
Ich glaube, «Harry Potter» wird ein Riesenhit
HBO will «Harry Potter» noch einmal erzählen. Lange fragte ich mich: Wozu? Nach diesem Trailer glaube ich nicht nur, die Antwort zu kennen. Ich will endlich zurück nach Hogwarts.
Wenn es nach Warner Bros. ginge, dürfte dieser September vermutlich ein paar Grad kälter sein. Draussen hält sich der Sommer hartnäckig, als hätte niemand dem Wetter gesagt, dass langsam Herbst wäre. Dabei beginnt für viele von uns genau jetzt eine ganz besondere Jahreszeit.
Die Harry-Potter-Saison.
Ich weiss nicht, wann das eigentlich passiert ist. Irgendwann wurden die kalten Monate für mich jedenfalls untrennbar mit Hogwarts verbunden. Nach Hause kommen, draussen wird es früh dunkel, drinnen läuft «Harry Potter». Oder ich greife wieder zu den Büchern. Es ist dieses schwer zu beschreibende Gefühl von Heimkommen, obwohl dieses Zuhause aus einem Schloss voller Geister, sprechender Gemälde und erstaunlich laxen Sicherheitsvorkehrungen für Minderjährige besteht.
Der zweite Trailer zu HBOs «Harry Potter and the Philosopher's Stone» trifft mich deshalb gerade zur denkbar falschen Jahreszeit. Draussen ist es viel zu warm. Aber in meinem Kopf? Herbst. Und damit bald wieder Zeit für «Harry Potter».
Hogwarts darf endlich eine Schule sein
Der erste Trailer hatte mich bereits vorsichtig optimistisch gestimmt. Damals zeigte HBO vor allem Harrys miserables Leben bei den Dursleys: Dudley, der ihn schikaniert. Petunia, die ihm die Haare schneidet. Harry, der Molly Weasley dabei beobachtet, wie sie Ron am Bahnhof umarmt – und in seinem Gesicht diesen kleinen Stich von Sehnsucht trägt, weil er selbst nie erfahren hat, wie sich so etwas anfühlt. Das war gut. Vor allem aber zeigte es mir erstmals, was diese Serie den Filmen voraus haben könnte: Zeit.
Der zweite Trailer geht nun einen Schritt weiter. Weg vom Ligusterweg. Rein in die magische Welt. Zum Hogwarts-Bahnhof, in die grosse Halle, in die Schlafsäle und Klassenzimmer. Plötzlich fühlt sich Hogwarts nicht mehr nur wie die spektakuläre Kulisse einer Geschichte an, sondern wie eine Schule. Das klingt banal. Ist es aber nicht.
Da ist etwa Hermine, die ziemlich unbeholfen versucht, mit anderen Mädchen ins Gespräch zu kommen. Sie fragt nach der Ferienlektüre (sprich: freiwillige Hausaufgaben für die Sommerferien). Natürlich hat sie die gelesen. Vermutlich zweimal. Die anderen Mädchen schauen sie schräg an. Wer macht schon freiwillige Hausaufgaben?

Quelle: HBO / Warner Bros.
Es ist eine winzige Szene. Und trotzdem erzählt sie mir in wenigen Sekunden unglaublich viel über Hermine: wie gewissenhaft sie ist, wie sehr sie dazugehören möchte und warum ihr das gleichzeitig so schwerfällt. Sie ist muggelstämmig und damit genau wie Harry neu in dieser Welt. Anders als er versucht sie aber, ihre Unsicherheit mit Wissen zu erschlagen. Wenn sie schon keine Ahnung von Zauberern hat, dann wird sie eben alles darüber lesen.
Genau solche Momente konnten sich die Filme kaum leisten. Nicht, dass sie schlecht adaptiert waren – im Gegenteil. Aber ein ganzes Buch irgendwie in zweieinhalb Stunden zu pressen, ist nicht einfach. Eine Serie mit acht oder zehn Stunden pro Staffel kann dagegen bei Dingen verweilen, die für die Handlung eigentlich völlig unwichtig sind, für die Welt und ihre Charaktere darin hingegen alles bedeuten.
Ein Stundenplan sagt manchmal mehr als ein Drache
Mein Lieblingsdetail im Trailer ist deshalb ausgerechnet ein Stück Papier: Harrys Stundenplan.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Darauf stehen Verwandlung, Zauberkunst, Kräuterkunde, Zaubertränke, Verteidigung gegen die dunklen Künste und all die anderen Fächer. Astronomie – das kam im Filmuniversum bisher nie vor – findet natürlich nachts statt. Die einzelnen Lektionen sind fein säuberlich eingetragen, der Plan ist rappelvoll. Genau so, wie die Bücher Hogwarts immer beschrieben haben: nicht als Freizeitpark für Zauberer und Hexen, sondern als Schule, in der Harry neben dreiköpfigen Hunden und mörderischen dunklen Magiern auch noch verdammt viele Hausaufgaben erledigen muss.
