Fotografieren in der Nacht – im Winter das beste
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Fotografieren in der Nacht – im Winter das beste

David Lee
Zürich, am 23.01.2018
Wenn du ein bisschen Zeit und Energie investierst, machst du auch in der dunklen Jahreszeit eindrückliche Bilder. Mit und ohne Stativ.

Winterzeit, das heisst lange Nächte und kurze Tage. Es ist kalt und ich hocke gerne in der warmen Wohnung. Doch wenn ich es mal schaffe, mit der Kamera nach draussen zu gehen, bereue ich es nie. Ich mag es gerne bunt, und da gibt die Nacht mehr her als das graue Nachmittags-Winterlicht.

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Aufnahme mit 4000 ISO, 1/125 Sekunde und Blende 2,8

Früher ein Problem, heute nicht mehr

Die Voraussetzungen fürs Fotografieren bei wenig Licht sind heute sehr viel besser als vor zehn oder zwanzig Jahren. Du kannst Dinge umsetzen, die früher gar nicht oder nur mit riesigem Aufwand möglich gewesen wären. Der Fortschritt der Technik bringt insbesondere:

Sehr lichtempfindliche Sensoren. Heutige Kameras liefern auch mit hohen ISO-Empfindlichkeiten brauchbare Bilder. Bei einer Kamera mit einem grossen Sensor (APS-C oder grösser) kannst du bedenkenlos auf 6400 ISO hochschrauben, teilweise noch höher.

Aufnahme mit 12800 ISO. Canon EOS 5D III
Aufnahme mit 12800 ISO. Canon EOS 5D III

Dafür reichen heute Kameras mit APS-C-Sensor, die es schon sehr günstig gibt. Vollformatkameras sind natürlich noch besser.

Alpha 7 Body (24.30Mpx, Vollformat / FX)
849.84
Sony Alpha 7 Body (24.30Mpx, Vollformat / FX)
X100F (35mm, 24.30Mpx, APS-C / DX)
1051.–
Fujifilm X100F (35mm, 24.30Mpx, APS-C / DX)
EOS 1300D Body (18Mpx, APS-C / DX)
Canon EOS 1300D Body (18Mpx, APS-C / DX)

Bildstabilisatoren. Immer bessere Bildstabilisatoren werden in die Objektive und/oder die Kameras eingebaut. Im Idealfall kannst du beides kombinieren. Mit einem «Stabi» kannst du länger belichten, ohne dass das Bild verwackelt – ohne Stativ.

SP 45mm f/1.8 DI VC USD, Canon EF-S
431.–
Tamron SP 45mm f/1.8 DI VC USD, Canon EF-S
Fujinon XF 80mm f/2.8 R LM OIS WR Macro
1128.–
Fujifilm Fujinon XF 80mm f/2.8 R LM OIS WR Macro

Besserer Autofokus. Der Autofokus einer heutigen Kamera ist viel besser als der einer alten. Auch bei wenig Licht findet die Kamera den Schärfepunkt meist selbst.

Fotografieren ohne Stativ

Mit dem heutigen Stand der Technik sind Nachtaufnahmen ohne Stativ möglich – das macht die Sache wesentlich einfacher. Du brauchst lediglich eine Kamera mit einem lichtstarken Objektiv. Das muss nicht teuer sein.

Nimm eine Taschenlampe mit. Selbst wenn du deine Kamera wirklich gut kennst, weisst du kaum in jeder Situation, welche Taste nun gedrückt werden muss und wo genau sich diese befindet. Nutze das Quick-Menü deiner Kamera, dann geht es etwas einfacher.

Aber auch in der Nacht erfordern nicht alle Situationen extrem hohe ISO-Werte. Es kommt sehr darauf an, ob Lichtquellen in der Nähe sind oder sogar direkt auf dem Bild. Hier zum Beispiel reichten schon 400 ISO für eine Aufnahme ohne Stativ – das geht dann auch mit einer Kompaktkamera.

400 ISO und 1/50 Sekunde bei Blende 2.5. Dieses Bild habe ich mit einer alten Kompaktkamera (Panasonic Lumix LX3) aufgenommen.
400 ISO und 1/50 Sekunde bei Blende 2.5. Dieses Bild habe ich mit einer alten Kompaktkamera (Panasonic Lumix LX3) aufgenommen.

