
Hilfe, mein Kind will gamen
Mein Kind will gamen – bei mir läuten die Alarmglocken. Experte Florian Lippuner plädiert dafür, Kindern das Gamen nicht zu verbieten, sondern sie dabei zu begleiten. Schafft er es, mir meine Angst zu nehmen?
Von meinem ersten Taschengeld – lang, lang ist’s her – habe ich mir einen gebrauchten Game Boy gekauft. Diesen grauen Ziegelstein mit den lila Knöpfen. Ich war wahnsinnig stolz. Als nun aber mein Kind plötzlich gamen wollte, war meine erste Reaktion: «Oh nein, bitte nicht.»

Quelle: Shutterstock / SNQET
Wenn ich das Wort Gamen höre, denke ich an Teenager, die ihre Lebenszeit vor dem Bildschirm vertrödeln. Meine persönliche Gaming-Erfahrung beschränkt sich auf meine Kindheit und Jugend: Super Mario auf dem Super Nintendo, Sims, Fifa und Flugsimulator am PC, zuletzt Nintendo Wii mit Freunden. Ich habe in diese Welt hereingeschnuppert und verspürte eine Faszination dafür – aber heute ist das Thema für mich weit weg. Oder besser: war.
Auf die Frage «Warum darf ich nicht gamen?» fehlt mir eine kluge Antwort. Ich verspreche meinem Kind also, mich mit dem Gamen auseinanderzusetzen. Mir fällt wieder der Titel eines Büchleins ein, das an einem Vortrag über Medienkonsum in der Schule aufgelegen hatte: «Keine Angst vor Videogames».
Der Autor Florian Lippuner beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Gamen, hält Vorträge und gibt Workshops. Um den promovierten Medienwissenschaftler kommt man kaum herum, wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Auch mein Kollege Patrick Vogt hat ihn schon mit Fragen gelöchert, als das Thema bei seiner Tochter aktuell wurde. Nun ist es auch bei mir so weit.
Mein Kind besucht die erste Klasse und kam eines Tages mit den Worten heim: «Meine Freunde dürfen gamen. Ich will auch.» Muss man als Eltern da mitmachen, damit sich das Kind nicht ausgeschlossen fühlt?
Florian Lippuner: Nein, man muss gar nichts. Das ist das Schöne am Elternsein, dass du deine eigenen Regeln aufstellen kannst. Als ich jung war, durften andere Kinder in meiner Klasse Tatort schauen. Meine Eltern erlaubten mir das nicht. Am Montag konnte ich auf dem Pausenplatz nicht mitreden. Ich habe es überlebt. Wichtig finde ich, ob dir die Konsequenz, dass sich dein Kind ausgeschlossen fühlt, das Verbot wert ist. Und ob deine Argumentation fundiert ist oder auf Unwissen und diffusen Ängsten basiert.
Mein erster Gedanke war auf jeden Fall: «Oh nein, bitte nicht dieses Thema, das würde ich gerne so lange wie möglich umschiffen.» Was sind deiner Erfahrung nach Gründe, dass Eltern einen Bogen ums Gamen machen wollen?
Ein Hauptgrund ist Angst. Wenn Medien über Games berichten, geht es meistens um Sucht, Gewalt oder exzessives Gamen. Viel seltener hört man, dass die allermeisten Kinder einen natürlichen Umgang damit lernen und das Hobby bei vielen auch wieder an Bedeutung verliert. Vielleicht kennt man auch Familien, wo Bildschirmmedien die Erziehung übernehmen und niemand zu Hause ist. Hier sind aber nicht Games an sich problematisch, sondern dass die Eltern ihrer Fürsorgepflicht nicht nachkommen. Ein weiterer Grund ist: Viele Eltern kennen diese Welt schlicht nicht. Für sie ist Gamen etwas Fremdes und wirkt wie reine Zeitverschwendung.

Quelle: Claudia Erblehner
Mir geht das ähnlich: Ich habe Sorge vor negativen Auswirkungen auf das Wohlbefinden meines Kindes. Und davor, dass in der digitalen Welt eine Entkopplung der körperlichen Wahrnehmung stattfindet und sich mein Kind danach leer fühlt. Es tut Kindern doch besser, frei kreativ zu spielen und sich draussen zu bewegen. Das echte Leben findet ausserhalb des Bildschirms statt.
