Xiaomi Mi Mix 2: Der Bildschirm, der so gross gar nicht ist

Dominik Bärlocher
Zürich, am 18.12.2017
Das Xiaomi Mi Mix 2 brüstet sich mit seinem gigantischen Bildschirm. Nach einem Blick auf das Phone muss ich nachrechnen. Ist der Bildschirm wirklich gigantisch? Und die Rechnung zieht einen ganzen Rattenschwanz an Fragen mit sich.

Samsung brüstet sich mit «wir haben oben und unten kleine Ränder». An den Seiten keinen, oben und unten ein bisschen.

«Hah! Können wir besser», denkt sich Xiaomi und zeigt mit dem Mi Mix 2, dass Ränder total doof sind. Denn das Mi Mix sieht extrem schick aus. Wenn du einen Blickfang in deiner Hosentasche willst, dann fass mal das Mi Mix in deinen Blick.

Mobiltelefon
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Mi Mix 2 (64GB, Black, 5.99", Dual SIM, 12Mpx)
Xiaomi Mi Mix 2 (64GB, Black, 5.99", Dual SIM, 12Mpx)

Für dich importiert! Das Xiaomi Mi Mix 2 unterstützt alle wichtigen Frequenzbänder (inkl. Band 20) und unsere Landessprachen. Das Gerät ist nicht nur eine Augenweide, sondern auch ein Energiebündel mit top aktueller Hardware.

Ich habe das getan und finde: das Marketing von Xiaomi verspricht Dinge, die es nur bedingt halten kann. Obwohl diese Übertreibungen gar nicht notwendig wären.

Kraft hinter dem Bildschirm, mit einer Sorge

Mit dem 5.99 Zoll in der Diagonale messenden Bildschirm ist es für Xiaomi nicht getan. Das Mi Mix 2 packt ordentlich was dahinter. Denn das China-Phone, das digitec für dich importiert, reiht sich in die Riege der 6 GB-RAM-Phones ein. Dazu ein Qualcomm Snapdragon 835 und das Phone kann easy mit den Flaggschiffen der grossen Hersteller mithalten.

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Der Bildschirm des Xiaomi Mi Mix 2 ist schon recht gross. Aber ist er der grösste?

Einzig der Akku bereitet mir, ohne wirklich Testdaten zu haben, Sorgen. Daher kann es gut sein, dass dieser Absatz in einem Artikel, der explizit kein Review sein soll, sich als falsch herausstellen wird. Klar, die Snapdragon-Plattform ist nicht nur leistungsfähig, sondern auch ziemlich gut stromoptimiert. Sprich: Viel Leistung, wenig Akkuverbrauch. So soll es auch sein.

Wäre da nur nicht der Bildschirm.

Der Akku misst 3400 mAh, was ganz ordentlich ist. Mit einem OLED-Display würde ich mir da keine Sorgen machen. Denn das LG V30 kommt mit einem 3300 mAh Akku für einen Poweruser easy durch den Tag. Selten habe ich weniger als 40% Akku, wenn ich mich schlafen lege. Das Xiaomi Mi Mix 2 hat aber einen LCD-Bildschirm, der unter Umständen mehr Strom verbrauchen kann.

Ein paar Worte zum Stromverbrauch von Displaytechnologien, denn der First Look würde sonst extrem kurz werden und du hättest nichts Schlaues gelesen.

LCD verschlingt nicht zwingend mehr Strom als ein OLED-Bildschirm. Doch wie der Strom verbraucht wird, ist beim LCD dadurch definiert, wie hell der Bildschirm leuchten muss. LCD bringt zwar zumindest theoretisch ein helleres Bild hin, frisst dann aber auch mehr Strom. OLED hingegen braucht weniger Strom, wenn der Bildschirm dunkleres Bildmaterial darstellen muss. Das heisst: Je schwarz, desto stromsparend. Das war jetzt stark vereinfacht, aber kommt in den Grundzügen hin.

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Der Kamerabuckel kommt mit edlem, goldigen Akzent daher und macht wirklich was her

Bricht der Screen dem Phone also das sprichwörtliche Genick? Ich recherchiere. In der Liste der Phonetests und deren Tester fällt mir auf, dass wir in jüngster Vergangenheit viele OLED-Phones getestet haben. Glücklicherweise aber kann Luca Fontana von einem Phone berichten, das nicht nur einen LCD Screen hat, sondern einen noch kleineren Akku. Das Nokia 8 mit 6 GB RAM, von der Redaktion liebevoll nach Schauspieler Vin Diesel benannt, hat einen 3030 mAh Akku, aber einen kleineren Screen. «Ich hatte jeweils noch so etwa 50% Akku, wenn ich zum Büro rausgegangen bin», erinnert sich Luca. Danach sei sein Verbrauch unregelmässig geworden, aber selten sei er unter die 30-Prozent-Marke gefallen.

*Pimp my Phone, Teil 2**: Was kann das Nokia 8 mit 6 GB RAM?
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Ich muss mich also korrigieren. Das Mi Mix 2 hält easy durch. Denn auch ohne Benchmark und nur mit anekdotischen Berichten und einer Überschlagsrechnung kann das Mi Mix gar nicht im Alltag scheitern. Gut gemacht, Xiaomi.

