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Big Data – oder doch «Big Brother is watching you»?

George Orwell beschreibt in seinem Roman «1984» eine düstere Zukunft. Der allsehende und datenhungrige totalitäre Staat – oder auch «Big Brother» – hat die Bevölkerung fest im Griff. Datenhungrig sind Staaten und Unternehmen heute noch. Das Sammeln von Daten ist einfacher denn je, wie Big Data beweist. Ist Big Data der grosse Bruder unserer Zeit?

Um dieser Frage nachzugehen bietet sich der Panoptismus oder auch das panoptische Prinzip des französischen Philosophen Michel Foucault an. Zum besseren Verständnis ist die Erklärung von Foucaults Machtbegriff nötig.

Macht bei Foucault

Macht bei Foucault ist ein Prozess von Machtausübungen und Machtwirkungen. Die Macht liegt nicht bei einem Subjekt, sondern sie spannt sich wie ein Raster zwischen Menschen sowie gesellschaftlichen Bedingungen. Wer Träger von Macht ist, wird ständig ausgehandelt. Die Macht in modernen Gesellschaften nennt Foucault Disziplinarmacht. Ihr Ziel ist die Unterwerfung von Individuen und die damit verbundene ökonomische Nutzbarmachung. Es handelt sich bei der Disziplinmacht um eine individualisierte Machttechnik, bei der es um Überwachung, Verhaltens- und Eignungskontrolle, Leistungssteigerung und Verbesserung der Fähigkeiten eines Individuums geht. Verhalten, das von der gesetzten Norm abweicht, wird korrigiert. Wenn durch hierarchische Überwachung und normierende Sanktion das Verhalten von Individuen dauerhaft gesteuert werden kann, spricht Foucault von Disziplinarmacht.

Der Panoptismus

Der foucaultsche Panoptismus basiert auf Jeremy Benthams Panopticon. Das Panopticon ist nach Bentham das ideale Gefängnis. Dieses erlaubt aufgrund seiner architektonischen Beschaffenheit die stete Überwachung aller Insassen durch eine Person. Die Gefangenen sind der Überwachung ausgeliefert, sie sehen die überwachende Person aber nicht. Dadurch entsteht bei den Insassen der Eindruck der ständigen Überwachung, auch wenn diese nur sporadisch stattfindet. Das Panopticon ist gemäss Foucault eine Maschine, die ein Machtverhältnis schafft. Die Maschine automatisiert und entindividualisiert Macht. Die aufsehende Person ist austauschbar, da das Machtverhältnis durch die Maschine hergestellt wird. Individuen können unterworfen werden, ohne dass Zwang oder Gewalt nötig wären. Die Zwangsmittel der Macht werden von den Insassen übernommen, sie werden zum Prinzip ihrer eigenen Unterwerfung.

Presidio Modelo – ehemaliges Gefängnis nach dem Vorbild des Panopticon
Bild: wikipedia

Das Panopticon kann in seiner Wirkungsweise vom Gefängnis losgelöst werden und auf andere Bereiche übertragen werden. Foucault überträgt die Wirkungsweise auf den modernen Staat und zeichnet das Bild einer vollständig durch Disziplinarmechanismen durchsetzten Gesellschaft. Zwei Dinge sind Voraussetzung für das panoptische Prinzip. Erstens braucht es eine Vielzahl von Individuen, denen zweitens bestimmte Verhaltensmuster aufgezwungen werden sollen.

Das panoptische Prinzip bei Orwells «1984»

Auf Orwells Roman ist das panoptische Prinzip leicht anwendbar: Im totalitären Staat wird einer Vielzahl von Individuen ein bestimmtes Verhalten aufgezwungen. Dies durch ständige Überwachung und im Fall von nicht-konformen Verhalten durch Repression. Individuen – die sich nicht konform verhalten – sollen dazu angehalten werden, sich anzupassen. Die Macht liegt hier nach Foucault nicht bei einem Individuum, sondern bei der Partei, beim Big Brother. Deshalb verwenden die Personen im Roman den Spruch «Big Brother ist watching you». Die Macht ist ein ständiger Aushandlungsprozess. Die Partei sieht sich äusseren und inneren Feinden konfrontiert, denen gegenüber sie ihre Macht legitimieren beziehungsweise verteidigen muss. Es ist nicht zwingend, dass die Partei an der Macht ist. Durch die Überwachungsmaschinerie könnten auch Parteien an der Macht sein. Der Überwachungsapparat stellt das Machtverhältnis her. Ziel des totalitären Staats in Orwells Dystopie ist, die Bevölkerung trotz ihrer misslichen Lebenslage dazu zu bringen, dem Big Brother zu dienen.

Trailer zur Verfilmung des Romans «1984»

1984 ist ein Paradebeispiel für das panoptische Prinzip. «Big Brother is watching you» beschreibt die Situation im Panopticon exakt.

Das panoptische Prinzip bei Big Data

Gilt für Big Data dasselbe wie für Big Brother? Die erste Voraussetzung, dass man es mit einer Vielzahl von Individuen zu tun hat, trifft auf Big Data zu. Die ständige Erreichbarkeit und Vernetzung sind heute geradezu Voraussetzung für das soziale Leben (mit der Ausnahme von einigen Randregionen oder digitalen Asketen). Im Gegensatz zu Orwell betrifft Big Data nicht nur die Bevölkerung eines Staates, sondern Big Data ist global. Niemand kann sich der Datensammlung entziehen.