Ich kann diese Sorgen nachvollziehen. Ich glaube nicht, dass Gamen automatisch zu einer Entkopplung von der Realität führt. Entscheidend ist, dass die Balance im Alltag stimmt. Wenn du eine halbe Stunde zockst, kannst du noch 23,5 Stunden in den Wald gehen oder Freunde treffen. Wichtig finde ich, dass Eltern ihre Kinder beim Gamen begleiten.
Welche Art von Begleitung empfiehlst du?
Statt kategorisch Ja oder Nein zu sagen, würde ich beobachten: Wie geht es meinem Kind während und nach dem Gamen? Wir Eltern haben einen Draht zu unseren Kindern und kennen sie selbst am besten. Kinder freuen sich, wenn ihre Eltern sich dafür interessieren, was sie da spielen. Du könntest auch deinen alten Game Boy hervorkramen und mit deinem Kind Tetris spielen.
Wie bist du als Vater das Gamen angegangen?
Als mein erster Sohn mit drei Jahren so weit war, dass er einen Controller bedienen konnte, kaufte ich eine gebrauchte Nintendo Switch. Ich freute mich sehr auf den Moment, weil ich selbst gerne game, hatte aber zuerst die gleiche Sorge wie du: Was ist, wenn ihm das nicht gut tut? Meine Antwort darauf war: Dann machen wir es einfach nicht mehr – und ich selber game dümmstenfalls, wenn mein Kind schläft.
Und, wie lief es?
Ganz natürlich. Wir haben eine halbe Stunde gegamt und sind dann wieder raus spielen gegangen.
Wie gamt ihr zuhause?
Die ersten Jahre hat mein Sohn am liebsten Kirby gespielt – ein rosa Kaugummi, der alles Mögliche einsaugen kann. Als Familie spielen wir gerne Mario Kart auf der Switch mit vier Controllern. Meine Kinder haben wahrscheinlich früher gegamt als andere. Aber sie sind auch überdurchschnittlich oft draussen in der Natur, setzen sich mit Tieren auseinander und machen Ausflüge. Das eine schliesst das andere nicht aus.

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Deine Kinder sind inzwischen acht und drei Jahre alt. Habt ihr heute Regeln in Bezug aufs Gamen?
Nein, wir machen das nach wie vor völlig intuitiv. Ich rate davon ab, Regeln präventiv einzuführen, sie machen den Alltag starr. Manche Eltern machen Kontingente oder Medienverträge mit Teenagern. Das würde ich erst machen, wenn eine Not da ist. Und die gibt es bei uns bislang nicht. Meiner Ansicht nach kommen wir immer noch zu wenig zum Gamen. Wobei, eine Regel haben wir doch.
Welche?
Wenn wir Besuch haben, wird nicht gegamt. Als die Nachbarskinder merkten, dass bei uns eine Switch steht, kamen sie häufig zu Besuch und wehrten sich lautstark, wenn sie den Controller wieder abgeben sollten. Sie kannten den Umgang mit Games nicht, bei ihnen zuhause war das verboten. Diese Gefahr besteht, wenn du etwas verbietest: Dann kann sich ein Verlangen anstauen, was dazu führen kann, dass ein Verhalten exzessiv wird. Schwierig ist ja, wenn junge Erwachsene ausziehen und nie gelernt haben, was ihnen in welchem Mass gut tut.
Trotzdem ist das doch ein Klassiker, dass Kinder Mühe haben mit Aufhören.
Ja, viele Games sind so konstruiert, dass man schlecht aufhören kann, das weiss ich aus eigener Erfahrung. Hinzu kommt, dass Kinder im Moment leben. Wir können von einem Siebenjährigen nicht erwarten, dass er seine Bildschirmzeit selbst reguliert. Dafür ist sein Gehirn noch gar nicht bereit. Mich fragen Eltern oft an Vorträgen, wie sie mit ihrem Kind einen Ausstiegsmoment finden.

Quelle: Patrick Besch
Was antwortest du darauf?
Ich empfehle, statt den Controller von jetzt auf gleich wegzunehmen, einen Küchenwecker oder eine Sanduhr neben den Bildschirm zu stellen. Du kannst dem Kind sagen, dass es die Möglichkeit hat, in diesen sagen wir mal zehn Minuten selbstständig auszusteigen. Das gelingt zum Beispiel, wenn das Level fertig, der nächste Checkpoint erreicht oder das Spiel gespeichert ist. So kann das Kind die Zeitdimension erfassen und sich darauf einstellen, dass jetzt Schluss ist.
Was sagst du Eltern, die sich sorgen, dass ihr Kind süchtig werden könnte?
