Review

Getestet: Dieser Bürostuhl sorgt für Trommelwirbel in meinem Homeoffice, nur nicht lang

Pia Seidel
04.10.2022
Bilder: Pia Seidel

Insgeheim bin ich schon in einen Bürostuhl verliebt. Trotzdem teste ich noch ein paar andere aus, weil ich mich noch nicht committen will. Diesmal: Den Tion von Håg.

Eigentlich hat es zwischen mir und dem Capisco 8106 beim ersten Mal gleich gefunkt. Er war der einzige Bürostuhl mit Sattelsitz, kam ohne klobigen Look aus und hielt mich im Sitzen bewegt. Dennoch gab ich ihn nach meinem Review erst mal wieder zurück. Ich wollte noch andere Designs kennenlernen. Wie in der Liebe wollte ich mich nicht gleich auf das Erstbeste – dachte ich damals – festlegen und noch auf Dates mit anderen Modellen gehen, die mich nur ungefähr die Hälfte kosten würden.

Also lud ich einen platzeinnehmenden Armlehnenstuhl und einen sprunghaften Sitzball zu mir nach Hause ein. Doch bei keinem der beiden hat es so richtig geknistert. Und mir wurde klar, dass es schwer werden würde, einen Besseren als den Capisco zu finden. Deshalb ging ich im Dating-Game strategischer vor. Ich nutzte den Vorteil, den die Suche nach der grossen Bürostuhl-Liebe hat: Ich hielt Ausschau nach Modellen, die sich konfigurieren lassen, um mir mein Traummodell selber zu gestalten. Kurz darauf begegnete ich dem Bürostuhl Tion.

Die Version, die ich ausgesucht habe, gibt es mittlerweile meinetwegen im Sortiment. ;)

Der Bürostuhl von Håg gefiel mir auf Anhieb. Daher bat ich Flokk, die neben Håg auch Marken wie Giroflex und Profirm vertreiben, um einen Musterstuhl, den ich einige Wochen daten testen könnte.

Zusammenstellung, Aufbau und first Look

Das Konfigurieren auf der Webseite war dank des übersichtlichen Layouts ein Klacks. Optisch wollte ich mal aus meinem Beuteschema ausbrechen. Daher nahm ich zwei Bestandteile, das Fusskreuz und den Rückenlehnenbügel, aus getrommeltem Aluminium statt Kunststoff.

Das Konfigurieren auf der Homepage: Jeder Bestandteil wird detailliert erklärt.
Das Konfigurieren auf der Homepage: Jeder Bestandteil wird detailliert erklärt.
Foto: Pia Seidel

Zur Option stand auch eine polierte Version des Aluminiums, aber mir gefiel das zarte Muster der getrommelten Variante besser. Es passt perfekt zum ebenfalls dezenten Muster des zweifarbigen, matten Stoffs des Sitzpolsters «Cura». Um den kühlen Farbton visuell in eine warme Wolldecke zu hüllen, wählte ich diesmal alle restlichen Teile in Altrosa statt wie gewöhnlich in Grün oder Grau.

Tions Rückenlehne gibt's gepolstert, aus Holz oder aus recyceltem Kunststoff. Das Gleiche gilt für die Sitzfläche. Ich entschied mich für ein Po-Polster, weil's auf Dauer bequemer ist, und gegen eine Polster-Lehne. Schliesslich haben mich die letzten Liasons, der Sitzball oder Pendelhocker, daran gewöhnt, gar keine Rückenlehne zu haben. Ausserdem macht der Verzicht darauf sowie auf die Armlehnen den Stuhl etwas günstiger.

Das konfigurierte Ergebnis kommt kompakt verpackt an.
Das konfigurierte Ergebnis kommt kompakt verpackt an.
Anleitung und Werkzeug sind inklusive.
Anleitung und Werkzeug sind inklusive.
Foto: Pia Seidel

Als der Tion bei mir zu Hause ankommt, geht's ganz schnell. Wie bei allen von mir getesteten Håg-Bürostühlen ist auch bei diesem das nötige Werkzeug mit dabei und der Aufbau in wenigen Schritten und unter fünf Minuten erledigt. Die Universalrollen für weiche und harte Böden befinden sich bereits am Fusskreuz, sodass ich nur noch die Rückenlehnen an der Sitzfläche montieren muss. Die restlichen Teile stecke ich einfach wie beschrieben ineinander.

