Zum Mäuse melken – mein gescheitertes Linkshänder-Maus-Experiment
Review

Zum Mäuse melken – mein gescheitertes Linkshänder-Maus-Experiment

Kevin Hofer
Zürich, am 19.02.2018
Als Linkshänder hat man’s nicht leicht: Im Alltag werden wir ständig benachteiligt. Damit nicht genug, wir werden auch sprachlich diskriminiert: Ungeschickten Menschen wird nachgesagt, sie hätten zwei linke Hände und vor linken Typen muss man sich in Acht nehmen, um nicht gelinkt zu werden. Sogar bei den Computermäusen sind wir Linkshänder im Nachteil. Eine (nicht ganz) ernst gemeinte Auseinandersetzung mit der Thematik Linkshänder-Mäuse.

In den frühen 90ern haben meine Eltern unseren ersten PC gekauft. Als junger, PC verrückter Schnösel wollte ich unbedingt meinen Senf dazu geben. Meine Eltern haben mir erlaubt, die Maus auszusuchen. Was hatte ich für eine Riesenfreude! Da ich ergonomische Mäuse besonders toll fand, habe ich mir eine ergonomische für Rechtshänder ausgesucht. Das als Linkshänder! Diese zweifelhafte Entscheidung hat dazu geführt, dass ich als Linkshänder auch heute noch konsequent die Maus mit der rechten Hand bediene. Was nicht per se schlecht ist. Schliesslich steht mir so meine «bessere» Hand für allerlei Aktivitäten, wie Notizen von Hand zu schreiben, zur Verfügung.

In etwa so sah meine erste Maus aus, nur ergonomischer.
In etwa so sah meine erste Maus aus, nur ergonomischer.

Diskriminierung überall

Der Markt für Linkshänder-Mäuse ist extrem beschränkt. Ein Blick ins Sortiment von digitec zeigt: Gerade mal drei Mäuse sind speziell für Linkshänder. Für Rechtshänder sind es um die 200! Wenn man bedenkt, dass in Europa zurzeit zwischen zehn und 15 Prozent der Bevölkerung Linkshänder sind, sind Linkshänder-Mäuse krass untervertreten. Vielleicht ist dieser Umstand ein Faktor, dass ich nie umgestiegen bin.

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Das bescheidene Angebot an Linkshänder-Mäusen.

Wieso bin ich eigentlich nie umgestiegen? Diese Frage stelle ich mir jedes Mal, wenn ich einen neuen Arbeitsplatz beziehe – so auch jetzt. Vielleicht liegt es daran, dass die Maus immer auf der rechten Seite bereitgestellt wird? Bei digitec war das nicht das Problem, ich musste durfte meinen Arbeitsplatz selbst aufbauen. Liegt es vielleicht daran, dass mir eine ergonomische Maus für Rechtshänder zur Verfügung gestellt wurde? Check! In meinem Fall nicht wirklich schlimm, da ich sowieso mit der rechten Hand arbeite. Streng genommen wurde ich als Linkshänder aber wieder diskriminiert. Das Angebot an beidhändigen ergonomischen Mäusen ist gross, wieso habe ich eine für Rechtshänder erhalten?

Jetzt habe ich mich und meine linkshändigen Genossinnen und Genossen aber zur Genüge als Opfer dargestellt. Schliesslich sind Gleichberechtigungsversuche ja offenbar vorhanden, bei über 200 beidhändigen ergonomischen Mäusen im digitec-Shop. Diese Quelle mache ich mir für diesen Artikel zu Nutze und teste eine ergonomische Linkshänder-Maus. Mal schauen, ob ich die Umstellung mit links (das war jetzt wirklich der letzte sprachliche Seitenhieb auf die Linkshänder-Diskriminierung, versprochen!) hinkriege.

«Häufchen»

Für mein Experiment habe ich mir die Evoluent VM4L (Kabel) ausgesucht. Wenn schon ergonomisch, dann richtig! Ein Hingucker ist die Maus nicht. Ähnlichen Formen begegnet man bei Spaziergängen auf Feldwegen oder im Wald, weshalb ich die Maus liebevoll «Häufchen» taufe. Funktion soll bei «Häufchen» wohl über Form stehen: Aufgrund der vertikalen Bauweise kann sie dem Karpaltunnel-Syndrom vorbeugen oder es lindern. Sonst hat die Maus sieben Tasten (eine davon zum Umschalten der dpi) inklusive Mausrad zu bieten. Sechs Tasten sind programmierbar und der Maussensor löst in maximal 2600 dpi auf.

Produktvideo zur Evoluent 4 – Die Oscar-reife Darbietung ist mit Vorsicht geniessen.

