Ausprobiert: die digitale Mittelformatkamera Fujifilm GFX 50s

Ausprobiert: die digitale Mittelformatkamera Fujifilm GFX 50s

David Lee
Zürich, am 12.12.2017
An einer Mittelformatkamera ist überhaupt nichts mittel. Weder die Qualität noch die Grösse, und der Preis leider auch nicht. Nach einigen Stunden ausprobieren finde ich: Mittelformat ist gross. Ganz gross.

Ich durfte für kurze Zeit eine digitale Mittelformatkamera ausprobieren. So etwas kriegt man auch als Foto-Redaktor nicht alle Tage in die Finger, und darum möchte ich hier meine Eindrücke festhalten.

Konkret handelt es sich um die Fujifilm GFX 50s und folgende zwei Objektive:

GFX 50s Body (51.40Mpx, Mittelformat)
5620.–
Fujifilm GFX 50s Body (51.40Mpx, Mittelformat)
Fujinon GF 63mm f/2.8 R WR
1615.–
Fujifilm Fujinon GF 63mm f/2.8 R WR
Fujinon GF 32-64mm f/4 R LM WR
Showroom
2349.–
Fujifilm Fujinon GF 32-64mm f/4 R LM WR

Was ist überhaupt eine Mittelformatkamera?

Mittelformatkameras haben einen sehr grossen Fotosensor, grösser noch als Vollformatkameras. Wieso dann «mittel»? Der Begriff stammt noch aus Analogzeiten, dort hiess das Vollformat Kleinbildformat. Zu Film-Fotozeiten wurden halt generell grössere Formate benutzt als im Chip-Zeitalter.

Während das Klein- bzw. Vollformat recht genau definiert ist (36 x 24 mm), kann Mittelformat irgend etwas zwischen vier und zehn Zentimetern Länge sein. Im Fall von Fujifilm ist der Sensor 43,8 x 32,9 mm gross.

Ein grösserer Sensor führt im Allgemeinen zu einer höheren Lichtempfindlichkeit, also weniger Bildrauschen bei hohen ISO-Werten und einem höheren Dynamikumfang. Das bedeutet, dass grössere Helligkeitsunterschiede korrekt abgebildet werden können. Ein grosser Sensor führt aber auch zu grossen Kameras und Objektiven. Insbesondere Teleobjektive werden zu wahren Monstern.

Hallo GFX

Los geht's! Product Manager Denny Phan schleppt etwas an, das wie ein Handwerkerkoffer aussieht. So was Ähnliches wie das hier, nur grösser.

Das lässt mich nichts Gutes erahnen, was Grösse und Gewicht der Kamera betrifft. Doch zwei grosse Fächer im Koffer sind leer, und eigentlich ist alles gar nicht so schlimm. Der Kamerabody ist nicht grösser als der einer Vollformatkamera. Das wird mir klar, als ich die Canon EOS 5D des Redaktionskollegen Ramon daneben stelle. Du kannst die Grössenverhältnisse anhand der Seite camerasize.com selbst vergleichen.

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Ohne Objektiv ist die Fujifilm GFX 50s sogar leichter als die Vollformatkamera. Die Objektive sind allerdings schon ein anderes Kaliber. Selbst das simple Festbrennweiten-Standardobjektiv hat einen Durchmesser von 8.4 cm und ein Gewicht von 410 Gramm. Das Weitwinkelzoom-Objektiv, das ich auch ausprobieren kann, ist nochmal deutlich grösser und schwerer. Ein starkes Teleobjektiv gibt es für dieses System bis jetzt gar nicht. Ist vielleicht auch besser so.

Die Fujifilm-Kamera ist spiegellos. Das ist vermutlich der Grund, warum sie – gemessen an der Sensorgrösse – relativ kompakt ist. Der elektronische Sucher lässt sich abnehmen. Dann sieht die Kamera schon fast schnucklig aus. Ein schnuckliger, kleiner Vorschlaghammer.

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Erster Spaziergang

Anfangs dachte ich, es sei am besten, alles in RAW und JPEG abzuspeichern. Schliesslich will ich das Maximum herausholen, wenn ich schon mal eine Mittelformatkamera ausprobieren darf. Mit meiner nicht besonders schnellen Speicherkarte dauerte das Speichern aber bei jedem Foto mehrere Sekunden. Ein RAW-Bild wird bei dieser Kamera locker über 50 MB gross. Ich änderte die Einstellung auf JPEG und – was ich sonst nie mache – auf mittlere Qualität. Auch so wurden einzelne Bilder noch über 20 MB gross.

An dem Tag, als ich Zeit hatte die Kamera zu testen, versank das Schweizer Mittelland mal wieder unter einer dunkelgrauen Hochnebeldecke. Ich ging auf einen Spaziergang. Beim Fotografieren selbst fiel mir nichts Besonderes auf. Erst am PC.