Das Verbindungsstück stecke ich nur ins Fusskreuz ...
Das Verbindungsstück stecke ich nur ins Fusskreuz ...
... und die Rückenlehne schraube ich an die Sitzfläche.
... und die Rückenlehne schraube ich an die Sitzfläche.
Foto: Pia Seidel

Genauso schnell ist der Trommelwirbel in meinem Kopf, als ich den aufgebauten Tion zum ersten Mal betrachte. Seine Farben und Formen harmonieren genauso gut, wie ich es mir erhofft hatte. Sogar die Kunststoff-Rückenlehne sieht dank schwungvoller Silhouette elegant aus. Details, die den Unterschied für mich machen, sind die Rillen über den Rollen, die farblich eins mit dem Fusskreuz sind. Oder der Melange-Effekt, der durch die sich kreuzenden dunklen und rosafarbenen Fäden erzeugt wird.

Auch wenn Tion auf den ersten Blick gut aussieht, muss ich den Stuhl noch von allen Seiten kennenlernen.
Auch wenn Tion auf den ersten Blick gut aussieht, muss ich den Stuhl noch von allen Seiten kennenlernen.
Foto: Pia Seidel

Funktionalität: Erster Tag

Da ich zum Glück noch keine Rückenschmerzen habe, die der Stuhl beheben könnte, beurteile ich bei unseren kommenden Dates nicht, wie er sich auf meine Gesundheit auswirkt, sondern viel mehr sein Äusseres, wie er sich handhaben lässt und in meinen Homeoffice-Alltag passt.

Einer der Hebel dient zum Einstellen der Sitzhöhe. Der andere ist die Bremse für die Neigunsmechanik.
Einer der Hebel dient zum Einstellen der Sitzhöhe. Der andere ist die Bremse für die Neigunsmechanik.

Wie so oft auf ersten Dates finde ich auch beim Tion gleich einen Haken. Es gibt nur zwei Hebel, die ich betätigen kann: Einen, um die Sitzhöhe einzustellen und einen, um die Neigungsmechanik an- oder auszustellen. Einen Drehknopf wie beim Capisco, um die Höhe der Rückenlehne einzustellen, gibt es nicht. Mein Gefühl sagt mir, dass diese etwas weiter oben sein könnte – vielleicht ist die Höhe aber auch genau richtig für mich und ich versuche nur aus Bindungsangst vermeintliche Fehler zu finden.

An der Rückenlehne gibt's nichts zu rütteln. Sie ist fest montiert.
An der Rückenlehne gibt's nichts zu rütteln. Sie ist fest montiert.
Melange-Effekt: Die zwei verschiedenen Farben bilden eine sanfte Struktur.
Melange-Effekt: Die zwei verschiedenen Farben bilden eine sanfte Struktur.
Foto: Pia Seidel

Nach acht Wochen im Gebrauch

Bei meinem Techtelmechtel mit dem Gymnastikball musste ich mich ganz schön bemühen, die Balance zu halten. Tion dagegen ist ein Fels in der Brandung. Weil er sich nicht bewegt, wenn ich vor- und zurückwippe, fühle ich mich bei ihm gut aufgehoben. Seine fast kreisrunde Sitzfläche ist wie ein Spa-Besuch für meinen Hintern. Nur bringt letztere automatisch schlechte Angewohnheiten zurück. Ich werde wieder fauler, überschlage die Beine öfter oder lümmle gar mit einem angewinkelten Bein herum. Im Unterschied zum Capisco, der eine erhöhte Sitzfläche hatte, hindert mich beim neuen Stuhl nichts daran, ungerade zu sitzen. Deshalb ist hier mehr Disziplin gefragt.

Zu Beginn hat sich die Kunststofflehne hart angefühlt. Schliesslich war ich bisher nur die biegsame Futu-Mesh-Strukur, Polsterlehnen oder eben gar keine gewohnt. Doch je länger ich probesitze, desto weniger achte ich darauf. Es fühlt sich natürlich an, auf dem Tion zu sitzen. Was mir mit der Zeit fehlt, ist die Abwechslung durch unterschiedliche Sitzpositionen. Um zu testen, ob ich Tion als Stehsitz in Kombination mit meinem Tischaufsatz Upstaa nutzen kann, verwende ich ihn auf der höchsten Stufe. Dabei kann ich meine Füsse immer noch auf dem Fusskreuz ablegen oder in der Luft baumeln lassen. So richtig sitz-stehen geht aber nicht. Dazu müsste ich ihn noch höher stellen können.

Als Nächstes probiere ich eine Haltung aus, für die das Design eigentlich nicht vorgesehen ist, die mir beim Capisco am meisten gefallen hat. Ich drehe den Stuhl und sitze umgekehrt, also mit der Rückenlehne vor mir darauf. So kann ich gar nicht herumlümmeln und die Beine überkreuzen.