Erster Tag im Selbstversuch – die Nerven werden strapaziert

Die vertikale Maus schliesse ich als Zweitmaus an, meine Logitech M500 Refresh (Kabel) lasse ich vorerst angeschlossen. Das geht aber nicht lange gut. Aus Gewohnheit greife ich immer wieder zur rechten Maus, weshalb ich kurzerhand entscheide, nur noch auf die linke zu setzen. Auch wenn «Häufchen» keine Schönheit ist, liegt sie gut in der Hand, im Gegensatz zu seinen Pendants auf Feld- und Waldwegen.

«Häufchen» an meinem Arbeitslatz.
«Häufchen» an meinem Arbeitslatz.

Mein Zwischenfazit nach ein paar Stunden: Es fühlt sich seltsam an mit der linken Hand zu arbeiten. Ich habe den Eindruck, dass etwas nicht stimmt. Immer wieder greife ich – fokussiert auf den Monitor – mit der rechten Hand nach der Maus. Alte Gewohnheiten sterben nicht so schnell. Vielleicht legt sich das, je länger ich mit der linken Hand arbeite. Was mich nervt ist, dass mir meine wichtige linke Hand für anderes fehlt. Ich bin es gewohnt, Notizen zu machen, währenddem ich die Maus bediene. Selbst mit links gleicht meine Schrift Hieroglyphen, mit rechts ist sie komplett unleserlich. Auch mit der Treffsicherheit habe ich es noch nicht so. Meistens muss ich etwas korrigieren, bevor ich mein Ziel mit dem Zeiger treffe. Es geht nur harzig voran, was mich aus der Ruhe bringt. Nicht gerade förderlich für meine Produktivität. Das mag daran liegen, dass Linkshänder laut einer Studie des Merrimack Colleges schneller wütend werden als Rechtshänder. Meine Konzentration und Produktivität leiden definitiv unter dem Experiment.

Zweiter Tag im Selbstversuch – Verlust der Nerven

Am zweiten Testtag führe ich bereits wie von selbst meine linke Hand zur Maus. Ich habe dazu gelernt! Vielleicht liegt es daran, dass wir Linkshänder als intelligenter als Rechtshänder gelten? Was übrigens (leider) nicht stimmt. Gemäss einer Studie des University Colleges London sind Links- und Rechtshänder im Schnitt gleich intelligent. Bei den Linkshändern gibt es mehr Ausreisser: Mehr Hochbegabte, aber auch mehr stark zurückgebliebene. Ich zähle mich zu Gunsten meines Artikels jetzt einfach mal zu Ersteren.

Was ich auch versuche: Mit der rechten Hand Copy-and-Pasten fühlt sich unnatürlich an.
Was ich auch versuche: Mit der rechten Hand Copy-and-Pasten fühlt sich unnatürlich an.

So gut wie mein zweiter Tag mit «Häufchen» begonnen hat, so schnell wandelt er sich ins Negative. Es steht eine längere Arbeit mit Copy-and-Paste an. Da sich die Tasten Ctrl + C und Ctrl + V auf der linken Seite der Tastatur befinden, muss ich mit der rechten Hand diagonal über die Tastatur greifen, will ich meine linke Hand auf der Maus belassen. Ich weiss nicht so recht, wie ich Copy-and-Pasten soll. Soll ich die Ctrl-Taste mit dem Daumen oder Zeigefinger betätigen? Mit dem Daumen muss ich meinen ganzen Arm so weit nach links bewegen, dass es schon bald schmerzt. Und wie drücke ich dann die Tasten C oder V? Mit dem kleinen Finger, mit dem Ringfinger? Und wenn ich die Ctrl-Taste mit dem Zeigefinger betätige? Es ist zum Mäuse melken. Was ich auch versuche, es fühlt sich unnatürlich an. Ich verkrampfe mich, nerve mich dadurch nur noch mehr und möchte «Häufchen» am liebsten auf den nächsten Feldweg werfen. Dann ist sie zumindest dort, wo sie hingehört. Selbstverständlich kann «Häufchen» nichts dafür. Ich verhalte mich auch selten doof. Schliesslich könnte ich ja wie bis anhin mit der linken Hand Copy-and-Pasten. Aber auf diese Weise muss ich ständig zwischen Maus und Tastatur hin und her wechseln. Das erscheint mir nicht so produktiv und ungemütlich ist es auch. Was ich auch tue, es nervt mich.

