HintergrundComputing

Windows 10 S – Das Windows, das dich in den leeren App Store zwingt

Dominik Bärlocher
Zürich, am 19.06.2017
Das neue Surface Laptop kommt als erstes Gerät mit Windows 10 S. Taugt das neue Betriebssystem aus dem Hause Microsoft etwas oder ist es ein Schlag ins Wasser? Während meine Kollegin im Video die Hardware und die Performance unter die Lupe genommen hat, habe ich mir die Software vorgeknöpft.

«Windows 10 S ist die Seele von Windows 10» hiess es an der Vorstellung des neuen Betriebssystems vor einigen Wochen. «Windows 10 ist das letzte Windows aller Zeiten», hiess es, als Windows 10 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Klar, wenn man das neue Betriebssystem «Windows 10 irgendwas» nennt und das Statement von wegen «letztes Windows» auf «Programmtyp, nicht Softwareversion» oder sowas abändert, dann kommt das hin.

Oder?

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Surface Laptop (13.50", Intel Core i5-7200U, 8GB, 256GB, SSD)
Microsoft Surface Laptop (13.50", Intel Core i5-7200U, 8GB, 256GB, SSD)
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Surface Laptop, Platinum, 128GB SSD (13.50", Intel Core i5-7200U, 4GB, 128GB, SSD)
Microsoft Surface Laptop, Platinum, 128GB SSD (13.50", Intel Core i5-7200U, 4GB, 128GB, SSD)
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Surface Laptop, Platinum, 256GB SSD (13.50", Intel Core i7-7660U, 8GB, 256GB, SSD)
Microsoft Surface Laptop, Platinum, 256GB SSD (13.50", Intel Core i7-7660U, 8GB, 256GB, SSD)
Surface Laptop (13.50", Intel Core i7-7660U, 16GB, 512GB, SSD)
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Microsoft Surface Laptop (13.50", Intel Core i7-7660U, 16GB, 512GB, SSD)

Gerade eben weil die Verwirrung von wegen Windows 10 S gross ist, habe ich mir das angesehen. Vom Schiff aus sehe ich zwei Möglichkeiten, wie das ausgehen kann:

  1. Das Statement von wegen «letztes Windows» ist falsch
  2. Windows 10 S ist tatsächlich Windows 10… irgendwie

    Und überhaupt: Was ist die Seele eines Betriebssystems?

    Die Suche nach der Seele

    Bevor ich den Test mit dem Surface Laptop überhaupt angehen konnte, stand die Frage im Raum, wo wir denn so ein Gerät herbekommen. Weil mittlerweile sind sie zwar an Lager, aber wir arbeiten der Zeit voraus. Microsoft kam uns da zur Rettung und am Launch-Tag wurde mir ein silbernes Laptop von einem Microsoft-Mitarbeiter, der extra zu diesem Zweck in die Stadt Zürich gekommen ist, ausgehändigt. Danke!

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Klein, hübsch und unauffällig: Das Surface Laptop

Das Setup der Maschine funktioniert genau wie bei Windows 10. Ein Dialog, der auf bewusst freundlich-lockere Art nach einigen Einstellungen fragt und diese dann vornimmt. Cortana macht Geräusche, bis ich ihr sage, dass ich in der Schweiz bin und dann schweigt sie für immer. Windows Hello will mir die Möglichkeit geben, das Laptop biometrisch zu entsperren. Das überspringe ich aber, weil Produktmanagerin Roxana Fröhlich sich als Testperson zur Verfügung gestellt hat. Ihr altes Laptop versagt seinen Dienst und «macht huere viel Lärm» und daher schaut sie sich nach einem neuen um. Das Surface Laptop hat ihre Aufmerksamkeit erhalten.

Denn hardwaremässig, so klingt es, ist das Surface Laptop gut dabei, auch wenn Microsoft anscheinend vom grossen Konkurrenten Apple eine der nervigsten Eigenschaften übernommen hat: Die Kommunikation der Tech Specs. In den Specs zum Laptop, das Roxy testet, steht nur «i5 Prozessor». Lustig. Kann ja viel heissen. Aber kein Problem: Ich starte das Ding auf, lass Speccy drüberlaufen und dann sagt mir die Maschine selbst, was sie so kann und tut. So dachte ich zumindest.

Ist die Seele etwa Edge?!

Gut, ich starte Edge, auch bekannt als «Microsoft’s recommended browser», der mit Bing und so arbeitet. Lustig. Ich geh auf die Website, weil für einen Kurztest und so, lohnt es nicht, extra Chrome als Browser zu installieren. Edge ist an sich ein recht okay-er Browser. Er ist zwar nach wie vor klobig im Design, hat wenige Plugins und macht auch sonst nicht so die Falle, aber er funktioniert ganz gut und wird durch Windows Updates, die neu laufend geschehen, aktualisiert.