Das geht gut, nur sind die Kanten der Lehne etwas im Weg. Im Vergleich zu herkömmlichen Office Chairs ist die Rückenlehne sehr breit. Wäre sie nur ein bisschen schmaler, würde ich mit den Ellenbogen nicht anstossen. Und Tion könnte besser mit dem Capisco mithalten.

Material, Pflege und Produktion

Da ich Tion nur acht Wochen lang regelmässig «treffe», kann ich kaum eine Veränderung an ihm feststellen. Nur die Zwischenräume der Rillen stauben etwas ein, weshalb ich sie mit einer trockenen Bürste alle zwei Wochen säubere. Auch die Rückenlehne fängt Fussel, aber diese entferne ich im Nu mit einem feuchten Tuch. Der textile Bezug sieht aus wie am ersten Tag und das sollte auch so bleiben. Mit 100 000 Martindale gilt dieser als besonders strapazierfähig und mit einer Stufe von 4 bis 5 soll er nicht zu Pilling neigen. Wenn dennoch mal was daneben geht, könnte ich den Bezug waschen, flicken lassen oder ihn ganz ersetzen. Denn wie alle Bestandteile von Tion, kann auch er einzeln ersetzt werden.

Die Zwischenräume der Rollen und Fussstützen müssen gelegentlich abgestaubt werden.
Die Zwischenräume der Rollen und Fussstützen müssen gelegentlich abgestaubt werden.
Foto: Pia Seidel

In Hågs Portfolio hat Tion in Sachen Nachhaltigkeit laut Hersteller den besten Wert. Sein Fusskreuz und der Rückenlehnebügel sind aus recycelten Aluminium. Die Rückenlehne ist zu 94 Prozent und der «Cura»-Stoff zu 98 Prozent aus recyceltem Kunststoff. Letzterer wird in Litauen produziert. Das weiss ich, weil ich auf der Webseite alles nachlesen kann. Diese Transparenz gefällt mir. So kann ich als Konsumentin bewusstere Kaufentscheide fällen.

Fazit: Bewegt bleibe ich mit dem Tion, aber…

Dass ich mich noch mal ins Daten gestürzt und den «Point of no Return» hinterfragt habe, bereue ich nicht. Wieder habe ich in Tion einen potenziellen Partner fürs Homeoffice gefunden. Er verhindert steifes Sitzen und ich kann mich auch mal zurücklehnen – anders als ein Gymnastikball. Bewegungen während der Arbeit empfinde ich als fliessend. Doch Tion könnte mich mehr wie der Sattelsitzstuhl oder Pendelhocker in eine gerade Haltung zwingen. Da die Sitzfläche aber flach und breit ist, lümmle ich öfter mal herum. Mir fehlt die Möglichkeit, ihn kompromisslos umgekehrt – mit der Rückenlehne vor der Brust – zu nutzen und er ist auch nicht hoch genug, um in einem Steh-Sitz zu arbeiten.

Toll finde ich an Tion dafür, wie gut er aussieht. Bei seinem Design hat man sich auf die wichtigsten Komponenten konzentriert. Das macht den Stuhl leicht und anpassungsfähig. Er fügt sich ins Arbeitszimmer genauso gut ein wie in die Küche oder ins Wohnzimmer. Das getrommelte Aluminium hebt ihn vom 08/15-Bürostuhl ab und verleiht ihm ein dekoratives Muster. Eine Rückenlehne mit Mesh-Struktur oder einem Polster wäre weicher gewesen. Wer aber am Preis und nicht an der Funktionalität sparen möchte, kann das hier tun. Auf das Sitzpolster würde ich hingegen nicht verzichten. Vor allem, weil dieses, anders als beim Capisco, preislich nur einen geringen Unterschied macht. Das gilt auch für die Armlehnen: Wer darauf verzichtet, spart Geld und Fläche, weil Tion ohne sie unter dem Tisch verschwinden kann. Wobei dieses Designstück sich gar nicht verstecken muss.

Der Materialmix sowie die schwungvolle Silhouette machen Tion zum Hingucker.
Der Materialmix sowie die schwungvolle Silhouette machen Tion zum Hingucker.
Foto: Pia Seidel

Weil mein Herzklopfen nach dem ersten Trommelwirbel abnimmt, gebe ich den Tion-Musterstuhl wieder zurück. Es liegt nicht an ihm, sondern an mir. Er ist einfach zu handhaben und sieht gut aus, aber ich bin nach wie vor nicht ready mich zu committen und date noch etwas weiter.

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Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres.
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