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Die CD wird nie cool werden – sie ist zu gut für Hipster

David Lee
Zürich, am 01.02.2022

Schallplatten, Musikkassetten und Bandmaschinen geniessen viel Retro-Charme. Die CD nicht. Warum eigentlich? Einige Gründe sprechen nicht gegen, sondern für die CD.

Es scheint bei vielen Dingen einen Zyklus zu geben. Zuerst werden sie benutzt, weil sie zeitgemäss sind. Einige Jahre später sind sie veraltet und niemand interessiert sich mehr für sie. Danach werden sie zu begehrten Liebhaber- und Sammlerobjekten. Ein Beispiel: In den 80er-Jahren bot der Walkman eine neue Art des Musikhörens. Wer in den Nullerjahren noch einen Walkman bei sich trug, wurde als rückständiges Fossil belächelt. Heute gehen die Dinger auf Gebraucht-Plattformen für vierstellige Beträge weg. Auch Schallplatten und Spulentonbänder durchliefen diesen Zyklus. Heute sind sie zwar wenig verbreitet, geniessen aber viel Sympathie.

Das Phänomen existiert auch bei alten Computern, bei Autos oder in der Mode, wo ein 90er-Revival in den Nullerjahren noch undenkbar gewesen wäre.

Gemäss der Logik dieses Zyklus’ müssten in Zukunft auch CDs total cool werden. Es gibt aber einiges, was dagegen spricht.

CDs sind zu gewöhnlich

Sammler:innen machen am liebsten Jagd auf die seltenen Stücke. Auf die so erbeuteten Trophäen sind sie besonders stolz. Da haben CDs schlechte Karten, denn sie sind alles andere als selten. Diesbezüglich sind sie das Opfer ihres eigenen Erfolgs. Die Verkaufszahlen der CD in den letzten 40 Jahren stellen alle anderen Musik-Konsumformen weit in den Schatten.

Umsatzzahlen der Musikindustrie in der Schweiz.
Umsatzzahlen der Musikindustrie in der Schweiz.
Quelle: IFPI

CDs sind zu einfach

Schallplatten erfordern viel Sorgfalt und Pflege. Etwas, das du ständig pflegst, erhält viel Liebe und Wertschätzung. Du baust eine Beziehung zu diesen Dingen auf. CDs dagegen funktionieren auch bei liebloser Behandlung. Für den Fall, dass doch mal eine kaputt geht, kann ich mir sogar eine Kopie brennen. Dementsprechend betrachtet CDs wohl kaum jemand als wertvollen Schatz. Gleiches gilt für das Abspielgerät: Es ist wartungsfrei. Ein billiges Gerät klingt auch nicht wesentlich anders als ein teures – ganz im Gegensatz zu Plattenspielern und Kassettendecks. Auch die CD-Player taugen also nicht zum Liebhaberobjekt.

Gut möglich, dass die wie neu klingt.
Gut möglich, dass die wie neu klingt.
Quelle:shutterstock

CDs sind nicht sinnlich

Ein grosser Teil der Faszination von Spulentonbändern ist für mich, dass ich der Musik beim Abspielen zuschauen kann. Ich sehe, wie die Musik transportiert wird. Das ist auch bei Schallplatten und bis zu einem gewissen Grad bei Musikkassetten so. Die CD dagegen verschwindet in einer Schublade und ist im Betrieb nicht sichtbar. Nicht bei allen CD-Playern, aber bei den allermeisten. Ohnehin sehen fast alle CD-Player gleich aus. Techmoan hat kürzlich ein Video dazu gemacht – natürlich nicht ohne einen ausgefallenen CD-Player zu präsentieren, der total anders aussieht und die Musik sichtbar macht.

Die CD war schon früher nie cool

Trotz ihres beispiellosen Erfolgs – oder vielleicht gerade deswegen – war die CD schon früher nie cool. Zu sehr verkörperte sie den Mainstream. CDs kauften im grossen Stil auch Leute, die sich kaum für Musik interessierten. Da die CD so problemlos war, wurde sie als reiner Gebrauchsgegenstand wahrgenommen, etwa vergleichbar mit einer Milchpackung. Hinzu kamen die früher weit verbreiteten Vorurteile gegen digitale Musik, die oft auch ins Esoterische abdrifteten – die Musik ab CD sei «seelenlos», hiess es – als ob auf Plastik gepresste Rillen eine Seele hätten.

Ein Plädoyer für CDs

Die Chancen für die CD, zum nächsten Kultobjekt zu werden, stehen also schlecht. Doch alles, was gegen die CD als Trend spricht, spricht für die CD als Gebrauchsgegenstand. Das Angebot ist riesig, die Handhabung simpel. CDs liefern zuverlässig und günstig einen guten Klang. Du bekommst ein wenig Retro-Feeling, aber ohne den Aufwand, der normalerweise mit Retro-Tonträgern verbunden ist.

Der wichtigste Grund, wieder CDs zu hören, ist jedoch nicht Nostalgie, sondern die Wertschätzung eines Albums. Du hörst nicht zufällig zusammengewürfelte Musik, sondern zueinander passende und zusammengehörende Stücke, bei deren Reihenfolge sich jemand viel überlegt hat.

CDs werten das Konzept des Albums auf. Bei Schallplatten ist die Albumlänge auf etwa 45 Minuten begrenzt, ein CD-Album kann bis zu 74 Minuten lang sein. Zudem lässt es sich ohne Halbzeitunterbrechung abspielen. Es erstaunt mich nicht, dass sehr viel mehr Alben auf CD verkauft wurden als auf Schallplatte – und immer noch werden.

Ein Album bewusst auswählen und durchhören.
Ein Album bewusst auswählen und durchhören.

Natürlich kann ich auch mit Streaming-Diensten oder Downloads ganze Alben hören. Meist tue ich es aber nicht, und selbst wenn, ist es nicht dasselbe. Nur schon die Tatsache, dass keine andere Musik verfügbar ist, solange keine neue CD eingelegt wird, macht einen Unterschied. Mit dem Einlegen einer Scheibe lege ich mich darauf fest, mich voll und ganz diesem Album zu widmen.

CDs erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass du Alben mehrmals hörst. Du entdeckst neue, versteckte Details und freust dich darüber. Vielleicht merkst du, dass die unauffälligen Stücke eines Albums die besten sind. Du entdeckst Musik.

Darum geht es bei der CD. Nicht um Hipster-Coolness. Nicht um Tonträger- und Maschinenfetischismus. Nicht um Audio-Snobismus. Aber auch nicht um die irre Vorstellung, alles kennen und haben zu müssen. Es geht einzig und allein ums Musikhören.

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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