Warum rede ich jetzt so lange über Edge? Weil das dein einziger Browser unter Windows 10 S ist. Unter Windows 10 S kannst du nämlich nur Apps installieren, die im Windows App Store sind.

  • Chrome ist nicht im App Store
  • Firefox ist nicht im App Store
  • Safari ist nicht im App Store
  • Opera ist nicht im App Store

    Egal, was du installieren willst: Wenn es nicht im App Store ist, dann kommt es nicht auf den Windows-10-S-Rechner. Darüber informiert dich das Gerät, wenn du zum ersten Mal versuchst, eine EXE zu starten. Also auch nix mit Speccy.

    «So ein Scheiss! Das kauf ich mir doch nie», höre ich dich jetzt schon ausrufen. Und ja, ich war auch frustriert. Denn wenn ich mit etwas arbeite, dann mag ich meinen Chrome. Ich mag Speccy, ich mag all die Dinge, die bisher nicht in den App Store gekommen sind, weil es halt einfach noch nicht nötig war. Von da her finde ich das Power Play Microsofts total daneben. Aber ich denke, dass dies eine Situation ist, die zum Launch besteht, aber nicht mehr lange nachher.

Nebst dieser Einschränkung habe ich keinen wirklich nennenswerten Unterschied zu Windows 10, ohne S, festgestellt. Die Benutzeroberfläche ist genau gleich, die Bedienung identisch und sogar das Desktop-Bild ist das selbe wie unter Windows 10.

Die Politik der App Stores

App Stores sind ja so eine Sache. Ich mag sie nicht. Ich mag es zwar, wenn eine Installation einfach ist, aber ich mag es nicht, wenn jeder Trottel einfach eine App in einen App Store stellen kann und dann irgendwelche armen Tropfe dazu verleiten kann, seine potenziell gefährliche App zu installieren.

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Ein Screenshot des Microsoft App Stores mit der Suche nach «Chrome»

Siehst du, was ich meine? Die App «Google Chrome Browser» verrät erst auf dem Thumbnail, dass es sich um eine Betriebsanleitung für den Browser handelt. Kostenpunkt: $2.49. Die App ist doch total die Verarsche.

Microsoft, wenn ihr einen App-Store machen wollt, dann kuratiert den wenigstens mit etwas Schärfe. Klar, der User Guide verletzt zwar keine Gesetze und wenn ihr ein paar Cent vom Verkauf abstauben könnt, dann seid ihr sicher auch froh, aber ich finde es total daneben, dass ihr es toleriert, dass User so veräppelt werden. Und nein, das Argument «Muss der User ja selbst wissen» lasse ich hier nicht gelten, weil auch in Punkto Betrug online finde ich Victimblaming, also das Beschuldigen des Opfers, total daneben. Redet euch nicht mit «Ist ja nicht direkt illegal» raus. Ihr wisst doch genau, was da vor sich geht, weil ihr seid auch nicht grade gestern auf die Welt gekommen. Mein Grossmami wüsste jetzt nicht, dass es solche Leute da draussen gibt, die arme User abzocken, indem sie ihnen User Guides verkaufen. Und wenn der Beschiss da gut ist, dann fällt sogar meine Mami drauf rein. Also, Microsoft, so geht das nicht. Zwang zum App Store ist okay, aber dann steckt etwas Arbeit rein. Ja, das Argument gilt auch für den Google Play Store und den Apple App Store, aber um die geht es hier heute nicht. Die rüffle ich dann mal an, wenn es um sie geht.

Mich interessiert auch gar nicht, welche hanebüchene Ausrede du für das Fehlen von Chrome und Firefox hast, Microsoft. Echt nicht. Wenn irgendwelche Coder, die nicht mal eine Website haben, Apps in deinen Store bringen können, die eigentlich nur rein technisch am Betrug vorbeischrammen, dann sollte das Google auch dürfen. Immer mal wieder kommt die Ausrede von wegen «Die haben nicht unsere Sicherheits-Levels», aber die lasse ich nicht gelten. Weil die von Google machen das auch ganz gut. Wenn du, Microsoft, und Google sich beide wie Erwachsene aufführen würden, dann bin ich mir sicher, dass Chrome im Windows App Store nichts im Wege steht.

Glücklicherweise bietet Windows 10 S an, auf Windows 10 mit allen Features und allem upzugraden.

Sinnvoll für breite Provisionierung

Wofür ist der Zwang zum App Store aber gut? Für die breite Provisionierung von Geräten in einer Schule oder einem Büro. Für User, die noch nie ein Unternehmen provisioniert haben: Die Provisionierung ist der Prozess, der in einem Unternehmen vorgenommen wird, dass das ganze Unternehmen dieselbe Software hat. Das hat administrativ und sicherheitstechnisch extrem viele Vorteile. Denn jede Maschine ist genau gleich und so kann der IT-Support schneller reagieren und der Sicherheitsstandard ist einheitlich.

