Was ist besser: RAW oder JPEG?
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Was ist besser: RAW oder JPEG?

David Lee
Zürich, am 07.12.2017
Kameras speichern Bilddateien wahlweise als JPEG oder als Rohdaten ab. Was für wen besser ist, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Hier erfährst du nicht nur die Theorie, sondern auch die praktische Anwendung.

Wenn du an Fotografie interessiert bist, hast du sehr wahrscheinlich schon mal etwas vom RAW-Format gehört. Vermutlich weisst du sogar ungefähr, was es ist. Das RAW-Format ist immer mal wieder ein Thema, neuerdings sogar im Smartphone-Bereich.

Was RAW genau ist und was es bringt, ist in der Theorie relativ einfach zu verstehen. Viel schwieriger ist aber, für sich selbst zu entscheiden, ob man nun in RAW oder JPEG fotografieren will. Beides hat seine Vor- und Nachteile, und was man wie stark gewichtet, ist individuell sehr verschieden. Mit diesem Beitrag will ich dir bei der Entscheidung helfen.

RAW können fast alle

Die Zeiten, in denen RAW den teureren Kameras vorbehalten war, sind längst vorbei. Unser Shop listet derzeit fast 300 Kameras auf, die RAW unterstützen. Lediglich bei den Kompaktkameras musst du genauer hinsehen. Die günstigeren können teilweise nur JPEG.

Das ist derzeit die günstigste Kamera mit RAW-Unterstützung:

Lumix TZ71 (24-720mm, 12.80Mpx, 1/2,3'')
244.–
Panasonic Lumix TZ71 (24-720mm, 12.80Mpx, 1/2,3'')

Das ist die kleinste:

RX0 (7.7mm, 15.30Mpx, 1")
522.–
Sony RX0 (7.7mm, 15.30Mpx, 1")

Und das die härteste:

Tough TG-5 (25-100mm, 12Mpx, 1/2,3'')
372.–
Olympus Tough TG-5 (25-100mm, 12Mpx, 1/2,3'')

Ob deine Kamera RAW beherrscht, siehst du, wenn du im Menü die Bildqualität aufrufst. Dort müsste dann neben verschiedenen JPEG-Grössen und -Qualitätsstufen auch RAW stehen.

RAW in vier Sätzen

Die meisten Kameras heutzutage können Fotos nicht nur als JPEG abspeichern, sondern auch in ihrem eigenen Format (RAW oder Rohdatenformat genannt). Dabei handelt es sich nicht um ein einheitliches Dateiformat, sondern es ist von Kamera zu Kamera verschieden. Folgerichtig benutzt auch jeder Hersteller eigene Datei-Endungen, etwa CR2 (Canon), NEF (Nikon), RAF (Fujifilm), ORF (Olympus) oder ARW (Sony). Diese Files sind grösser als JPEGs, weil sie viel mehr Farbinformationen enthalten.

Die Theorie: Was bei RAW besser ist

Genauer gesagt speichern RAW-Dateien mehr Helligkeitsabstufungen pro Farbkanal als JPEG-Dateien. In einem digitalen Foto hat jedes Pixel eine bestimmte Farbe, die aus drei Helligkeitswerten der Farben Rot, Grün und Blau zusammengesetzt ist (RGB-Farbschema). Reines Weiss hat zum Beispiel von allen drei Farbkanälen den maximalen Helligkeitswert, reines Rot nur vom ersten und von den anderen zwei nichts. Im RAW-Format können sowohl in der Helligkeit als auch im Farbton mehr Zwischenstufen abgespeichert werden.

Ein JPEG hat pro Farbkanal 256 Abstufungen (8 bit). Dadurch, dass es drei Farbkanäle gibt (eben Rot, Grün und Blau), sind 256 x 256 x 256 verschiedene Farben darstellbar, also 16,7 Mio. insgesamt.

Beim RAW sind es 4096 (12 bit) oder 16384 (14 bit) Abstufungen pro Kanal, was insgesamt dann 68,7 Milliarden oder gar 4,4 Billionen Farbkombinationen ergibt.

