Android-Fan goes iOS

Android-Fan goes iOS

Nebucatnetzer
Herzogenbuchsee, am 28.05.2018
Kürzlich habe ich auf digitec gelesen, was ein iOS-Benutzer denkt, wenn er auf Android trifft. Lustigerweise habe ich genau das Gegenteil gemacht. Auf Anfrage von digitec beschreibe ich hier die Eindrücke mit meinen neuen iPad.

Ich studiere derzeit an einer höheren Fachschule Informatik. Zu Beginn des Studiums (Herbst 2015) habe ich mir ein Nexus 9 gekauft. Da ich bis dahin immer sehr gerne Geräte der Nexus-Reihe genutzt habe, war das damals die naheliegendste Entscheidung.

Nach zwei Jahren ist das Gerät langsam in die Jahre gekommen. Obwohl ich es am Schluss nur noch zum Lesen verwendet habe, fühlte es sich oft träge an. Etwas Neues musste her.

Ich mache sehr gerne Notizen von Hand, da mir der Schulstoff so besser bleibt und ich das Gefühl habe, in Meetings mehr bei der Sache zu sein. Papiernotizen haben aber viele Nachteile. Darum habe ich irgendwann fast komplett aufgehört, von Hand zu schreiben. Ich beschloss, mich nach einem Tablet mit aktiver Stiftunterstützung (Digitizer) umzusehen. Ich rate an dieser Stelle davon ab, einen passiven Stift zu nutzen. Die Erfahrung ist alles andere als gut. Man spart sich das Geld besser für ein Tablet mit Digitizer.

Dünnes Tablet-Angebot bei Android

Ein Apple-Gerät kam für mich eigentlich nicht in Frage. Wieso auch? Ich hatte bis jetzt nur Android-Geräte – hauptsächlich aus der Nexus-Serie von Google – und schraube gerne mal am System herum. Da man Apple-Geräte einem goldenen Käfig gleichsetzt, sind sie aus Bastlersicht wenig interessant.

Ausserdem haben die iPad Pros, die bis vor kurzem als einzige Modelle den Apple Pencil unterstützen, ein ziemlich heftiges Preisschild: knapp 830 Franken in der kleinsten Version mit Stift und Cover:

iPad Pro (10.50", 64GB, Space Gray)
Apple iPad Pro (10.50", 64GB, Space Gray)

Leider scheint der Markt für Android-Tablets eingebrochen zu sein. Es gibt zwar noch ein paar Geräte, allerdings nur eines, welches einen Digitizer hat: Das Samsung Galaxy Tab S3. Gegen das Galaxy Tab sprachen für mich jedoch diverse Gründe:

Updates

Das Galaxy Tab ist immer noch auf Android Version 7.0. Google ist mittlerweile bei 8.1 also 3 Versionen voraus (7.1, 8.0, 8.1). Allenfalls kommt dann im Mai mal das Update auf Version 8.0. Dann sind sie aber immer noch eine Version hintendrein und Google kommt an der Google I/O schon mit Version 8.2.

Touchwiz

Samsung verändert das von Google veröffentlichte Android stark. Das Ergebnis nennt sich dann Touchwiz. Teilweise ergänzt Samsung Android um sinnvolle Features. Ich persönlich empfinde das Ganze als hoffnungslos überladen. Android ist ein wirklich gutes Betriebssystem und seit Google auf Material Design setzt auch wirklich chic. Touchwiz fühlt sich für mich immer etwas wie eine ungesunde Mutation davon an.

Preis

Ein weiterer Grund war der Preis. Beim Galaxy Tab ist der Stift zwar inbegriffen, allerdings kostet das Tablet zusammen mit dem Cover dann doch über 600.- (ohne die Aktion für 550.-). Da ich mein Nexus 9 nur minimal gebraucht hatte, wollte ich nicht so viel Geld ausgeben.

Galaxy Tab S3 (9.70", 32GB, Black)
Samsung Galaxy Tab S3 (9.70", 32GB, Black)

Es wird ein iPad!

