

«Pokémon Pokopia» ist ein gefährlich guter Zeitfresser
Gelobet sei Arceus. Nach zahlreichen Totalausfällen schenken uns die Pokémon-Götter endlich wieder ein richtig gutes Spiel. «Pokémon Pokopia» ist eine cozy Life-Sim, die mich begeistert, überrascht – und mir den Schlaf raubt.
Ich bin müde. Wieder mal habe ich nur wenige Stunden gepennt. Der doppelte Espresso hilft nicht mehr. Schuld am Schlafentzug ist ein zweiter Job, den ich neben meiner Tätigkeit als Games-Redakteur ausübe. Er heisst «Pokémon Pokopia».
Jeden Abend startet mein zweiter Arbeitstag in der Welt der süssen Taschenmonster. Ich konstruiere Häuser, lerne neue Pokémon-Freunde kennen und erkunde eine rätselhafte Landschaft voller Geheimnisse.
Ehe ich mich versehe, ist es mitten in der Nacht. Widerwillig lege ich den Controller nieder. Dabei gäbe es noch so viel zu tun. Glumanda wünscht sich ein neues Bett. Ich muss Ressourcen für den Bau eines Brunnens sammeln. Und um meine Fossiliensammlung sollte ich mich auch noch kümmern.
Vielleicht lege ich morgen eine Frühschicht ein. Die Arbeit erledigt sich schliesslich nicht von allein.
Um was geht es bei «Pokémon Pokopia»?
Unglaublich, aber: «Pokémon Pokopia» punktet mit einer packenden Hintergrundgeschichte. Die Story finde ich spannender als alles, was die Mainline-Games in letzter Zeit zu bieten hatten. Hinter der fröhlichen Cozy-Game-Fassade verbirgt sich ein erstaunlich düsterer und mysteriöser Kern.
In «Pokopia» übernehme ich die Rolle eines gestaltwandelnden Dittos, das in einer postapokalyptischen Welt aufwacht. Mit Ausnahme eines als Professor verkleideten Tangoloss gibt es in dieser trostlosen Wüstenlandschaft keine Pokémon mehr. Die Menschen sind auch alle spurlos verschwunden.

Ditto kann sich nicht erinnern, was vorgefallen ist. Alles, was bleibt, sind nostalgische Fetzen aus der Vergangenheit mit seinem menschlichen Trainer. Er vermisst seinen Menschen so sehr, dass er sein Aussehen annimmt.
Getrieben von der Sehnsucht nach der Vergangenheit, beschliessen Ditto und Tangoloss zu handeln. Sie wollen die Überreste der desolaten Spielwelt wieder aufbauen – in der Hoffnung, dass Pokémon und Menschen zurückkehren. Dabei decken sie allmählich die Wahrheit hinter dem apokalyptischen Desaster auf.
Pokémon und Ressourcen sammeln
Spielerisch ist «Pokémon Pokopia» eine Mixtur aus «Animal Crossing», «Minecraft» und «Dragon Quest Builders». Das Endergebnis dieser spannenden Genre-Mischung ist jedoch weit mehr als die Summe seiner Teile.
Um die Spielwelt auf Vordermann zu bringen, locke ich zunächst Pokémon an, indem ich Habitate für sie baue. Das Pflanzen-Pokémon Knofensa erscheint etwa, wenn ich eine saftig grüne Grasfläche anpflanze. Das wuchtige Georok kommt vorbei, wenn ich ihm einen moosbewachsenen Felsen vorbereite.

Manche Pokémon bringen mir Attacken bei. Diese nutze ich nicht fürs Kämpfen, sondern um die Umgebung zu transformieren. Schiggys «Aquaknarre» verwende ich, um ausgetrockneter Vegetation neues Leben einzuhauchen. Bisasams «Blätterranken» ist nützlich, um Gras anzupflanzen. Und mit Nockchans «Zertrümmerer» zerschlage ich Felsen und forme die Spielumgebung so, wie sie mir gefällt.
Anfangs zaubere ich Habitate mühelos mit meinen Attacken hin. Die seltenen Pokémon im späteren Spielverlauf haben jedoch luxuriösere Wohnvorstellungen. Das Vogel-Pokémon Plaudagei braucht eine Sitzstange und ein Standmikrofon, damit es Zwitscherkonzerte veranstalten kann. Was für eine Diva. Der Muskelprotz Meistagrif möchte neben einem Wärmekraftgenerator mit Eisengerüsten leben. Weirdo.

