Skullcandy Crusher ANC, ein Vibrator für die Ohren

David Lee
Zürich, am 26.03.2020
Der Skullcandy Crusher ANC ist kein Sex-Toy – aber auch kein normaler Kopfhörer. Beim ersten Mal sind wir jedenfalls alle ziemlich überrascht. Ich habe danach getestet, was der Kopfhörer ausser Ohrenmassage sonst noch kann.

Mit der App des Skullcandy Crusher kannst du dein individuelles Klangprofil erstellen, basierend darauf, wie gut du auf beiden Ohren hörst. Dieses Profil, so wurde meinem Kollegen Luca Fontana an der IFA gesagt, habe eine solche Wirkung, dass wir uns beim ersten Mal hören unbedingt filmen müssten. Man würde unseren Gesichtern und unserer Reaktion ansehen, wie toll das sei.

Das wollten wir natürlich ausprobieren. Niemand von uns wusste, was ihn oder sie erwartet. Wir informierten uns absichtlich nicht über das Produkt, um eine spontane Reaktion filmen zu können.

Crusher ANC (Over-Ear, Fearless Black, ANC)
Kopfhörer
288.–
Skullcandy Crusher ANC (Over-Ear, Fearless Black, ANC)

Tatsächlich sind die Reaktionen bemerkenswert. Aber nicht wegen des Soundprofils, sondern wegen der Bass-Vibration – der zweiten Besonderheit dieses Kopfhörers.

Diese Vibration haut dich um. Das ist kein Kopfhörer, das ist ein Kopffühler. Während des Videodrehs fielen Ausdrücke wie «Skullcrusher» oder «Schädel-Hirn-Trauma».

Hinweis: Das Video haben wir noch gedreht, bevor «Social Distancing» zur allgemeinen Verhaltensregel wurde. Also reg dich bitte nicht drüber auf, dass wir so nahe beisammen sitzen.

Als normaler Kopfhörer betrachtet

Auf den ersten Blick ist der Skullcandy Crusher ANC ein ganz normaler Over-Ear-Kopfhörer mit Bluetooth und aktivem Noise Cancelling. Einklappbare und höhenverstellbare Ohrmuscheln, Tasten zur Steuerung der Wiedergabe, Anschlüsse für USB-C und Kopfhörerkabel – wie man es halt so kennt.

Links: Vibrationsregler und Ein/Aus/Pairing. Rechts: nächstes Stück, Play/Pause, vorheriges Stück.
Links: Vibrationsregler und Ein/Aus/Pairing. Rechts: nächstes Stück, Play/Pause, vorheriges Stück.

Die Bedienung ist funktional und brauchbar, die Tasten lassen sich sehr gut erfühlen. Skullcandy bietet aber kein automatisches Ein- und Ausschalten und auch kein automatisches Pausieren, wenn du den Kopfhörer abnimmst.

Der Kopfhörer ist sehr bequem. Am Bügel befindet sich ein weiches Polster mit einer kleinen Einbuchtung in der Mitte, wo mich viele Kopfhörer bei längerem Tragen zu schmerzen anfangen.

Skullcandy gibt eine Akkulaufzeit von bis zu 24 Stunden an. Mein Eindruck ist, dass der Akku fast nicht leerzukriegen ist. Natürlich sind 24 Stunden sowieso mehr als genug. Aber je seltener ein Gerät aufgeladen werden muss, desto länger bleibt der Akku leistungsfähig. Falls der Akku doch mal im dümmsten Moment leer ist, kann er innert zehn Minuten so weit geladen werden, dass er für drei Stunden hält.

ANC und Mikrofone

Wie effektiv das Noise Cancelling arbeitet, ist für mich schwer zu beurteilen. Labormessungen wie bei der Firma Rocket Science liegen nicht drin, und da ich aufgrund der Corona-Pandemie den ganzen Tag im stillen Kämmerlein sitze, fehlen auch die üblichen Alltagserfahrungen.

Was ich aber sicher weiss: Das Noise Cancelling rauscht bei diesem Gerät extrem. Ganz ohne Rauschen kommt kein Kopfhörer mit ANC aus, aber meist ist es so leise, dass du es nur in absoluter Stille hörst. Beim Skullcandy Crusher ANC höre ich das Rauschen sogar, während Musik läuft, besonders natürlich bei Stücken mit ruhigeren Passagen. Es ist eindeutig zu laut.

Der Kopfhörer raucht selbst dann noch, wenn das Noise Cancelling ausgeschaltet ist. Wenn auch weniger stark. Die Stärke des Noise Cancellings lässt sich nicht anpassen.

Mit Hilfe von eingebauten Mikrofonen liefert der Kopfhörer neben dem Noise Cancelling auch einen Ambient Mode, der die Umgebungsgeräusche durchlässt – also aufzeichnet und in ohne Zeitverzögerung wiedergibt. Zwischen den beiden Modi wechselst du ganz einfach, indem du die Hand an die linke Ohrmuschel hältst. Das dauert jedoch etwa fünf Sekunden. Wenn du merkst, dass jemand mit dir redet, nimmst du deshalb doch lieber schnell den Kopfhörer ab.

Beim Ambient Mode kann es zu einer Rückkopplung kommen, wenn ich den Finger aufs Mikrofon halte. Im Video ergibt das nur einen harmlosen Brummton. Beim ersten Mal ist es aber zu einem Pfeifen gekommen, was den Ohren gar nicht gut tut.

Das Soundprofil haut mich nicht vom Hocker

Im Unterschied zum Kopfhörer Nuraphone wird hier das Soundprofil nicht automatisch ermittelt, sondern aufgrund eines Hörtests: Es werden für jedes Ohr einzeln unterschiedlich laute und hohe Töne abgespielt, und der User muss angeben, ob er sie hört oder nicht.