Dritter Tag im Selbstversuch – Versöhnung

Mittlerweile habe ich mich sehr gut an die Arbeit mit links gewöhnt. Den Pointer Speed von «Häufchen» habe ich auf das Maximum gestellt und treffe meine Ziele (meist) auf Anhieb. Ganz so schnell und exakt wie mit rechts bin ich noch nicht, was bei der jahrelangen Erfahrung nicht erstaunlich ist. Meine linke Hand und auch der ganze linke Arm sind von den ungewohnten Bewegungen unbeeindruckt: Es drückt oder schmerzt mich nirgends. Das mag an der vertikalen Bauform der Maus liegen. Da ich keinen Vergleich mit einer «normalen» Linkshänder-Maus habe, muss das aber nicht zwingend sein. Wie ich das mit dem Copy-and-Pasten lösen soll, ist mir aber weiterhin schleierhaft. Daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Auch fehlt mir meine linke Hand nach wie vor für anderes, was ich nur schwer akzeptieren kann.

Die eingekehrte Normalität lässt mir dennoch Raum, etwas mehr über «Häufchen» zu schreiben. Zu Beginn war ich nicht sonderlich angetan vom Design der Maus. Den meisten wird das aufgrund des gewählten Kosenamens aufgefallen sein. Als schön empfinde ich die Maus immer noch nicht, aber ich habe mich an das Aussehen gewöhnt. Sie erinnert mich an Schoggiglacé: Sieht scheisse aus, schmeckt aber toll. Bei «Häufchen» sind es definitiv die «inneren» Werte, die zählen.

Vorsicht – nicht drauftreten!
Vorsicht – nicht drauftreten!

Zu diesen inneren Werten zählt die Ergonomie. Die vertikale Maus liegt auch nach einem ganzen Tag im Büro sehr gut in der Hand. Der Blick in die Bewertungen auf digitec bestätig das: bei den meisten Usern führte die ergonomische Bauform dazu, dass ihre Schmerzen im Handgelenk nachliessen. Kleine Abstriche muss man bei der Funktionalität dann doch machen. Die Finger glitschen bei sehr langem Verweilen auf der Maus nach unten und üben so unangenehmen Druck auf den kleinen Finger aus. Für Aktivitäten mit konstanter Mausbedienung würde ich die Evoluent deshalb nicht empfehlen. Ich spreche hier die Gamer an (die sich aber aufgrund des Designs wohl sowieso schon im vornherein von der Maus abgestossen fühlen). Im Office-Bereich spielt das keine grosse Rolle, da man immer mal wieder beidhändig in die Tasten haut. Was mich zudem stört, ist das Mausrad. Es funktioniert bei mir zwar tadellos, aber beim Scrollen habe ich immer das Gefühl, dass die Maus gleich auseinanderbricht. Das Geräusch ist sehr irritierend. Ansonsten gibt es eigentlich auch in Bezug auf die Verarbeitung nichts zu bemängeln. «Häufchen» erhält von mir vier Sterne.

Ganz ersetzen würde ich meine «normale» Maus doch nicht, obwohl nichts dagegensprechen würde. Vielleicht bin ich ein Gewohnheitstier, vielleicht liegt es aber auch daran, dass mir mein Bauchgefühl sagt: Bleib bei deiner Standardmaus. Oder vielleicht liegt es auch daran, dass ich mir bereits nach drei Tagen arbeiten mit links sicher bin: Für mich bleibt es beim Experiment «Linkshändermaus».

Fazit: Linkshänder sind zwar nicht intelligenter, dafür produktiver als Rechtshänder

Obiger Titel trifft zumindest auf jene Linkshänder zu, die die Maus mit rechts bedienen. Ihnen steht die «bessere» Hand ja jederzeit für anderes zur Verfügung. Diesen Eindruck hatte ich jedenfalls während meinem Experiment. Und auf mein Plus an Produktivität will ich nicht verzichten. Aber auch alle Rechtshänder, die das hier lesen, können frohlocken: Heute existiert ein grosses Angebot an beidhändigen Mäusen. Ich würde jedem empfehlen, die Maus ein paar Tage mit der «schlechten» Hand zu bedienen. Wenn ihr euch daran gewöhnt habt, werdet ihr feststellen, dass auch ihr eure Produktivität steigern könnt. Denn spätestens wenn sich rumspricht, dass wir Linkshänder produktiver sind als ihr Rechtshänder, wird es aus sein mit eurer Vorherrschaft. Aber dieses Ende kommt vielleicht viel früher als erwartet. Laut einer Studie des University College London sind wir Linkshänder auf dem Vormarsch. In Grossbritannien ist die Anzahl an Linkshändern in den letzten 20 Jahren von drei auf elf Prozent gestiegen. Das mag aber auch daran liegen, dass heutzutage die Linkshänder nicht mehr oder weniger zu Rechtshändern umerzogen werden als früher.

Maus
VM4L (Kabel)
79.80
Evoluent VM4L (Kabel)

Vertikale Maus für Linkshänder. Für mittelgrosse bis grosse Hand geeignet.

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Kevin Hofer
Kevin Hofer
Editor, Zürich
Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten ist meine Leidenschaft.

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