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Kennst du noch? «Under a Killing Moon»

Tex Murphy, Privatdetektiv. Kürzlich geschieden, blank, mit Alkoholproblem. Der tollpatschige Hauptcharakter der «Tex Murphy»-Reihe war nicht gerade ein Vorbild. Dennoch habe ich 1994 als Elfjähriger das Spiel geradezu vergöttert.

Murphy lebt im San Francisco des Jahres 2042. Der dritte Weltkrieg hat die Gesellschaft tiefgehend verändert. Okay, so tiefgehend auch wieder nicht. Typisch für Science-Fiction-Werke spiegelt das Spiel Missstände in unserer Gesellschaft wider – nicht, dass mir das als Elfjähriger aufgefallen wäre. Statt einer Klassengesellschaft ohne merkliche physische Unterschiede gibt’s im Jahr 2042 zwei Arten von Menschen: die Norms und die Mutanten.

Wie in den 90ern üblich – Tschernobyl und der Kalte Krieg waren noch besser im Gedächtnis verankert als heute – war die grösste Angst der Bevölkerung ein nuklearer Krieg. Mit der Angst vor den Folgen spielt das Spiel. Die Körper der Mutanten haben sich aufgrund der Radioaktivität auf verschiedenste Weise verändert. Die Norms haben nach wie vor Körper wie wir, weil sie gegenüber der Radioaktivität immun sind.

Den Mutanten siehst du ihre Mutationen mehr oder weniger an.

Im Gegensatz zu Mutanten in anderen Spielen lechzen sie in «Under a Killing Moon» nicht nach deiner Gehirnmasse. Sie versuchen sich eine eigene, friedliebende Identität neben den Norms aufzubauen. Das macht sie äusserst liebenswert. Da ist der Schokoholiker Clint, der in einer Mülltonne lebt. Er hat durch die Radioaktivität nur ein Auge. Beek Nariz ist offensichtlicher als Mutant auszumachen. Seine Nase hat Ähnlichkeit mit dem Rüssel eines Elefanten.

Darum geht’s

Mitten unter ihnen lebt Tex Murphy. Mit Trench Coat und Fedora wirkt er direkt aus einem Film Noir entsprungen. Der Humphrey Boagartsche Charakter hat Adventure-Genre typisch mehr Glück als Verstand. Das und sein trockener Humor mit den teils derben Sprüchen machen ihn äusserst sympathisch. Murphy wird übrigens von Chris Jones, Designer und Regisseur des Spiels, gespielt. Das ergab sich aus dem Hobby von Jones, dem Drehen von Kurzfilmen. Aus Budget-Gründen haben weitere am Projekt beteiligte Personen kleinere Rollen übernommen. Dazu haben aber auch Hollywood-Grössen wie Brian Keith, Margot Kidder oder Russel Means mitgespielt. Und last but not least – das wurde auf der Packung gross angepriesen: James Earl Jones.

Und den kriegst du gleich zu Beginn zu hören. Nach Darth Vader und Simbas Vater erreicht James Earl Jones endgültig Gottstatus. Diesen spricht er nämlich. Mit ironischem Unterton erklärt er seinem Assistent, dass Tex Murphy nicht am besten geeignet ist, die Welt zu retten.

Nach einer weiteren kurzen Sequenz erfährst du, dass auch 2042 die Nazis immer noch aktiv sind – in Form einer Sekte. Dann bist du endlich bei Murphy. Dieser ist ganz unten angekommen. Seine Frau hat ihn verlassen, seine Detektei läuft überhaupt nicht und auch die droht er zu verlieren.

Um an Geld zu gelangen, geht Murphy Klinkenputzen. Glücklicherweise wurde vergangene Nacht das Pfandhaus ausgeraubt. Murphy hat einen Fall und kann endlich Geld verdienen. Das Spiel ist in Kapitel aufgeteilt die jeweils einen Tag dauern. Die Tage werden jeweils mit einer Word-Art-Grafik artigen Animation angekündigt. Heute sieht das bei gefühlten acht Frames pro Sekunde furchtbar aus, für mich war’s das höchste der Gefühle den Screen zu sehen. Endlich ein neues Kapitel, wie geht’s weiter?