Dies ist aber nur für die Bearbeitung relevant, nicht für das Endergebnis. Denn erstens können die meisten PC-Bildschirme gar nicht mehr als 16,7 Mio. Farben darstellen. Zweitens kann das menschliche Auge auch nicht viel mehr Farben unterscheiden. Und drittens resultiert aus einer RAW-Bearbeitung am Ende auch wieder ein JPEG. Das Endergebnis ist immer JPEG, ob du nun mit RAW fotografierst oder nicht. Die Frage ist nur, ob du das der Kamera überlässt, wie sie aus der Aufnahme ein JPEG machen soll, oder ob du das selbst in die Hand nehmen willst.

Die Praxis: Nachbearbeitung RAW vs. JPEG

Die zusätzlichen Farbabstufungen bringen also einen Vorteil bei der Nachbearbeitung. Aber wie wirkt sich das konkret aus? Das demonstriere ich an folgendem Beispiel:

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Dieses Bild weist einen extremen Kontrast auf: die Flamme ist sehr hell, der Rest grösstenteils sehr dunkel. Dunkle Farbtöne lassen sich in jedem halbwegs brauchbaren Bildbearbeitungs-Tool gezielt aufhellen, also ohne dass die hellen Teile ebenfalls heller werden. Das funktioniert sowohl mit JPEG als auch mit RAW, aber mit RAW hast du mehr Spielraum. Hier allerdings ist der Übergang von hell zu dunkel dermassen hart, dass die Aufhellfunktion kaum etwas ändert. Aber genau an solchen Extremfällen lässt sich der Unterschied zwischen RAW und JPEG in der Bearbeitung am besten demonstrieren.

RAW mit aufgehellten Tiefen
RAW mit aufgehellten Tiefen
JPEG mit aufgehellten Tiefen
JPEG mit aufgehellten Tiefen

Du siehst in beiden Bildern, dass der Bereich rund um die Flamme aufgehellt wurde. Während jedoch der Farbverlauf von hell zu dunkel im RAW-Bild links einigermassen glatt verläuft, erkennst du im JPEG rechts deutliche Farbabstufungen. Dieser Effekt wird «Color Banding» genannt.

RAW vergrössert
RAW vergrössert
JPEG vergrössert
JPEG vergrössert

Ähnlich verhält es sich mit dem Abdunkeln von zu hellen Fotos. Der einzige Unterschied ist, dass das Aufhellen generell weniger Probleme macht, sowohl in RAW als auch in JPEG. Denn selbst vermeintlich schwarze Bildteile sind selten ganz schwarz, da ist immer noch Information vorhanden. Bei weissen Bildteilen hingegen ist es oft so, dass die komplett weiss sind. Damit ist die Information verloren und kann nicht mehr zurückgeholt werden. Allerdings geschieht dies bei JPEGs schneller und grossflächiger als bei RAW-Dateien.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Die Uhr ist überbelichtet: Die Ziffern sollten gelb sein, nicht weiss, und die Umgebung sollte dunkel sein, nicht gelb.

In RAW bekomme ich das in der Nachbearbeitung ziemlich gut hin:

RAW abgedunkelt
RAW abgedunkelt

In JPEG dagegen kann ich das vergessen. In den weissen Bildteilen sind tatsächlich die Bildinformationen verloren, weil das wegen zuwenig Farbabstufungen als reines Weiss gespeichert wurde.

JPEG abgedunkelt
JPEG abgedunkelt

JPEG go home? Nein, so einfach ist es nicht

Bei den obigen Vergleichen kommt JPEG ziemlich flach heraus. Aber zur Ehrrettung von JPEG muss ich noch folgendes anmerken:

  1. Ich habe hier absichtlich Extrembeispiele gewählt, um den Effekt möglichst klar zu demonstrieren. Bei den allermeisten Fotos wirkt sich das nicht annähernd so krass aus. Ehrlich gesagt brauchte ich mehrere Anläufe, um ein Beispielfoto zu finden, an dem die Unterschiede für jedermann sofort sichtbar werden.

  2. RAW lässt seine Muskeln vor allem bei hohen Kontrasten spielen. Die meisten Kameras verfügen im JPEG-Modus über einen oder mehrere Mechanismen, um hohe Kontraste besser zu bewältigen. Eine davon ist die Anpassung der Gradationskurve schon bei der Aufnahme. Bei Nikon heisst das beispielsweise Active D-Lighting, aber jeder Hersteller hat da seine eigenen Bezeichnungen. Ein weiteres Mittel ist vollautomatisches Bracketing: Die Kamera nimmt das gleiche Bild mehrmals hintereinander mit unterschiedlicher Belichtung auf und fügt die Einzelbilder anschliessend zu einem HDR zusammen.