Ich liebe das.
Nein, nein, nicht den Stundenplan selbst. Sondern das, was er verspricht: Dass wir vielleicht einmal erleben, wie sich ein ganzes Schuljahr in Hogwarts anfühlt. Dass Unterricht nicht nur dann stattfindet, wenn Professor Snape gerade eine wichtige Information für den Plot fallen lässt. Dass Harry, Ron und Hermine zwischen ihren Abenteuern tatsächlich Schülerinnen und Schüler sind. Mit Hausaufgaben, Prüfungen, Freizeit, Streit, Freundschaften und diesem ganz normalen Schulalltag, der nur zufällig daraus besteht, Alraunen (schreiende Pflanzen) umzutopfen und auf Besen durch die Luft zu rasen.
Genau danach habe ich mich gesehnt. Klingt komisch. Ist aber so.
Buchgetreu heisst nicht: bloss abschreiben
Noch interessanter finde ich allerdings etwas anderes. HBO hat immer wieder betont, die Bücher deutlich ausführlicher adaptieren zu wollen. Das klingt zunächst nach möglichst grosser Werktreue. Der Trailer zeigt aber: Offenbar verstehen die Verantwortlichen darunter nicht, einfach jede Buchseite sklavisch nachzuspielen. Zum Glück.
Wir sehen etwa Ron im Fuchsbau, als sein Hogwarts-Brief eintrifft. Den Fuchsbau lernen wir in den Büchern eigentlich erst in «Die Kammer des Schreckens» richtig kennen. Für die Handlung des ersten Buches brauchen wir diese Szene nicht. Für Ron als Figur dagegen schon.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Denn Ron ist innerhalb seiner eigenen Familie ein bisschen das fünfte Rad am Wagen. Bill und Charlie sind die grossen Brüder, der eine im Auftrag Gringotts’ in Ägypten, der andere in Rumänien in einem Drachenreservat. Beide führen längst ihr eigenes Leben. Percy ist der pflichtbewusste Vorzeigesohn. Fred und George sind – nun ja – Fred und George. Und Ginny ist als jüngstes Kind und einziges Mädchen etwas Besonderes.
Und dann ist da Ron.
Der Junge mit den gebrauchten Kleidern, dem gebrauchten Zauberstab und später der gebrauchten Ratte. Einer, der seine Familie über alles liebt und trotzdem ständig das Gefühl hat, im Schatten seiner Geschwister zu stehen. Wenn die Serie diese Familiendynamik früher aufbaut, dann ist das keine Abkehr von den Büchern. Sie benutzt lediglich ihre zusätzliche Zeit, um etwas sichtbar zu machen, das dort zwischen den Zeilen längst vorhanden ist.
Genau das wünsche ich mir von dieser Neuverfilmung. Nicht mehr «Harry Potter», nur weil mehr «Harry Potter» reinpasst. Sondern mehr von seinen Figuren. Ein Shot beschäftigt mich dabei besonders.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Wir sehen einen Mann und eine Frau, die gemeinsam über eine Brücke laufen und mit ihren Zauberstäben ein magisches Funkeln erzeugen. Für mich sieht das stark nach James und Lily Potter aus – also Harrys Eltern, bevor aus ihrer Geschichte jene Tragödie wurde, mit der alles beginnt. Der Trailer selbst bestätigt allerdings nicht ausdrücklich, dass sie es tatsächlich sind.
Falls meine Vermutung stimmt, wäre auch das eine Ergänzung. Und eine, die ich gerne nehme. Denn James und Lily existieren in Harrys Geschichte zunächst fast ausschliesslich als Verlust. Als Fotos. Erinnerungen. Erzählungen anderer Menschen. Zwei Tote, deren Abwesenheit Harrys gesamtes Leben bestimmt. Die Filme haben dafür wunderschöne Bilder gefunden, aber kaum Gelegenheit gehabt, sie einfach einmal als junge Menschen zu zeigen. Glücklich. Verliebt. Lebendig.