Nach dem einführenden Kapitel wird Tex von der Countess Renier damit beauftragt, eine gestohlene Statue wiederzufinden. Ab hier verstrickt sich Murphy in den Plot der Nazi-Sekte, die Welt ethnisch zu säubern. Du siehst, die Story ist äusserst absurd. Trotzdem zog mich die klassische Detektivgeschichte von Anfang an in ihren Bann.

Wie spielt es sich

Das Spiel ist ein Hybrid aus interaktivem Film mit Echtzeit-3D. Damit passt es in die damalige Zeit. Der grosse Full-Motion-Video-Boom neigte sich dem Ende zu und die Echtzeit-3D-Revolution stand ganz am Anfang. Mich hat der Mix damals begeistert. Und auch heute noch wird mir ganz warm ums Herz, wenn ich mir Sequenzen anschaue. Obwohl ich doch etwas Angst vor Augenkrebs bekomme.

Steuern tust du Murphy mit Tastatur und Maus aus der Ego-Perspektive. Die Steuerung ist aber definitiv nicht mehr Zeitgemäss. Um dich umzuschauen, musst du tatsächlich bis zu sieben Tasten bedienen, die dich dann in verschiedenen Graden in die jeweilige Richtung blicken lassen. Einfach nur mühsam.

Auch die Rätsel sind teilweise sehr verwirrend. Glücklicherweise erhältst du durch Interaktionen In-Game-Punkte. Diese kannst du gegen Tipps tauschen. Durch einen Bug habe ich im Prinzip unendlich viele Punkte erhalten. Öffne ich ein bestimmtes Fass immer und immer wieder, belohnt mich das Spiel fälschlicherweise jedes Mal mit Punkten für die Aktion. Eigentlich gibt’s die immer nur einmal. Was habe ich das gefeiert – mein erster Kontakt mit dem Cheaten.

Dank diesem System habe ich herausgefunden, dass ich einen Bösewicht erschrecken kann, indem ich eine Clownpuppe an einem Kran anbringe oder ein Lasersystem mit einer Spielzeug Armbrust deaktiviere.

Aber auch sonst bietet das Spiel einiges an netten Details. Da wäre Murphys unglaublich tolles Auto, das ein bisschen wie ein DeLorean auf Steroiden wirkt. Auf dem Nummernschild steht übrigens «PVT – DICK», eine nette Anspielung, die mir erst jetzt als Erwachsener auffällt. Zudem ist das Spiel ein tolles Zeitzeugnis. Murphy erhält den Auftrag von Countess Renier per Fax. Genau, du hast richtig gehört. Im Jahr 2042, wie es sich die Entwickler 1994 vorgestellt haben, wird immer noch gefaxt. Aus heutiger Sicht einfach toll.

Must-Play

Ein interaktiver Film, gedreht von einem Hobby-Filmemacher, der gleichzeitig auch noch den Hauptcharakter neben weiteren Laiendarstellern und alternden Hollywood-Stars spielt. Kann das gutgehen? Im Fall von «Under a Killing Moon» ist es definitiv gutgegangen. Es sind nämlich nicht die Präsentation, die Geschichte oder die Rätsel, die «Under a Killing Moon» auch heute noch spielbar machen, sondern die liebevollen Charaktere. Allen voran Chris Jones alias Tex Murphy. Nicht, dass Jones sonderlich gut spielen würde, das tut er definitiv nicht. Aber genau das macht den Charme des Charakters aus. Irgendwie nimmt man Jones den Tex Murphy ab. Das tue ich auch nach all den Jahren noch. Und dass sich das Spiel wie ein Mix aus «Blade Runner», «Twin Peaks» und «Fallout» anfühlt, macht es auch heute noch zu einem Must-Play.

User

Kevin Hofer, Zürich

  • Editor
Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten ist meine Leidenschaft.

1 Kommentar

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User crazypif

Danke für den herrlichen Bericht! Da wurden einige Erinnerungen wieder wach...
nichts geht über ein bisschen Retro ;-)

23.07.2018