Google Tasks: Der Anfang des Chaos in den Ordnungs-Apps?
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Google Tasks: Der Anfang des Chaos in den Ordnungs-Apps?

Dominik Bärlocher
Zürich, am 11.05.2018
Google hat eine neue App veröffentlicht. Tasks ist schlank, klein und vor allem weiss. Was die App kann und warum sie mehr verwirrt als Sinn ergibt.

Wenn der Grosskonzern und Android-Betrieb Google etwas veröffentlicht, horcht die Welt auf. Selbst wenn es nur eine kleine App ist, die nur wenig kann. Selbst wenn Google selbst keine Ankündigung und keine Werbung macht und die App einfach mal im App Store auftaucht. Voilà: Google Tasks, die mysteriöserweise auch für Apples iOS erhältlich ist.

Die App ist recht einfach erklärt, wirft aber Fragen auf. So viele Fragen.

Das minimalistische und schnelle User Interface

Google Tasks macht genau etwas: Checklisten erstellen. Wenn du die App öffnest, dann begrüsst dich ein weisser Bildschirm.

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Der Hauptbildschirm in Google Tasks

Alle Interaktionsmöglichkeiten sind am unteren Bildschirmrand untergebracht. Schnell wird klar: Tasks ist dazu da, mit einer Hand bedient zu werden.

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Das sind alle Bedienelemente

Nicht alle wollen immer das Phone mit beiden Händen halten, egal wie gross der Bildschirm ist. Ich gehöre dazu. Basic Navigation ist bei mir so gemacht, dass ich sie einhändig ausführen kann.

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Daraus kann ich in etwa folgenden Schluss ziehen, die sich jeder UI/UX-Mensch zu Herzen nehmen sollte.

  • Alle Interaktionsmöglichkeiten sollten im Portrait Mode unten am Bildschirm sein
  • Oben sollte möglichst nur Information angezeigt werden, aber keine Interaktionsmöglichkeiten zu finden sein

In der Praxis sieht das dann in etwa so aus wie bei Google Tasks.

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Interaktionsmöglichkeiten im Kontext der App sind in Grün gehalten, im roten Bereich sollte tunlichst nichts sein

Einige Verbesserungsmöglichkeiten, wenn wir diese Philosophie der einhändigen Bedienung weiter durchdenken:

  • Die Tasks sollten nicht von oben nach unten aufgelistet werden, sondern von unten nach oben
  • Die Checkboxes sollten konfigurierbar links oder rechts des Tasks erscheinen, damit sie für Rechts- und Linkshänder funktionieren
  • Die Tasks sollten bis in den Whitespace scrollen. Damit jeder Task im unteren Drittel des Bildschirms angezeigt werden kann
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So sollten die Tasks angeordnet sein, für Rechtshänder
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Und für Linkshänder

Die Funktionen: Wenige und stellenweise wenig durchdacht

In der Benutzung zieht Google die Einfachheit und den Minimalismus hart durch. Du kannst nur sehr wenig tun, denn Google Tasks macht nichts, ausser dir Listen zum Abkreuzeln zu generieren. Also Einkaufslisten und Listen mit Aufgaben.

Wenn du auf den grossen blauen Knopf unten tippst, dann kannst du dir einen Einzeiler als Erinnerung eintragen.

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Dazu kannst du, wenn du willst, eine kleine Beschreibung machen.

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Wenn du schon weisst, wann du fertig sein musst, dann kannst du noch ein Datum hinzufügen

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Die Sortierung der Tasks ist standardmässig so, dass neu eingegebene Tasks oben erscheinen. Das heisst, den ältesten Task hast du am nächsten bei den Bedienelementen. Bei etwa zehn Tasks oder so ist dann die Liste voll und ein Scrollbar erscheint.

In den Einstellungen kannst du dir eine «neue Liste» generieren, damit du den Einkaufszettel nicht mit den Notizen für die Arbeit mischen musst. Die Sortierung kannst du ändern von «Meine Sortierung» zu «Nach Datum».

Und das war's eigentlich schon. Du kannst dir Tasks eintragen, die dann abarbeiten und gut ist. Einfach, fix und verwirrend.

Das grosse Fragezeichen

Google Tasks verwirrt nicht, weil die App so kompliziert ist, sondern weil ich nicht ganz verstehe, warum die App in dieser Form existiert. Eine Effizienz-App, wie Apps wie Google Tasks einsortiert werden, hat Google schon veröffentlicht: Google Keep für Apple iOS und für den PC via Browser.