  3. RAW hat auch Nachteile. Dazu kommen wir gleich jetzt.

Die Nachteile des RAW-Formats

Bearbeitung ist nicht optional. RAW-Dateien müssen «entwickelt» werden: Sie müssen von einem RAW-Konverter geöffnet und in ein JPEG umgewandelt werden. Dieser Punkt wird in der ersten allgemeinen Begeisterung oft unterschätzt. RAW-Konverter können zwar Bilder auch im Batch-Verfahren nach einer Standardvorgabe entwickeln und als JPEG exportieren, so dass du nicht jedes einzelne Bild manuell behandeln musst. Damit schöpfst du aber das Potenzial von RAW nicht aus. Darum gilt: Wer in RAW fotografiert, muss jedes einzelne Foto nachbearbeiten. Jedes Bild muss mehr oder weniger nachgeschärft, aufgehellt, im Weissabgleich angepasst und im Kontrast etwas aufgepeppt werden. Am Ende resultiert trotzdem ein JPEG. Und dieses wird nur dann wirklich besser, wenn du genug Ahnung und Routine hast in der Nachbearbeitung.

Software-Lock-in. Wenn du in einem RAW-Konverter wie Lightroom ein RAW-Foto bearbeitest und es nicht als JPEG exportierst, dann siehst du das Ergebnis nur in genau diesem RAW-Konverter. Das eingebettete JPEG wird nicht aktualisiert. Schlimmer noch: wenn du zum Beispiel von Lightroom auf einen anderen Konverter wechselst, übernimmt der deine Hunderten oder Tausenden Bearbeitungen nicht. Denn jeder Konverter arbeitet anders, es gibt kein einheitliches Verfahren, wie diese Informationen gespeichert und interpretiert werden. Die Informationen zur Bearbeitung werden nicht im RAW-File gespeichert, sondern in einer zusätzlichen Datei mit der Endung .xmp.

Den letzten Punkt habe ich auch erwähnt, weil das Thema «soll ich weg von Lightroom?» gerade aktuell ist.

Adobe Lightroom 6 ist die *letzte Version ohne Abo-Zwang.** Was nun?
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Kompatibilität. RAW-Dateien können von den meisten Programmen nicht geöffnet werden. Da jede Kamera ihr eigenes RAW-Format hat, müssen RAW-Konverter immer aktualisiert werden, sonst werden die Bilder von neuen Kameras nicht mehr erkannt. Oft sieht es zwar so aus, als liessen sich RAW-Dateien mit einem simplen Bildbetrachter ansehen. Doch der Eindruck täuscht: Was du dort siehst, ist ein JPEG, das in die RAW-Datei eingebettet wurde. Die Rohdaten selbst müssen zuerst von einem RAW-Konverter interpretiert werden, bevor du das Bild ansehen kannst. Deshalb sieht ein und dieselbe RAW-Datei auch in jedem RAW-Konverter wieder anders aus.

Dateigrösse. RAW-Dateien sind viel grösser als JPEGs. Ob das wirklich ein Nachteil ist, kommt auf deine Ausrüstung an. Auf der Festplatte ist meist genug Platz, auf der SD-Karte vielleicht auch. Schon eher ein Problem kann es sein, die riesigen Files genug schnell auf die Karte zu speichern, konkret bei schnellen Serienaufnahmen. Die Kamera schiesst in der Regel die RAW-Bilder schnell, bis der Pufferspeicher voll ist, und danach fällt die Geschwindigkeit ab. Manche Kameras haben einen genügend grossen Buffer, um hohe RAW-Serienbildgeschwindigkeit über mehrere Sekunden aufrechtzuerhalten.

Einheitliche Farbgebung – auch in RAW

Wenn du deine Bilder als JPEG schiesst, verwandelt die Kamera die Rohdaten in das Endformat. Sie tut das nach einem bestimmten vom Kamerahersteller entwickelten Verfahren (sog. JPEG-Engine), daher unterscheidet sich die Farbgebung von Marke zu Marke ein wenig.