Um Items für diese exotischen Habitate herzustellen, benötige ich Ressourcen. Ebenso, wenn ich Gebäude baue oder prunkvolle Monumente wie Brunnen errichte. Ressourcen muss ich manuell mit meinen Attacken in der Spielwelt abbauen. Einige davon, wie Eisenstücke oder Lehm, kann ich erst verwenden, nachdem ich sie in einem Ofen zu Eisenbarren oder Ziegelsteinen weiterverarbeitet habe.
Ich sag’s ja: Mein Zweitjob ist harte Arbeit.

Süchtig machender Spielfluss
Im Gegensatz zu «Animal Crossing» setze ich mich bei «Pokémon Pokopia» nicht an einem einzigen Heimatort nieder. Das Ziel ist es jeweils, ein Spielgebiet möglichst gut zu restaurieren. Gelingt mir dies, ziehe ich in ein neues Areal und fange dort wieder von vorn an.
Der zentrale Indikator für den Stand meines Wiederaufbauprojektes sind die sogenannten «Umgebungslevel». Erreiche ich in einem Gebiet ein bestimmtes Level, gilt der Wiederaufbau als geglückt. Um aufzusteigen, muss ich sicherstellen, dass sich die zurückgekehrten Pokémon wohlfühlen.

Quelle: Nintendo / The Pokémon Company
Um die kleinen Viecher zufriedenzustellen, erledige ich Quests – oder, wie das Spiel sie nennt: «Wünsche». Kleinere Wünsche sind ruckzuck erledigt. Voltilamm will einen Apfel, Karpador wünscht sich ein Bett. Easy-peasy. Grössere Wünsche – aka Hauptmissionen – arten oft in komplexen, mehrstufigen Aufgaben aus. Ich muss riesige Häuser bauen, die Infrastruktur erweitern oder ein moosbedecktes Relaxo in einer dunklen Höhle aufwecken.

Quelle: Nintendo / The Pokémon Company
Viele dieser umfangreicheren Missionen ziehen sich über mehrere Tage hin – weil Bauprojekte sowie das Verarbeiten von Ressourcen zu Materialien Zeit benötigen.
So kann es sein, dass ich einige Stunden warten muss, bis in Auftrag gegebene Betonklötze einsatzbereit sind. Oder, dass ich ein Bauprojekt starte, das erst am nächsten Tag fertig wird.

Langweilig wird mir trotz dieser Wartezeiten nie. Im Gegenteil. Sie verstärken meine Vorfreude. Und meine To-do-Liste eskaliert ohnehin ins Unendliche.
Ich mache mich auf den Weg, um Eisen für die Herstellung eines Items abzubauen. Unterwegs werde ich von drei Pokémon angequatscht, die einen Wunsch haben (ist ja gut, Mauzi – du bekommst deine Tischlampe). Dann entdecke ich zufällig ein neues Habitat und verliere mich in einer geheimnisvollen Höhle. Und plötzlich benachrichtigt mich das Game, dass ein Bauprojekt von gestern endlich fertig ist. Ich fühle mich wie der Hund aus «Up», der ständig von Eichhörnchen abgelenkt wird und vergisst, was er eigentlich tun wollte.
Es ist dieser süchtig machende Spielfluss, der mich an den Switch-2-Controller fesselt und nicht schlafen lässt. Das Gefühl des stetigen Fortschritts, das mich laufend mit kleineren und grösseren Dopamin-Kicks versorgt. «Nur noch schnell eine Mission» erledigen ist nicht möglich, wenn ich währenddessen von zehn weiteren spannenden Möglichkeiten abgelenkt werde.

So viele Spielinhalte, so viel Liebe zum Detail
In der Singleplayer-Kampagne werde ich schrittweise an die vielfältigen Spielmechaniken und Gestaltungsmöglichkeiten herangeführt. Jede Stadt bringt ein neues Konzept ins Spiel und zeigt mir, was sich damit anstellen lässt.
Ich lerne, wie ich Transportmittel konstruiere und Bauhelfer rekrutiere, wie ich Gemüse ernte und koche, wie ich Strom erzeuge und mit elektrischen Geräten verbinde, wie ich Partys schmeisse und Pokémon einlade. Immer, wenn ich das Gefühl habe, langsam einen Überblick zu haben, werde ich mit neuen, spannenden Optionen konfrontiert.
Auch die Anzahl an sammelbaren und herstellbaren Items macht mich sprachlos. Es gibt so viele coole Gegenstände, mit denen ich mein Zuhause und die Städte dekorieren kann. Einige davon erfüllen sogar praktische Automatisierungsfunktionen oder lassen mich verrückte Sachen machen. Etwa das Wetter ändern.

