Eine Powerbank mit einem dunklen Geheimnis
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Eine Powerbank mit einem dunklen Geheimnis

Aurel Stevens
Zürich, am 27.11.2019

Ich habe einen Kaufratgeber zu Powerbanks geschrieben. Bei einem Produkt habe ich ein merkwürdiges Problem entdeckt. Die Geschichte einer Spurensuche – die einen dreisten Trick offenlegt.

Bei digitec möchten wir vermehrt Kaufratgeber schreiben. Als Chefredaktor gehe ich mit gutem Beispiel voran und knöpfe mir Powerbanks vor. Ich bin ein gründlicher Tester. So gründlich, dass mein Kaufratgeber einen geschlagenen Monat in Arbeit ist. In der Redaktion war der schon ein Running Gag. Aber ich habs geschafft!

  • KaufratgeberSmartphone

    Welche Powerbank hat wirklich Power?

Ein enthusiastischer Leser hat mir bei der Umsetzung des Kaufratgebers geholfen. Er hat etliche Powerbanks vermessen. Gemeinsam haben wir die Daten ausgewertet. Ich schreibe den Artikel, so die Arbeitsteilung.

Die ersten Zweifel

Bei einem Produkt sind uns unterschiedliche Spezifikationen aufgefallen. Es geht um die Aukey PB-Y7. Im Produktnamen und in den Spezifikationen ist von 30 000 mAh die Rede. Im Kurzbeschrieb hat die Powerbank hingegen 26 500 mAh Kapazität.

Eine kurze Recherche im Internet ergibt, dass das Produkt tatsächlich unter derselben Modellnummer PB-Y7 mit unterschiedlichen Spezifikationen im Umlauf ist. Einmal mit 26 500 mAh und einmal mit 30 000 mAh.

Ich weise den für Powerbanks verantwortlichen Produktmanager auf das Problem hin und möchte wissen, welche Version wir haben. Er fragt bei unserem Lieferanten – das ist nicht der Hersteller Aukey – nach. Wir bekommen die Antwort, dass wir eine Variante «für den Offline-Handel» bekämen, im Gegensatz etwa zu Amazon.

Ich finde das aus mehreren Gründen seltsam:

  • Warum sollte Aukey extra für den Offline-Handel eine eigene Variante anbieten?
  • Warum wird die grössere Variante nicht gezielt als leistungsfähigeres Produkt beworben?
  • Warum will man die ausgerechnet dem wichtigen Player Amazon vorenthalten?
  • Warum hat diese bessere Variante denselben Modellnamen?

Es gibt keine rationalen Antworten auf diese Fragen. Das macht alles keinen Sinn.

Als Kirsche obendrauf sind 30 000 mAh eine unkluge Kapazität. Das ist auf Flügen problematisch. Die meisten Airlines – darunter die Swiss – gestatten nur Akkus bis 100 Wattstunden (Wh). Über 100 Wh ist eine Genehmigung erforderlich. Das ist nicht nur bei der Swiss so. Deshalb tummeln sich fast alle grossen Powerbanks knapp an der magischen Grenze von 26 500 mAh. Bei 3.7 Volt sind das nämlich 98.05 Wh Energie.

Die 30 000 mAh der PB-Y7 ergeben 111 Wh. Diese Zahl steht auch auf der Rückseite des Gehäuses. Weshalb will ein Hersteller für einen relativ kleinen Kapazitätsgewinn von etwa 11 % das Produkt für Flugreisende untauglich machen?

Meine Vermutung, weil es die einzig mögliche Antwort ist: der Hersteller verkauft eigentlich dasselbe Produkte und schreibt es anders an. Weil er die anderen Hersteller mit 30 000 mAh übertrumpfen und mit der grössten Zahl werben will.

Bei mir schrillen die Alarmglocken.

Die Detektivarbeit

Ich grüble auf der Website des Herstellers Aukey nach. Der müsste doch wissen, welche Variante was kann.

Hier ist die Website des Herstellers für die Variante mit 26 500 mAh. Und hier ist die Website von Aukey für die 30 000-mAh-Variante.

Die zweite Seite hat einen Schönheitsfehler. Als Kapazität werden 98.05 Wattstunden genannt. Wie bei der Variante mit 26 500 mAh. Das kann ja eben nicht nicht sein:

  • 26.5 Ah × 3.7 V = 98.05 Wh
  • 30.0 Ah × 3.7 V = 111 Wh

Die einzige Erklärung wäre, wenn die Version mit 30 000 mAh eine tiefere Zellspannung hätte, bei 98.05 / 30 müssten das 3.26 Volt sein. Für eine andere Spannung müssten die Zellen eine komplett andere Chemie haben. Ein Kandidat dafür wäre LiFePO₄, die zwischen 3.2 und 3.3 V Spannung liefern. Aber das ist auch wieder unwahrscheinlich. Dann würden doch nicht beide PB-Y7 heissen.

