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GamingReportage 1693

Gaming-Crashkurs für Senioren: «Ich hatte keine Ahnung, dass es solche Spiele gibt»

Zocken ist nur was für Kinder? Von wegen. Wir haben einen Gaming-Nachmittag für Senioren organisiert und ihnen die faszinierende Welt der Spiele nähergebracht: Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

«Für das Geld geh ich doch lieber ins Kino.» Die Vorführung des Indie-Games «Stanley Parable» hat zwar Ursulas Vorurteile abbauen können, in allen Games werde nur geschossen, skeptisch bleibt sie weiterhin. Die 83-Jährige ist in Begleitung ihres Enkels in die eStudios in Zürich gekommen, wo wir einen Game-Nachmittag nur für Senioren veranstalten. Zwölf Gamer-PCs, ein Super Nintendo Classic und eine Xbox One stehen bereit, um die Damen und Herren in die Welt des Gamings einzuführen.

Ein bunter Strauss von Teilnehmern

Ursula spielt zusammen mit Enkel Gian auf der Nintendo Switch.

Einen ganzen Nachmittag nur zocken. Das klingt nach einem grossartigen Zeitvertreib. Für Ursula ist es jedoch das erste mal in ihrem Leben, dass sie Game-Luft schnuppert. In diesen vier Stunden will sie endlich verstehen, warum dieses Medium junge Menschen so bewegt. «Ausserdem kann ich so am Weihnachtsessen über ein neues spannendes Thema mitdiskutieren», fügt Ursula an.

Ebenfalls teil nehmen Roger (67) und Johann (70). Sie haben bereits erste Erfahrung mit Games gesammelt. «Früher habe ich Flugsimulator gespielt. Das ist aber schon ewig her. Heute komme ich höchstens mal durch meinen Sohn mit Games in Berührung.» Bei Johann sieht es ähnlich aus. Er hat sich zwar kürzlich eine PS4 Pro mit «Fifa 19» und «Gran Turismo» angeschafft, so ganz schlau wird er daraus aber noch nicht.

Johann (l.) und Roger (r.) versuchen sich an «Overwatch»

Die letzte im Bunde ist Monika, die im Vergleich zu den restlichen Teilnehmern nichts von ihrem Glück wusste. «Kevin hat mich gefragt, ob ich am Donnerstag etwas vorhabe und ich hab leichtsinnigerweise nein gesagt», sagt die 64-Jährige lachend. Kevin ist der Name ihres Sohnes, der verantwortlich für die Überraschung ist. Er will die frühere «Tetris»-Spielerin wieder für das vergessene Hobby begeistern. «Als mein Bruder und ich den Gameboy geschenkt bekamen, hat sie ihn stundenlang belegt, um ‹Tetris› zu spielen», so der Sohnemann, der mittlerweile selber eine Tochter hat. Ihren Kindern den Gameboy gestohlen zu haben, hat Monika erfolgreich verdrängt. Interesse am Hobby ihrer Söhne hat sie hingegen immer gezeigt – auch wenn sie nur selten selber den Controller in die Hand nahm. Das soll sich heute ändern.

Sie: «Wer hat gewonnen?» Er: «Du» Sie: «Ahhhh»

Kevin und seine Mutter Monika browsen durch den Steam-Store.

Wir beginnen mit einer Runde «Rocket League». Da nur zwei Controller zur Verfügung stehen, muss der Rest mit Tastatur und Maus Vorlieb nehmen. Laut Tobias Egartner von den eStudios, der ebenfalls helfend zur Seite steht, spielt offenbar die Hälfte der Pros auf diese Weise. Alles Irre, wenn man mich fragt, aber das macht ja keiner. Also erkläre ich den Teilnehmern wie sie ihre bunten Fahrzeuge steuern müssen, um den Ball ins gegnerische Tor zu knallen. Ausser Sohn und Enkel, die sich ebenfalls einen freien Platz geschnappt haben, kommt zwar niemand wirklich mit der Steuerung klar, das Spielprinzip gefällt hingegen.

Erwartungsgemäss birgt WASD die grösste Herausforderung. Daran wird wohl auch der nächste Titel nichts ändern: «Counter-Strike GO». Monika, der als Linkshänderin noch ein weiteres Hindernis aufgebürdet wird, macht erste zaghafte Schritte. Da wir die Tastenbelegung nicht komplett umstellen wollen, ist die Bedienung der Tastatur mit der rechten Hand eher suboptimal. Besonders schwierig wird’s, wenn man über ein Mäuerchen springen möchte und mit dem Handballen die Leertaste betätigen muss. Irgendwie ist es dennoch ihr Team, das am Ende den Sieg davon trägt. Sehr zu ihrer Verwunderung: «Wer hat gewonnen?». «Du», erklärt ihr Sohn. «Ahhh.»

