Sonos Ray im Test: Die Einstiegsdroge funktioniert

Sonos Ray im Test: Die Einstiegsdroge funktioniert

Luca Fontana
Zürich, am 31.05.2022

Für wen die Sonos Ray bestimmt ist? Das frage ich mich auch. Schliesslich kann sie nichts, was die anderen Sonos-Soundbars nicht auch können. Aber: Sie ist viel günstiger. Und gar nicht mal so schlecht.

«Beginne deinen Beitrag stets damit, für wen das Produkt gedacht ist», hat mir mal ein guter Freund über das Schreiben beigebracht. Nun, bei der Sonos Ray, der neuesten Soundbar des kalifornischen Audio-Spezialisten, fällt’s mir andersrum fast leichter. Ich weiss, für wen sie nicht gemacht ist. Die Ray ist keine Soundbar fürs grosse Wohnzimmer. Dafür ist sie zu klein. Egal, wie viel digitale Manipulation im Prozessor steckt: Für grosse Räume braucht die Soundbar ordentlich Umfang, um den Raum ordentlich mit Klang auszufüllen. Physik ist nun mal Physik.

Dann ist die Ray also fürs kleine Wohnzimmer? Oder fürs Schlafzimmer? Fürs Büro?

Ja und nein. Zumindest nicht, wenn du damit Audioqualität auf allerhöchstem Niveau erwartest. Die Soundbar verfügt nämlich nur über einen optischen Toslink-Eingang. Dolby Atmos kann sie damit nicht abspielen. Aber: Die Ray ist mit ihren 319 Franken für Sonos-Verhältnisse recht günstig. Die Sonos Beam kostet nämlich 469 Franken. Die Sonos Arc, die «Flaggschiff-Soundbar», sogar 949 Franken.

Also, um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Die Ray soll das sein, was im Marketing-Sprech «Einsteiger-Modell» heisst. Ein «Probiererli». Also ein kostengünstiges Produkt eines Herstellers, das dich so überzeugt, dass du dir eines Tages für hoffentlich deutlich mehr Geld teurere anschaffen wirst. Etwa eine Arc. Das funktioniert, solange das Einsteiger-Modell trotz tieferem Preis etwas taugt. Wer würde schon noch mehr Geld in dieselbe Marke investieren, wenn die ersten Erfahrungen mit ihr schlecht waren?

Eben. So viel kann ich vorwegnehmen: Die Sonos Ray taugt. Kommt hinzu, dass sie immer noch zu einem der besten Multiroom-Systeme auf dem Markt gehört.

What’s in the box?

Ich werde dir gleich beschreiben, wie die Ray klingt. Aber zuerst musst du wissen, was überhaupt in der Ray steckt. Das ist wichtiger Kontext. Schliesslich sind es die meist ellipsenförmigen Treiber, die die Luft zum Schwingen bringen und damit Ton von der Box zu deinem Ohr transportieren. Wie sonst willst du meine blumigen Beschreibungen richtig einordnen, gerade bei etwas, das so subjektiv wahrgenommen wird wie Ton?

Die Ray ist also kompakt und bietet für Treiber nur wenig Platz. In nackten Zahlen bedeutet das:

  • Höhe: 71 mm
  • Breite: 559 mm
  • Tiefe: 95 mm
  • Gewicht: 1,95 kg

Das sind beinahe identische Masse wie bei der etwa 40 Prozent teureren Sonos Beam, die ich in meinem Test als «qualitativ hochwertige Soundbar für die kleine (Stadt-)Wohnung, fürs Schlafzimmer oder für den Hobbyraum» bezeichnet habe. Das drückt sich auch darin aus, was unter der Haube der Ray zu finden ist:

  • Zwei elliptische Mitteltöner geben mittlere Sprachfrequenzen und sonstige mittlere Frequenzen wieder – bei der Beam sind’s vier.
  • Zwei Hochtöner in der Mitte geben die hohen Frequenzen wieder. Das ist wichtig für Dialoge. Bei der Beam ist es nur ein Hochtöner.
  • Vier digitale Verstärker der Klasse D sollen den Sound satt und raumfüllend machen. Bei der Beam sind es fünf digitale Verstärker und zusätzlich drei passive Strahler.

Zu den Anschlüssen: Anders als die Arc und Beam besitzt die Ray keinen HDMI-Eingang, sondern nur einen optischen Toslink-Eingang. Dieser hat zwar genügend Bandbreite, um problemlos Surround-Sound wie etwa Dolby Digital 5.1 oder DTS Digital Surround vom Fernseher oder PC auf die Soundbar zu übertragen. Für High-Res-Audioformate wie Dolby Atmos oder DTS:X ist die Bandbreite allerdings zu klein. Spielst du etwa Dolby Atmos ab, hörst du stattdessen einfach Dolby Digital 5.1.