Ich beschliesse, der Sache auf den Grund zu gehen und bestelle in Deutschland ein Modell mit 26 500 mAh. Weil das nicht in die Schweiz geliefert wird, macht es einen Zwischenstopp bei den Kollegen von Galaxus.de (die leider genau dieses Produkt nicht im Sortiment haben).

Endlich ist es soweit und ich habe beide Produkte vor mir. Als allererstes gehe ich bei der Schweizer Post vorbei, die Büros im selben Gebäude hat. Die Post hat sehr präzise Waagen und Erich, der auch bei uns die Post vorbeibringt, vermisst beide Produkte für mich.

Ein Unterschied von über 10 % in der Kapazität müsste dazu führen, dass die Produkte unterschiedlich schwer sind. Die grössere müsste ein ganzes Stück mehr wiegen. Fehlanzeige: Beide wiegen exakt 565 Gramm. Nicht nur sind beide PB-Y7 gleich schwer, sie gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Die Anschlüsse sind identisch. Die Dimensionen stimmen genau überein.

Diese Sache wird immer merkwürdiger.

Also fahre ich schwereres Geschütz auf und vermesse beide Powerbanks. Ich leere beide komplett und lade sie auf. Die Strommenge, die beide konsumieren, erfasst ein Man-in-the-middle-USB-Messgerät. Zwei mal zehn Stunden Ladezeit später habe ich die Resultate vorliegen.

Das sind die Resultate der 30 000er-Variante:

Kapazität: 23 674 mAh.

Und das sind die Resultate der kleineren 26 500er-Version:

Kapazität: 23 761 mAh.

Die kleinere Powerbank hat 87 mAh mehr Kapazität. Fresh!

Dass hier nicht mindestens 26 500 mAh stehen, muss ich vermutlich rasch erläutern; durch Spannungswandlung (Input: 5 Volt, Zellspannung: 3.7 Volt) gehen um die 10 % der Energie als Wärme verloren. Das ist bei jeder Powerbank so.

Allerdings: Dass beide genau gleich viel Energie speichern, bestätigt den Verdacht, dass es sich hier um ein und dasselbe Produkt handelt. Trotz unterschiedlicher Beschriftung.

Der Teardown

Ich will es noch genauer wissen und opfere das angeblich kleinere Modell, das ich in Deutschland gekauft habe. Vielleicht erfahre ich ja mehr, wenn ich einen Blick ins Innere werfe. Fachmännisch stemme ich das verklebte Plastikgehäuse mit einem Schraubenzieher auf.

Warnung: Mach das nicht zuhause nach. Wenn du beim Aufstemmen die Batteriezellen beschädigst, fangen sie rasch Feuer!

Meine Arbeitshypothese war, dass in beiden Powerbanks Zellen mit 9000 mAh Kapazität stecken und dass wir eine gefakte Version erhalten, bei der einfach mehr drauf geschrieben worden ist. Ich staune, dass es genau umgekehrt ist. In der kleineren Powerbank stecken drei LiPo-Blöcke mit je 10 000 mAh Kapazität bei 3.7 Volt. Also 37 Wattstunden. Mal drei 111 Wattstunden.

Aukey rechnet also nicht das eine Produkt künstlich grösser, sondern eines künstlich kleiner, als es tatsächlich ist! Es gibt nur einen denkbaren Grund, weshalb Aukey das tut: Damit das kleinere Produkt legal auf Flüge mitgenommen werden darf.

Das ist heikel. Aukey verstösst damit gegen Transport- und Sicherheitsvorschriften. Selbst wenn die Produkte in Frachtfliegern transportiert werden, wo die Vorschriften eventuell lockerer sind – der Endkunde nimmt sie ja auch wieder in den Flieger mit und tut damit unwissentlich etwas Verbotenes.

Zur Erinnerung: Wenn, wie kürzlich bekannt geworden ist, ein Bruchteil der 2015er Macbook Pros Probleme mit der Batterie hat, dann publizieren Flugsicherheitsbehörden und Airlines Warnungen. Qantas versteht da keinen Spass und verbietet gleich sämtliche Macbooks, sogar nicht betroffene Modelle.

Mich würde interessieren, wie man dort auf die kreative Praxis von Aukey reagiert.

Zunächst nimmt mich aber Wunder, was Aukey selbst dazu zu sagen hat.

