Hintergrund

Warum gibt es keine sinnvolle Bezeichnung für dieses Gerät?

David Lee
25.4.2026
Bilder: David Lee

Natel, Handy, Smartphone – wir haben kein passendes Wort für das wichtigste Gerät in unserem Alltag. Aber so funktioniert Sprache. Nicht das Beste, sondern das Erstbeste etabliert sich.

Es geht mir auf den Keks, wenn jemand heute noch den Begriff Natel verwendet. Natel ist die Abkürzung für «Nationales Autotelefon» und stammt aus einer Zeit, in der Mobilfunk nur in einem Auto möglich war. Später war es ein Markenname der Swisscom und durfte von anderen nicht verwendet werden. Seit 2017 nutzt ihn auch die Swisscom nicht mehr. Natel ist das N-Wort der Telekommunikation.

Ein Natel.
Ein Natel.
Quelle: Wikimedia Commons/Sandstein

Ich muss allerdings zugeben, dass die Bezeichnung «Handy», die ich auch oft benutze, nicht viel besser ist. Einen englischen Begriff zu verwenden für etwas, was auf Englisch gar nicht so heisst, zeugt nicht gerade von Weltläufigkeit. Immerhin nenne ich das Ding nicht Handy, wenn ich Englisch spreche.

Ein Handy.
Ein Handy.

Wenigstens lässt sich mit «Handy» vermeiden, von einem Telefon zu sprechen. Mobiltelefon, Smartphone: Auch diese Begriffe sind doof. Schauen wir doch mal, was die Leute mit einem «Mobiltelefon» hauptsächlich machen:

  • Videos gucken.
  • Games spielen.
  • Chatten.
  • Im Web surfen.
  • Einkaufen.
  • Fotos machen.
  • Musik hören.
  • Mit einer Karte an ein bestimmtes Ziel navigieren.

Mit anderen Worten: alles ausser telefonieren. Kein Wunder, wird die Telefonfunktion auch «Boomer-Funktion» genannt. Ich beobachte seit Jahren Leute, die nicht mehr zu wissen scheinen, wie Telefonieren geht. Vielleicht wird es bald zum Geheimwissen, dass man das Gerät einfach ans Ohr halten kann, statt die Lautsprecher einzuschalten und das Mikrofon zu küssen.

Ein Mobiltelefon.
Ein Mobiltelefon.

Heute ist fast jedes Telefon mobil und smart. Diese Zusätze braucht es nicht mehr. Aber einfach Phone zu sagen, trifft die Sache auch nicht – Tele schon eher. Denn irgendwie geht es fast immer um Fernübertragung.

Wie neue Begriffe entstehen

Das Smartphone ist eines unserer wichtigsten Tools im Alltag, für viele das Wichtigste überhaupt. Warum gibt es keinen sinnvollen Begriff dafür?

Wenn sich die Welt verändert und neue Dinge entstehen, braucht es dafür neue Wörter. Und zwar sofort. Man hat keine Zeit, um den besten Begriff zu finden – man nimmt den erstbesten. Oft ist es der Markenname: Post-it, Fön, Knirps, Bostitch, Tipp-Ex, Ohropax, Tupperware. Weil dieser gross auf der Verpackung steht. Dieser Name gilt dann auch für Produkte anderer Marken. Meine Tupperware ist nicht von Tupperware.

Es muss kein hundertprozentig treffender Begriff sein. Es muss nur klar sein, was damit gemeint ist.

Die oben genannten Begriffe erfüllen alle den Zweck. Mehr oder weniger. Bei Natel denke ich nicht an ein Autotelefon, aber an ein altes Nokia. Aus dem Zusammenhang verstehe ich, was gemeint ist. Aus dem Zusammenhang verstehe ich auch, ob mit Handy das Telefon, das Spülmittel oder der Trompeter «W.C. Handy» gemeint ist.

W.C. Handy.
W.C. Handy.
Quelle: Carl van Vechten

Neue Dinge erhalten also den erstbesten Begriff – aber wenn er mal etabliert ist, bringst du ihn nicht mehr weg. Du willst ja verstanden werden, also musst du Handy sagen. Ich kann nicht einfach ein neues Wort einführen – ausser vielleicht als Insider-Begriff in meinem Freundeskreis.

Ding ohne Eigenschaften

Erstaunlich finde ich, dass es kaum Übernamen für das Gerät gibt. Im Unterschied etwa zum Auto: Das wird auch Kutsche, Kiste, Rostlaube, Schlitten, Karosse, Schüssel etc. genannt. Dazu kommen Dialektausdrücke wie «Chlapf». Oder der Fernseher: Glotze, Flimmerkiste, Röhre – interessanterweise alles Ausdrücke aus der Zeit der Röhrenbildschirme.

Ausdrücke wie «Wischwanze» oder «Zweithirn» haben sich nicht etabliert. Wahrscheinlich, weil sie nur den wenigen Leuten passen, die kein Smartphone benutzen. Vielleicht gibt es keine Übernamen, weil das Ding zu universell ist. Es ist nicht für etwas Bestimmtes da, sondern für alles. Es hat keine besonderen Merkmale – ein rechteckiges Ding mit abgerundeten Ecken. Vielleicht wäre das der perfekte Name: das Ding.

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Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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