Zu einem guten cozy Game gehören auch quirlige Charaktere. «Pokémon Pokopia» bietet viele süsse Taschenmonster, in die ich mich sofort verliebe.
Jedes Pokémon hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen Träume und Vorlieben. Freunde ich mich mit einem Viech an, werde ich mit Liebe und Geschenken überschüttet. Mit manchen Kumpels spiele ich sogar Minigames. Die Dialoge sind hervorragend geschrieben – völlig überzeichnet, lustig und mit viel Liebe zum Detail. Mein Favorit: das verstreute Schiggy, das beim Reden schwitzt und sich vor Aufregung immer verhaspelt. Herzallerliebst.
Mit ihrer übertriebenen Positivität kreieren die Viecher zudem verdammt lustige Momente. Digda weigert sich, in ein Haus einzuziehen, weil zu wenige Möbelstücke drin sind. Weil ich nichts Passendes im Inventar habe, stelle ich eine Mülltonne in die Wohnung. Und plötzlich strahlt das Boden-Pokémon vor Freude: «Wow, so gemütlich hier. Vielen Dank.»

Quelle: Nintendo / The Pokémon Company
Auf ins Abenteuer
Abgesehen von den gelungenen Life-Sim-Aspekten überzeugt «Pokémon Pokopia» auch als Adventure-Spiel. Kennst du dieses Gefühl des unbändigen Entdeckerdrangs, das man in gut gestalteten Open-World-Spielen spürt? Genau das vermittelt mir auch «Pokémon Pokopia». Etwas, was ich von der lieblosen Spielwelt von «Karmesin & Purpur» nie behaupten konnte.
Es gibt so viel zu entdecken. Was ist das für ein Schiff am Horizont? Wohin führen mich die Schienen, die tief in den dunklen Stollen verschwinden? Was leuchtet da im Boden? Und ... habe ich da gerade ein fucking legendäres Pokémon vorbeifliegen sehen?!

Das Game belohnt meine Neugier mit seltenen Items, Ressourcen oder Hinweisen darauf, was in dieser verlassenen Welt schiefgelaufen ist. Auf meiner Reise durch postapokalyptische Regionen entdecke ich Notizen von Wissenschaftlern, Zeitungsausschnitte und Überbleibsel alter Fotos, die ein düsteres Bild zeichnen.
Bei manchen Entdeckungen fällt mir als langjährigem Fan die Kinnlade runter. In mir regt sich eine kindliche Freude, die ich bei dieser Spielreihe schon lange nicht mehr empfunden habe.

Quelle: Nintendo / The Pokémon Company
Multiplayer mit Einschränkungen
Bis zum Ende der Story brauche ich etwas mehr als 40 Stunden. Schluss ist aber noch lange nicht. Im Gegenteil.
Auf mich wartet ein zusätzliches, weitläufiges Inselgebiet: Neulandia. Im Gegensatz zu den Städten, die ich während der Hauptmissionen restauriere, fange ich hier komplett bei Null an. Es gibt keine Ruinen, keine vorgefertigte Infrastruktur, nichts. Hier kann ich mich austoben und meiner Kreativität freien Lauf lassen.
Wahlweise baue ich das leere Gebiet mit Freunden auf, lokal oder online. Die Einladungen gestalten sich mit einem merkwürdigen Passwort-System als umständlich. Ich kann auch jemanden via Game Share einladen. Die zweite Person muss das Spiel nicht besitzen und kann sogar mit einer Switch 1 mitzocken. Dieser Modus ist jedoch stark limitiert. Im Test kann meine Mitspielerin keine Items basteln, keine Bausätze für Häuser legen und keine Gebäude betreten.
Schade ist auch, dass sich zwei Accounts auf einer Switch 2 nicht dieselbe Spielwelt teilen können, so wie dies etwa bei «Animal Crossing: New Horizons» möglich war. Freunde mit eigener Konsole und eigenem Spiel lassen sich aber in Städte einladen, die ich im Singleplayer restauriert habe (ebenfalls mit relativ umständlichem Passwort-Gedöns). Schlau: Um meine Kreationen zu schützen, können die Gäste keine Attacken einsetzen und nichts stehlen.