Somit gab es für meine Anforderungen eine Weile keine wirklich gute Lösung. Am 27. März hat Apple dann jedoch das neue iPad der 6ten Generation vorgestellt. Das Besondere daran: es unterstützt den Apple Pencil. Kostenpunkt für das günstigste Modell 369.–. Zusammen mit Cover und Stift 516.90. Das ist 100 Franken günstiger als die Samsung-Variante. Damit wurde das iPad für mich als Android-Fan plötzlich doch interessant. Trotzdem keine leichte Entscheidung.

iPad (2018) (9.70", 32GB, Space Gray)
Apple iPad (2018) (9.70", 32GB, Space Gray)
Smart Cover (iPad Air, iPad Air 2, iPad 2017, iPad 2018)
42.90
Apple Smart Cover (iPad Air, iPad Air 2, iPad 2017, iPad 2018)

Ausschlaggebend waren für mich dann schlussendlich der Preis und die Update-Politik Samsungs. Es ist mir halt schon wichtig, dass meine Systeme auf einem aktuellen Stand sind. Und: Apple-Geräten sagt man einen hohen Wiederverkaufswert nach. Somit könnte ich meinen Verlust etwas minimieren, falls das Experiment nicht gelingen sollte.

Somit machte ich mich auf den Weg nach Bern, um mir das Gerät im Laden nochmal anzusehen, bevor ich zuschlagen wollte. Das Galaxy Tab hatte es zum Glück auch gleich vor Ort, somit konnte ich beide noch kurz in Echt vergleichen. Das Galaxy Tab hat ein wirklich schönes Display. Allerdings gefiel mir das iPad insgesamt besser und ich habe mir dann das iPad 2018 in Space Grey gekauft.

Hilfe! Alles geht schief!

Im Zug nach Hause wollte ich das Gerät dann direkt in Betrieb nehmen. Das ging soweit ohne Probleme, bis ich eine erste App herunterladen wollte. Ich konnte die Registrierung im App Store nicht abschliessen. Es wurde immer eine Meldung angezeigt, ich solle mich beim Support melden. Nach diversem Googeln und Probieren blieb mir dann wirklich nichts anderes übrig, als am nächsten Tag den Support zu kontaktieren. Das fängt ja gut an, dachte ich mir.

Nach 90 Minuten meldete sich dann ein Support-Mitarbeiter. Er habe ein paar Dinge behoben und ich solle es doch noch einmal probieren. Leider klappte es immer noch nicht. Auf meine entsprechende Antwort reagierte bei Apple dann vorerst niemand mehr. Gegen Abend – ich hatte die erste Mail am frühen Morgen geschrieben – habe ich einfach nochmal versucht die Registrierung abzuschliessen. Was dann auch tatsächlich geklappt hat. Der Support hatte wohl vergessen, mich über eine weitere Änderung zu informieren. Meine ersten Stunden mit dem iPad waren etwas gedämpft.

Die ersten Schritte

Jetzt konnte ich endlich loslegen. Zu meiner grossen Freude fand ich schnell die wichtigsten Apps, die ich unter Android genutzt hatte. Etwas weniger Freude hatte ich, als ich feststellte, wie unterschiedlich die Apps bei iOS funktionieren. Firefox etwa finde ich fast schon irritierend anders. Dafür kann das iPad respektive iOS nichts. Wofür iOS allerdings etwas kann, ist, dass man den Standardbrowser nicht ändern kann. Ich will doch Links nicht in Safari öffnen, wenn ich Firefox installiert habe...

Woran ich mich auch nur schwer gewöhnen will: wie seltsam iOS mit Files umgeht. Android arbeitet da eher wie ein normaler Computer mit einem herkömmlichen Dateisystem. Bei iOS kopiere ich ständig die Files zwischen den Apps hin und her. Ich hoffe, das frisst mir nicht den ganzen Speicher weg.