Wichtiger als die Kameramarke sind aber die Bild-Einstellungen. Dafür haben meisten Kameras verschiedene Bildstile zur Auswahl: natürlich, lebendig, poppig, blass etc. Dabei lässt sich neben der Farbbalance und der Sättigung meist auch die Schärfe einstellen. Irgendwo in den Kamera-Einstellungen kannst du zudem angeben, ob und wie stark die Kamera das Bildrauschen unterdrücken soll. Ein zu starkes Bildrauschen kann zu aquarellartig verwaschenen Bildern führen.

Solange du immer den gleichen Bildstil benützt, wird die Farbgebung der JPEGs einigermassen konsistent bleiben. Beim manuellen Entwickeln eines RAW-Bildes besteht dagegen die Gefahr, dass jedes Bild für sich allein optimiert wird. Dann sieht es für sich betrachtet vielleicht gut aus, passt aber farblich nicht zum Rest der Serie. Das kann etwa bei Fotobüchern ein Problem sein.

Das müsste aber gar nicht sein, denn du kannst die Bildstile der Kamera auch im RAW-Format benützen. Das geschieht aber erst im Nachhinein am PC, während es beim Fotografieren in JPEG direkt in der Bilddatei «fixiert» wird. In Lightroom zum Beispiel gehst du auf Entwickeln und dann in den Abschnitt «Kamerakalibrierung». Dort finden sich neben der Adobe-Standardvorgabe auch verschiedene Bildstile, die denen der Kamera entsprechen.

Mit den Kameraprofilen in Lightroom kannst du auch für RAW einen Bildstil  festlegen
Mit den Kameraprofilen in Lightroom kannst du auch für RAW einen Bildstil festlegen

Ob für deine Kamera solche Bildstile hinterlegt sind, siehst du bei Lightroom im Verzeichnis Programme\Adobe\Adobe Lightroom\Resources\CameraProfiles\Camera

Was tun?

Nun, da du die Vor- und Nachteile kennst, kannst du besser entscheiden, welches Dateiformat du verwenden willst. Dieser Artikel alleine reicht jedoch nicht aus, um wirklich die richtige Entscheidung zu treffen. Erst die Erfahrung zeigt, welche Vor- und Nachteile für dich wichtig sind.

Ein guter Ausweg für Unentschlossene: Viele Kameras können RAW und JPEG gleichzeitig abspeichern. RAW bringt nur mit einer gewissen Erfahrung in der Bildbearbeitung einen Mehrwert, ausserdem musst du auch bereit sein, die entsprechende Zeit zu investieren. Falls du glaubst, dass das später einmal für dich in Frage kommt, jetzt aber nicht, heb dir die RAW-Files für alle Fälle mal auf – Festplattenspeicher kostet ja nichts. Und in der Zwischenzeit verwendest du die JPEGs.

Und dann gibts ja auch noch DNG

Neben RAW und JPEG gibt es noch etwas Drittes: DNG. Die Abkürzung steht für Digital Negative. Adobe hat dieses Dateiformat erfunden und die Spezifikationen offengelegt. DNG kann genauso viele Farbinformationen speichern wie RAW, ist aber ein einheitliches Format, welches von allen RAW-Konvertern und einigen anderen Foto-Anwendungen gelesen werden kann. Adobe bietet gratis einen DNG-Konverter an, mit dem du alle RAW-Files in DNG umwandeln kannst.

Auch mit DNG sind jedoch verschiedene RAW-Konverter untereinander nicht kompatibel. Das hat nichts mit dem Dateiformat zu tun, sondern damit, dass die Bearbeitung in jeder Software anders funktioniert.

Unter Umständen speichert DNG nicht ganz alle Metadaten, die im RAW-File drin sind. Ansonsten gibt es keine Nachteile gegenüber RAW.

Leider verwendet kaum eine Kamera das DNG-Format, weil jeder Hersteller sein eigenes Süppchen kocht. Aber seit einiger Zeit gibt es Smartphones, die Fotos direkt in DNG speichern. In Zukunft können das wohl sehr viele Modelle, denn iOS und Android bringen alles Nötige dafür bereits mit.

Bei der Frage, ob RAW oder DNG, ist es eigentlich recht einfach: Nutze das Format, das deine Kamera bzw. dein Smartphone produziert. Einzige Ausnahme: Wenn dein RAW-Konverter dein RAW-Format nicht lesen kann, und du keine Lust hast, deswegen einen neuen Konverter zu kaufen, dann nutze DNG (mit dem Adobe DNG-Konverter).

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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