Das hat man davon, wenn man unwissentlich ein Pre-Sample testet  // Update: 13.10.2017

Das hat man davon, wenn man unwissentlich ein Pre-Sample testet // Update: 13.10.2017

Dominik Bärlocher
Zürich, am 11.10.2017
Zuerst ärgerte ich mich über den Bildschirm, den ich getestet habe. Dann stellte sich heraus, dass ich ein noch nicht marktreifes Pre-Sample erwischt habe. Der Test fiel gelinde gesagt negativ aus, der Hersteller war gelinde gesagt «not amused». Also noch mehr Ärger.

Hier stand ursprünglich mal ein Verriss des Bildschirms Erazer X58426. Doch dann klingelte mein Handy.. «Ui», denke ich mir, «jetzt habe ich Ärger.» Nach dem Telefonat aber kann ich dir mehr über den Ursprung des Bildschirms sagen. Das blöderweise auch mein ganzes Review zu einer Anekdote macht und nicht zu einem repräsentativen Review der ganzen Erazer-Serie.

Der Erazer, der kurz bei mir auf dem Tisch gestanden hat, ist ein sogenanntes Pre-Sample. Pre-Samples sind Geräte, die eigentlich nicht funktionieren müssen, sondern lediglich als Demo dienen. «Das Lettering vorne ist tatsächlich von Hand gemacht», wird mir am Telefon gesagt. Genau wie der Rest des Bildschirms. Denn ein Pre-Sample dient europäischen Abnehmern als eine Art Guideline von wegen «So wird das Gerät aussehen». Funktionalität wird dabei vernachlässigt. Es geht rein ums Design.

Kein Wunder funktioniert mein Pre-Sample nicht so, wie es sollte. Sorry, Medion!

Das war der ursprüngliche Test

Ich mag Tastaturen und ich mag Bildschirme. Bis vor kurzem hatte ich einen Philips BDM4037UW auf dem Tisch. Vierzig Zoll. So schön. Dann kommt Category Marketing Specialist Sebastian Karlen daher und sagt, dass der Bildschirm weg muss. Klar, ich wusste, dass der Tag irgendwann kommen würde. Und ich habe mir vor dem Umzug meines Arbeitsplatzes auch einen separaten Bildschirm auf die Seite gelegt, damit – wenn der Tag kommt – ich den Vierzigzöller schweren Herzens abgeben aber ohne Probleme weiterarbeiten kann.

Auf meinem Tisch klafft ein Loch und in meinem Herzen eine tiefe Wunde. Gut, der 27-Zöller soll wieder her. Nur, dass der verschwunden ist. Im Trubel des Büroumzuges muss er irgendwo verschwunden sein. Mit nur einem Bildschirm arbeiten? Keine Chance.

Glücklicherweise weiss Sebastian Rat: «Bei mir unten steht ein Gaming Monitor, den du dir ausleihen kannst, bis du einen Ersatz gefunden hast.»

Monitor
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ERAZER X58426 (32", 1920 x 1080 Pixels)
Medion ERAZER X58426 (32", 1920 x 1080 Pixels)

So findet der Erazer X58426 seinen Weg auf meinen Tisch. Für etwas mehr als zwölf Stunden. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen: Ich hasse das Teil.

Das E: Der kleine Unterschied

Du kennst Razer, ja? Gaming-Marke, international erfolgreich, sponsert eSports-Teams, Logo ist irgendwie drei Schlangen und alles? Das ist nicht der Hersteller des Erazers. Der Erazer wird von Medion hergestellt. Zwar nicht besonders gut hergestellt, aber immerhin, ich kann dem Gerät zugestehen, dass es existiert. Damit hat es sich mit dem Lob auch schon.

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Razer ist nicht gleich Erazer

Okay, die Verkabelung war wesentlich einfacher als bei manch einem Konkurrenzprodukt. Die Kabelports liegen schön offen da und ich muss mich nicht besonders verrenken, um das Teil in Gang zu kriegen. Hätte ich das bloss nie getan.

Eigentlich hätte ich es ja schon bei der Ansicht des Viechs wissen müssen. Hinten steht zwar Erazer, vorne aber nur «Eraz». Das «er» ist wohl irgendwo auf der Strecke geblieben. Erased, sozusagen. Haha, schlechter Wortwitz. Weil der Erazer X58426 – ich bin überzeugt, dass Medion die Zahlen wirklich nur zufällig gewählt hat – ist wirklich nicht lustig.

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Die Beschriftung hält nicht auf dem Screen

Woher kommt der Bildschirm eigentlich?

Die Schrift ist verschwommen. Ich bin Journalist. Ich brauche Schrift. Ich will ja nicht viel. Ich will 29 Buchstaben, einige Satzzeichen, schwarz auf weiss. Der Erazer kriegt das nicht hin. Dafür kann ich via Bildschirmeinstellung ein Fadenkreuz in die Mitte des Bildschirms klatschen. Das soll mir wohl beim Zielen helfen. Ich will meine Buchstaben, verdammt nochmal.

