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Piano Goes Guitar Hero: Mit Gaming-Methoden zum Virtuosen?

Yamaha behauptet, dass jeder in zehn Minuten lernen kann, Klavier zu spielen. Team IFA lässt das nicht unversucht.

Musik machen ist etwas Wunderschönes. Da tippt jemand auf Tasten herum oder zupft an Saiten und Klang erfüllt einen Raum. Dieser verbindet Menschen und gemeinsam teilen sie ein flüchtiges bisschen Ton, das von einem Menschen geschaffen wird. Musik aus Boxen kann da nicht mithalten, denn egal wie gut Bob Dylan oder Michael Jackson sein mögen, es gibt nichts über das Intime einer Gitarre am See oder eines Klaviers.

Das wohl beste Beispiel dafür ist eine Videoaufnahme, die ich im Mai dieses Jahres am Basler Bahnhof gemacht habe. Im Rahmen einer Werbeaktion hat ein Musikhaus ein Klavier aufgestellt. Eine Frau stellt ihre Einkaufstaschen neben dem Klavier ab und beginnt zu spielen. Nachdem sie etwa zehn Minuten lang gespielt hat, gesellen sich eine Gruppe Kinder in Rollstühlen zu ihr. Ein Junge klimpert mit, während sie weiterspielt. Erst dann fällt mir auf, dass ich eine Kamera dabei habe und den Moment vielleicht festhalten möchte.

Das möchte ich auch können. Die IFA in Berlin mag zwar nicht der ideale Ort sein, um eine Karriere als Virtuose am Klavier zu beginnen, aber der Hersteller Yamaha behauptet, dass dank seiner Fusion aus Klavier und App jeder innerhalb von zehn Minuten ein Lied lernen kann. Videoproduzentin Stephanie Tresch und ich beschliessen, die Herausforderung anzunehmen und probieren das neue Yamaha CSP-170 plus passender App aus.

Jetzt sind auch Klaviere smart

Das Klavier sieht aus wie ein Klavier. Nur halt kompakter, denn die Tasten dürften so ziemlich das einzige mechanische Bauteil an der ganzen Maschine sein. Der Rest ist elektronisch. Ich setze mich hin und wähle auf dem iPad über dem Klavier ein Lied aus. «Clocks» von Coldplay.

Dies, weil das auf dem ersten Bildschirm so ziemlich das erste Lied ist, das ich tatsächlich kenne. Ein Metronom-Ticken entfährt der schwarzen Kiste vor mir und schnell wird mir klar, wie Yamaha sich das vorstellt. Kennst du Guitar Hero? Da hast du einen Controller in der Hand und auf dem Bildschirm laufen dir die Knopfkombinationen entgegen. Zum richtigen Zeitpunkt drückst du den richtigen Knopf und du bekommst Punkte.

Die CSP-Serie Yamahas funktioniert ganz ähnlich. Das Panel über den Tasten des Klaviers, das ich bisher für poliertes Holz gehalten habe, ist in Wahrheit eine Art Display, in die der Hersteller sogenannte Stream Lights verbaut hat. Diese leuchten über den Tasten auf, wenn sie gedrückt werden müssen. Rot für weisse Tasten, Blau für schwarze Tasten. Im Anfängermodus wartet das Klavier geduldig, bis du den richtigen Knopf gedrückt hast, bevor es dir den nächsten Ton anzeigt.

Die ersten Versuche sind etwas unbedarft. Ich fühle mich aber weniger wie einer, der sich an einem Klavier versucht, sondern mehr wie in einem Videospiel. Da ich natürlich keine Betriebsanleitung gelesen habe oder mich vor heute Morgen aktiv mit dem Klavierspiel auseinandergesetzt habe, wirken meine Versuche etwas unbeholfen. Ich weiss nicht, wo ich die Finger, die nicht mein rechter Zeigefinger sind, hinhalten soll. Aber ich mache Töne. Töne, die in unregelmässigen Abständen so klingen, wie das Coldplay-Lied klingen soll.

Stephanie stellt die Kamera auf.

Die Rechenkraft in der App

Die CSP-Serie ist nicht direkt neu. Stephanie stammt aus einer Musikerfamilie und erinnert sich an ihr CSP aus Kindertagen. Das Prinzip mit den Lämpchen über den Tasten ist nicht neu, sagt sie. Sie habe das damals auch schon gehabt. Aber einige Funktionen kennt sie nicht. Dass das Klavier wartet, bis der Spieler den Ton trifft, ist neu. Dass das ganze Instrument mehr einem Klavier gleicht als einem elektrischen Instrument, ist auch neu.

Derweil mache ich mir während meinem unbeholfenen Geklimper Gedanken darüber, wie das funktioniert. Ich vermute, dass das Klavier selbst recht dumm ist. Die gesamte Intelligenz wird aus dem iPad genommen, das mehr als genug Rechenleistung liefert, um eine MP3- und eine MIDI-Datei gleichzeitig zu interpretieren. Letztere Datei könnte laut Stephanie die Datei sein, die das Klavier nutzt, um die Stream Lights zu aktivieren. Ich meine, dass jeder halbwegs vernünftige Computer – Smartphones und Tablets eingeschlossen – in der Lage sein müsste, eine MP3-Datei on the fly zu abstrahieren und Stream-Lights-kompatible Datensätze zu machen.

Gegen meine Theorie und für ihre spricht, dass du jedes Lied auf dem CSP-170 und dem angeschlossenen Tablet nachspielen kannst, nachdem du eine beliebige Audiodatei aus deiner Sammlung durch die App Smart Pianist (Apple iOS und Android) ]gejagt hast. «Dort wird wahrscheinlich die MIDI-Datei generiert», sagt Stephanie.

Ein Virtuose in zehn Minuten?

Mittlerweile spiele ich mit zwei Fingern und bedeutend schneller. Aber vom Klavierspiel selbst bin ich noch meilenweit entfernt. Aber ich fühle mich gut. Ich kann das, wenn auch noch sehr schlecht. Immerhin kenne ich das System schon. Licht geht an, Knopf drücken. Meine alten Gamer-Nerven zucken wieder. Fühlt sich fast an, wie eine Combo bei Mortal Kombat. Timing abwarten, Knopf drücken. Nur halt mit wesentlich mehr Tasten.

Es dauert bedeutend mehr als zehn Minuten, bis ich die ersten paar Töne so rauskriege, wie sie klingen sollten. Sobald aber weitere Instrumente zur Komposition kommen, wird es wieder schwierig. Ich vertippe mich, aber ich weiss, dass wenn ich genug Übung bekomme, das Lied kein Problem sein wird.

Ich frage mich aber, wie sehr ich durch diese Methode tatsächlich lerne, Klavier zu spielen. Eine Tastenfolge einhalten zu können und tatsächlich Musik zu spielen, das sind zwei komplett verschiedene Dinge. Eine Sonya Belousova wird aus mir so nicht.

Ich will noch einen Anlauf wagen, noch einmal Coldplay, zum etwa fünften Mal. Doch Stephanie hat die Kamera abgestellt.

«Wir müssen weiter», sagt sie.

Gut, ich stehe auf, bedanke mich beim Herrn, der mir geduldig alles erklärt hat und hole meinen Rucksack. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Stephanie setzt sich hin, legt die Finger auf die Tasten. Coldplay.

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Dominik Bärlocher, Zürich

  • Senior Editor
Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

1 Kommentar

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User gregorvogel

Klavier spielt man nicht mit einem Finger Dominik, sondern mit Vier. Deshalb heisst es ja auch "Klavier"!

02.09.2018