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Netter Touch: Beim Surface Laptop ist der USB Passthrough ins Netzteil integriert

Angenommen du hast 1000 Geräte, die du auf Windows 10 S provisionieren musst. Bisher hättest du entweder einen internen Deploy vornehmen müssen mit einer Provisionierungslösung, die von Dritten kommt, oder jedes Gerät einzeln in die Hand nehmen müssen. Ein Demo an der Vorstellung des Betriebssystems hat gezeigt, dass ein USB-Stick ausreicht, um eine Flotte einfach zu provisionieren. Ich bezweifle, dass da alle Programme Platz haben, die installiert werden. Vielmehr glaube ich, dass da eine Datei drauf ist, die mit IDs von Apps aus dem App Store gefüllt ist und so die Maschine anweist, selbständig Apps zu installieren, sobald eine Netzwerkverbindung besteht. Das kann zwar das Netzwerk recht stark belasten, aber Microsoft meint offensichtlich, dass das verkraftbar ist.

Daher ergibt es durchaus Sinn, wenn der Zwang zum App Store besteht. Das Problem kommt nur rein, wenn ein Unternehmen Software benötigt, die nicht im App Store ist. Dann bleibt nur Windows 10 als Lösung. Breite Provisionierung: Futsch.

Oder halt Microsoft macht das, was sie bei den Betrugs-Apps im App Store schon machen und meinen «Uns egal, sagt es dem Hersteller der Software, dass er in unseren App Store soll», was total legitim aber nicht gerade userfreundlich ist. Ich denke aber, dass das, sollte Windows 10 S von den Nutzern angenommen werden, sich binnen eines Jahres selbst regeln wird.

Die rohe Geschwindigkeit

Was hat Microsoft also sonst noch so gemacht? Nichts wirklich erkennbares. Ich vermute, dass aber unter der Haube viel aus dem Code rausgestrichen wurde. Ich kann mir gut vorstellen, dass basierend auf dem Verhalten des Betriebssystems in Punkto App Store die ganze Rückwärtskompatibilität des Betriebssystems entfernt wurde. Bisher war das eines der Kernprinzipien Microsofts, dass die Kompatibilität mit alter Software so weit wie irgendwie möglich erhalten bleibt. Wenn dem nicht mehr so ist, dann läutet Microsoft damit eine für die Nutzer des Systems ungewohnte neue Ära ein.

Denn ich mag Windows gerade eben weil ich einfach ruminstallieren kann. Unter MacOS ist das zwar auch weitgehend möglich, aber schwieriger, da niemals die breite Palette an Programmen vorhanden ist und dort schon seit Jahren ein App Store auf dem System rumgeistert. Aber wenn ich wünschen dürfte, dann würde ich mir etwas wie apt-get unter Linux wünschen. Für Uneingeweihte: Unter Linux ist es möglich, dass ich in einem Terminal – einem Fenster das nur weissen Text auf schwarzem Grund zeigt – via einer Textzeile Programme und Features installieren kann. Als Beispiel: «sudo apt-get install firefox» heisst übersetzt «SuperUser, mit all deinen Berechtigungen, installiere mir Firefox» und voilà.

Aber Windows 10 S ist schnell. Sehr schnell sogar. Unter anderem weil halt nicht so viele Programme, Treiber und anderes geladen werden müssen. Die Schlankheit des Betriebssystems ist mit dem Aufstieg der Solid State Drives etwas unwichtiger geworden, aber ich schätze es dennoch, wenn ein Betriebssystem nicht schon beim Start alle Systemressourcen killt.

Das ist dahingehend super, weil das Surface Laptop wirklich viel leistet. Die rohe Hardware spricht für sich, die Möglichkeit, als Privatuser ein Upgrade auf Windows 10 zu machen, ebenfalls.

Daher mein Fazit in Stichwörtern:

  • Die Hardware des Surface Laptop überzeugt, sogar in der i5-Konfiguration
  • Windows 10 S macht noch keinen Sinn, wenn du Privatuser bist
  • Das Update auf Windows 10 ist glücklicherweise bis Ende 2017 gratis und der Laptop selbst schlägt dir das Upgrade vor
  • Schlecht kuratierte App Stores sind doof

    Alles in allem ist das Surface ein starkes Gerät, dem seine eigene Software noch nicht gerecht wird. Sollte sich Windows 10 S durchsetzen, dann passt das wenn in einem Jahr der Nachfolger kommt, aber bisher ist das Update auf Windows 10 die einzige Möglichkeit, das Gerät vernünftig und wie ein Erwachsener zu verwenden. Denn Windows 10 S ist zwar eindeutig Windows, aber kommt noch etwas künstlich zurückgehalten und halbgar daher.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Senior Editor, Zürich
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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