Meinung

Ich liebe «Pokémon», aber so kann es nicht weitergehen

Die neuen Pokémon-Games machen unheimlich viel Spass. Sie sind auch unheimlich kaputt und voller Bugs. Selbst als grosser Pokémon-Fan muss ich sagen: genug ist genug.

Ich liebe «Pokémon Karmesin & Purpur». Bisher habe ich ungefähr fünfzehn Stunden in der riesigen, offenen Spielwelt verbracht. Dort habe ich unzählige süsse Taschenmonster gefangen, bin gegen starke Trainer angetreten und habe riesige Herrscher-Pokémon bezwungen. So viel Spass hatte ich mit einem Pokémon-Game schon lange nicht mehr.

Wenn ich meine rosarote Pokémon-Fanboy-Brille ablege, muss ich aber gestehen: «Karmesin» und «Purpur» sind kaputte, unfertige und – ich kann es nicht netter ausdrücken – hässliche Spiele.

Mit dieser ambivalenten Einstellung bin ich nicht alleine. Die neuen Spiele werden sowohl von Fans als auch von Kritikern gleichzeitig zerrissen und geliebt. Diese Ambivalenz hat aber keine Auswirkungen auf die Verkaufszahlen. Nintendo hat in nur drei Tagen über zehn Millionen Einheiten (!) von «Karmesin» und «Purpur» verkauft, und damit einen neuen Rekord aufgestellt. Zum Vergleich: Das erfolgreichste Playstation-Game des Jahres, «God of War: Ragnarök», hat es in der ersten Woche auf über fünf Millionen Einheiten geschafft.

Das Entwicklerstudio Game Freak scheint also alles richtigzumachen. Wieso mehr Zeit und Geld in ein Produkt investieren, wenn die Fans auch mit einem unfertigen Game zufrieden sind?

Vor diesen grossen Problemen steht die Pokémon-Franchise

Ich gebe es ja zu; ich bin Teil des Problems. Ich kaufe mir blind alle Pokémon-Games, egal wie schlecht sie bewertet werden. Jedes neue Spiel ist ein nostalgischer Ausflug in meine Kindheit. Pokémon fangen, trainieren und mit ihnen kämpfen – mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein.

Aber selbst die grössten Nostalgiker und Hardcore-Fans können die Augen vor den offensichtlichen Mängel in «Pokémon Karmesin & Purpur» nicht verschliessen.

Ich bin überzeugt: Game Freak steht nach dem Release der neuen Pokémon-Generation vor grossen Problemen, die der Marke Pokémon auf lange Sicht schaden können. Das Ganze erinnert mich an den desaströsen Launch von «Cyberpunk 2077» und den nachhaltigen Imageschaden, den CD Projekt Red davongetragen hat.

Ich habe die drei grössten Kritikpunkte zum aktuellen Stand der Franchise anhand von «Pokémon Karmesin & Purpur» zusammengefasst. Diese Probleme muss Game Freak spätestens mit der nächsten Pokémon-Generation angehen, um die Gunst der Fans zurückzuerlangen.

Problem #1: Trauriges Open-World-Design

Dieser Punkt illustriert meine innere Zerrissenheit am treffendsten. Einerseits bin ich glücklich, dass Game Freak die Gebete der Pokémon-Fans endlich erhört hat. Jahrelang hat sich die Community eine offene Spielwelt gewünscht. Weg vom altbackenen Spieldesign mit linearen Routen, hin zu einer grossflächigen Spielwelt mit vielen Freiheiten.

Die neuen Games bieten mir genau das – ich kann in die grosse, weite Welt ziehen und mich entweder den Hauptmissionen widmen oder mir die Zeit mit Kämpfen und Jagen vertreiben.

Die Welt in «Karmesin» und «Purpur» ist riesig. Und ziemlich leer.
Die Welt in «Karmesin» und «Purpur» ist riesig. Und ziemlich leer.
Screenshot: Domagoj Belancic

Das Problem an der riesigen Spielwelt: Sie ist leer und dient nur als leblose Kulisse für das Spielgeschehen. Ausser wilden Pokémon, Trainern und Items gibt es auf Paldea nicht viel zu entdecken. Spannende Nebenquests suche ich vergebens. Zudem wirken die Städte nicht wie echte Orte, sondern wie künstliche Filmkulissen, mit denen ich nicht interagieren kann.

