ProduktvorstellungLet's Play

«Assassin's Creed Valhalla» braucht einen Qualitätsfilter

Philipp Rüegg
Zürich, am 11.11.2020
«Assassin's Creed Valhalla» hätte das Zeug zum Meisterwerk gehabt. Stattdessen setzt Ubisoft auf das bewährte Prinzip: Masse statt Klasse. Warum es trotzdem Spass macht, zeigen Luca und ich im Let's Play.

Dafür, dass ich kein Fan der Serie bin, habe ich erstaunlich viele «Assassin's Creed»-Teile gespielt. Historische Welten erschafft kaum jemand so lebensecht wie Ubisoft. Umso mehr nervt es mich, wenn das Entwicklerstudio immer wieder die gleichen Fehler macht. Denn obwohl ich «Assassin's Creed Valhalla» im Grossen und Ganzen als den besten Teil der Reihe bezeichnen würde, fühlt es sich oft an wie die ungeschnittene Version der Extended Edition von «Der Herr der Ringe».

Schöne neue Welt

Deine Siedlung kannst du laufend ausbauen.
Deine Siedlung kannst du laufend ausbauen.

Dabei macht «Assassin's Creed Valhalla» Vieles richtig. Angefangen beim unfassbar grossen, detaillierten und wunderschönen mittelalterlichen England. Überall gibt es malerische Dörfer und verlassene Burgruinen zu erkunden. Zudem merzt «Valhalla» viele Fehler der Vorgänger aus. Vorbei ist der nervige Level Grind, damit du die Hauptgeschichte fortsetzen kannst. Auch bietet das Spiel wieder genauso viele Optionen für schleichende Assassine wie brachiale Barbaren.

Die Hauptfigur heisst Eivor und ist mir nach rund 30 Stunden richtig ans Herz gewachsen. Besonders durch die rauhe englische Synchronstimme kommt ihr ganzes norwegisches Temperament rüber. Du kannst wählen, ob du männlich, weiblich oder abwechselnd beides spielen möchtest.

Eivor kannst du als Frau oder Mann spielen.
Eivor kannst du als Frau oder Mann spielen.

«Assassin's Creed Valhalla» spielt im Jahr 873. In Norwegen wird es langsam eng, also machst du dich auf, im grünen England eine neue Heimat für dich und deinen Clan zu finden. Dort kommt gleich eines der neuen Features von «Valhalla» zum Einsatz: der Siedlungsbau. Auf vordefinierten Feldern kannst du Schmiede, Fischerhütte oder Handelsposten errichten. Damit schaltest du neue Ressourcen, Quests und manchmal Fähigkeiten frei. Das Material für den Siedlungsbau holst du dir auf Raubzügen. Wie es sich für Vikinger gehört, musst du dabei nicht schleichen (kannst du natürlich), sondern stürmst mit lautem Horngebläse durch den Haupteingang. Die Bewohner flüchten vor deinem Anblick, Soldaten metzelst du mit deiner Axt brutal nieder, Häuser werden geplündert und anschliessend niedergebrannt. Später kannst du ganze Burgen stürmen. Hier flammt das Vikingergefühl voll auf.

Gleichzeitig willst du aber nicht nur Angst und Schrecken verbreiten, sondern suchst auch Allianzen, um deine Macht und damit deinen langfristigen Verbleib zu sichern. Die Hauptstory dreht sich um die verschiedenen Reiche im Südosten Englands und wie du dich mit den lokalen Herrschern – Angelsachsen wie Vikinger – verbünden kannst. Das meiste davon ist spannend erzählt und die Figuren, die du auf deinen Abenteuern kennenlernst, haben glaubhafte Motivationen.

Zu viel des Guten

Längst nicht hinter jedem Symbol versteckt sich etwas Spannendes.
Längst nicht hinter jedem Symbol versteckt sich etwas Spannendes.

Wie es sich mittlerweile für ein «Assassin's Creed» gehört, vertreibst du deine Zeit aber meist mit Nebenbeschäftigungen. Und davon wimmelt es in «Valhalla». Du kannst Schätze suchen, Geheimnisse entdecken, Orte vom Bösen befreien, legendäre Tiere jagen oder der Bevölkerung bei ihren alltäglichen Problemen helfen. Es gibt so viele Icons auf der Karte, dass dir selbst die Kartenlegende nicht immer weiterhelfen kann. Da überrascht es nicht, dass diverse Elemente im Spiel nicht erklärt werden. Was genau bringt mir Charisma? Und was passiert, wenn ich die Fortschrittsleiste für Schätze, Artefakte und Geheimnisse voll habe? Krieg ich dann ein Lego oder ein Achievement?

Die Masse an Inhalt ist es schliesslich, die mir den Spielspass verdirbt und verhindert, dass «Valhalla» mehr ist als ein weiteres «Assassin’s Creed». Von den unzähligen Nebenquests sind die meisten in wenigen Minuten erledigt und oft genauso schnell wieder vergessen. Kurz die Holzmaske vom Baum schiessen und das Böse ist verschwunden. Mission erledigt. Oder dann sind Aufgaben so bescheuert, dass ich nur fassungslos den Kopf schütteln kann. Zwei Brüder streiten sich um ein Silo. Lösung? Silo und beide Bauernhöfe abfackeln. Jetzt haben sie zwar kein Zuhause mehr, dafür auch keinen Grund zum Streiten. Ja, da freut sich die ganze Familie.

Der moderne Animus-Mist darf natürlich auch wieder nicht fehlen.
Der moderne Animus-Mist darf natürlich auch wieder nicht fehlen.

Ausserdem hämmerst du nonstop den linken Analog-Stick, um die Radarsicht zu aktivieren, um umliegende Schätze anzuzeigen. Wer das erfunden hat, gehört gesteinigt. Das hat nichts mehr mit Erkunden zu tun. Klar, könnte ich all diese Spielhilfen deaktivieren. Aber wieso soll ich mir das Spiel unnötig schwieriger machen, nur weil die Entwickler keine originelleren Ideen hatten, um mich zu beschäftigen? Kommt hinzu, dass du oft Ewigkeiten nach dem Eingang zur richtigen Höhle, einem verriegelten Haus oder einem versteckten Raum suchst. Und dann merkst du, dass es gar keinen geheimen Eingang oder Schlüssel gab, sondern du einfach zuerst deine Plünderung abschliessen musstest.

Ubisoft braucht dringend einen besseren Qualitätsfilter für seine Open-World-Spiele. Würden 20 Prozent Füllerinhalte aus «Assassin's Creed Valhalla» gestrichen, fühlte sich das Erkunden der Welt lohnenswerter und bedeutungsvoller an. Weil Ubisoft aber im Erschaffen fantastischer historischer Spielplätze praktisch unerreicht und das Kampfsystem herrlich wuchtig und brutal ist, zieht es mich trotzdem jeden Abend wieder ins rauhe England. Das und meine Zwangsneurose, jeden Punkt auf der Karte erkunden zu wollen.

Assassin's Creed Valhalla (PS4, ML)
62.50
Ubisoft Assassin's Creed Valhalla (PS4, ML)
Assassin's Creed Valhalla (PC, ML)
59.90
Ubisoft Assassin's Creed Valhalla (PC, ML)
Assassin's Creed Valhalla (Xbox One, Xbox Series X, ML)
62.50
Ubisoft Assassin's Creed Valhalla (Xbox One, Xbox Series X, ML)

37 Personen gefällt dieser Artikel


Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren