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Meinung

Nein, meine Filmkritiken sind nicht objektiv

Luca Fontana
19.6.2026

Bin ich nur ein Typ mit Meinung und Tastatur? Oder steckt mehr hinter einer Filmkritik? Ein Versuch, die Daseinsberechtigung meines Berufs ehrlich zu hinterfragen.

«Warum sagt uns Luca Fontana eigentlich, ob ein Film gut und sehenswert ist, oder eben nicht?» Dieser Kommentar tauchte vor einiger Zeit in der Kommentarspalte zu meiner «Predator: Badlands»-Kritik auf, und ich habe länger darüber nachgedacht, als ich zugeben möchte.

Warum hat ein Filmkritiker wie ich eine Daseinsberechtigung? Warum sollte eine Gruppe von Menschen auf ein paar wenige hören, wenn das grosse Publikum manchmal eine komplett andere Meinung hat? Und ist eine Filmkritik am Ende nicht einfach die Meinung eines einzelnen Menschen – und damit genauso viel oder wenig wert wie die Meinung eines jeden anderen?

Ich versuche, diese Fragen ehrlich zu beantworten. Und ich warne schon mal vor: Die Antworten sind unbequem. Für euch – aber auch für mich.

Wer hört schon auf Filmkritikerinnen und -kritiker?!

Ein Beispiel, das diese Frage gerade auf die Spitze treibt: «Michael», das Biopic über Michael Jackson. Auf Rotten Tomatoes, einer Plattform, die Kritiken und Publikumsstimmen aggregiert und jeweils in eine einzige Prozentzahl destilliert, landet der Film bei 39 Prozent bei den Profis und gleichzeitig bei 97 Prozent beim Publikum.

Sprich: So gut wie zehn von zehn Abstimmenden fanden den Film gut. Aber etwas mehr als sechs von zehn Kritikerinnen und Kritikern fanden ihn schlecht. Und das, obwohl er mit über 930 Millionen Dollar weltweit nicht nur einer der erfolgreichsten Filme des Jahres ist, sondern das erfolgreichste Biopic der Kinogeschichte.

Wie passt das zusammen? Eigentlich ganz einfach: Das Publikum hat ein Konzert bewertet, die Kritik einen Film. Fans sind ins Kino gegangen, um Michael Jackson zu feiern – Moonwalk, Thriller, Billie Jean, ein Neffe, der aussieht, tanzt und klingt wie sein Onkel. Das ist ein Erlebnis, das Gänsehaut macht, und das ist vollkommen legitim. Kino soll nicht nur Kunst sein, sondern auch Emotion, Erinnerung und gemeinsame Erfahrungen.

Unbedingt.

Die Kritik hingegen hat denselben Abend mit einer anderen Frage verbracht: Ist das gutes Kino? Und da fällt «Michael» durch. Das Drehbuch zum Beispiel umschifft die Missbrauchsvorwürfe gegen Jackson komplett. Das ist kein Zufall, sondern eine kalkulierte Entscheidung, die sich das Jackson-Estate geschätzte 50 Millionen Dollar hat kosten lassen, weil die Vorwürfe erst nachträglich aus dem Film herausoperiert wurden.

Übriggeblieben ist ein Hochglanz-Porträt, das weniger Biografie ist als ziemlich teure PR. Das hat mich persönlich nicht daran gehindert, den Film dreimal (!) im Kino zu sehen, weil ich ein gigantischer Michael-Jackson-Fan bin. Aber der Kritiker in mir, der «Michael» mit Biopics wie «Ray», «Better Man» oder «Rocketman» vergleicht, kann das nicht ignorieren. Und soll es auch nicht.

Das hat dazu geführt, dass sich in diesem Fall Kritik und Publikum kaum eins sind. Nicht zum ersten und letzten Mal. Kein Wunder, dass alle aneinandergeraten.