Wie viel ISO du im Einzelfall braucht, ist schwer vorauszusagen. Um nicht unnötig Bildqualität zu verschenken, stellst du deshalb die ISO-Empfindlichkeit auf Automatik. Die Automatik muss aber einen möglichst hohen Maximalwert haben. So hoch, wie es die Kamera bei akzeptabler Qualität noch zulässt.

Am besten schränkst du bei der ISO-Automatik auch gleich die Belichtungszeit ein. Ohne Bildstabilisator sollte der Sekundenbruchteil etwa der Brennweite entsprechen. Beispiel: Im Fall von Brennweite 50 mm liegt die Grenze bei 1/50 Sekunde. Mit Bildstabilisierung darf der Wert länger sein. Aber nur, wenn wenn du es nicht auf Menschen abgesehen hast. Sonst gibts verschwommene Gesichter.

Natürlich kannst du auch blitzen. Aber Blitzlicht von einem gewöhnlichen eingebauten Blitz wirkt sehr hart und unnatürlich. Es werden nur Motive in der Nähe beleuchtet, der Rest bleibt dunkel. Viele Leute verschliessen bei Blitzlicht die Augen halb und sehen dann komplett bescheuert aus.

Anfangs habe ich grossmaulig behauptet, dass der Autofokus auch in der Nacht keine Probleme machen würde. Das stimmt auch, aber du musst das Fokusfeld auf eine Bildstelle richten, in der Struktur vorhanden ist. Und die Nacht bringt es halt so mit sich, dass oft grosse Bildteile einfach schwarz bleiben. Ich nutze in solchen Situationen jeweils den Single-AF, damit mir die Kamera Feedback gibt, sobald sie richtig fokussiert hat. Wenn dir schon Single-AF nichts sagt, dann lies das hier:

Kamera im Griff: So stellst du den *Autofokus** ein
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Fotografieren mit Stativ

Zum Fotografieren mit Stativ brauchst du neben der Kamera:

  • ein Stativ
  • einen Fernauslöser
  • Geduld

Mini-Stative sind eine simple, aber sehr nützliche Erfindung. Besonders die beweglichen Klammerstative «Joby Gorillapod». Es gibt sie mittlerweile für alle erdenklichen Gewichtsklassen und auch für Smartphones.

Gorillapod GP3 SLR-Zoom Set inkl. Kugelkopf (Kunststoff)
Joby Gorillapod GP3 SLR-Zoom Set inkl. Kugelkopf (Kunststoff)
Pixi Evo (Aluminium)
54.50
Manfrotto Pixi Evo (Aluminium)

Nicht immer findet sich ein geeigneter Ort um das Mini-Stativ auf der gewünschten Höhe festzumachen. Ein grosses Stativ ist diesbezüglich flexibler.

Stative gehören zu den wenigen Produkten von digitec, die kaum veralten. Ein gutes Stativ ist auch in 10 Jahren noch gut. Ausserdem sind die Gewinde genormt, jede Kamera passt drauf. Darum würde ich beim Stativ nicht sparen. Ich habe mich jahrelang mit einem billigen Stativ herumgeärgert, bis es mir zum Glück geklaut wurde. Jetzt habe ich dieses hier. Noch wenig ausprobiert, aber der erste Eindruck ist sehr gut.

Befree One (Aluminium)
Manfrotto Befree One (Aluminium)

Mit einem Stativ hast du folgende Vorteile:

  • Du kannst die ISO-Empfindlichkeit ganz herunter drehen und somit das Optimum an Bildqualität herausholen
  • Du kannst lange belichten, was aussergewöhnliche Effekte gibt (Klassiker: vorbeifahrende Lichter im Verkehr). Passanten werden nur verschwommen abgebildet und sind nicht identifizierbar. Im Extremfall veschwinden sie ganz.
  • Du musst nicht mit offener Blende fotografieren und hast daher mehr Möglichkeiten der Bildgestaltung. Mit einer geschlossenen Blende erscheint zum Beispiel Lampenlicht als strahlender Stern.
Aufnahme mit Stativ und 8 Sekunden Belichtungszeit
Aufnahme mit Stativ und 8 Sekunden Belichtungszeit

Ein Stativ alleine garantiert noch keine scharfen Fotos. Denn auch das beste Stativ ist nicht starr wie ein Betonklotz. Wenn du auf den Auslöser drückst, schwingt das Stativ und damit die Kamera noch eine Zeitlang etwas mit. Dem hilfst du mit einem Fernauslöser ab. Prüfe aber zuerst, welcher mit deiner Kamera kompatibel ist!

