Instax Mini 9: Eine Kamera zelebriert das Anti-Foto
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Instax Mini 9: Eine Kamera zelebriert das Anti-Foto

Luca Fontana
Zürich, am 16.02.2018
Manchmal nerve ich mich, wenn die Suche nach dem perfekten Shot den Moment ungenossen verstreichen lässt. Gut, gibt es die Instax Mini 9, die so schlechte Bilder macht, dass sie schon wieder gut sind. Eine durchaus ernst gemeinte Lobhudelei.

Instax Mini 9

Du unhandliches Stück Plastik, ich feiere dich. Und zwar sowas von. Nicht, weil du mit Mega-Brennweiten, Tiefenschärfen-Effekten und Unmengen an Einstellungsmöglichkeiten punktest. Ich feiere dich, weil du das alles nicht kannst. Ganz ehrlich, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zum Schluss:

Du bist die Anti-Kamera schlechthin.

Dabei geht es mir nicht einmal darum, dich selbst abzufeiern. Denn du kannst ja eigentlich nichts. Ich feiere aber das Prinzip des Anti-Fotografierens. Und da bist du König.

Die *besten schlechten Kameras** aller Zeiten
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Ich finde es toll, dass die Fotos meiner Katze mit ausgestrecktem Bäuchlein nur wenig Instagram friendly sind. Überbelichtete Selfies und unscharf fokussierte Objekte gehören zur Tagesordnung. Eigentlich bist du völlig unbrauchbar.

Warum also schreibe ich diese Lobhudelei?

Weil du mich daran erinnerst, wofür die Fotografie ursprünglich erfunden wurde: Um Momente für die Ewigkeit einzufangen. Fünf Gründe, warum ich dich fest ins Herz geschlossen habe:

1. Miese Fotoqualität

Mies – aber doch irgendwie geil.
Mies – aber doch irgendwie geil.

Ich sag es einfach mal so, wie es ist: Die Fotoqualität ist mies. Allerdings nicht im Sinne von «Hey, diese Grütze von Foto ist total unbrauchbar» mies, denn die Farbwiedergabe ist realistisch und alles andere als blass. Eher im Sinne von «dank dem typischen Polaroid-Look sehen meine Fotos so aus, als ob ich sie vor 30 Jahren aufgenommen hätte» mies. Ganz ohne Snapchat-Filter.

Hochauflösend ist allerdings anders, und der Blitz belichtet den Vordergrund so sehr, dass alles, was nicht im Fokus steht, ins Dunkle tritt. Regelmässig sind Teile des Bildes völlig überbelichtet. Wirklich etwas dagegen unternehmen kann ich nicht. Du gibst mir gar keine Chance dazu. Wieder wird mir bewusst: Wie keine andere Kamera zelebrierst du das Anti-Foto.

Und genau das ist so toll an dir.

Frei von Zwängen nehme ich dich hervor, richte dein Objektiv auf die Szenerie, knipse, und packe dich wieder ein. Ich verschwende keine Sekunde mehr mit ISO-Werten, Brennweiten und anderem Firlefanz. Der Moment bleibt dynamisch und wird nicht von meiner Suche nach Perfektion ausgebremst. Ich lebe die Realität, fange Erinnerungen ein und höre endlich auf, die vorgegaukelte Fassade eines perfekten Instagram-Filters zu rekonstruieren.

2. Nur zehn Blatt pro Packung

Von Zehn nach Null – zählen ist hier einfach.
Von Zehn nach Null – zählen ist hier einfach.

«Nur zehn Schuss im Magazin – könnte knapp werden», habe ich einst gedacht. Und dann habe ich realisiert, dass ich die seltene Gabe besitze, mir zweimal zu überlegen, ob ich die Pizza al Forno tatsächlich fotografieren will.

Das hat mein Leben um rund sieben Prozent verbessert. Wo ich einst alles, was bei drei nicht auf dem Baum war, in sämtlichen Variationen, Posen und Mondphasen geknipst habe – bäh! – hast du mich gelehrt, wie viel Weisheit im Minimalisten-Credo «weniger ist mehr» steckt.

Heute mache ich das Bild, erfreue mich daran, und gut ist. Schliesslich ist der schönste Sonnenuntergang auch nur dann am schönsten, wenn ich ihn nicht bloss durch die Kameralinse, sondern mit meinen eigenen Augen betrachte.

3. Schier unerträgliche Spannung bei jedem Foto

Einmal Lächeln für die Kamera...
Einmal Lächeln für die Kamera...
... und langsam aber sicher sind Menschen zu erkennen.
... und langsam aber sicher sind Menschen zu erkennen.

Dramatische Pausen – die liebst du. Obwohl mein gehetzter Alltag schon genug Spannung besitzt, weisst du immer einen oben draufzusetzen. Denn du hast kein digitales Display, das mir vor dem Abknipsen das Ergebnis vorwegnimmt. Stattdessen spannst du mich auf die Folter, lässt die weisse Polaroid-Fläche nur langsam Formen und Konturen annehmen...

