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Ein Schreibtisch fürs Leben?

Pia Seidel
Zürich, am 06.05.2021

Manchmal verliebe ich mich in Oberflächlichkeiten. Dabei kann der Schreibtisch namens «Journal» von Normann Copenhagen glänzen. Trotzdem fehlt ihm etwas Entscheidendes.

Der Spruch könnte auch in einem Dating-App-Profil stehen: Da will einer «mit Kleinigkeiten ein angenehmes Umfeld schaffen, in dem gute Ideen frei fliessen können.» Klingt irgendwie gut und kreativer als so manches, was ich sonst so auf Tinder sehe. Er wäre ein Grund für mich, zumindest mal nach rechts zu swipen. Einfach um zu schauen, wer dahinter steckt. So ähnlich lief's mit dem Schreibtisch «Journal» von der Marke Normann Copenhagen ab. Der Auszug stammt aus seinem Produktbeschrieb.

Ich habe ihn mir vor einigen Monaten zugelegt, weil mich sein «Profil» überzeugt hat. Klar, in erster Linie waren es die Bilder. So oberflächlich sind wir doch alle. Dann war der Text noch ganz nett und schon war es um mich geschehen. Ob der Match zwischen Journal und mir seither anhält? Ja, das schon. Für wie lange noch, weiss ich nicht.

Erstes Treffen

Seit einigen Jahren lebe ich allein in einer Vierzimmerwohnung. Dass das für eine einzelne Person viel Raum ist, weiss ich. Wenn Freunde zu Besuch waren, hiess es oft: «Aus dem vierten Zimmer kannst du ja ein Heimbüro machen.» Ich stimmte ihnen jedes Mal zu. Genau wie bei der Frage, ob ich nicht irgendwann mal einen Mann bei mir einziehen lassen möchte. Dann kamen die Pandemie und das Homeoffice. Plötzlich war die Entscheidung klar: Ein Mann kommt mir vorerst nicht ins Haus. Ein Schreibtisch schon.

Das Eichenholz verleiht dem Tisch einen Rahmen und einen Akzent. Er schreit nicht nach Büro.
Das Eichenholz verleiht dem Tisch einen Rahmen und einen Akzent. Er schreit nicht nach Büro.
Ohne Querbalken könnte Journal auch als Esstisch durchgehen.
Ohne Querbalken könnte Journal auch als Esstisch durchgehen.

Hinter dem Design von Journal steckt der dänische Produktdesigner Simon Legald, der regelmässig für die Marke Normann Copenhagen entwirft. Ich besitze bereits zwei Möbel von ihm: den Servierwagen Block und den Barhocker Form. Der Schreibtisch gefiel mir auf Anhieb in der Farbe Grau und auch, weil er kein repräsentativer, sondern ein zurückhaltender ist. Gleichzeitig ist er alles andere als eine graue Maus. Seine Details machen ihn besonders.

Da wäre zum Beispiel die kleine Schublade, in der ich das Wichtigste unterbringe. Sie ist so platziert, dass ich ausreichend Beinfreiheit habe. Das Gleiche gilt für den Querbalken. Er stört mich mit einer Körpergrösse von 174 Zentimetern nicht und liesse sich entfernen, sollte ich ihn doch einmal als Esstisch nutzen wollen. Am meisten mag ich an Journal, wie er mit seiner Silikonrosette und dem Loch in der Tischplatte die Kabel ordentlich bündelt und seine justierbaren Füsse die Unebenheiten meines Bodens ausgleichen. Kleinigkeiten, die sich ergänzen – wie in einer guten Beziehung.

Herausnehmbare Fächer für die Schublade machen das Aufräumen leicht.
Herausnehmbare Fächer für die Schublade machen das Aufräumen leicht.
Ordentlicher sieht's auch dank Kabeldurchlass aus.
Ordentlicher sieht's auch dank Kabeldurchlass aus.

Beim Arbeiten fühlt sich die beschichtete Tischplatte angenehm an. Es genügt, sie mit einem feuchten Tuch zu reinigen. Journal gäbe es auch in den Farben Petrol, Weiss oder Schwarz. Doch ich bin froh, mich für Grau entschieden zu haben. Auf der weissen Tischfläche hätte ich wahrscheinlich die Kaffeeflecken und auf der schwarzen die Fettflecken besser gesehen.

Dass Journal nicht höhenverstellbar ist, habe ich einkalkuliert. Denn wer glaubt, dass sich neue Partner*innen im Laufe der Zeit den eigenen Bedürfnissen anpassen, liegt immer falsch. Ich besitze bereits eine Alternative, mit der ich zum Arbeiten im Stehen fremdgehen kann.

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Und auch wenn Journal höhenverstellbar wäre, würde ich mit ihm ja doch nur dieselbe Wand hinterm Bildschirm anstarren. Mit dem mobilen Tischaufsatz habe ich einen Tapetenwechsel und kann die Basis sowie Blickrichtung beliebig wählen.

Keine graue, aber kleine Maus

Anfangs war ich glücklich in den grauen Tisch verliebt. Jetzt kommen langsam die Probleme zum Vorschein. Er ist kompakt. Ein bisschen zu kompakt für mich. Die Tischplatte ist zwar breit genug für zwei Bildschirme und eine Bürolampe, aber ich würde meinen Screen gerne weiter nach hinten schieben können.

Die Breite ist perfekt.
Die Breite ist perfekt.
Es fehlt nur an Tiefe.
Es fehlt nur an Tiefe.

Journal hat mit seinen Massen im Dating-Profil nicht geschummelt. Ich bin das Problem. Mit 65 Zentimetern ist der Tisch zwar tiefer als Sekretäre, aber auch kürzer als die gängigen Schreibtische aus Grossraumbüros. Seine Masse sind da draussen gerade angesagt. In Zeiten, wo viele den Luxus haben, von zu Hause aus zu arbeiten, haben nur die wenigsten Leute Platz für einen Schreibtisch oder ein komplettes Büro. Da kommt seine schlanke Form gelegen.

Ein Match?

«Zehn Zentimeter mehr und es wäre ein perfekter Match», denke ich mir heute. Das ist ein Spruch, der auch oft in meinem Freundeskreis nach einem ersten Date fällt. Wenn es dann aber doch zum zweiten Treffen kommt, kann das Gegenüber meistens mit Charaktereigenschaften von der Grösse ablenken. So war's auch mit Journal. Nur dass ich es bin, die seine «Unzulänglichkeiten» stört und kaschiert. Um mir mehr Abstand zu verschaffen und meinen Armen mehr Platz, schiebe ich den Screen etwa zehn Zentimeter nach hinten über die Tischplatte hinaus.

Reichen nicht aus: Die Abstände zwischen Screen und Tastatur sowie zwischen Armen und Tastatur.
Reichen nicht aus: Die Abstände zwischen Screen und Tastatur sowie zwischen Armen und Tastatur.
Die kleinen aber feinen Unterschiede.
Die kleinen aber feinen Unterschiede.

Journal wird trotzdem kein Partner fürs Leben. Langfristig will ich doch nicht den kleinen Schönling, sondern einen grossen, starken Konferenztisch. Meine Büroliebe eben, die mir niemals ins Haus kommen würde. Ich freue mich auf ein Wiedersehen, wenn ich ins Grossraumbüro zurückkehren kann. Dann werde ich diesen Tisch vielleicht auf unserer Dating-Plattform für gebrauchte Produkte weiterverkaufen. Sorry, Journal. Es liegt nicht an dir, sondern an mir. Ich brauche mehr Freiraum und mochte das Zimmer mehr, als in ihm noch alles möglich war.

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Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres.
– Albert Einstein


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