Und wir können folgern: Ein Phone ist nicht automatisch für die Tonne, nur weil es keinen OLED-Bildschirm hat.

In der Hand

Ich halte das Mi Mix in der Hand. Mit seinen 185 Gramm liegt es etwas schwer da. Aber es fühlt sich gut an. Die Rückseite dürfte zum Fingerabdruckmagneten werden, denn dem diesjährigen Trend folgend, ist sie aus verspiegeltem schwarzen Keramik. Ich mag Keramik, aber das Material ist unmöglich sauber zu halten. Nett aber sind die goldenen Akzente an der Kamera und der goldene Schriftzug. Sieht doch einfach ein bisschen edler aus als weisse Schrift.

Doch wegen der Hinterseite wird sich kaum jemand diesen Text ansehen. Das Highlight soll die Vorderseite sein. Randlos sei das Display auf drei Seiten. Die Spannung steigt. Beim Einschalten kommt aber Ernüchterung auf. Die nicht existenten Ränder sind stark bemerkbar. Echt. Mir war, als ob die Ränder beim Mi Mix – dem ersten, das ich vor einem Jahr mal über etwa zwei Wochen hinweg angetestet habe – kleiner gewesen wären.

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Die Bezels wirken extrem gross für ein Phone, dass sich mit seinem Bildschirm brüstet

Spielt mir hier das Marketing oder die Erinnerung an das Marketing zum ersten Mi Mix einen Streich? Zeit für Mathematik.

Eine kleine Rechnung zum Mi Mix

  • Das erste Mi Mix ist 158.8 mm lang, 81.9 mm breit und 7.9 mm hoch.
  • Das ergibt eine Oberfläche von 130.05 cm2
  • Der Bildschirm nimmt davon 108.7 cm2 ein
  • Das heisst, dass der Bildschirm 83.57% der Oberfläche einnimmt, auf zwei Stellen gerundet

Eine kleine Rechnung zum Mi Mix 2

  • Das neue Mi Mix ist 151.8 mm lang, 75.5 mm breit und 7.7 mm hoch
  • Das ergibt eine Oberfläche von 114.6 cm2
  • Der Bildschirm nimmt davon 92.6 cm2 ein
  • Das heisst, dass der Bildschirm 80.80% der Oberfläche einnimmt, auf zwei Stellen gerundet

Jetzt muss ich doch staunen. Die Zahl über 80 Prozent, die war mal hoch. Aber mir war, dass in der laufenden Saison andere Phones mit ähnlich hohen Zahlen auf den Markt gekommen sind. Ein kurzer Vergleich zeigt, dass das Samsung Galaxy S8+ mit 84 Prozent noch einiges an Vorsprung hat.

Der Fehler im Marketing

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Das erste auf der Website: der Bildschirm

Das Mi Mix 2 kann nichts dafür, dass das Marketing Department bei Xiaomi sich auf den Lorbeeren und dem Ruf des Vorjahresphones ausruhen will. In einem kompetitiven und dynamischen Markt wie dem der Smartphones kann sich ein Unternehmen das kaum erlauben und das Mi Mix 2 ist ein Paradebeispiel dafür. Die Lobeshymnen für das Mi Mix 2 auf der offiziellen Website Xiaomis beginnen mit einer längeren Litanei über den Bildschirm. Dann Komplimente, die der Vorgänger erhalten hat.

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Da geht es nicht um das neue Xiaomi Mi Mix 2

Endlich dann interessantes über minimalistisches Design von Philippe Starck, dem Designer des Phones. Hier wird das Ding interessant, einfach weil ich Smartphones als «Rechtecke mit abgerundeten Ecken» akzeptiert habe. Die Gedanken eines Designers können daher beeindruckendes Marketing hergeben.

“ The Mi MIX 2 looks like an evolution but it's a revolution. In the age of dematerialisation, nothing can be more intelligent and more powerful, and at the same time nothing can be less than the Mi MIX 2. This is the ultimate less. Tomorrow will be less. ”
Philippe Starck, Industrial Designer

Kurz: Das Marketing tut dem Xiaomi Mi Mix unrecht. Denn es zwingt Hinterfragende, den Taschenrechner anzuschmeissen – und wenn erst mal ein Argument fällt, dann stehen alle anderen in Frage und werden gnadenlos zerpflückt. Daher auch die Akku-Geschichte oben und die Prozentrechnungen.

Abseits des Marketings

Trotz dem massiven Fail im Marketing ist das Xiaomi Mi Mix 2 einen Blick wert. Denn hinter dem eben-nicht-so-grossen Bildschirm hat der chinesische Hersteller Teile verbaut, die es mit jedem Flaggschiff aufnehmen können. Aktuelle Generation Snapdragon, anständige RAM, marktübliche Speichermenge, das Xiaomi Mi Mix 2 kann mithalten.

Was bleibt? Ein gutes Phone mit Marketing, das zu wünschen übrig lässt.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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