Wenn du keinen Fernauslöser dabei hast, tut es zur Not auch der Selbstauslöser. Nach einigen Sekunden sollte die Erschütterung abgeklungen sein.

Bei Spiegelreflexkameras musst du zudem die Spiegelvorauslösung aktivieren. Denn auch der Spiegel löst eine kleine Erschütterung aus, wenn er hochklappt. Mit der Spiegelvorauslösung klappt der Spiegel zwei, drei Sekunden früher hoch als die Aufnahme startet.

Bei den meisten Kameras beträgt die höchste Belichtungszeit, die du einstellen kannst, 30 Sekunden. Um länger zu belichten, brauchst du den Bulb-Modus. Dabei belichtet die Kamera, solange du den Auslöser gedrückt hältst. Logischerweise funktioniert hier der Selbstauslöser nicht, und du brauchst zwingend einen Fernauslöser. Der funktioniert wie eine Start-Stopp-Taste, beim zweiten Mal stoppt die Belichtung.

Im Bulb-Modus musst du die Blende von Hand wählen. Er ist somit ein Spezialfall des manuellen Modus. Gibt es an deiner Kamera keinen speziellen Bulb-Modus, ist er wahrscheinlich Teil des M-Modus. Wähl also M und dreh die Belichtungszeit über 30 Sekunden.

Belichtungszeit richtig einstellen

Doch wie lange belichten? Bei Langzeitbelichtungen kannst du dich nicht blind auf die Belichtungsautomatik verlassen. Und du willst auch nicht jedes Mal 30 Sekunden warten, um zu sehen, ob die Belichtung stimmt. Abgesehen davon leerst du damit auch den Akku der Kamera ziemlich schnell. Mach stattdessen ein Testfoto mit kurzer Belichtungszeit, offener Blende und hoher ISO, und rechne dann die Zeit für tiefe ISO und gewünschter Blende um.

Das Umrechnen geht so: Wenn ein Wert sich um eine Stufe verringert, müssen die beiden anderen insgesamt um eine Stufe erhöht werden.

  • Stufen bei ISO: 100, 200, 400, 800, etc.
  • Stufen bei der Belichtung: 1/120, 1/60, 1/30, 1/15 etc.
  • Blendenstufen: 32, 22, 16, 11, 8, 5,6, 4, 2,8, 2, 1,4 (bei der Blende wird mit Wurzel 2 multipliziert, statt nur mit Faktor 2)

1/15 Sekunde und f/2 ist also gleich hell wie 1/30 Sekunde und f/1,4.

Ein realistisches Beispiel. Es ist dunkel und du machst ein Testfoto mit 1/15 Sekunde, 6400 ISO und f/2.

Es scheint von der Belichtung her OK zu sein. Du willst aber ein Foto mit 200 ISO. Dafür musst du den ISO-Wert fünfmal halbieren. Das bedeutet, die Belichtungszeit muss fünfmal verdoppelt werden. Resultat: 2 Sekunden, 200 ISO und f/2.

Nun willst du statt f/2 die Blende schliessen (auf f/22). Das sind sieben Stufen. Die Belichtungszeit muss also weitere sieben Mal verdoppelt werden. Das ergibt 256 Sekunden, also vier Minuten und 16 Sekunden. Ein Fall für den Bulb-Modus und deine Stoppuhr. Wobei es da nicht auf die Sekunde genau drauf ankommt.

In der Dunkelheit erscheinen die Bilder oft heller, als sie tatsächlich sind. Das Histogramm gibt dir normalerweise einen zuverlässigen Anhaltspunkt, ob du richtig belichtet hast - aber gerade bei Nachtaufnahmen ist auch das schwierig. Diese Fotos haben natürlicherweise viele dunkle Stellen, so dass man dem Histogramm nicht ohne weiteres ansieht, ob das Foto unterbelichtet ist oder nicht.

Meine Ratschläge für dieses Problem: Erstens, in RAW fotografieren, um am Computer die Helligkeit besser nachjustieren zu können. Und zweitens, dasselbe Bild mit verschiedenen Helligkeiten aufnehmen.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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