Roger und Johann haben derweil selbständig ein Bot-Match gestartet. Nur mit Pistole bewaffnet machen aber auch sie nicht die beste Figur. Als ich Roger zeige, wie er sich eine AK-47 kaufen kann, erscheint ein Grinsen auf seinem Gesicht und er feuert freudig ein paar Salven in die Luft. Damit trifft er zwar auch nicht besser, aber die Erfahrung scheint ihm Spass zu machen.

Johann gibt den Bots Saures.

Ursula hat den Platz Gian überlassen. Ballerspiele sagen ihr nicht besonders zu und sie habe ohnehin mehr vom Zuschauen. «Es macht mich nervös, wenn ich in einem Team spielen muss. Ich spiele lieber etwas für mich», meint Ursula. Da horcht Gian auf: «Oma, jetzt weiss ich, von wem ich das hab. Ich mag nämlich auch keine Multiplayer-Spiele. Die stressen mich nur.» Unser Spielenachmittag ist nicht nur informativ, sondern auch therapeutisch.

Auf der gegenüberliegenden Seite hat Johann «Overwatch» gestartet. Die 29 verfügbaren Spielfiguren sind dann aber doch etwas zu viel des Guten. «Counter-Strike GO» war da ein kleines bisschen einfacher. Da gibt’s nur zwei Teams. Also entscheide ich für ihn und wähle den muskulösen Reinhardt. Nachdem ich Johann die wichtigsten Dinge erklärt habe, stampft er los. Allerdings ist ein Nachmittag definitiv zu kurz, um wirklich mit Maus und Tastatur vertraut zu werden. Daher ist es meist Zufall, wenn ein Gegner von Reinhardts Hammer erschlagen wird. Da es ein Bot-Match ist, spielt der Computer primär unter sich.

«Ich wusste gar nicht, dass es auch solche Spiele gibt»

«Assassin’s Creed Odyssey» hat beeindruckt.

Im Verlauf des Nachmittags verteilen sich die Teilnehmer nach und nach auf die verschiedenen Stationen. Gian zeigt seiner Grossmutter auf der Xbox One eines seiner Lieblingsspiele: «Assassin’s Creed Odyssey». Es dauert nicht lange, bis sich eine kleine Gruppe um den Fernseher scharrt. «Ich hätte nicht gedacht, dass Spiele schon so realistisch aussehen. Sowas habe ich noch nie gesehen», staunt Monika. Johann, der mittlerweile den Controller in der Hand hat, macht kurzen Prozess aus zwei Banditen. Beim blutigen Finishmove fürchte ich einen Moment, dass jemand das Gesicht verzieht, stattdessen lachen Johann und Monika lauthals über die groteske Szene.

Dass es auch völlig gewaltlose Spiele wie «Firewatch» gibt, wussten nicht alle Teilnehmer.

Um zu zeigen, wie vielfältig Spiele sein können, starte ich «Firewatch». Darin spielt man einen Feuerwächter, der in einem Nationalpark den Aufpasser spielt. «Firewatch» besteht grösstenteils aus Dialogen und Entdecken der wunderschön designten Wildnis. «Ich wusste gar nicht, dass es auch solche Spiele gibt», entfährt es Ursula. Auch das eingangs erwähnte «Stanley Parable» gefällt ihr. Dort schlüpft man in die Rolle von Stanley, der begleitet von einer altklugen Erzählstimme, ein verlassenes Bürogebäude erkundet. Der Humor des Spiels kommt gut an. Geld würde Ursula dafür aber trotzdem nicht ausgeben.

Verrückte Tanzmoves und Geld für Skins

Zum Schluss starte ich noch «Fortnite». Von der Battle-Royale-Sensation hat jeder schon gehört und die Anwesenden wollen wissen, was es damit auf sich hat. Das knallbunte Design und die verrückten Skins sorgen für Schmunzeln. Beim Absprung aus dem fliegenden blauen Schulbus, der an einem Heissluftballon hängt, werden grosse Augen gemacht. Das Spielprinzip scheint besonders Monika zuzusagen. Als ich mit der Spitzhacke alles kurz und klein schlage, um an Ressourcen zu kommen, klatscht sie freudig in die Hände: «Das ist ja herrlich. Das fände ich auch toll. Da kann man perfekt seine Aggressionen rauslassen.» So habe ich das noch nie gesehen, aber jedem das seine.

Für Stirnrunzeln sorgt dagegen die Information, dass man sich im Spiel für echtes Geld kosmetische Sachen kaufen kann. «Wie? Menschen zahlen wirklich mehrere hundert Franken für ein virtuelles Kleidungsstück?» Monika kann nur noch staunen. Leider bleibt nicht mehr genug Zeit, die Thematik zu vertiefen. Aber auch ohne Diskurs über Game-Finanzierung, respektive die Problematik dahinter, haben die gamenden Senioren genug zu verarbeiten.

Aller Anfang ist schwer, aber es lohnt sich

Ich erklär gerade, wie der Schulbus in «Fortnite» die Spieler ins Game bringt.