Was mir hingegen besonders gefällt: die Wischgeste von unten nach oben, um die zuletzt genutzten Apps anzuzeigen. Die ging mir so einfach von der Hand, dass ich mich eines Morgens dabei erwischte, wie ich versuchte, die Geste auf meinem Android-Handy zu machen. Nur um dann ernüchtert festzustellen das die ja nicht funktioniert. Leider ist das, wie ich später gelernt habe, eine iPad-exklusive Geste. Die Geschichte mit dem fehlenden Zurück-Button finde ich etwas nervig. Und auf dem Sperrbildschirm will ich immer mit Wischen zur PIN-Eingabe kommen. Man könnte wohl Hunderte solcher kleiner Dinge aufzählen. Insgesamt komme ich mit der Bedienung aber sehr gut zu Gange.

Gut gelöst finde ich die Berechtigungen für die einzelnen Apps. Die Berechtigung für die Standortbestimmung ist sehr gut gemacht: Starte ich Google Maps, fragt mich das System, ob die App Zugriff auf meinen Standort haben darf. Soweit kennt man das auch von Android. Was für mich jedoch neu ist: es gibt eine dritte Option «beim Verwenden der App». Sprich: die App darf meinen Standort nur auslesen, wenn ich sie aktiv nutze. Diese Option wünsche ich mir bei Android seit Jahren. Zum einen, weil es den Akku schont, wenn man die Lokalisierungsdienste deaktiviert. Und zweitens, weil ich nicht wirklich scharf darauf bin, die ganze Zeit meine Position an Google zu übermitteln.

Sehr nützlich finde ich die native Unterstützung von «Carddav» und «Caldav». Beides sind offene Standards, um Kontakte und Kalender zu synchronisieren. Sicher nicht etwas, was viele nutzen, aber für mich sehr praktisch. Bei Android muss ich mich da mit einer App begnügen. Üblicherweise würde man einfach sein Google-Konto einhängen und hätte so alle Daten, die man benötigt. Meine Daten liegen jedoch nicht bei Google.

Der Apple-Stift (und mein Mod)

Der Hauptgrund, warum ich mir das iPad gekauft habe, war ja eigentlich der Stift. Wie steht es damit? Kann ich den für die Schulnotizen verwenden?

Insgesamt auf jeden Fall. Der Stift macht genau, was er soll. Zusätzlich gibt es ein paar wirklich spannende Apps. Etwa «Nebo», das ich für Meeting-Notizen sehr hilfreich finde: Es wandelt handschrifte Notizen direkt in Text um.

Allerdings ist der Stift in seiner Grundform etwas unangenehm zu halten. Das glatte Plastik fühlt sich rasch fettig und rutschig an. Beim Schreiben muss ich den Stift immer wieder nachgreifen. Darum habe ich meinen Stift etwas modifiziert: Vorne etwas Schrumpfschlauch, damit er nicht mehr rutscht. Hinten habe ich einen Ersatz-Clip für einen Kugelschreiber montiert, den ich mir in einer Papeterie gekauft habe. Damit kann ich den Stift am iPad-Cover befestigen und er rollt nicht mehr so leicht vom Tisch.

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Wie es Apple mit all seinen Mitteln nicht schafft, solche Features von Anfang an zu integrieren ist mir etwas schleierhaft.

Fazit und Ausblick

Nach den ersten zwei Wochen ist die abschliessende Frage natürlich, ob ich das iPad weiterhin nutzen werde oder ob mich die kleinen Unterschiede zu stark stören.

Die Frage lässt sich recht unspektakulär beantworten mit einem: «Ja, ich werde es weiterhin nutzen». Zwar gibt es ein paar Dinge, die mich wirklich nerven (Dateisystem), allerdings macht es seinen Job als digitaler Notizblock und PDF-Reader sehr gut. Den Entwurf für diesen Artikel etwa habe ich komplett auf dem iPad erfasst. Inklusive kleiner Recherchen. Somit ist das Experiment für mich bislang erfolgreich. Mir hat es gezeigt, dass die Plattformen Android und iOS mittlerweile wesentlich näher beieinander sind, als es vor ein paar Jahren noch der Fall war.

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