Das ist keine besonders grosse Auswahl an Anschlüssen.
Das ist keine besonders grosse Auswahl an Anschlüssen.

Kein Drama, finde ich. Wer im heimischen Wohnzimmer tatsächlich den Unterschied zwischen Atmos und 5.1-Surround heraushört, hört auch, wenn in der Wohnung nebenan die Bettmilbe Schnupfen hat. Solch audiophilen Menschen eine Soundbar anpreisen zu wollen, wäre ohnehin Majestätsbeleidigung an dessen Ohren. Darum: Liebäugelst du mit der Ray, ist der Verzicht auf Atmos ein Abstrich, mit dem du leben kannst.

Filmegucken mit der Ray ist: okay

Zuerst versuche ich die Ray in meinem Wohnzimmer. Das ist recht gross; etwa 35 Quadratmeter. Um zu hören, wie die Ray klingt, habe ich mir eine Szene aus «Ford vs Ferrari» angeschaut. Jene, in der Fahrer Miles auf der Ford-Teststrecke seinen Rennboliden bis an dessen Grenzen bringt – und darüber hinaus.

Ich muss den Test nach 30 Sekunden abbrechen.

Um mein grosses Wohnzimmer ordentlich mit Sound auszufüllen, muss ich die Ray so laut einstellen, dass die ganze Klangkulisse zu einer unerträglichen Lärm-Kakophonie verkommt. Das ist keine Bankrotterklärung Sonos’. Es ist einfach eine Bestätigung, dass die Ray nicht in zu grosse Zimmer gehört. Also neuer Test. Diesmal im etwa halb so grossen Schlafzimmer.

Getestet mit UHD-Blu-Ray, englische Dolby-Atmos-Tonspur. Sämtliche «Ford vs. Ferrari»-Clips kann man leider nur direkt auf Youtube schauen. Sorry für die Unannehmlichkeit.

Das klingt besser. Viel besser sogar. Der Unterschied zu meiner eigenen Sonos Beam, die normalerweise da steht, ist für mich kaum hörbar. Erst, wenn ich zwischen den beiden Boxen hin- und herwechsle, spüre ich bei der Ray etwas weniger «Rumms» als bei der Beam. Kein Wunder: Die Beam hat mehr Treiber, die sich um die mittleren und unteren Frequenzen – dort wo der Bass ist – kümmern. Was die Ray da leistet, kann sich trotzdem hören lassen.

Etwa bei 1-Minuten-Marke: Miles’ Bremsen haben soeben versagt. Verzweifelt versucht er – ich bin kein Autoexperte – durch das Runterschalten das Getriebe zum Bremsen einzusetzen. Die Ray gibt das tiefe Grollen kristallklar wieder. Miles dreht sich. Die Räder quietschen. Das Auto gerät ausser Kontrolle. Die mit Wasser gefüllten Fässer, die die Strecke markieren, werden mit einem «Umpf» durch die Luft geschleudert. Nichts hilft. Miles prallt mit seinem Auto gegen einen Hügel. Bumm! Die Explosion rummst durch mein Schlafzimmer. Kurz wähne ich mich auf der Teststrecke.

«Okay», denke ich mir, «nicht schlecht.»

Grössenvergleich mit Game Controller. Du siehst: Allzu gross ist die Sonos Ray nicht.
Grössenvergleich mit Game Controller. Du siehst: Allzu gross ist die Sonos Ray nicht.

Herausragend ist aber anders. Ich kenne diese Szene. Habe sie schon zig-Mal auf einer Sonos Arc oder vergleichbaren Soundbars gehört. Was mir bei der Ray fehlt, ist die räumliche Ortung der Audio-Objekte im Bild. Zum Beispiel: Gleich am Anfang des Clips, wenn der dröhnende Motor von Miles Ford GT von links nach rechts durchs Bild schwankt, schwankt bei der Arc der Ton genauso von links nach rechts. Nicht bei der Ray. Der Sound kommt mittig aus der Box. Die Ray klingt sogar etwas weniger breit als die Beam. Da merke ich der Beam an, dass sie einen Treiber und ein paar passive Strahler mehr hat als die Ray. Mit der Arc brauchen wir sie gar nicht erst zu vergleichen.

Aber: Das sind eben diese Abstriche, die den Preisunterschied rechtfertigen. Es wäre unfair von mir, ein Audio-Wunder zu erwarten. Und es wäre schlecht für Sonos, wenn ich die 700 Franken Preisunterschied zwischen dem Einsteiger- und dem Flaggschiff-Modell nicht hören würde.

Musikhören mit der Ray ist: Oh, richtig gut!

