Keine Freunde? Dann ist «Ghost Recon Wildlands» wohl nichts für dich
Review

Keine Freunde? Dann ist «Ghost Recon Wildlands» wohl nichts für dich

Philipp Rüegg
Zürich, am 10.03.2017
Ubisofts neuer Militärshooter ist ein zweischneidiges Schwert. Die Einflüsse anderer bekannter Marken des Studios sind unverkennbar. Nicht alle Ideen funktionieren dabei gleich gut und wenn ihr alleine spielt, noch viel weniger als wenn ihr mit Freunden spielt.

«Muss das wirklich sein?» Nachdem ich unzählige Stunden in den fantastischen Spielen «Horizon Zero Dawn» und «Zelda Breath of the Wild» verbracht habe, ist mir so gar nicht nach einem generischen Militärshooter. Nicht weil ich grundsätzlich was dagegen hätte, weit gefehlt, nur bin ich grad etwas verwöhnt und übersättigt von Openworld-Spielen. Denn auch Ubisofts neues Spiel setzt auf eine riesige offene Spielwelt. Bolivien genauer gesagt. Trotz meiner anfänglichen Skepsis, fand ich dann aber doch noch den Spielspass in «Tom Clancy's Ghost Recon Wildlands». Allerdings ist das primär meinen Freunden zu verdanken. «Ghost Recon Wildlands» birgt viel Potential, das man allerdings selber aussschöpfen muss. Beginnen wir mit den negativen Aspekten.

Gründe, das Spiel nicht zu kaufen

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«Wo sind nur meine Freunde?» Alleine macht das Spiel nur halb so viel Spass.

Das Spielprinzip von «Wildlands» kann auf folgende Elemente heruntergebrochen werden: Sammeln und Ballern. Das Spiel bietet zwar eine Story und diverse Haupt- und Nebenmissionen, aber in der Ausführung unterscheiden sie sich fast nur im Umfang. Ihr reist zu Fuss, mit dem Jeep, dem Helikopter oder dem Flugzeug von einem Punkt zum nächsten, sammelt Ressourcen und Upgrades ein und ballert alles nieder, was euch vor die Flinte kommt – ausser Zivilisten. Dann kriegt ihr von euren Kameraden nette Sachen wie «Fuckface» «Fuckstick» oder «Shitballs» zu hören.

Als amerikanische Sondereinheit spielt ihr in einem von Drogen- und Waffenhandel verseuchten Bolivien Richter und Henker. Im Kampf gegen das Santa-Blanca-Kartell seid ihr als vierer Team unterwegs. Spielt ihr alleine, leisten euch drei computergesteuerte Kameraden Gesellschaft.

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Die Dialoge eure computergesteuerten Kameraden könnte teilweise auch ein 15-Jähriger geschrieben haben.

Die Geschichte interessiert dabei nicht die Bohne und die Dialoge eurer munteren Truppe könnten kaum infantiler ausfallen. Einerseits sprühen sie von Profanitäten – siehe oben – die so aufgesetzt und plump wirken, dass es sogar mir als Fan von Fäkalsprache zu dumm wird. Zudem passen die Sprüche nicht zum Rest des Spiels, das sich viel zu ernst nimmt. Hier hätte sich «Wildlands» eine dicke Scheibe von «Just Cause 3» abschneiden können.

Kommt dazu, dass die Spielfiguren immer und immer das gleiche labern. Wenn ich einen Peilsender in einer Kiste verstecke, brauche ich nicht jedes mal zu hören, dass die Rebellen sie damit später abholen können. Im exakten Wortlaut! Und es gibt verdammt viele solcher Kisten und Fässer einzusammeln. Spielt ihr mit Freunden, muss übrigens jeder einzelne seinen Sender anbringen, um die Ressourcen einzusammeln. Das heisst, ihr steht wie vier Deppen um eine Kiste herum und wartet, bis ihr an der Reihe seid. Das hat schon beim Aufmunitionieren in «The Division» tierisch genervt.

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Irgendwelche Bösewichte machen irgendwas böses. Die Lösung? Alle umnieten.

Quests laufen meist auf das gleiche Hinaus. Irgendwo befindet sich etwas, das ihr haben wollt oder jemanden, den ihr verhören müsst. Also düst ihr auf direktesten Weg dorthin, mäht jeglichen Widerstand nieder und holt euch, was ihr braucht. Seid ihr dabei mit einem computergesteuerten Team unterwegs, ist es fast noch einfacher als mit echten Spielern. Dank Fähigkeiten wie Sync-Shot könnt ihr eure Kameraden anweisen, Gegner auszuschalten. Die KI trifft immer ins Schwarze. Damit räumt ihr im nu eine ganze Basis leer.