Wie sieht es mit dem Aufzwingen von Verhaltensmustern aus? Mehr oder weniger alles, was wir online machen, wird aufgezeichnet, analysiert, geteilt oder verkauft. Big Data schränkt das Verhalten der Menschen aber nicht ein. Jeder ist frei, zu posten, was sie oder er will. Die Daten, welche nebenbei aufgezeichnet werden, grenzen das Verhalten der Nutzer nur beschränkt ein. Illegales spielt sich nicht nur in der Anonymität des Dark Web ab. Auch Social Media wird beispielsweise für illegale Aktivitäten genutzt. Im Gegensatz zu Big Brother legen Menschen bei Big Data ihr Leben (meist) freiwillig offen. Sie werden nicht gegen ihren Willen überwacht, sondern geben ihre Einwilligung oder können alternativ dazu in digitaler Askese leben. Bei Orwells Klassiker wird den Menschen die Freiheit entzogen. Das Gefangensein beziehungsweise Gezwungensein ist ein zentrales Element des Panopticon. Das ist bei Big Data nicht gegeben.

Big Data vs. Big Brother

Big Data lässt sich (zumindest zurzeit) nicht mit dem panoptischen Prinzip fassen. Big Data könnte zu einer Überwachungsmaschinerie im Stil von 1984 werden. Die Anlagen dazu sind vorhanden. Gewisse Personen oder Organisationen versuchen sich bereits heute der Datensammlung zu entziehen. Ein Beispiel sind Aktivitäten im Dark Web. Zurzeit lassen sich die Menschen nur bedingt durch das Sammeln von grossen Datenmengen kontrollieren. Dies wohl unter zwei Annahmen. Erstens gehen die Menschen davon aus, dass ihre Aktivitäten in der immensen Datenflut unentdeckt bleiben. Zweitens besteht heute, zumindest in der Schweiz und EU, ein gewisser Datenschutz. Hinzu kommt, dass in unserem Rechtsstaat, mit seinen diversen Instanzen, nicht willkürlich bestraft werden kann. Die Möglichkeit, nicht konformes Verhalten anzupassen, ist nicht in dem Masse gegeben wie in «1984». Wir leben (glücklicherweise) nicht in einem totalitären Staat.

Szenarien, wie Big Data zu Big Brother wird, sind ausserhalb eines totalitären Staats denkbar. Als Beispiel sei hier Social Media genannt, die uns und unsere Handlungen normiert. Die Science-Fiction Serie «Black Mirror» zeigt in der Folge Nosedive (Abgestürzt) ein solches Szenario. Die User bewerten sich über eine App gegenseitig, ein Sterne-Bewertungssystem legt den sozialen Status der Menschen fest. Wer sozial akzeptiert sein will, muss sich entsprechend verhalten. Bei nicht akzeptiertem Verhalten droht der soziale Absturz. Bei konformen Verhalten winkt der soziale Aufstieg. Hier trifft das panoptische Prinzip zu: Einer Vielzahl von Menschen wird ein bestimmtes Verhalten aufgezwungen. Die Macht liegt nicht bei einem Individuum, sondern bei der App.

Macht ist ein ständiger Aushandlungsprozess. Solange wir uns erfolgreich dagegen wehren, von einem Überwachungsapparat gesteuert zu werden, droht uns kein «1984»-Szenario. Damit uns das gelingt, müssen wir uns der dahinterliegen Strukturen bewusst sein und diese stetig hinterfragen.

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Kevin Hofer, Zürich

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Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten ist meine Leidenschaft.

4 Kommentare

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User igor333

Wird der Mensch heute nicht gerade dazu „geschult“ alles freiwillig freizugeben - im Glauben es wäre seine Entscheidung ?

08.02.2018
User yaeg3r

Ein sehr spannender Artikel. Gerne mehr davon. Es scheint mir aber noch wichtig zwischen Big Data (dem Sammeln der Daten) und dem eigentlichen Informationsgewinn (z. Bsp. durch Data Mining) zu unterscheiden. Einfaches Sammeln bringt noch keinen Mehrwert oder messbaren Effekt.

09.02.2018
User Cannaprn

Die DDR hat auch wie wild Daten gesammelt und redet noch jemand davon? Kaum, auch können die Magnetbänder auf dennen die Daten sind von keiner heutigen Maschiene mehr ausgelesen werden

09.02.2018
User Yuppie

Also ich weiss nicht wo du lebst, aber die StaSi und ihr Werk wird uns noch lange verfolgen. U.a. arbeiten heute viele ex StaSi`s beim Verfassungsschutz. Die Daten sind insofern nicht mehr interessant für den Staat Deutschland, weil dieser nicht mehr Teil des sowjetischen Gros ist, aber die Techniken und die Systematische Kontrolle wurde doch nicht beendet. Nur wurden sie digitaler. Ausserdem sind die Magnetbänder durchaus noch lesbar... Und sicher vor digitalen Atacken....

09.02.2018
Antworten