Die Städte gehören zu den visuellen Highlights des Games. Leider gibt es auch hier nicht viel zu entdecken.
Die Städte gehören zu den visuellen Highlights des Games. Leider gibt es auch hier nicht viel zu entdecken.
Screenshot: Domagoj Belancic

Anfang Jahr hat Game Freak mit «Pokémon Legenden: Arceus» bereits ein Spinoff veröffentlicht, das nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert – grosse, leere Levels mit ganz vielen wilden Pokémon. Diese simple Formel fängt bei «Karmesin» und «Purpur» an, sich langsam abzunutzen.

Für kommende Spiele muss Game Freak ihr Open-World-Design radikal umdenken. Sonst verkommen die offenen Welten schnell zur langweiligen Routine – ähnlich wie die öden, linearen Routen aus den alten Pokémon-Games.

Problem #2: Lieblose Grafik von vorgestern

In den besten Momenten sieht die offene Spielwelt in «Pokémon Karmesin & Purpur» aus wie Games aus der frühen PS3-Ära. In den schlechtesten Momenten fühle ich mich an Spiele aus der Nintendo-64- und Gamecube-Zeit erinnert. Ich übertreibe nicht.

Matschige Texturen, hässliche Schatten und ganz viele Ecken und Kanten. Willkommen auf Paldea.
Matschige Texturen, hässliche Schatten und ganz viele Ecken und Kanten. Willkommen auf Paldea.
Screenshot: Domagoj Belancic
Nein, das ist kein Nintendo-64-Game von 1998, sondern eines der grössten Spiele dieses Jahres.
Nein, das ist kein Nintendo-64-Game von 1998, sondern eines der grössten Spiele dieses Jahres.
Screenshot: Domagoj Belancic
Die gekachelten Texturen sehen vor allem aus der Ferne einfach nur billig und lieblos aus.
Die gekachelten Texturen sehen vor allem aus der Ferne einfach nur billig und lieblos aus.
Screenshot: Domagoj Belancic

Ebenfalls traurig sieht es bei den Animationen aus. Viele Bewegungen kommen unfreiwillig komisch daher. Wie zum Beispiel in dieser kurzen Sequenz, die abgespielt wird, wenn ich ein Sandwich zu mir nehme. Mein Spielcharakter beisst in die Luft. In die LUFT! Und was machen meine Pokémon da im Hintergrund?! Das sieht alles so lieblos aus.

Zugegeben – Pokémon-Spiele haben sich noch nie durch ihre aussergewöhnliche Grafik ausgezeichnet. Vor der Switch-Ära war das auch kein Problem – die Games wurden auf dem Gameboy, DS und 3DS nur als «kleine» Handheld-Titel gesehen. Auf der Switch müssen sich die Spiele den Vergleich mit anderen Konsolentiteln gefallen lassen. Und in diesem Vergleich sehen die jüngsten Pokémon-Games wortwörtlich sehr alt aus.

Game Freak muss einen Weg finden, die Grafik auf ein akzeptables Niveau zu bringen. Die mittlerweile fünf Jahre alte Switch-Hardware kann keine Ausrede für lieblose Spielwelten sein.

Dass Open-World-Games auf Nintendos Hybrid-Konsole ganz hübsch aussehen können, haben Monolith Software mit «Xenoblade Chronicles 3» und Nintendo selbst mit «The Legend of Zelda: Breath of the Wild» bereits bewiesen. Twitter User Mr. Sinnoh illustriert die Unterschiede zwischen den Games in diesem Post:

Karge Landschaften in «Pokémon» (oben), wunderschöne Gebiete in «Xenoblade Chronicles 3» (unten rechts) und «The Legend of Zelda: Breath of the Wild» (unten links).
Karge Landschaften in «Pokémon» (oben), wunderschöne Gebiete in «Xenoblade Chronicles 3» (unten rechts) und «The Legend of Zelda: Breath of the Wild» (unten links).
Screenshot: Mr. Sinnoh

Problem #3: Schlechte Performance und Glitches

«Pokémon Karmesin & Purpur» sehen unspektakulär aus, dafür laufen sie sicher stabil, oder? Denkste. Die Performance ist über weite Strecken des Games ein Graus. Lange Ladezeiten zehren an meiner Geduld und überall ruckelt es.