Zum Beispiel bei diesem Foto. Mit der Standard-Brennweite von 63 mm (entspricht dem Bildausschnitt von 50 mm im Vollformat) brachte ich die Ente nicht grösser aufs Bild. Näher heran geht nicht, weil die Tiere sofort abhauen.

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Doch bei einer Auflösung von 51 Megapixeln kannst du auch einen sehr kleinen Ausschnitt vergrössern, und es sieht in normaler Bildschirmauflösung immer noch tiptop aus.

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Auch bemerkenswert: Ich war etwa eine Stunde unterwegs und hielt die Kamera immer in der Hand, ohne Tragriemen. Trotzdem wurde mir das Gewicht der Kamera nie zu schwer.

Zweiter Spaziergang

Abends machte ich ein paar Aufnahmen in der Umgebung Bellevue in Zürich. Fotos aus der freien Hand geschossen (ohne Stativ) in der Dunkelheit sind erwartungsgemäss kein Problem. Das können zwar mittlerweile selbst APS-C-Kameras – aber die Bildqualität ist hier schon noch eine Stufe beeindruckender. Fast wie bei einer Aufnahme am Tag.

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Grosse Sensoren ermöglichen auch ein interessantes Spiel mit der Tiefenschärfe
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Auch hier wieder zeigt sich der Unterschied erst so richtig, wenn man reinzoomt. Das winzige Schildchen am hinteren Teil des Häuschens ist im Bild oben kaum erkennbar. Aber vergrössert zeigt es so viele Details, dass man lesen kann, was drauf steht. Und das bei 10'000 ISO.

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Was mich angenehm überraschte: Ich konnte easy mitten in der Menschenmenge fotografieren. Niemand schien sich daran zu stören. Und das, obwohl die Kamera alles andere als unauffällig ist. Ich vermute, es lag an der Dunkelheit, durch die sich die Menschen irgendwie geschützt fühlen.

Dritter Spaziergang

Um das Weitwinkel-Zoom auch noch auszuprobieren, ging ich am nächsten Tag kurz in der Nähe unserer Büros auf Knipstour. Natürlich forderte ich auch jetzt wieder die Kamera mit den schwerstmöglichen Lichtverhältnissen heraus und knipste voll gegen die Sonne. Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden. Aber am helllichten Tag fiel ich auf mit dem Ding, wurde sogar darauf angesprochen. Unauffälliges Fotografieren liegt absolut nicht drin. Und mit dem Zoom-Objektiv hält man dann die Kamera auch nicht stundenlang locker in der Hand.

Für eine Mittelformatkamera gibt es keine schwierigen Lichtverhältnisse.
Für eine Mittelformatkamera gibt es keine schwierigen Lichtverhältnisse.

51 Megapixel, was soll denn das?

Wozu braucht der Mensch 51 Megapixel? Kurze Antwort: Um genügend Reserven bei der Bearbeitung zu haben. Für das Endprodukt – also das fertig bearbeitete Bild, das veröffentlicht wird – braucht man tatsächlich kaum je so viel Auflösung. Aber beim Nachbearbeiten eines Fotos geht jeweils Schärfe und Auflösung verloren. Wenn du zum Beispiel ein Bild um ein paar Grad drehst, wird es leicht unscharf. Ausserdem verkleinert sich die nutzbare Fläche und somit die Pixelzahl. In solchen Fällen ist jeder froh um Reserve, der die bestmögliche Qualität will.

Eine extrem hohe Auflösung bringt aber nur etwas, wenn das Objektiv auch scharf genug ist, um so viele Details abzubilden. Je grösser ein Objektiv sein darf, desto eher ist das möglich. Beim grosszügigen Mittelformat sind die Voraussetzungen dafür optimal. Zumindest beim Festbrennweiten-Objektiv von Fujifilm bin ich mir aufgrund meiner Testaufnahmen sicher, dass es die nötige Schärfe liefert, selbst mit offener Blende. Beim Zoom-Objektiv würde ich dafür nicht meine Hand ins Feuer legen.

Fazit

Diese Ausrüstung bietet eine sensationelle Auflösung, nicht nur nominell, sondern real. Vor allem mit dem Festbrennweiten-Objektiv. Sie performt super im Dunkeln und lässt sich auch über längere Zeit in einer Hand halten. Die Farbgebung der Fujifilm-JPEGs, von der immer alle so schwärmen, hat auch mich auf Anhieb überzeugt. Mir hat das Ausprobieren grossen Spass gemacht.

Allerdings ist der Einsatzbereich der Kamera recht beschränkt. Sie ist kein Allrounder, sondern ein Spezialist. Ihre Domäne dürften Studio- und Architekturaufnahmen sein. Teleaufnahmen kannst du vergessen, für Action ist sie wahrscheinlich zu langsam und für Street- oder Reisefotografie doch sehr schwer und auffällig.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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