Für Multiplayer ohne Einschränkungen eröffne ich eine dedizierte Online-Insel. Dort lade ich bis zu drei Freunde ein, mit denen ich online oder lokal gemeinsam eine ebenfalls leere Spielwelt aufbaue. Der Unterschied zu Neulandia: Die Online-Insel bleibt bestehen, auch wenn ich offline bin. Das heisst, meine Freunde können in meiner Abwesenheit munter weiterbauen.
In der Testphase habe ich nur begrenzt Zugang zu diesem Mehrspielermodus. Was ich sehe, stimmt mich jedoch zuversichtlich. Mit Mitspielern mache ich viel schneller Fortschritte. Wenn alle Ressourcen sammeln, Habitate bauen und Bauprojekte starten, ist das cozy Spieltempo viel höher. Hier werde ich noch unzählige Spielstunden verbraten.

Unspektakuläre, aber solide Optik
Optisch bin ich von «Pokémon Pokopia» zunächst enttäuscht – die Grafik wirkt mit der kantigen Umgebung und den simplen Charaktermodellen karg und leblos.
Mit zunehmender Spieldauer ändert sich mein Eindruck. Je mehr Häuser, Dekorationen und Pokémon ich freischalte, desto belebter sieht die Welt aus. Ich mag es, das chaotische Treiben der kleinen Viecher zu beobachten – vor allem vor einer Kulisse, die ich selbst erschaffen habe.

Quelle: Nintendo / The Pokémon Company
Besonders beeindrucken mich die ausgefalleneren Spielgebiete. Glühende Lavaströme in Vulkangebieten erzeugen eine bedrohliche Atmosphäre. Die traumhaft schönen Strände überzeugen durch satte Farben und hohe Kontraste. Und spätere Areale wie Glitzerwolkia entfalten mit schwebenden Inseln und bizarrer Schrott-Dekoration eine geradezu surreale Ästhetik. Ich gewöhne mich an den Stil. Mir ist eine solche simple, aber konsequent durchgezogene Grafik tausendmal lieber als die technischen Katastrophen, die wir zuletzt in den ultrahässlichen Mainline-Spielen ertragen mussten.
Besonderes Lob verdient der Soundtrack. Die Lieder passen perfekt zu den cozy Vibes und zaubern mir als langjährigem Fan ein Grinsen ins Gesicht. Ich höre Remixes vergangener Ohrwürmer, die sich je nach Tageszeit schneller oder chilliger anhören.
Die Kirsche auf der Audio-Torte sind zahlreiche CDs, die ich auf meinen Entdeckungstouren finde. Auf diesen sind die Original Chiptune-Melodien der Game-Boy-Spiele drauf. Ich könnte heulen vor Freude. Ich habe den besten Nebenjob der Welt.
Fazit
Ein süchtig machender Liebesbrief an das «Pokémon»-Franchise
«Pokémon Pokopia» hat meine zuletzt stark strapazierte Liebe zum Franchise neu entfacht. Die cozy Life Sim überzeugt durch ein ungewöhnliches Setting mit Spielwelten voller Geheimnisse. Ich liebe es, die verlassenen Städteruinen wieder aufzubauen, neue Pokémon anzulocken und für ihr Wohlbefinden zu sorgen.
Die süchtig machenden Spielmechaniken sind erstaunlich komplex und erlauben mir, das Spiel nach meinen Vorlieben zu gestalten. Egal, ob ich neue Häuser baue, dekorative Items bastle oder mit Pokémon-Freunden auf Entdeckungstour gehe – das Game überzeugt spielerisch auf allen Ebenen. In der Spielwelt und den Charakteren steckt so viel Liebe zum Detail, dass ich beim Spielen immer wieder nostalgische Tränen verdrücke.
Kurzum: «Pokémon Pokopia» ist endlich wieder ein richtig gutes «Pokémon»-Spiel – und besser als alles, was die Mainline-Reihe im vergangenen Jahrzehnt hervorgebracht hat.
Pro
- überraschend interessante Hintergrundgeschichte
- detailverliebte Spielwelt und Charaktere
- komplexe Gameplay-Systeme
- viel Freiheit in der Spielgestaltung
Contra
- Multiplayer mit einigen Einschränkungen

Meine Liebe zu Videospielen wurde im zarten Alter von fünf Jahren mit dem ersten Gameboy geweckt und ist im Laufe der Jahre sprunghaft gewachsen.
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