Was es bedeutet, Filmkritiken zu schreiben

Wie gesagt: Ich schreibe selbst Kritiken – und ich kenne beide Seiten dieses Grabens aus eigener Erfahrung. Beim «Mandalorian»-Review wurde ich beschuldigt, von Disney bezahlt zu sein. Bei «Scary Movie 6» war ich angeblich zu woke, spiessig oder alt, um klar zu sehen. Und bei mehr als einem Film wurde mir attestiert, mein Geschmack sei so verlässlich schlecht, dass ich als umgekehrter Kompass tauge – einfach immer das Gegenteil von dem annehmen, was ich schreibe, und man liege garantiert richtig.

Ich bin froh, konnte ich helfen. Irgendwie.
Ich bin froh, konnte ich helfen. Irgendwie.
Quelle: Aus der Kommentarspalte in der «Scary Movie 6»-Kritik

Dabei ist eine Kritik nichts weiter als die Meinung eines einzelnen Menschen mit einem bestimmten Hintergrund, einem bestimmten Vergleichsmaterial und einer bestimmten Fragestellung. Kein Urteil, das für alle zu gelten hat. Mehr ein Angebot zur Orientierung, das man annehmen oder ablehnen kann.

Ein Beispiel: Ich sehe im Schnitt weit mehr Filme und Serien als jemand, der nur zwei- oder dreimal im Jahr ins Kino geht – und habe deshalb einen anderen Massstab dafür, was ein Drehbuch leisten kann, wie eine Szene inszeniert sein könnte und was an einer Darstellung aussergewöhnlich oder eben bloss routiniert ist. Das macht meine Meinung nicht richtiger. Aber es macht sie anders informiert. Wie ein Sommelier, der jeden Wein mit hundert anderen vergleicht: Seine Meinung ist nicht heiliger als meine, finde ich, aber sie hat schon ein anderes Gewicht.

Gleichzeitig wäre es scheinheilig, so zu tun, als wären Kritikerinnen und Kritiker fehlerlos. Pressevorführungen finden oft morgens um neun Uhr statt, neben stummen Kolleginnen und Kollegen, die ein Pokerface wahrend mitschreiben, inklusive scheppernde Kaffeebecher in der Hand – nicht die Atmosphäre, für die ein Horrorfilm oder eine Komödie gemacht sind.

Schon komisch, nur mit vier, fünf anderen Nasen in einem Kinosaal zu hocken und sich so was wie «Oppenheimer» reinzuziehen. Ein brechend voller Saal lässt den Film ganz anders wirken.
Schon komisch, nur mit vier, fünf anderen Nasen in einem Kinosaal zu hocken und sich so was wie «Oppenheimer» reinzuziehen. Ein brechend voller Saal lässt den Film ganz anders wirken.
Quelle: Luca Fontana

Dazu kommt der Zeitdruck. Eine Kritik muss raus, sobald das Embargo fällt. Aber zwischen Pressevorführung und internationaler Deadline liegen meist nur wenige Stunden. Bestenfalls. Da bleibt keine Zeit, um über einen Film zu schlafen oder ihn gar sacken zu lassen.

Ich weiss, wovon ich spreche. Ich schäme mich noch heute für mein Review zu «Dune: Part One», weil ich damals tatsächlich das Genie Denis Villeneuves in Frage gestellt hatte. Das Problem war nicht der Film. Das Problem war ich: Die Pressevorführung fand frühmorgens statt. Und nach einer Nacht, in der ich schlecht geschlafen hatte, sass ich genau 30 Minuten nach dem Abspann mit schweren Augenlidern am Schreibtisch und versuchte, innert zwei Stunden ein Epos zu erfassen und in Worte auszudrücken, das eigentlich Tage braucht, um sich zu setzen.

Wie soll das funktionieren?

Die Wahrheit ist: Ich hatte einen schlechten Tag und schrieb eine Filmkritik, auf die ich nicht stolz bin. Und es ist nicht die einzige. Immer wieder stolpere ich über alte Kritiken von mir, schüttele den Kopf und frage mich, was mich an jenem Tag geritten hat.