... ein wahres Fest.

Bei jedem Anti-Foto stehen Freundin, Bekannte und ich um das Polaroid-Foto versammelt. Wir, breit grinsend und lachend, schauen zu, wie sich unsere lustigen Visagen langsam aber sicher zu grässlichen Fratzen verwandeln. Wir können nicht anders, als so manches Foto ins Nirvana des Vergessens zu wünschen.

Und dann behalten wir die Anti-Fotos doch, weil sie das Leben so zeigen, wie es ist: brutal, irrwitzig und unvorhersehbar. Aber die Menschen, die mir nahestehen (wortwörtlich, der Bildausschnitt ist mit seinen 62 × 46 mm nicht besonders gross), schaffen es immer wieder, mir ein herzhaftes Lachen zu entlocken. Und so ist es auch mit deinen Anti-Fotos: Niemand wird verschont, Lacher sind garantiert – Emotionen, die solche Momente noch unvergesslicher machen, als sie es schon sind.

4. Unpraktischerweise gibt's jedes Bild nur einmal

Jedes Foto ist ein Unikat. Voll wertvoll. Imfall.
Jedes Foto ist ein Unikat. Voll wertvoll. Imfall.

Du konfrontierst mich mit einem Umstand, dem ich in der Fotografie schon lange nicht mehr begegnet bin: Der Einzigartigkeit. Nicht, weil du einzigartig schöne oder hässliche Bilder knipst. Sie sind einzigartig, weil es sie nur physisch und in einfacher Ausführung gibt. Knipsen und an vier WhatsApp-Gruppen à siebzehn Mitglieder verschicken? Fehlanzeige.

Aber das ist gut so. Wirklich.

Denn der Schnappschuss verliert seinen Reiz, wenn er unendlich replizierbar ist. Von deinen Anti-Fotos gibt es keine digitale Version, die in einer Cloud landet und überall auf der Welt abrufbar wäre. Jedes Bild wird gedruckt, ohne Sicherheitskopie: Ein Unikat, das den emotionalen Wert des Abzuges steigert. Und geht es kaputt, ist das Anti-Foto unwiderruflich weg. So, wie früher.

5. Nachbearbeiten? Unmöglich!

Auch ohne Snapchat-Filter kannst du muy creativo sein.
Auch ohne Snapchat-Filter kannst du muy creativo sein.

Es ist ja nicht so, als ob ich bei jedem Foto, das ich geschossen habe, am Tonwert rumfummle oder an der Gradationskurve experimentiere. Ich verstelle auch nie die Farbtemperatur, füge nur selten einen künstlichen Bokeh-Effekt hinzu. Solche Sachen brauche ich gar nicht.

Ausser manchmal. Zugegeben, ziemlich oft sogar. Eigentlich fast immer.

Zum Glück nimmst du mir den Zwang, das ohnehin perfekt komponierte Foto weiter pimpen zu wollen. Weil gross was zu retten gibt's ja nicht. Photoshop ist bei dir wirkungslos und meine Anti-Fotos bleiben erfrischend ehrlich. Du ahnst gar nicht, wie viele rühmenswerte Fotos ich schon geschnappschusst habe, die ich normalerweise via Filter aufpeppen würde – auf Kosten der Authentizität.

Instax Mini 9, wir wurden füreinander geschaffen

Das unnütze Ding gebe ich nicht mehr her!
Das unnütze Ding gebe ich nicht mehr her!

Ich weiss, ich weiss. Es ist manchmal schwer, Komplimente anzunehmen. Aber du hast sie dir verdient, Instax. Denn dank dir kann ich das Anti-Fotografieren zelebrieren.

Profis und Enthusiasten mit Ambition werden mich mittlerweile lynchen wollen. Dabei möchte ich ihnen gar nicht die Freude an der anspruchsvollen Kunst der Fotografie nehmen. Oder sie gar schlechtreden. Es braucht sie, diese Kunst, ganz unbedingt sogar. Und manchmal ist auch der Weg das Ziel, nicht das Foto an sich, wie Senior Editor Dominik Bärlocher beweist:

*One Perfect Shot**: Wie ich für ein Foto meine ganze Wohnung umgestellt habe
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Wovon ich hier fachsimple, ist die Befreiung von Zwängen, die uns vergessen lassen, Momente auch mal zu erleben, statt sie nur zu fotografieren. Die Befreiung von der fixen Idee, dass nur perfekte Fotos den perfekten Moment einfangen könnten, obwohl es die Imperfektionen sind, die den Augenblick so einzigartig machen.

Und du, liebe Instax, in deiner Beschränkung mit gefühlt allem, was eine gute Kamera ausmacht, befreist mich von genau jenen Ketten.

Ein Hoch auf die Kamera, die das Anti-Fotografieren zelebriert.

Ein Hoch auf dich.

Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera.
Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera.
Gisèle Freund

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Luca Fontana
Luca Fontana
Editor, Zürich
Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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