Höhere Ansprüche stelle ich an die Musikwiedergabe. Schliesslich machte sich Sonos in erster Linie als eines der besten Multiroom-Systeme einen Namen. Sprich: Auch wenn du Sonos-Soundbars primär zum TV-Gucken verwendest, sind sie genauso gut als Lautsprecher zur Wiedergabe von Musik in deiner ganzen Wohnung nutzbar. Da erwarte ich von der Ray, dass sie die Sonos One, die mit 209 Franken etwas weniger kostet, übertrumpft.

Spoiler: Die Ray übertrumpft die Sonos One.

Ich fange mit Bob Marley an. Der Legende. Niemand hat den Reggae einem weltweiten Publikum so nahe gebracht wie er. Auch, weil seine Plattenfirma stets auf Hi-Fi-Sound-Qualität pochte, um das traditionell eher raue Genre den Massen leichter zugänglich zu machen. «Turn Your Lights Down Low» ist ein perfektes Beispiel dafür. Hör mal:

Achte auf die wunderbar räumliche Aufnahme. Jedes Instrument auf der Klangbühne hat seinen Platz. Seinen Raum. Das Schlagzeug. Die akustische Gitarre im Hintergrund. Der Bass. Die Keys. Marleys Stimme… Die Ray beschreibt all das ohne Probleme, auf gewohnt hohem Sonos-Niveau. Schlechte Lautsprecher können das nicht. Für mich ist das ein Qualitätsmerkmal Sonos’.

Das bestätigt auch das nächste Stück. «Another Day of Sun» aus dem Film «La La Land». Jazz in Perfektion: Der Kontrabass brummt gemütlich vor sich hin, ein Klavier spielt mit den Harmonien, das Schlagzeug trommelt und wirbelt im Hintergrund während Trompeten die eingehende Melodie zelebrieren. Dann Minute 0:08: Da ist das erste von zahlreichen «Hmpf»-Punches, die ich hören will. Die Nylon-Besen in den Hochfrequenzen streicheln die Trommeln. Die Stimme der Sängerin hebt sich klar vom Rest der Musik ab. Herrlich.

Zum Schluss dann noch die volle Dröhnung: «B.Y.O.B.» von System of A Down. Der Song eignet sich vor allem deshalb zum Testen, weil er zahlreiche Passagen hat, in denen er von «sehr laut» auf «sehr leise» wechselt. Eine Herausforderung für die meisten Lautsprecher. Die Ray hat das aber gut im Griff.

Zuerst: Die E-Gitarre. Alleine. Hat fast schon was Bedächtiges. Dann: «You!» Die ganze Band setzt ein. Die Ray lässt Co-Sänger Daron Malakian aus voller Lunge seinen Unmut gegenüber der Welt rausposaunen. Dann kommt Lead-Sänger Serj Tankian dazu. Das Schlagzeug hämmert darauf rein. Der Bass auch. Die Kommode bebt. Ich headbange.

Und plötzlich, bei Minute 0:52: Ruhe. Serj und die restliche Band besingen die Ignoranz der Gesellschaft. Die Töne werden leiser. Die Ray nimmt sich zurück und beweist damit eine gute Balance. Sehr gut.

Fazit: Wer mal Sonos «ausprobieren» will

Zum Schluss versuche ich’s umgekehrt. Für wen ist die Sonos? Für die, die zum ersten Mal mit der Marke in Berührung kommen wollen, sich aber bisher von den hohen Preisen einer Arc oder Beam haben abschrecken lassen. Der Plan von Sonos könnte aufgehen. Hast du nämlich einmal die Ray – zum Beispiel als kompakte Soundbar für den Fernseher im Schlafzimmer –, dann wirst du dir vermutlich schon bald zwei Sonos-One-Lautsprecher für echten Surround-Sound kaufen. Von da bis zu den nächsten Sonos-One-Lautsprechern, um ein Multiroom-System für die Musikwiedergabe in deiner Wohnung zu bekommen, ist es nicht mehr weit. Bald schon willst du dir einen richtigen Subwoofer gönnen, glaub mir. Und wenn du schon dabei bist, wieso nicht gleich die Soundbar auf eine Arc upgraden und die Ray dafür in ein anderes Zimmer tun – als Lautsprecher?

Und so weiter, und so fort.

Du siehst: Es geht darum, Widerstände zu brechen. Die 500-Franken-Mauer zu unterbieten, damit du endlich auch zur Sonos-Family stösst, falls du nicht schon dazugehörst. Das ist der Plan mit der Sonos Ray. Das ist umso verlockender, weil Sonos seit jeher auf Modularität setzt: Du brauchst nicht 2000 Franken auf einmal auszugeben, um alles sofort zu haben. Sonos funktioniert auch so. Du kannst dich Stück für Stück, oder eben Lautsprecher für Lautsprecher, heranwagen. Bis du irgendwann in jedem Raum mindestens ein Sonos-Produkt stehen hast.

Wie gesagt, die günstige Soundbar als Einstiegsdroge. Cleveres Marketing.

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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