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Kennst du noch? «Parasite Eve»

Eine tatsächlich starke, weibliche Protagonistin, die ihren ersten Auftritt in einem knappen schwarzen Kleid hat? Check. New York City als Schauplatz? Check. Tiere, die mutieren und Menschen, die sich spontan selbst entzünden? Check. «Parasite Eve» bot 1998 alles, was ich mir als Fünfzehnjähriger von einem Videospiel erhoffte.

Die Freiheitsstatue weint. Das bedeutet nichts gutes, dachte ich mir, als ich die ersten Sekunden der Intro-Sequenz von «Parasite Eve» gesehen habe. Weiter geht die Sequenz mit einer Kamerafahrt durch die Häuserschluchten von New York City.

Vor der Carnegie Hall macht die Kamera Halt und ich sehe zum ersten mal Aya Brea, NYPD-Rookie und Hauptcharakter des Spiels. Sie ist auf einem Blind Date. Was folgt, sind die wohl langweiligsten drei Minuten der Videospielgeschichte. In schönster Pixelpracht muss ich mir eine Oper aus der Sicht von Aya anschauen – und das nur mit Untertiteln.

Doch dann folgt erneut eine der für damalige Zeiten genial animierten Zwischensequenzen. Jetzt singt die Schauspielerin, sie heisst Melissa Pearce, sogar mit Audioausgabe. Dazu gehen alle Anwesenden – ausser Melissa, Aya und ihrer Begleitung – spontan in Flammen auf. Squaresoft hat hier im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuerwerk gezündet. Ich genoss das damals wahnsinnig, zumal ich mir die Szene auf meiner Home-Cinema-Anlage hunderte Male angeschaut habe. Selbstverständlich mutiert die gute Melissa im Anschluss in ein neuartiges Wesen, das die Menschheit als herrschende Spezies ablösen will.

Menschen, die in Flammen aufgehen – was will man als Fünfzehnjähriger mehr?

Wie sich im späteren Spielverlauf herausstellt, spielen die Mitochondrien von Eve – so nennt sich die mutierte Melissa künftig – verrückt. Und auch Aya scheint irgendwie davon betroffen, weshalb sie nicht in Flammen aufging. Mehr will ich dir aber nicht verraten. Dafür spielst du das Spiel am besten selbst oder schaust dir ein Let’s play an.

Nichts für Optimisten

«Parasite Eve» ist dunkel. Inhaltlich und vom Gamedesign her. Das Spiel ist in einem Grauton gehalten. Es ist irgendwie immer dunkel und das winterliche New York City erzeugt eine beklemmende Atmosphäre. Inhaltlich ist die Story sehr verworren. Wenn ich ehrlich bin, habe ich damals nicht allzu viel davon verstanden. Ich meine: verrücktspielende Mitochondrien, die irgendwie ein Eigenleben entwickeln und ihr eigenes Ego namens Eve entwickeln? Geht es noch durchgeknallter? Und als wäre das Ganze nicht genug, wird dir auch noch eine pseudowissenschaftliche Erklärung dafür vor den Latz geknallt.

Hier mutiert eine Ratte.

Dann gibt’s da noch Aya Brea. Der wohl bis heute stärkste weibliche Hauptcharakter in einem Spiel. Ok, sie trägt zu Beginn des Spiels ein schwarzes, knappes Kleid. Aber im Gegensatz zu anderen weiblichen Hauptcharaktern wird sie nie sexualisiert. Aya ist tough, aber ohne in ein Mann-in-Frauen-Körper-Schema zu verfallen. Sie ist ruhig, reflektiert und scheint trotz wirrer Story und dreischwänzigen Ratten nie ihr Ziel aus den Augen zu verlieren. Hier hat Squaresoft Mut bewiesen und einen weiblichen Hauptcharakter geschaffen, den ich so bis heute nicht mehr in Videospielen gesehen habe. Nicht, dass mir das als Fünfzehnjähriger bewusst gewesen wäre.

Eigenwillige Mechanik

Von der Fachpresse wurde «Parasite Eve» als Mischung zwischen «Resident Evil» und «Final Fantasy 7» gehandelt. Das mag zwar vom Game-Design und der Stimmung her stimmen, wird der Spielmechanik aber nicht gerecht.

Was das Spiel von «Resident Evil» unterscheidet, ist, dass «Parasite Eve» ein für damalige Zeiten komplexes Waffen- und Rüstungsmodding-System enthält. Zudem steigst du Rollenspieltypisch mit gesammelten Erfahrungspunkten Level auf und erhältst BP, die du in deine Fähigkeiten stecken kannst.

