieter wie CHMobile (Sunrise) oder GoMo (Salt) eine Rolle, aber vor allem auch die unabhängigen Anbieter: Digital Republic, Spusu – und Galaxus Mobile. Hier geht es vorrangig um den Preis.

Die unabhängigen Anbieter kaufen Netzkapazität bei den grossen Betreibern ein und geben günstige Dauerpreise weiter. «Die kommen nicht von überhöhten Mondpreisen und bieten dann Rabatte», sagt Beyeler. «Die sind einfach dauerhaft günstig.»

Der Markt ist härter umkämpft als je zuvor. Warum erhöhen Swisscom, Salt und Sunrise trotzdem die Preise? Die Antwort auf die Frage liefert ein Blick auf deren Kundschaft. Es seien Leute, die jetzt schon 80 Franken pro Monat fürs Handyabo zahlen, erklärt Beyeler. Da schmerzt ein verhältnismässig kleiner Aufschlag nicht besonders, so wohl das Kalkül der Anbieter. Und, so Beyeler:

Die Schweizer Kundschaft war lange sehr träge – das hat den Anbietern das Leben leicht gemacht.

Der Platzhirsch heisst Swisscom

Wir reden hier nicht von wenigen Menschen: Laut der Eidgenössischen Kommunikationskommission ComCom hielt die Swisscom Ende 2024 einen Marktanteil von rund 54 Prozent und zählte 6,3 Millionen aktive Mobilfunkanschlüsse. Die hohe Zahl erklärt sich daraus, dass in der Schweiz nach SIM-Karten gezählt wird – und viele Nutzerinnen und Nutzer mehrere davon haben, etwa für Handy, Tablet oder Smartwatch.

Ebenfalls wichtig: Die 54 Prozent Marktanteil für die Swisscom enthalten auch die Zweitmarke Wingo und die Drittmarken Coop Mobile und Migros Mobile. Swisscom-CEO Christoph Aeschlimann hat gegenüber Ralf Beyeler erklärt, dass etwa 64 Prozent aller Mobilfunk-Abos von Swisscom über die Hauptmarke laufen, rund 36 Prozent über Zweit- und Drittmarken.

Der ehemalige Monopolist Swisscom hat in jedem Fall immer noch mit Abstand die meisten Kunden, mehr als Sunrise (26,5 Prozent Marktanteil) und Salt (18 Prozent) zusammen. Und weil der Standardpreis des vermutlich meistgenutzten Swisscom-Abos bei rund 80 Franken pro Monat liegt, dürfte ein erheblicher Teil dieser Kundschaft Jahr für Jahr nur knapp weniger als 1000 Franken für ihr Handy-Abo bezahlen – ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht.

Nur Preissensible wechseln schnell

Warum bleibt jemand Kunde, obwohl er oder sie deutlich zu viel bezahlt? Das Zauberwort aus dem BWL-Lehrbuch lautet: Zahlungsbereitschaft. Es gibt Kunden, die bereit sind für eine an sich gleiche Leistung mehr zu bezahlen. Nur ein Teil der Kundschaft ist tatsächlich preissensibel und wechselt, sobald ein besseres Angebot auftaucht. Laut einer Umfrage von Bonus.ch haben 2023 rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung weniger als 40 Franken pro Monat für ihr Abo gezahlt – 2014 waren es erst 22 Prozent. Der grössere Teil der Handynutzer und -nutzerinnen kümmert sich schlicht nicht darum, was das Abo kostet. Laut Bonus.ch-Umfrage gaben 54 Prozent der Befragten an, seit mehr als fünf Jahren beim gleichen Anbieter zu sein – und nur rund 23 Prozent haben in den vergangenen zwei Jahren den Anbieter gewechselt. Besonders ausgeprägt ist die Treue bei der Swisscom: 87 Prozent der Swisscom-Kundschaft sind seit mehr als fünf Jahren dort – während bei Yallo oder Coop Mobile über die Hälfte der Kunden erst innerhalb der letzten zwei Jahre dazugekommen sind. Für Swisscom bedeutet das: Die grosse Gruppe der Bestandskunden trägt Preiserhöhungen überwiegend klaglos mit. Wer wechseln will, tut es sowieso – und wer bleibt, bleibt.

Viel Rabatt, wenig Service

Die grossen Drei haben ein strukturelles Problem: Je grösser das Unternehmen, desto schwerfälliger die Prozesse. «Kundenservice wird von der Unternehmensleitung oft als Kostenfaktor betrachtet», erklärt Beyeler. Shops seien primär Verkaufsstellen, kein Ort zur Problemlösung. «Man wird abgewimmelt, ins Ausland verlagert, es geht darum, Produkte zu verkaufen.» Klar, es gibt dort durchaus richtig guten Service. Doch eben auch krasse Fälle wie diesen: Im Februar deckte «Kassensturz» die Masche eines Salt-Shops auf, in dem einige Mitarbeiter arglosen Senioren unnütze Verträge, mehrere Handys und Musikboxen aufgeschwatzt haben.

Rabatte auf Mondpreise

Ich frage Ralf Beyeler noch nach den Plakaten, die mich mit «70 Prozent Rabatt!» locken. Für den Experten ist klar: Die Abos, die da mit dem sensationell anmutenden Rabatt angepriesen werden, sind so gut wie nie zum Normalpreis erhältlich. Diese dienen lediglich dazu, dass man die Preise durchstreichen kann, um Neukunden anzulocken. Es gibt Anbieter, bei denen der Aktionsrabatt nur für eine begrenzte Zeit gilt, zum Beispiel bei einem Vertrag mit 24 Monaten Mindestlaufzeit für die ersten zwölf Monate. Damit zahlt der Kunde für die halbe Laufzeit den vollen Preis, erklärt Beyeler. Der Rabatt ist dann nur noch halb so gross wie angepriesen. Es lohne sich deshalb, die gesamten Kosten zu betrachten, wenn man sich für eine gewisse Zeit an einen Anbieter bindet, zum Beispiel bei Moneyland.

