Hawkeye, Episode 4 und die Geister, die ich rief

Hawkeye, Episode 4 und die Geister, die ich rief

Luca Fontana
Zürich, am 08.12.2021

Es wird ernster. Auch in «Hawkeye». Spass und Klamauk rudern etwas zurück. Dafür tritt eine neue Bedrohung auf den Plan in Form einer alten Bekannten.

Eines vorweg: Das ist eine Folgenanalyse. Mit Spoilern! Schau dir also zuerst die vierte Episode von «Hawkeye» an, bevor du weiterliest.


Weihnachten geht den Bach runter. Zumindest für Clint Barton alias Hawkeye. Der ist immer noch damit beschäftigt, Kate Bishops Schlamassel aufzuräumen. Als Ronin verkleidet, ist sie nämlich auf den Radar der Tracksuit-Mafia geraten. Die hatte Clint damals als Ronin einst vor blinder Wut getrieben beinahe ausgerottet – und sich damit den Kopf des organisierten Verbrechens zum Feind gemacht.

(K)ein offenes Geheimnis: der Kingpin.

*Hawkeye**, Episode 3: Die Serie ist gerade so viel besser geworden!*Hawkeye**, Episode 3: Die Serie ist gerade so viel besser geworden!
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Hawkeye, Episode 3: Die Serie ist gerade so viel besser geworden!

Auf der Flucht vor Maya Lopez aka Echo – vermutlich sowas wie Kingpins Ziehtochter – versuchen Clint und Kate, auch noch den Mord an Armand Duquesne aufzuklären. Ihr Hauptverdächtiger: Armands Neffe, Jack Duquesne. Blöd nur, laufen sie beim Versuch, Jacks Schuld zu beweisen, ausgerechnet in dessen Arme.

Der Schwertmeister

Peinliche Stille. Am Tisch, wo Clint, Kate, Jack und Kates Mutter Eleanor sitzen. Wie zwei erwischte Kinder dürfen sich die beiden Möchtegern-Ermittler vor Mama und Papa erklären. Eleanor sorgt sich um die Sicherheit ihrer Tochter. Jack findet’s eher… spannend, dass Kate mit einem echten Avenger an einem Avenger-Fall arbeitet. Dann ist es aber trotzdem Eleanor, die die Worte findet, die Clint zum Grübeln bringen.

«Kate ist keine Superheldin», sagt sie.

«Das ist sie offensichtlich nicht. Aber sie ist gut», sagt Clint.

«Das war Natasha Romanoff auch», entgegnet Eleanor.

Ups. Der hat gesessen. Wird bestimmt noch für Probleme während der Folge sorgen. Aber gut, Clint hat Jack das Ronin-Schwert unbemerkt abnehmen können. Interessant: Im Marvel Cinematic Universe (MCU) kennen sich Clint und Jack noch nicht. In den Comics hingegen spielte Jack «Swordsman» Duquesne eine wichtige Rolle in Clints Leben.

Kurz: Als Swordsman bildete er einst den jungen Clint Barton aus, bis der Bursche zum besten Bogenschützen der Welt wurde. Zusammen traten sie in einem Zirkus für Ausgestossene auf. Eines Tages raubte Swordsman wegen Geldschulden den eigenen Zirkus aus. Barton fand’s raus. Swordsman floh und liess Barton im Kampf schwer verwundet zurück. Jahre später tauchte Swordsman erneut auf und ist seitdem ein ständiger und erbitterter Feind Hawkeyes.

Auch in den Comics spielt Jack Duquesne eine wichtige Rolle.
Auch in den Comics spielt Jack Duquesne eine wichtige Rolle.
Marvel Comics

Nächste Spur: Sloan LTD. Der Name tauchte in Clints und Kates Recherchen auf. Tatsächlich findet Clints Frau Laura heraus, dass die Sloan LTD für die Tracksuit-Mafia und deren «Oberboss» Mephisto – nein, Spass, Wilson Fisk aka Kingpin, höchstwahrscheinlich – Geld wäscht. Und der CEO der Sloan LTD: Jack Duquesne. Ich schliesse ihn zwar immer noch als Täter hinter dem Mord an Armand aus. Aber ganz sauber ist Jack definitiv nicht.

Die Weihnachtsfeier

Jöh: Kate Bishop nimmt die Worte ihrer Mutter, dass man Weihnachten nie alleine sein soll, zu Herzen. Ausgestattet mit Pizza, Weihnachtsfilmen, grausigen Weihnachtspullis und einem Weihnachtsbaum stapft sie zu Hawkeyes Versteck. Ausgerechnet Clint, der sein Familien-Weihnachten opfert, um die Ronin-Sache in Ordnung zu bringen, wäre sonst wegen ihr alleine. Ich mag diese Kate Bishop imfall wirklich.