Wenn die Serie solche Momente ergänzt, wird ihr späterer Tod nicht nur etwas sein, von dem wir wissen. Vielleicht werden wir ihn ein kleines bisschen mehr fühlen.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Diese Welt darf wieder ein bisschen magischer werden
Auch visuell scheint HBO langsam eine eigene Sprache zu finden. Die grosse Halle sieht auf den ersten Blick beinahe so aus, wie wir sie seit 25 Jahren kennen – und dann eben doch nicht. Der Boden besteht aus helleren Steinen. Der Sprechende Hut wirkt dunkler, ledriger, zerzauster. Beim Festmahl erscheint das Essen nicht bloss auf den Tischen, sondern ploppt regelrecht auf Teller und Platten, als könnte selbst das Abendessen nicht stillhalten.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Besonders gefällt mir, wie Hermine im Trailer einen Gryffindor-Banner verzaubert. Sie richtet nicht einfach den Zauberstab darauf und spricht ihren Spruch. Ihre freie Hand macht eine kleine zusätzliche Geste, fast wie ein Fingerzeichen aus «Naruto» oder «Jujutsu Kaisen». Nicht gross genug, um daraus plötzlich «Harry Potter: The Last Airbender» zu machen. Aber genug, um der Magie etwas Körperliches zu geben.
Auch der Troll sieht herrlich widerwärtig aus. Nicht wie sein etwas dümmlich dreinblickender Filmvorgänger, sondern wie eine Kreatur, die tatsächlich ihr Leben in irgendeinem finsteren Kerker verbracht haben könnte. Seine Augen scheinen unter dicken Hautschichten zu liegen. Das Ding ist nicht niedlich-hässlich. Es ist einfach hässlich.
Grossartig. Genau diese Mischung brauche ich: Vertrautheit ohne Kopie. Ich möchte Hogwarts wiedererkennen und trotzdem das Gefühl bekommen, es zum ersten Mal zu entdecken.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Über Snape reden wir später
Und ja, natürlich sehen wir auch Paapa Essiedu als Severus Snape. Über diese Besetzung wurde inzwischen mehr geschrieben als Snape in der gesamten Reihe Dialog hat. Essiedu ist Schwarz, trägt Dreadlocks und sieht nicht aus wie Alan Rickman. Darüber wurde monatelang gestritten, teilweise mit nachvollziehbarer Kritik an der Abweichung von der Buchbeschreibung, teilweise auf eine Art und Weise, bei der ich mich frage, ob es im Kindergarten meines Patenkindes nicht doch erwachsener zu und her geht.
Ich habe mich an dieser Diskussion ebenfalls beteiligt. Zumindest privat. Mittlerweile denke ich: Es reicht. Lasst den Mann jetzt einfach spielen.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Alan Rickman wird für meine Generation vermutlich eh für immer Snape bleiben. Aber Paapa Essiedu muss kein neuer Alan Rickman sein. Er muss Severus Snape sein. Ob er das schafft, können wir beurteilen, wenn wir ihn tatsächlich in einer Szene sehen, die länger als ein paar Sekunden dauert.
Bis dahin darf die Büchse der Pandora meinetwegen geschlossen bleiben.
Das «vorsichtig» kann weg
Nach dem ersten Trailer habe ich geschrieben: «Man darf sich freuen. Vorsichtig. Aber man darf.» Ich glaube, das «vorsichtig» kann ich mittlerweile streichen.
Natürlich kann die Serie noch scheitern. Ein guter Trailer macht noch keine gute Staffel. Vielleicht zieht sich die Geschichte über zehn Stunden wie Kaugummi. Vielleicht funktionieren manche Besetzungen nicht. Vielleicht stellt sich irgendwann heraus, dass all diese liebevollen Details bloss hübsche Dekoration um eine Serie sind, die nichts Eigenes zu sagen hat.
Aber das sind Sorgen für später.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Schliesslich war «Harry Potter» nie nur die Geschichte eines Jungen, der Voldemort besiegen muss. Es war auch die Geschichte eines Kindes, das zum ersten Mal Freunde findet. Das zum ersten Mal Weihnachten mit Menschen verbringt, die es lieben. Das Unterricht schwänzt, Hausaufgaben abschreibt, nachts durch Gänge schleicht, Quidditch spielt, sich verliebt, streitet, lacht und jedes Jahr ein kleines bisschen erwachsener wird.
Hogwarts war deshalb nie bloss der Ort, an dem diese Geschichte spielte. Hogwarts war ein Teil der Geschichte. Und vielleicht ist genau das die Existenzberechtigung dieser Serie: Sie muss die Filme gar nicht schlagen. Sie muss uns etwas geben, das die Filme in dieser Form nie geben konnten: Das Gefühl, wirklich dort zu leben.

Quelle: HBO / Warner Bros.
Draussen mögen noch fast 30 Grad sein. Egal. In meinem Kopf wird es langsam Herbst. Ich sehe mich schon unter einer dicken Decke vor dem Fernseher, selbstgebackene Schokokekse in Reichweite, warme Milch daneben. Und wenn dann zum ersten Mal Hogwarts über dem schwarzen See auftaucht, werde ich wahrscheinlich wieder elf Jahre alt sein.
Ich freue mich.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
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