Besonders tückisch sind Angebote wie der «lebenslange Rabatt». Hier behält sich der Anbieter vor, den Basispreis zu erhöhen. Wer als Kundin meinte, vor Preiserhöhungen geschützt zu sein, schaut in die Röhre. Anders verhält es sich beim «lebenslangen Preis». Theoretisch. Denn auch bei diesen Angeboten krebsen die Anbieter zurück. Schlagzeilen hat hier ein Fall bei Wingo gemacht. Die Swisscom-Tochter hatte den Preis trotz des Versprechens des lebenslang gleichen Preises erhöht, begründet durch bessere Leistung.

Reden die Grossen über Preise?

Interessant ist, was die Chefs der grossen Anbieter in letzter Zeit öffentlich verlauten lassen. Der Salt-CEO sagt, er würde sich weniger intensive Rabattschlachten wünschen. Max Nunziata beklagt den Preiszerfall bei Mobilfunkabos. «Damit verliert die ganze Industrie.»

Swisscom liess verlauten, man wolle die neue Sunrise-Discountmarke CHMobile nicht mit einer eigenen Billigmarke kontern. Für Konzernchef Christoph Aeschlimann wäre klar: «Am Ende sind alle wieder an einem ähnlichen Ort wie vorher, aber mit tieferen Preisen.»

Experte Beyeler interpretiert solche Aussagen als versteckte Marktsignale: Die Grossen zeigen, dass ihnen die Rabattdynamik nicht gefällt – und kommunizieren das quasi öffentlich, ohne sich aber natürlich abzusprechen. Das wäre rechtlich nämlich unzulässig, Stichwort Weko. Das Problem: «Wer sich zuerst zurückhält, verliert trotzdem. Die Kunden gehen dann zu anderen Anbietern.» Das klassische Gefangenen-Dilemma. Die Anbieter scheuen das Risiko aus dem Rabatt-Spiel auszusteigen, weil sie fürchten müssen, dass die Konkurrenz es nicht tut und deshalb kurzfristig gewinnt.

Kundenbindung auf die unfeine Art

Wenn ein Anbieter einen Kunden oder eine Kundin einmal mit hohem Werbeaufwand gewonnen hat, soll dieser natürlich möglichst lange gehalten werden. Deshalb gibt es Unternehmen, die den Prozess der Kündigung maximal schwierig gestalten: ewiges Warten am Telefon oder komplizierte Klauseln, wann eine Kündigung überhaupt einzureichen ist. Sie kommen aber nicht mit allem durch: So hat das Bezirksgericht Zürich Ende April 2026 ein wegweisendes Urteil gefällt: Es gab der Stiftung für Konsumentenschutz gegen Sunrise recht und erklärte zwei AGB-Klauseln für rechtswidrig. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.

Erstens: Preiserhöhungen aufgrund steigender Teuerung sind nicht zulässig, wenn Kunden dabei kein ausserordentliches Kündigungsrecht erhalten. Zweitens: Kündigungen müssen schriftlich möglich sein – nicht nur per Telefon oder Chat. Die Geschäftsleiterin des Konsumentenschutzes, Sara Stalder, sieht im Urteil ein Signal, das über den Einzelfall Sunrise hinaus Bedeutung hat. Auch Salt und Swisscom würden ihre Tarife teilweise ohne die Möglichkeit einer ausserordentlichen Kündigung erhöhen. Sunrise hat angekündigt, das Urteil weiterzuziehen – es ist damit noch nicht rechtskräftig. Für Sunrise-Kunden ändert sich vorerst nichts. Die Richtung aber ist klar: Die Zeit, in der Anbieter einseitig erhöhen und gleichzeitig das Kündigen erschweren konnten, läuft ab.

Guter Service ohne hohe Kosten

Wie wählst du als Kundin oder Kunde den passenden Anbieter für dich? «Ein günstiger Preis ist gut, aber es muss nicht unbedingt das absolut billigste Angebot sein», sagt Beyeler. «Es gibt andere Faktoren: Kundenservice, Haltung der Firma, Fairness.» Klar ist: Wer den Markt gut kennt und die Angebote vergleicht, kann erheblich sparen. Wem guter Kundenservice wichtig ist, muss dabei nicht zwangsläufig hohe Preise zahlen. In einer aktuellen Zufriedenheitsumfrage von Moneyland hat zum Beispiel Galaxus Mobile besser abgeschnitten als die Grossen. Trotz oder vielleicht sogar gerade, weil hier agiler gearbeitet wird und die Strukturen schlanker sind. «Es hilft, wenn man als neuer Anbieter quasi auf der grünen Wiese neu starten kann und Teams sehr effizient arbeiten können», so Beyeler. Die Grossen, gerade die Swisscom, haben über die Jahre und Jahrzehnte immer mehr Geschäftsbereiche ausgebaut. Das macht sie mitunter schwerfällig. Auf der anderen Seite sichern sie mit sehr vielen Shops vor Ort den Service für eine meist ältere, digital unerfahrene Kundschaft, die den Mensch-zu-Mensch-Kontakt schätzt.

Jüngst war zu lesen, dass nach den Preiserhöhungen die Bearbeitungszeiten länger waren. Das kann man als Hinweis deuten, dass vielleicht mehr Kunden und Kundinnen als erwartet reagiert und gekündigt haben. Für Beyeler ist das grundsätzlich positiv: «Schon gut, wenn die Kunden agieren und sich wehren.»

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Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln. 


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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