Fast schon amüsant ist es, wenn ihr beim Infiltrieren auf Zivilisten trefft. Kein einziger käme jemals auf die Idee, jemanden zu informieren, dass hier gerade vier schwerbewaffnete Amis im Lagerhaus herumschleichen. Sie geben sich damit zufrieden, milde überrascht dreinzugucken oder ignorieren euch komplett. Zudem scheint in Bolivien Klonen schon sehr weit fortgeschritten zu sein. Denn die Gegner sehen praktisch alle gleich aus.

Gründe, das Spiel zu kaufen

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Mit Freunden blüht das Spiel auf.

So, genug gemotzt. Falls euch bis hierhin die Lust noch nicht vergangen ist, freut euch: Denn «Ghost Recon Wildlands» hat auch seine guten Seiten und die machen es je nachdem wie ihr zockt, zu einem äusserst unterhaltsamen Zeitvertreib.

Grosse, offene Spielwelten sind ansich nichts neues. Ubisoft kennt sich da aus. Längst ist es zu einem weiteren Punkt auf der Checkliste vieler Spieleentwickler verkommen. Dennoch hat mich die Welt von «Wildlands» in Staunen versetzt. Durch die vielen schnellen Fortbewegungsmittel muss sie zwangsläufig gross sein. Aber sie sieht auch lebendig aus. Mit hübschen Bergen und Tälern und ikonischen Landmarken. Dazu trägt die ausgezeichnete Grafik bei, die besonders auf dem PC glänzt. Nvidia hält hier wieder ein paar besondere Leckerbissen bereit für Spieler mit der entsprechenden Power unter der Haube. Denn das Spiel erfordert einen leistungsstarken PC. Mit einer GTX 1080 und einer Auflösung von 3440x1440 Pixel und fast alle Einstellungen auf Ultra schwanken die Frames zwischen 35 und 50. Dann ist es aber ein echter Leckerbissen mit beeindruckenden Wettereffekten und einer blühenden Flora.

Die grösste Welt bringt euch nichts, wenn es darin nichts zu tun gibt. In «Wildlands» stehen euch verschiedenen Aufgaben zur Verfügung. Nicht unbedingt abwechslungsreiche, dafür gibt es jede Menge Waffen und Upgrades freizuschalten, die für Unterhaltung sorgen. Damit lohnt es sich für einmal die vielen Punkte auf der Karte abzuklappern.

Bevor ihr ein feindliches Lager stürmt, empfiehlt es sich vorher eure Drohnen loszuschicken. Damit könnt ihr aus sicherer Entfernung Gegner markieren und euer Vorgehen planen. Das läuft bei mir meist darauf hinaus, dass ich mir den erstbesten Eingang suche und reihenweise Kopfschüsse verteile. Hier zeigt sich, dass ihr in «Wildlands» auch etwas selber für euren Spielspass verantwortlich seid. Denn das Spiel bietet euch auch andere Vorgehensweisen und stellt euch ein grosszügiges Arsenal an Waffen und Ausrüstung zur Verfügung.

Ein Faktor multipliziert den Spielspass

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Schleichen ist nicht so meins.

Das wichtigste Element für den Spielspass und der Hauptgrund, warum ich das Spiel immer noch zocke, sind meine Freunde. Während dem Spiel mit KI-Compadres schnell die Puste ausgeht, dreht «Ghost Recon Wildlands» so richtig auf, wenn ihr mit bis zu drei Kumpels umherzieht. Zwar gilt das für die meisten Spiele, aber «Wildlands» bietet einfach den idealen Tummelplatz für gemeinsamen Schabernack. Missionen werden sowohl taktischer als auch unvorhersehbarer. Mal gelingt ein Vorgehen wie geplant absolut lautlos. Ein andermal bricht das Chaos aus, weil jemand von eurem Team (ich) es mal wieder nicht lassen konnte, die viel zu weit entfernte Wache umzuknipsen und dabei prompt den Alarm auslöst. Mit den verschiedenen Fahrzeugen und Gadgets könnt ihr feindliche Lager auf unterschiedliche Weise einnehmen, was gemeinsam nie langweilig wird.

Für mich ist klar: «Ghost Recon Wildlands» ist für Solospieler nur ein durchschnittlicher Shooter mit Bombengrafik und einer gigantischen Spielwelt. Mischt ihr das vom Santa-Blanca-Kartell unterdrückte Bolivien hingegen mit euren Kumpels auf, dann bietet euch Ubisofts jüngster Streich den perfekten Spielplatz euch nach Lust und Laune auszutoben.

Ghost Recon Wildlands (PC, DE, EN)
Ubisoft Ghost Recon Wildlands (PC, DE, EN)
Ghost Recon Wildlands (PS4, DE, FR, IT)
Ubisoft Ghost Recon Wildlands (PS4, DE, FR, IT)
Ghost Recon Wildlands (Xbox One, DE, FR, IT)
26.50
Ubisoft Ghost Recon Wildlands (Xbox One, DE, FR, IT)

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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