Die Kämpfe in «Parasite Eve» laufen JRPG-typisch rundenbasiert ab. Im Gegensatz zu «Final Fantasy 7» wechselst du aber nicht in einen speziellen Kampfbereich. Die Gegner erscheinen per Zufallsprinzip vor dir und du kannst Aya in einem gegebenen Rahmen frei steuern.

Ein solches Kampfsystem habe vorher nie gesehen.

Das Kampfsystem ist sehr eigenwillig. Aber als Fan von JRPGs war es für mich damals perfekt. Endlich hatte ich auch etwas zu tun, währenddem sich meine Statusleiste füllt und musste nicht zuschauen, wie mein Charakter hilflos verkloppt wird. In heutigen JRPGs darfst du dich häufig frei bewegen. «Parasite Eve» war hier ein Vorreiter.

Ecken und Kanten

Das Spiel passte perfekt zur Experimentierfreude von Squaresoft Ende der 90er Jahre – die Goldenen Jahre der Playstation sozusagen. Das Unternehmen produzierte zu jener Zeit diverse äusserst eigenwillige Spiele. «Parasite Eve» ist ein ruhiges, reflektiertes Spiel ohne Hektik, das Squarsoft als «Cinematic JRPG» vermarktete.

Apropos Hektik: Die Dialoge und Zwischensequenzen habe ich in jener Zeit gefeiert. Die Dialoge empfand ich als packend und die Zwischensequenzen visuell bombastisch. Wie für JRPGs damals üblich, fehlte aber die Sprachausgabe komplett. Aus heutiger Perspektive geht den Dialogen und Zwischensequenzen deshalb einiges an Emotionalität ab.

In Europa ist das Spiel bis heute nicht erschienen. Ich habe mir «Parasite Eve» als US-Import geholt. Der war auch Grund dafür, dass ich meine Playstation mit einem Mod-Chip zum Abspielen von Importen versehen habe. Bis dahin habe ich jeweils den Wechseltrick verwendet. Dabei musstest du den Deckel der Playstation offen lassen, und während dem Bootvorgang eine PAL-Version irgendeines Spiels mit dem Import tauschen und zwar zwei Mal. Leider hat das bei «Parasite Eve» nicht geklappt. Und wenn du kein Schwarz-Weiss-Bild wolltest, musstest du dir ein RGB-Scart-Kabel zulegen. Das war sowieso zu empfehlen, bei den Röhrenfernsehern war das RGB-Kabel das höchste der Gefühle in Sachen Bildqualität.

Kommt da noch was?

«Parasite Eve» hat zwei Nachfolger erhalten. 1999, also nur ein Jahr später, erschien «Parasite Eve 2» ebenfalls auf der Playstation und 2010 «The 3rd Birthday» auf der Playstation Portable. Ende November 2018 hat Square Enix – wie das Unternehmen seit 2003 heisst – «Parasite Eve» in Europa gesetzlich schützen lassen. Vielleicht kommen auch wir jetzt endlich in den Genuss dieser Perle. Oder hat Square Enix etwa vor, ein HD-Remake oder gar ein richtiges Remake zu veröffentlichen? Ich kanns kaum erwarten. Hoffentlich gibt’s zumindest ein HD-Remake. Die Pixelgrafik von «Parasite Eve» ist sehr schlecht gealtert. Und vielleicht erfahre ich dann endlich, wieso ausgerechnet Ayas Blind Date das Massaker zu Beginn des Spiels überlebt hat.

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Kevin Hofer, Zürich

  • Editor
Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten ist meine Leidenschaft.

2 Kommentare

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User lalalala18

Ich hab PE2 bestimmt 12x durchgespielt -der Endgegner war dort eigentlich nur mit der Maeda™ zu bezwingen. Das beste war aber die Musik, höre sie heute noch..
Eine Neuauflage in HD, das wär schon was.

04.12.2018
User White Angel

Parasite Eve 1 eine Perle seiner Zeit! Trotz meiner damals eher Bescheidenen Englisch Kenntnisse habe ich mir das Spiel trotzdem per Import gekauft, da es leider wie bekannt nie in Europa oder geschweige auf Deutsch auf den Markt erschien. Teil 2 wahr ja kein schlechtes Spiel, für mich steht er trotzdem ziemlich im Schatten des Vorgängers.

04.12.2018