Wie funktioniert Virtual Surround und ist es schlechter als True Surround?

Wie funktioniert Virtual Surround und ist es schlechter als True Surround?

Philipp Rüegg
Zürich, am 10.10.2017
Für echten Surround Sound braucht es mindestens fünf Lautsprecher. Virtual-Surround-Kopfhörer erledigen das ganze mit zwei. Wie funktioniert das eigentlich? Wie bescheissen wir unsere Ohren und hört man den Unterschied überhaupt?

Zwei Jahre habe ich gebraucht. Zwei Jahre, bis ich gemerkt habe, dass mein Astro A50 Headset gar keinen echten Surround Sound produziert, sondern bloss virtuellen. «Blödsinn», meinte mein Kumpel als ich ihn darüber aufkläre. Er besitzt das gleiche Modell. Tief in den Spezifikationen ganz klein, steht es aber schwarz auf weiss: virtual Surround. Ich war baff. Zwar habe ich das Teil nicht regelmässig gebraucht, aber nie ist mir auch nur der Verdacht gekommen, es könnte nicht echten Surround Sound liefern.

Seither hat sich mein Vorurteil gegenüber Virtual Surround Sound merklich entspannt. Dafür will ich jetzt wissen, wie das ganze eigentlich funktioniert und ob man wirklich keinen Unterschied feststellen kann. Dazu erst ein kleiner Überblick über die verschiedenen Systeme.

Stereo

Stereo Sound funktioniert ganz einfach. Du hast zwei Lautsprecher. Um wahrzunehmen, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt, wird der Pegel und die Verzögerung angepasst. Knallt es von links, wird das linke Ohr lauter beschallt, als das rechte.

Virtual Surround

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Auch die neueren Astro-A50-Modelle produzieren «nur» Virtual Surround.

Virtual Surround bedient sich im Grunde der gleichen Technik wie Stereo Sound, geht aber einen Schritt weiter. Es sind weiterhin nur zwei Membranen verbaut. Leicht erkennbar, wenn bei der Produktbeschreibung nur ein Treiber (Driver) aufgelistet wird (z.B. 50mm). Zusätzlich zu unterschiedlichen Pegeln kommen kleine Verzögerungen beim abgewandten Ohr hinzu. So denkt das Gehirn, der Sound kommt aus mehr als zwei Richtungen. Hersteller setzen noch auf zahlreiche unterschiedliche Techniken, um Surround Sound zu simulieren.

Echter Surround

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Oft sieht man dank transparenten Ohrmuscheln die einzelnen Treiber.

Echte Surround-Kopfhörer besitzen in jeder Ohrmuschel mehrere separate Treiber. Aus Platzgründen sind sie meist kleiner als bei Stereo-Kopfhörern. Statt satte 50mm-Treiber gibt es mehrere kleine zwischen 20mm und 40mm. Ein 5.1-Headset besteht also aus zehn Treibern. Damit soll der Sound aus verschiedenen Richtungen besser simuliert werden können.

Und was ist besser?

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Zehn Treiber, die ein Ohr beschallen, klingt im ersten Moment besser, als zwei. Kurt Heutschi, Experte für Akustik an der EMPA in Dübendorf, erklärt, warum das ein Trugschluss ist. «Die einzige Info, die wir Hörer haben, ist die Bewegung des Trommelfells links und rechts. Ortung von Klang entsteht durch die Laufzeit und Intensitätsunterschiede. Wenn ich nach vorne schaue und die Geräuschquelle rechts ist, erreicht der Schall mein rechtes Ohr schneller. Es ist geographisch näher an der Quelle und registriert zudem das Geräusch direkter. Das linke Ohr wird durch den Kopf abgeschirmt ist, was zu einer Abschwächung führt.» Wenn also ein Geräusch zeitlich verzögert wird und die Amplitude ein unterschiedliches Signal ausgibt, entsteht eine Richtungswahrnehmung. So lässt sich ein Geräusch aus jeder beliebigen Richtung simulieren.

Wissenschaftlich sei es daher nicht nachvollziehbar, weshalb mehrere Treiber pro Kopfhörerseite sinnvoll sein sollen. «Mehrere Quellen machen für das Ohr keinen Unterschied. Das Trommelfell erlebt lediglich eine Überlagerung der Lautsprecher. Und das andere Ohr nimmt die Geräusche aus der anderen Kopfhörermuschel gar nicht erst wahr», erklärt Heutschi. Die Überlegung rühre vom Lautsprecherbau her. Dort schaffe man es nicht, mit einem einzigen Treiber den gesamten Frequenzbereich abzudecken. Darum besteht ein guter Lautsprecher aus Tieftöner, Mitteltöner und Hochtöner. «Bei Lautsprechern gibt es physikalische Grenzen, aber beim Kopfhörer gibt es diese Probleme nicht. Man hupt sozusagen direkt ins Trommelfell», so Heutschi. Er sieht deshalb keinen Vorteil von echten Surround-Kopfhörern. Dieser Auffassung scheinen auch die Hersteller zu sein, wenn man das Angebot zwischen True-Surround- und Virtual Surround-Kopfhörern vergleicht.

Bei Kopfhörer ist der Fall klar

Die klare Aussage von Kurt Heutschi hat mich nicht völlig überrascht. Schon öfters hab ich Zweifel am Sinn von echten Surround-Kopfhörern vernommen. Während Lautsprecher rein durch ihre Distanz zum Ohr physikalisch eingeschränkt sind, können Kopfhörer das Ohr direkt beschallen – die ideale Voraussetzung für guten Virtual Surround Sound. Jetzt fühle ich mich mit meinen Astro A50 gleich wieder viel besser. Und all die schicken Modelle mit Virtual Surround, die ich bisher verschmäht habe, sind plötzlich richtig attraktiv geworden. Dennoch würde ich gerne den Test aufs Exempel machen und Virtual gegen True Surround testen. Stay Tuned.

Wie seht ihr das? Nutzt ihr Virtual Surround Sound? Habt ihr echt Surround-Sound-Kopfhörer? Oder bevorzugt ihr guten alten Stereo Sound?

Eine Auswahl von Virtual-Surround-Kopfhörern

Wenn du weiterhin von True-Surround überzeugt bist

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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