Mir ist es wichtig, Eltern aus ihrer Passivität zu holen. Kinder, die eine gute Beziehung zu ihren Eltern haben und emotional geborgen aufwachsen, laufen weniger Gefahr, gamesüchtig zu werden. Natürlich gibt es Risiken beim Gamen, aber die gibt es im echten Leben ja auch. So, wie wir unseren Kindern beibringen, dass sie nicht zu Fremden ins Auto steigen sollen oder dass wir sie anfangs über die Strasse begleiten, sollten wir das auch mit dem Gamen handhaben. Du musst weder selbst gamen noch Games gut finden. Aber sobald sich dein Kind dafür interessiert, kommst du nicht darum herum, zu verstehen, was da überhaupt gespielt wird. Heute gibt es Belohnungssysteme, Chats und Onlinekontakte, Stichwort Datenschutz und Cyber-Grooming. Deshalb ist es besonders wichtig, Kindern einen guten Umgang beizubringen und sie zu schützen.
Was sind Anzeichen, dass das Gamen einem Kind nicht gut tut?
Wenn ein Kind ständig frustriert und wütend wird oder auf alles andere keine Lust mehr hat, sind das Alarmsignale. Vielleicht braucht das Kind eine Pause. Es gibt kein Recht auf Gamen, sage ich immer. Manchmal reicht aber auch schon eine kleine Anpassung: Vielleicht ist das Spiel nicht das richtige? Wettkampfbasierte Spiele wie Fifa oder Mario Kart haben mehr Frustrationspotenzial als sogenannte Cozy Games.
Hast du einen konkreten Cozy-Game-Tipp für sensible Kinder?
Ich mag zum Beispiel «Alba: A Wildlife Adventure». Dort erkundet ein Mädchen eine Insel, beobachtet Tiere und löst kleine Aufgaben. Das Spiel ist entschleunigt und schön gestaltet. Auch die Lego-Games finde ich gelungen. Man spielt gemeinsam, hilft sich gegenseitig und erlebt Abenteuer, ohne dass Gewalt im Vordergrund steht.
In deinem Buch «Keine Angst vor Videogames» schreibst du, dass die positiven Auswirkungen von Games unterschätzt würden. Erzähl mir mehr.
Kinder wollen beim Gamen einfach Spass haben. Sie sind so motiviert, dass sie viel nebenbei trainieren: ihre Hand-Augen-Koordination, ihre Reaktionsfähigkeit, ihre Frustrationstoleranz. Beispielsweise bei Minecraft lässt sich der friedliche Kreativmodus einstellen, in dem Kinder Welten bauen können. Und in Fussballspielen können sie mit anderen Teams bilden und ihre sozialen Fähigkeiten ausprobieren. Weil viele Games auf Englisch sind, sind Eltern zudem oft erstaunt, wie schnell ihre Kinder plötzlich die Sprache beherrschen.
Was ist abschliessend dein Hauptargument, um skeptischen Eltern wie mir zu sagen: Lass doch dein Kind gamen?
Ich würde die Frage umdrehen: Was spricht dagegen? Lass es dein Kind doch mal ausprobieren. Das ist ja auch ein Signal an dein Kind, wenn du ihm einen Wunsch einfach verbietest. Du musst dich nicht zwischen totalem Verbot und grenzenlosem Gamen entscheiden, sondern kannst deinen eigenen Mittelweg finden. Wir sind als Eltern nicht ohnmächtig und unsere Kinder sind es auch nicht.
Mein Kind hat Glück: Mir hat das Gespräch mit Florian Lippuner eine entspanntere Sicht auf das Gamen gegeben. Das überzeugt mich: Ich kann mein Kind beim Gamen begleiten und zusammen mit ihm spüren, was und wie viel ihm gut tut. Zudem bedeutet Reinschnuppern nicht gleich, dass Gamen zum einzigen Lebensinhalt werden muss.
Wieso – oder wieso nicht – lässt du dein Kind gamen, und welche Regeln gelten bei euch?
Eigentlich bin ich Journalistin, in den letzten Jahren aber auch vermehrt als Sandkuchenbäckerin, Familienhund-Trainerin und Bagger-Expertin tätig. Mir geht das Herz auf, wenn meine Kinder vor Freude Tränen lachen und abends selig nebeneinander einschlafen. Dank ihnen finde ich täglich Inspiration zum Schreiben – und kenne nun auch den Unterschied zwischen Radlader, Asphaltfertiger und Planierraupe.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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