«Wieso dann nicht einfach ein, zwei Tage warten, bevor du eine Kritik schreibst und veröffentlichst?», höre ich dich schon fragen.

Weil ich sonst vom Internet-Algorithmus bestraft werde. Wenn mein Text nicht zur ersten Review-Welle gehört, die mit dem weltweiten Embargo-Fall online ist, verliert er spür- und messbar Reichweite. Und Reichweite ist das A und O, wenn ich und meine Zunft von Film- und Serienkritiken leben wollen.

Der eigentliche Täter

Reichweite. Algorithmen. Die Meinungsverschiedenheit zwischen Kritikerinnen, Kritikern und Publikum ist so alt wie das Kino selbst – und grundsätzlich gesund. Was sich verändert hat, ist das System, in dem diese Meinungsverschiedenheit stattfindet.

Plattformen wie Youtube, Tiktok oder Instagram belohnen keine Differenziertheit. Sie belohnen Extreme. Ein Video mit dem Titel «Star Wars ist tot!!» klickt sich besser als «Unsere ausgewogene Meinung zum neuen Star-Wars-Film». Und eine Kritik, die schreit, hält länger bei der Stange als eine, die abwägt. Der Algorithmus merkt das – und empfiehlt sie entsprechend weiter, weil sie sich besser monetarisieren lässt. So werden Content Creators – ob sie wollen oder nicht – zum Extremismus gezwungen.

Starke Meinungen, harte Urteile, klare Feindbilder. Ein krasser Cocktail.

Das Publikum reagiert entsprechend. Wer es gewohnt ist, extreme Meinungen zu konsumieren, schiesst extrem zurück. In den Kommentarspalten heizt man sich gegenseitig auf, die Gangart wird rauer, und irgendwann ist ein Ton normal, der eigentlich alles andere als normal ist. Die Anonymität des Internets tut ihr Übriges: Die hasserfülltesten Kommentare kommen ungestraft davon – und wer sie trotzdem löscht, dem wird prompt «Zensur» vorgeworfen.

Das Ergebnis: Kritiker und Publikum, die eigentlich dasselbe wollen – gute Filme, echte Meinungen und lebendige Debatten –, stehen sich gegenüber wie verfeindete Lager.

Weil ein System davon profitiert, wenn aus Meinungsverschiedenheit Empörung wird.

Auch ich gerate manchmal in dieses Hamsterrad. Ich gebe mir wirklich Mühe, keinen Clickbait zu schreiben – erst recht keinen Ragebait. Aber wenn ich ehrlich bin, gibt es Titel, bei denen auch ich nachträglich merke, dass ich schärfer formuliert habe als nötig. Das Internet übt einen leisen, konstanten Druck aus, der sich so normal anfühlt, dass ich ihn kaum noch bemerke. Am Ende stecke auch ich in demselben System, das ich gerade kritisiere.

Und jetzt?

Ich werde weiter Filmkritiken schreiben. Ich werde weiter Meinungen vertreten, die nicht allen gefallen. Und ich werde weiter Kommentare bekommen, die mir erklären, dass ich gekauft, zu woke oder schlicht als umgekehrter Kompass am nützlichsten bin.

Damit kann ich leben. Was mich mehr beschäftigt: dass immer weniger Platz bleibt für die Meinungen dazwischen. Für das «gut, aber mit Schwächen». Für das «ich verstehe, warum Fans das lieben, auch wenn es handwerklich schwach ist». Für die Kritik, die nicht schreit, sondern erklärt.

Denn mit meinen Film- und Serienkritiken will ich dir nicht vorschreiben, was du zu mögen hast. Ich möchte dir Kontext liefern, damit du selbst eine informierte Entscheidung treffen kannst, ob du den Film oder die Serie gucken willst. Im besten Fall kommst du sogar zurück und erzählst mir deine Meinung, zustimmend oder nicht.

Und dann diskutieren wir weiter.

Titelbild: KI generiert

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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