Das Spiel kann ausserdem nicht gut mit Objekten in der Ferne umgehen. Wilde Pokémon und NPCs poppen erst unmittelbar vor meinem Spielcharakter auf. Das sieht nicht nur unschön aus, sondern hat auch negative Auswirkungen auf den Spielfluss.

Zudem werden weit entfernte Animationen mit sichtbar niedrigerer Bildwiederholrate abgespielt. Im Beispiel unten siehst du, wie ruckelig sich eine Windmühle aus weiter Entfernung dreht. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Switch-Hardware zu schwach für Windmühlen ist.

Als wären die unschönen Grafiken und die schlechte Performance nicht schon genug, leiden «Pokemon Karmesin & Purpur» auch an zahlreichen Glitches und Bugs. Das Video von Youtuber Beta Brawler fasst die Misere wunderbar zusammen.

Weil nicht alle Glitches in ein Video passen, gibt's hier auch noch Teil zwei, drei und vier.

Performance-Probleme sind für Pokémon-Games nichts Neues. Seitdem die Franchise den Sprung in die 3D-Welt gewagt hat, werden die Games von niedrigen Frameraten und langen Ladezeiten begleitet. Die technischen Probleme bei «Karmesin» und «Purpur» haben aber ein komplett neues Ausmass erreicht.

Einige Pokémon-Trainer und -Trainerinnen haben aufgrund der technischen Probleme bereits Rückerstattungen für das Game bei Nintendo beantragt – und erhalten. «Cyberpunk 2077» lässt grüssen.

Ich liebe dich, aber so kann es nicht weitergehen

Hinter der lieblosen Umsetzung und den technischen Problemen in «Karmesin» und «Purpur» stecken gute Games, die unheimlich viel Spass machen. Der altbekannte Pokémon Gameplay-Loop mit dem Sammeln, Kämpfen und Hochleveln der putzigen Monster würde hervorragend in einer riesigen, offenen Spielwelt funktionieren. Kaum auszudenken, wie sensationell gut die Spiele wären, wenn sich Game Freak mehr Zeit liesse. Oder wenn sie mit Open-World-Experten wie Monolith Software kooperierten – so wie es Nintendo für «The Legend of Zelda» auch schon gemacht hat.

Wie aber kann Game Freak dazu motiviert werden, mehr Zeit und Geld in die Entwicklung zu investieren? Pokémon-Games sind Selbstläufer, die sich unabhängig von ihrer Qualität millionenfach verkaufen. Eine nachhaltige, positive Veränderung kann bei einer so grossen Franchise nicht mit individuellen Kaufentscheidungen herbeigeführt werden. Ich kann mir das nächste Game aus Prinzip nicht kaufen – einen spürbaren Einfluss wird meine Entscheidung nicht haben.

Mein Gesichtsausdruck, wenn ich an das verschenkte Potenzial in «Pokémon Karmesin & Purpur» denke.
Mein Gesichtsausdruck, wenn ich an das verschenkte Potenzial in «Pokémon Karmesin & Purpur» denke.
Screenshot: Domagoj Belancic

Einen viel stärkeren Effekt kann hingegen der öffentliche Diskurs über das Game haben. Vor allem, wenn er, wie im Falle von «Karmesin» und «Purpur», überwiegend negativ gefärbt ist.

Ich bin überzeugt, dass die langjährige Kult-Franchise mit dem Launch der neuen Games einen Wendepunkt erreicht hat. Eine so heftige negative Kritik an neuen Pokémon-Spielen habe ich online noch nie gespürt. Und das ist gut so. Nintendo und Game Freak können die zahlreichen Meinungsartikel, Twitter-Shitstorms, Glitch-Compilations und vernichtenden technischen Analysen nicht ignorieren. Das Image der Marke Pokémon ist auf lange Sicht mehr Wert als einzelne Verkaufsrekorde, die durch unfertige Spiele erreicht werden.

Darum bleibt uns Pokémon-Fans aktuell nichts weiter übrig, als über den desaströsen Launch von «Karmesin» und «Purpur» zu reden und zu schreiben. Der Optimist in mir ist überzeugt, dass die Kritik aktuell laut und vernichtend genug ist, um eine nachhaltige positive Änderung herbeizuführen.

Titelfoto: Twitter / @t_a_b_e_r_u

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Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.


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