Zusammen schmieden sie einen Plan. Clint versucht über Kazi an Maya «Echo» Lopez ranzukommen. Kate soll derweil die LARPer aus Episode zwei mobilisieren, um neue Trickpfeile zu beschaffen. Die Mittelalter-Fantasy-Truppe bestehen ja grösstenteils aus Polizei und Feuerwehr. Und da Clints Material in der Asservatenkammer der Polizei aufbewahrt wird, sollen sie einem Avenger in Nöten helfen. Zwei Gedanken:

  1. Jetzt wissen wir, wozu die eher streckende Episode zwei war: Um die LARPer einzuführen.
  2. Die Diskussion mit den Boomerang-Pfeilen: Eins-zu-eins aus dem Comic, aber mit verkehrten Rollen.

Im Hawkeye-Comic von Matt Fraction und David Aja – bekannt als Fraction Run – ist das mit den Trickpfeilen so eine Art Running Gag: Kate macht sich darüber lustig, dass Boomerang- oder Saugnapf-Pfeil total nutzlos sind. So wie hier:

Die zynisch-neckischen Unterhaltungen zwischen Clint und Kate hat Matt Fraction perfekt geschrieben.
Die zynisch-neckischen Unterhaltungen zwischen Clint und Kate hat Matt Fraction perfekt geschrieben.
Marvel Comics

Das tut sie so lange, bis sich (viel) später herausstellt, dass ein Trickpfeil wie etwa der Boomerang-Pfeil ja doch ganz nützlich ist. In der richtigen Situation. Etwa so:

Man beachte das herrlich-selbstzufriedene, schiefe Grinsen, das David Aja Clint gezeichnet hat.
Man beachte das herrlich-selbstzufriedene, schiefe Grinsen, das David Aja Clint gezeichnet hat.
Marvel Comics

Dann wird’s ernst in der Serie. Clint erzählt Kate von seinem bisher besten Schuss: Den, den er nie abgegeben hat. Die Geschichte kennen wir seit dem ersten «Avengers»-Film: S.H.I.E.L.D.-Agent Hawkeye hätte Natasha Romanoff, eine KGB-Agentin und Mitglied des Black-Widow-Programms, anno dazumals in Budapest den Garaus machen sollen. Er verschonte sie aber, und ermöglichte ihr damit den Ausstieg. Seit dem war Romanoff nicht nur eine S.H.I.E.L.D.-Agentin, sondern auch sowas wie eine Schwester für Clint. Bis zu ihrem Tod in «Avengers: Endgame».

Und: Kate findet raus, dass Ronin nicht jemand war, den Clint etwa gekannt hätte, sondern Clint selbst. Mir gefällt, wie die Serie die wachsende Bindung zwischen Clint und Kate porträtiert. Es wirkt nicht gehastet. Oder erzwungen. Die Chemie zwischen den Schauspielern stimmt. Die Dialoge sind gut geschrieben. Die Charaktere wachsen mir ans Herz. Schön. Einfach nur schön.

Die Rolex

Den Part mit Kazi erledigt Clint rasch. Obermotz Kingpin wird weiterhin erwähnt, ohne erwähnt zu werden: Offenbar mag er keine Aufmerksamkeit. Echos Rachefeldzug gegen den Ronin, der einst ihren Vater ermordet hat, erregt sie dann doch, diese Aufmerksamkeit. Kazi weiss, dass es nicht gut ist, wenn Kingpin unzufrieden ist. Für niemanden.

Auf der anderen Seite der Stadt lädt Kate die LARPer direkt in ihr Versteck ein, während sie darauf warten, dass die Trickpfeile zu ihnen gebracht werden. Sie sollen gleichzeitig auch neue Kostüme für Clint und Kate herstellen. Das findet Clint nicht cool. Viel wichtiger aber ist die SMS, die Clint von seiner Frau Laura kriegt:

«Die Rolex wurde nicht zerstört.»

Moment. Da war doch was. In der ersten Episode überfiel die Tracksuit-Mafia die Schwarzmarktauktion ja eigentlich nur, um «eine Uhr» zu beschaffen. Dass da das Ronin-Kostüm versteigert wurde, das sich Kate dann überzog, war nur Zufall. Anfangs dieser Episode fragte Laura, ob noch was anderes aus dem zerstörten Avengers-Hauptquartier gestohlen worden sein könnte: die Uhr.

Die Uhr kommt mir bekannt vor. Haben wir die nicht schon in der ersten Episode gesehen?
Die Uhr kommt mir bekannt vor. Haben wir die nicht schon in der ersten Episode gesehen?
Marvel Studios

Jene Uhr, die einer der Tracksuit-Mafia in der ersten Episode eingesteckt hat?