Der Nachmittag scheint sich gelohnt zu haben: «Es war sehr interessant. Ich habe einige neue Spiele kennengelernt, die ich mal ausprobieren will», sagt Johann. Zuerst will er aber «Fifa 19» und «Gran Tursimo» spielen, die Zuhause auf ihn warten. «Die ganzen Werkzeuge zu verstehen und die Koordination zwischen linker und rechter Hand zu lernen, ist schwieriger, als ich gedacht habe», ist Rogers Bilanz, der extra aus Worb im Kanton Bern angereist ist. Bei Monika, die zum Schluss noch eine Party «Tetris Ultimate» mit ihrem Sohn gespielt hat, scheint das Interesse an Spielen auch wieder etwas entfacht zu sein. Zur Vollzeit-Gamerin werde sie aber wohl nicht: «Ich hab doch keine Zeit. Einen Computer hätte ich aber bereits. Wer weiss, vielleicht kommt’s ja doch noch.»

User

Philipp Rüegg, Zürich

  • Teamleader Odin
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

16 Kommentare

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Es gelten die Community-Bedingungen.

User kentukky

Mein Opa hat im zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft. Es war für ihn eine schwierige Zeit, aber er hat alles überstanden und kam als Sieger heraus. Dann hat er den PC abgestellt und ging schlafen. =)

28.12.2018
User Canavar

"Ich bringe Leute um, ersäufe sie, knalle sie ab, schlage sie zu Tode"
- Edith Eicher, 71

28.12.2018
User Anonymous

witzig :)

28.12.2018
User sftmval

witzig :)

31.12.2018
Antworten
User Doomer_66

Finde die Idee an sich sehr gut, aber die Spieleauswahl hätte ich für Senioren ganz anders gewählt.
Ich hätte da eher ein paar gute Adventures ausgepackt, ev. Myst ähnliche Spiele das viele sicher noch in Erinnerung haben.
Oder ein paar gute Strategie und Taktik Games.
Forza Horizon hätte man als Rennspiel auch noch zeigen können, da es sehr unkompliziert ist und man auch frei "herumkurven" kann. :)

28.12.2018
User kentukky

Wäre auch geil mal "Shock Content" an Senioren vorführen. Mortal Kombat X, Wolfenstein II: The New Colossus und Agony Unrated. Das letzte Game übertrifft alles, was ich in letzter Zeit gesehen habe.

28.12.2018
User ShirosAcid

Outlast hätte einen gewissen "schock moment" gebracht , allerdings wäre dieser nicht ganz optimal ^^

29.12.2018
User Leonalis

Gerade bei Shooter sollte man aber auch sensibel sein. Es gibt durchaus Menschen die im 2. Weltkrieg im Dienst waren an der Grenze etc. // Mein Grossvater war stets geschockt von diesen "Spielen" und was wir "toll" fanden.

30.12.2018
User Anonymous

Hahahaha... Myst. hahahaahhahah

01.01.2019
Antworten
User eoleonz

Finde ich echt sympathisch und mega schön.
Nice move 🤗👍🏻

28.12.2018
User DarkFuneral

Ich 45J spiele seit 30 Jahren und bei so einem Artikel hätte ich durchaus auch mal Lust älteren Menschen mein Hobby nahe zu bringen. :)

01.01.2019
User diether7

Wann gibts wieder einmal einen Seniorentag? Und was kostet das?

02.01.2019
User xMuhash

Mein Grossvater hatte noch im Alter von über 70 Jahren Spass an Games zuerst an der PS2 und danach an der PS3. Obwohl er den 2. Weltkrieg erlebt hatte, spielte er ausschliesslich Shooter. An Stellen, an denen er nicht weiter kam durfte ich ihm jeweils helfen. :) Auch meine Oma (auch über 70) bevorzugte da eher das Notebook und hatte sehr grosse Freude an den verschiedenen Spielen der Angry Birds-Reihe oder an den "kombiniere 3 Elemente"-Spielen (z.B. Bejeweled).

03.01.2019
User reyney

Keine Seltenheit, dass Senioren spielen. Finde ich auch richtig, denn für viele ist es die einzige soziale Interaktion und Training der kognitiven Fähigkeiten als auch Logik. Besser als Kreuzworträtsel und Assi tv aufsaugen. Allerdings ist dieser Test recht einlastig. Viele Ballerspiele. Sport und Renngenre waren kein Bestandteil? Spiele ala Diablo und z.t. sogar Warcraft sind denke ich für ihr Alter optimal.

03.01.2019
User hologramm

Sim City ! Wäre ich nicht in der Simulation in die Schuldenfalle geraten, hätte das eine sehr teure Lektion werden können !

30.12.2018
User miggel56

Hallo zusammen,
spiele seit über 10 Jahren MMos wie WOW / Rift schade das so ein Spiel bei euch nicht zum Zuge gekommen ist. Das sind Spiele wo sehr vielfältig sind wie Kämpfen, forschen, sammeln und vieles mehr. Wo man sich trifft, gemeinsame Unternehmungen machen kann, oder auch sich auch alleine beschäftigen kann.
Eure Idee ist toll, hoffe das es nicht die letzte war.
Durstus 62 Jh.

06.01.2019