Ah ja, der Bildschirm hat eine Bildschirmdiagonale von 31.5 Zoll und kriegt nur grade Full HD hin. Also 1920x1080 Pixel Auflösung. Mit unscharfen Buchstaben ist das Resultat ein Bildalptraum mit faustgrossen Pixeln und unscharfer Optik, als ob du einen 3D-Film im Kino schaust und die Brille nicht trägst. Wer baut sowas?

Medion baut sowas.

Oder auch nicht. Medion ist eine deutsche Marke, die wohl eher als Label verstanden werden kann. Mit Hauptsitz in Essen vertreibt Medion Geräte unter anderem unter der Marke Lifetec, Erazer und Medion. Der Konzern arbeitet eng mit dem Discounter Aldi zusammen, weswegen Medion oft fehlerhaft als Aldi-Eigenmarke wahrgenommen wird.

Genau wie Migros mit der grün-weiss-orangen Budget-Linie arbeitet Medion so, dass der Konzern nur wenige Produkte selbst herstellt. Medion kauft Geräte bei einem anderen Hersteller ein, darunter Acer, und vertreibt die Produkte unter den eigenen Labels. Das tat Migros anno dazumal mit Panasonic-Discmen in grünweissem Gewand auch. Die Vermutung hält sich hartnäckig, dass Medion viele Lenovo-Produkte vertreibt, denn der 1983 in Essen gegründete Konzern ist 2012 zu 87.5 Prozent von Lenovo übernommen worden.

Das Problem mit dem Erazer-Bildschirm ist, dass ich die Screens der meisten anderen anderen Hersteller kenne und eigentlich niemanden kenne, der solch einen Quark produziert. Lenovo kann das besser. Acer auch, selbst wenn es da manchmal Ausreisser nach oben und unten gibt.

Der Herrscher des Universums im Test: Was kann das *Acer Predator 21x**?Video
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Mir ist also nicht ganz klar, ob der Medion-Screen grundsätzlich Schrott ist, oder nur die Bildschirme der Charge, aus der mein Erazer kommt. Denn es ist natürlich zumindest theoretisch möglich, dass eine Bestellung eines Screens von Hersteller A kommt, die zweite aber von Hersteller B. Am Ende klebt ein armer Praktikant Klebebuchstaben auf, die bald nur noch «eraz» sind, und das Teil findet sich irgendwann auf meinem Pult wieder, wo ich es zwölf Stunden lang anfluche, bis ich es ersetze.

Ja, aber…

Ich gehe also zum Produktmanagement und maule rum. Fluchwörter fallen. Ich drohe, diesen Artikel zu schreiben. «Ja, aber schau dir mal das Preis/Leistungsverhältnis an», heisst es da.

Wenn du einen Preis zahlen willst, aber keine Leistung dafür, dann okay. Gut, habe ich mir das Preis/Leistungsverhältnis angesehen. Produktmanagement happy. Hoffentlich.

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Zumindest hinten sieht das Teil schick aus

Weil mit dem schlechten Bild ist es beim Erazer nicht getan. Wenn du ein Dual- oder Triple-Screen-Setup hast, dann weisst du es zu schätzen, wenn sich das Konstrukt aus Bildschirm plus Windows daran erinnert, wo deine Fenster waren, als du den Computer verlassen hast. Das kann x Gründe haben. Bei mir ist das im Prinzip immer, wenn ich meinen Arbeitsplatz verlasse. Daher entsperre ich meinen Computer mindestens zweimal, maximal etwa zwei Dutzend mal pro Tag. Unter Windows 10 geht das ganz gut, Windows 7 hatte noch etwas Mühe und wer Windows 8 benutzt, tut mir auch ohne Multi-Screen-Probleme leid.

Der Erazer vergisst, dass er existiert, wenn ich meinen PC sperre. Der PC macht den Fallback auf den zweiten Screen, schiebt alle Fenster dahin. Sobald ich den PC wieder brauche und in der Regel die Pfeil-nach-oben-Taste drücke, erinnert sich das PC/Bildschirm-Konstrukt wieder daran, dass der Medion-Bildschirm tatsächlich in unserer Basisrealität existiert und schiebt alle Fenster vom anderen Bildschirm auf den Erazer.

Ich verschiebe mehrere Dutzend mal mein Outlook und meinen Info-Feed, der auf dem zweiten Bildschirm den ganzen Tag mitläuft. Das nervt ungemein. Das nervt sogar so sehr, dass ich den Bildschirm nach einer Stunde aus dem Fenster werfen will.

Rekapitulieren wir also:

  • Bild schlecht
  • Null Intelligenz im Kontext eines Multi-Screen Setups
  • Gutes Preis/Leistungsverhältnis
  • Du kannst ein Fadenkreuz einblenden. Warum auch immer

Daher komme ich zu folgendem Schluss: Kauf dir so ein Ding. Kauf es dir, und benutze es nicht. Stell es auf deinen Estrich und habe die Gewissheit, dass du der Welt einen Gefallen getan hast. Weil dann kauft sich kein Blauäugiger das Teil, erwartet Grosses und ist dann enttäuscht. Weil das Ding taugt nun wirklich nix. Vielleicht in der nächsten Serie dann, aber das Teil, das ich glücklicherweise wieder von meinem Pult entfernt habe, hat höchstens Schrottwert.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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