Die Black Widow

Die Uhr sendet aus einer fremden Wohnung ein Signal. Offenbar könnte eine weibliche Person damit in Verbindung gebracht werden, die untergetaucht ist und nicht auffliegen soll. Wer, verrät Clint nicht. Aber kaum ist Kate in die Wohnung eingebrochen, stellt sie fest, wem die Wohnung gehört: Maya. Der Kampf beginnt.

Auf dem Dach ausserhalb der Wohnung, wo Clint Wache hält, entbrennt ebenfalls ein Kampf. Eine maskierte Attentäterin. Angeheuert von Maya? Kaum. Denn als Kates und Mayas Kampf sich bald auf dasselbe Dach verschiebt, greift die Attentäterin auch Maya an. Mit gemeinsamen Kräften gelingt es Clint und Kate, sowohl Maya als auch die Attentäterin zu vertreiben. Allerdings nicht, bevor wir die Identität der mysteriösen Angreiferin herausfinden. Es ist Yelena Belova, gespielt von Florence Pugh.

Schau an, wer ihren grossen Auftritt hat.
Schau an, wer ihren grossen Auftritt hat.
Marvel Studios

Yelena kennen wir im MCU aus «Black Widow». Als Schwestern aufgewachsen, waren sie und Natasha Romanoff eigentlich Teil eines Schläfer-Programms des KGBs. Später traten sie im Red Room dem Black-Widow-Programm bei, wo sie trainiert und manipuliert wurden. Erst dank Natashas Hilfe konnte sich Yelena schlussendlich doch noch vom Black-Widow-Programm lösen. Aber statt ein freies Leben zu führen, liess sie sich von Contessa Valentina Allegra de Fontaine rekrutieren. Fontaine, deren Motive im MCU noch unklar sind, hat in «Falcon and the Winter Soldier» bereits den U.S. Agent rekrutiert. Und am Ende von «Black Widow» hat sie Yelena eingeredet, dass Hawkeye Schuld am Tod Black Widows sei.

Im Comic hatten Yelena und Natasha hingegen nie ein besonders geschwisterliches Verhältnis. Schliesslich war Yelena im Black-Widow-Programm die grösste Konkurrentin Natashas. Immer wieder kämpften sie gegeneinander. Einmal gelang es Natasha dann doch, Yelena dem Einfluss des Red Rooms zu entziehen. Dies, in dem sie ihres und Yelenas Gesicht à la «Face/Off» chirurgisch vertauschen liess. Eine Weile lang.

Frag nicht.

Yelena konnte das Black-Widow-Programm damit verlassen. Den vorübergehenden Gesichtertausch nahm sie Natascha dennoch übel. Eine Zeit lang half ihr das aber, das Leben als Spionin hinter sich zu lassen. Zunächst arbeitete sie als Unterwäsche-Model. Dann gründete sie ein überaus erfolgreiches Unterwäsche-Imperium und ein paar Soft-Core-Pornokanäle in Moskau. In einem schicken, grossen Haus in Havanna quartierte sie dafür misshandelte Sexarbeiterinnen ein und versorgte an AIDS erkrankte Frauen mit Medikamenten.

Ähm… frag nicht.

Die Maske, die sie in der Serie anfangs trägt, inspiriert sich offensichtlich an Comic-Yelena.
Die Maske, die sie in der Serie anfangs trägt, inspiriert sich offensichtlich an Comic-Yelena.
Marvel Comics

Schlussendlich legte Yelena sich doch mit den Avengers an. Bei einem Kampf wurde sie aber so schwer am Oberkörper verletzt, dass ein mysteriöser A.I.M.-Wissenschaftler sie nur retten konnte, in dem er sie zu einem Adaptoiden machte. Damit verlor sie beinahe ihre ganze Menschlichkeit. Aber sie gewann dafür die Fähigkeit, jede Superkraft in sich aufzunehmen, mit der sie attackiert wurde. Das machte die ehemalige Black Widow zu einer der gefährlichsten Gegnerinnen, die die Avengers je hatten.

Der Abschied

Zum Schluss der Episode wird’s dramatisch. Clint fühlt sich an sein anfängliches Versprechen erinnert, dass er Kates Mutter gemacht hatte: Kate zu beschützen. Dazu kommen traumatische, schmerzhafte Erinnerungen an Natasha.

«Jemand hat eine Black Widow angeheuert. Das Ganze wurde gerade sehr schnell sehr ernst», sagt er.

Clint und Kate sind kein Team mehr. Ende der Episode.


Wie hat euch die Folge gefallen? Schreibt es in die Kommentare. Die nächste Folgenanalyse folgt nächsten Mittwoch, 15. Dezember.

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Luca Fontana
Luca Fontana

Editor, Zürich

Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.»

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