Der Anruf bei Aukey

Ich melde mich bei unserem Distributor, der in Hongkong ansässig ist, und frage nach. Zur Illustration des Problems schicke ich ihm die zwei Bilder mit meinen Kapazitätsmessungen. Der freundliche Herr nimmt sich des Problems an und leitet meine Anfrage an Hersteller Aukey weiter.

Rund zwei Wochen später bekomme ich Antwort von Aukey. Laut der Technik gebe es tatsächlich zwei Varianten. Die Version mit 30 000 mAh sei die richtige, so sei das Produkt designed worden. Wir hätten das richtige Produkt in der richtigen Verpackung. Allerdings habe man einige Chargen in der Beschriftung angepasst, um den Anforderungen der Regulierungsbehörden zu entsprechen.

«The same product with a tricky package», heisst es in dem Mail. Bitte was? Ich staune über die erfrischende Offenheit. Auf diese Offenbarung stelle ich die explizite Rückfrage, was Aukey hier gerade tut:

a) Aukey schreibt die PB-Y7 mit 30 000 mAh (111 Wh) an, obwohl sie nicht die Kapazität hat, um ein möglichst leistungsfähiges Produkt anbieten zu können.
b) Aukey schreibt die PB-Y7 mit 26 500 mAh (98.05 Wh) an, obwohl sie grösser ist, um den Bestimmungen der IATA zu entsprechen.

Auf dieses Mail erhalte ich keine Antwort mehr. Auch eine Nachfrage beim Distributor, den ich immer auf dem Laufenden gehalten habe, bleibt unbeantwortet.

Die Auflösung

Da ich keine Auskünfte mehr erhalte, kläre ich gerne auf und schreibe das vorläufig letzte Kapitel der Geschichte alleine. Im Zuge des Powerbank-Kaufratgebers habe ich enorm viel gelernt und weiss, was hier passiert.

Es gibt kaum Powerbanks, bei denen drinsteckt, was draufsteht. Im Kaufratgeber zeige ich mit der Grafik «Pinocchio-Faktor», wie gross die Diskrepanz bei jedem getesteten Modell ist.

Wenn bei der Kapazität geflunkert wird heisst das nicht automatisch dass eine Powerbank schlecht ist. Wenn die Powerbank sehr günstig ist, kann sie trotz übertriebener Kapazitäts-Versprechen beim Preis-Leistungs-Verhältnis top sein. Das ist auch hier der Fall. Die Aukey PB-Y7 ist kein schlechtes Produkt. Es ist ein gutes Produkt! Es ist keine 30 000er-Powerbank, aber eine vom Preis-Leistungs-Verhältnis her gute Powerbank.

Das Spiel, das hier gespielt wird, geht so: Gegenüber dem Endkunden will Aukey mit einer möglichst grossen Zahl punkten. Viele Power-User wollen das stärkste Modell und greifen zu dem Produkt mit der nominell grössten Kapazität. Falls eine Flugsicherheitsbehörde nachfragt und mit Konsequenzen droht, wird Aukey sich auf den Standpunkt stellen, dass effektiv ja gar nicht 111 Wh drinstecken. Win-Win.

Dieser Artikel kommt nicht zufällig einen Tag vor dem Black Friday. Die PB-Y7 wird eines der rabattierten Produkte sein. Du wirst sie am 29.11. zu einem besonders attraktiven Preis kaufen können. Ausserdem haben wir die Erkenntnisse dieses Artikels in den Produktbeschrieb einfliessen lassen, so dass niemand die Katze im Sack kauft.

Powerbank PB-Y7 (30000 mAh)
Aukey Powerbank PB-Y7 (30000 mAh)
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Ich empfehle dir, diese Powerbank zu kaufen, denn sie ist wirklich gut. Sogar ohne Rabatt. Ich hoffe, dass man diesen Artikel bei Aukey liest und sich auf ein ehrliches Marketing zurückbesinnt. Alles andere wäre schade, denn die Produkte sind eigentlich gut.

Update 28.11.: Der Distributor hat sich nach der Publikation dieses Artikels gemeldet. Er möchte festhalten, dass er in dieser Sache ganz auf unserer Seite ist. Dies hat er in einem Mail an Aukey und an mich am Freitag, den 22.11. absolut klargemacht. Diese Mail ist leider in meinem Junk-Mail gelandet, weshalb ich die Haltung des Distributors nicht korrekt wiedergegeben habe. Dafür entschuldige ich mich.

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Ich bändige das Editorial Team. Hauptberuflicher Schreiberling, nebenberuflicher Papa. Mich interessieren Technik, Computer und HiFi. Ich fahre bei jedem Wetter Velo und bin meistens gut gelaunt.


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