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Mit dem individuellen Soundprofil klingt der Kopfhörer deutlich anders als ohne. Offenbar höre ich auf dem rechten Ohr generell etwas besser als auf dem linken. Das Soundprofil gleicht dies aus, was zu einer veränderten Links-Rechts-Verteilung der verschiedenen Instrumente führt. Ob das nur anders oder besser ist, kann ich nicht definitiv sagen. Manchmal gefällt es mir besser, manchmal weniger gut. Auf jeden Fall ist dieses Soundprofil nicht der versprochene Burner.

Bei mir ist zudem der Bass lauter als ohne Profil. Dadurch werden manche basslastige Stücke zu einem Brei. Der andere Nebeneffekt davon: Die Bassvibration wird noch krasser.

Es ist möglich, den Hörtest zu wiederholen und mehrere Profile anzulegen. Du kannst den Kopfhörer auch ohne App nutzen (etwa an einem Laptop), wenn du auf die Soundprofile verzichtest.

Der Klang: Gut, aber nicht unerreicht

Die Klangcharakteristik des Crusher – ohne Profil und Vibration – ist ziemlich gewöhnlich. Bässe und Höhen sind recht stark betont, die Mitten bleiben aber trotzdem präsent. Mit anderen Worten, der Sound ist völlig in Ordnung. Aber nicht der beste aller Zeiten. Die Top-Modelle von Sony, Sennheiser und Bose haben mich mehr überzeugt. Und das, obwohl der Skullcandy Crusher ANC AptX HD beherrscht – im Gegensatz zu den Bose Headphones 700.

Der Kopfhörer unterstützt auch den Codec AAC. Der ist zum Beispiel wichtig fürs iPhone, das mit AAC sendet, aber nichts mit AptX anfangen kann. Auch auf meinem Huawei-Smartphone greife ich auf AAC zurück, da es mit AptX HD häufig zu Aussetzern kommt. Ob dies der Fehler des Phones oder des Kopfhörers ist, kann ich nicht sagen.

Mit einem gewöhnlichen 3,5mm-Verbindungskabel kannst du den Kopfhörer auch ganz altmodisch nutzen. Die Lautstärke ist dabei an einem Smartphone völlig ausreichend, die Soundqualität stimmt ebenfalls. Ein entsprechendes Kabel gehört zum Lieferumfang.

Einen Satz heisse Ohren

Nun aber endlich zu dem, was diesen Kopfhörer so speziell macht. An der linken Ohrmuschel befindet sich ein Schiebregler, mit dem die Bass-Vibration eingestellt werden kann. Von Null bis Erdbeben. Auf der höchsten Stufe ist das absolut crazy. Die Vibration vermag den Kopfhörer zu bewegen, wenn dieser auf dem Tisch liegt.

Wie du den Reaktionen im Titelvideo ansiehst, finden das manche Leute geil und andere verstörend. Ich war im ersten Moment einfach nur überrascht. Einig sind wir uns, dass die Wirkung auf der höchsten Stufe sehr extrem ist. Bei gewissen Stücken vibriert es so krass, dass an normales Musikhören nicht zu denken ist. Aber du kannst natürlich den Regler zurücknehmen.

Eine Vibration, die sich auf den Bereich an den Ohren konzentriert, ist natürlich nicht dasselbe wie die körperliche Erfahrung an einem Konzert oder in einem lauten Club, wo der Bass am ganzen Körper zu spüren ist. Aber es kommt der Sache näher als «normales» Musikhören.

Die Vibrationsstärke ist je nach Musikstück sehr unterschiedlich. Leider treten die stärksten Vibrationen nicht unbedingt dort auf, wo du es erwarten würdest und wo es am besten passt. Singer-Songwriter-Stücke oder sehr ruhigerJazz mit Kontrabass vibriert teilweise mehr als harte und laute Musik. Der Crusher ist halt nicht so intelligent, dass er den Charakter eines Stücks erkennt. Er reagiert einfach auf bestimmte Frequenzen und Amplituden.

Das Stück «Thaw» von Black Sea Dahu vibriert rekordverdächtig. Das ist bei dieser Art von Musik unpassend.

Auch das Umgekehrte kommt vor: Eat The Rich von Aerosmith vibriert überraschenderweise fast gar nicht.

Bei Hip Hop und Reggae funktioniert es meist wie gewünscht. Auch auf EDM ist Verlass. Wenn du da die volle Dröhnung willst , bekommst du sie auch. Da könnte ich irgendwas als Beispiel nehmen. Ich nehm aber nicht irgendwas. Sondern Rizzoknor.

Vibration einzigartig, der Rest nicht

Das Bemerkenswerte an diesem Gerät sind nicht die individuellen Soundprofile, sondern die Bass-Vibration. So etwas hat meines Wissens kein anderer Kopfhörer. Wenn das also für dich ein Kaufgrund ist, gibt es schlicht keine Alternative.

Der Sound ist gut, wenn auch nicht spitzenmässig, die individuellen Profile können ihn noch etwas verbessern. Der Kopfhörer ist bequem und leicht zu bedienen. Das Rauschen des Noise Cancelling ist eindeutig zu laut und bei leisen Stücken deutlich zu hören. Aber wenn du nur auf Vibrations-Wumms aus bist, spielt das womöglich gar keine Rolle.

Falls dir die Vibration nicht wichtig ist, gibt es aber bessere Over-Ear-Kopfhörer zu einem vergleichbaren Preis. Der Sony WH-1000MX3 etwa liefert dir ein extrem gutes Noise Cancelling ohne Rauschen, mehr Features in der App und nach meinem Eindruck auch eine etwas bessere Soundqualität.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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