Google Keep ist mächtig und ebenfalls recht intuitiv. Einzig in Punkto User Interface hat Keep das Nachsehen. Denn Tasks ist definitiv hübscher und adaptiert Googles upgedatetes Material Design, das im Netz derzeit «Material Design 2» genannt wird. Es hat mehr Rundungen, etwas weniger Tiefeneffekt und mehr Weissraum.

In allem anderen steht Tasks Keep nach. Videoproduzentin Stephanie Tresch und ich verwenden Google Keep an Messen, wenn wir einen Drehplan während dem Morgenessen kurz thematisch umreissen. Wir machen einen «Keep-Zettel» pro Tag.

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Der Grund, weshalb wir das so handhaben, ist, dass wir die Listen teilen können. Stephanie kann die Zettel bearbeiten, ich auch. Sie kann sie einsehen, ich auch. Auf Tasks ist das derzeit in der Version 1.0.193513435.release noch nicht möglich. Vielleicht kommt das noch, vielleicht nicht. Tasks arbeitet nur lokal auf deinem Phone, in der App. Deadlines tauchen nicht in deinem Google-Kalender auf, du kannst keine Kontakte verknüpfen und in Googles Google-App, die mit dem Newsfeed, tauchen die Tasks auch nicht auf. Google Home weiss auch nichts von Tasks. Google Tasks ist genau die eine App, die mit nichts anderem redet, keine Daten von anderen Orten integriert und keinerlei soziales Planen erlaubt.

Für Isolationisten ist das sicher ein Feature, ich vermisse die Interkonnektivität mit dem Rest des Ökosystems Googles. Daher frage ich mich auch nach dem Sinn, die App auf iOS zu portieren? Muss die App zwingend da sein? Welchen Mehrwert – wenn auch nur auf Papier – bringt das den Nutzern Apples? Denn auf Apples Plattformen sind Google Apps bestenfalls zu Kollaborations- und Synchronisationszwecken wirklich vernünftig. Da Tasks aber weder kollaboriert noch synchronisiert, ist die App auf iPhones sinnlos.

Droht ein Chaos wie das mit den Messengern?

Ferner erinnert Tasks, das im Wesentlichen Keep mit einem Facelift und ohne Interkonnektivität ist, an das Chaos, das Google im Laufe der Jahre mit seinen Messengern angerichtet hat. Kritiker des Grosskonzerns bemängeln schon seit Ewigkeiten, dass Google es nicht hingekriegt hat, einen valablen Konkurrenten zu WhatsApp, Facebook Messenger oder iMessage hinzukriegen. Kritiker aus den USA, wo das Datenvolumen noch limitierter vergeben wird als hierzulande, bemängeln das Fehlen eines SMS Fallback. Das heisst, dass Messages, die über das Datenvolumen verschickt werden, beim Ausgehen des Datenvolumens als normale SMS verschickt werden. Hierzulande ist das kaum ein Problem, da die meisten Abos mit unlimitiertem Datenvolumen kommen.

Viel gravierender aber ist die Sache mit den Apps. Denn da hat Google sich selbst ins Knie geschossen. Mehrfach. Mit Gusto.

Hier eine kleine Zeitlinie der Messenger Apps aus dem Hause Google.

  • August 2005: Google Talk (hiess damals Google Chat)
  • Oktober 2008: Google Talk und SMS auf den ersten Android-Geräten
  • Juni 2011: Google+ bringt Google Huddle und Google Hangouts
  • Mai 2013: Google+ integriert Hangouts und verschlingt Google Talk und Huddle
  • September 2014: Google Voice wird in Hangouts integriert
  • April 2015: Project Fi. Integriert Hangouts
  • Januar 2016: Google Messenger wird veröffentlicht. Ersetzt Hangouts als SMS-App
  • Mai 2016: Google Allo erscheint, ein Text Messenger
  • Mai 2016: Google Duo erscheint, eine Video Chat App
  • Juni 2016: Google Talk wird eingestellt unter Android und unter GMail
  • Februar 2017: Google Messenger wird zu Android Messenger umbenannt
  • März 2017: Google kündigt an, dass Hangouts zu Hangout Chats wird und der Fokus der Hangouts wird auf Firmen gelegt
  • April 2018: Google kündigt an, dass das «Investment in Allo pausiert wird». Der Fokus liegt auf Chat, einem neuen Standard, der SMS ersetzen soll

Aktuell funktionieren Allo, Duo und Hangouts alle noch parallel.

Die Frage nun: Droht uns Ähnliches mit den Effizienz-Apps?

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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