Produkttest

Mit dieser Kamera von Fujifilm drucke ich Videos

Bei der neuen Instax Mini Evo Cinema verspricht Fujifilm 15-Sekunden-Videos zum Ausdrucken. Die Realität zeigt eher eine Identitätskrise auf Fotopapier.

Fujifilm versteht es meisterhaft, Retro-Charme mit moderner Technik zu kreieren. Ich liebe meine Fujifilm X-T5 Systemkamera, bei der ich alles über analoge Drehräder steuere. Doch beim neuesten Streich, der Instax Mini Evo Cinema, hat der Hersteller den Bogen überspannt.

Design «Hui», Material «Pfui»

Optisch ist die Kamera ein Leckerbissen. Das Design ist eine Hommage an die legendäre Fujica Single 8 aus dem Jahr 1965. Mit 13 × 10 × 3 cm ist sie kompakt genug für die Jackentasche, wirkt aber durch die vielen Knöpfe und Räder technischer als ihr älteres Vorbild.

Grössenvergleich der Mini Evo Cinema mit meinem Google Pixel 10 Pro.
Grössenvergleich der Mini Evo Cinema mit meinem Google Pixel 10 Pro.

Der Schock folgt beim ersten Anfassen: Sie wiegt erschreckend wenig – leider im negativen Sinne. Trotz des Preises von über 400 Franken besteht das Gehäuse komplett aus Kunststoff. Während die meisten Instax-Modelle unter 200 Franken liegen, wirkt dieses Leichtgewicht für den doppelten Preis fast schon zerbrechlich.

Die Mini Evo Cinema ist schick, aber praktisch nur aus Kunststoff.
Die Mini Evo Cinema ist schick, aber praktisch nur aus Kunststoff.

Bevor ich zu den Ergebnissen komme, hier die Spezifikationen im Überblick:

  • Foto-Auflösung: 1920 × 2560 Pixel
  • Video-Standard: 600 × 800 Pixel (15 Sek. Clips)
  • Video-High-Res: 1080 × 1440 Pixel
  • Objektiv: 28 mm Brennweite, Blende f/1.8
  • Print-Format: 62 × 46 mm (Instax Mini Film)
  • Akku-Laufzeit: ca. 30 Min. Nutzung / 60 Min. Ladezeit

Funktionen sind zu viel des Guten

Die Kamera versucht in erster Linie, eine Videokamera zu sein, scheitert aber an der Umsetzung: Die Auflösung bringt meist unscharfe Ergebnisse und der Klang unterstreicht das Ganze. Die Videos selbst taugen so nicht dazu, sie mir jemals mit Freude wieder anschauen zu können. Hier habe ich drei Clips in ein Video geschnitten:

Will ich das Video später erneut anschauen oder weitergeben, kann ich es ausdrucken. Natürlich nicht das ganze Video, sondern ein Standbild davon, ein sogenanntes Still. Das versehe ich über das Menü der Kamera mit einem QR-Code. Anschliessend drucke ich es aus, indem ich die Kurbel an der Seite um ein Viertel drehe.

Das Video drucke ich als Still mit QR-Code aus.
Das Video drucke ich als Still mit QR-Code aus.

Als letzten Schritt lade ich das Video per Smartphone in die Fujifilm-Cloud, wo es für zwei Jahre (gratis) hinterlegt wird. Scanne ich den Code später mit dem Smartphone, wird das Video abgespielt. Dass ich für den ganzen Prozess so viele Schritte und auch das Smartphone benötige, nervt mich. Das hat wenig mit Retro-Charme gemein.

Die Bedienung stört den Spielspass generell, den ich mir ob der vielen Knöpfe erhofft hatte. Beispielsweise das Menü: Den hochauflösenden Videomodus zu aktivieren, grenzt an Rätselraten. Ich habe es deshalb bislang nicht geschafft, ihn zu nutzen. Eine weitere Geduldsprobe stellen die zehn digitalen Effekte dar: Die Unterteilung in verschiedene Jahrzehnte (1930–2020) klingt nett, doch die Ladezeiten beim Umstellen machen mich wahnsinnig.

Beim Umstellen der Effekte warte ich eine Ewigkeit.
Beim Umstellen der Effekte warte ich eine Ewigkeit.

Der digitale Zoom zerstört zudem die ohnehin grenzwertige Videoauflösung komplett. Dass ich per Kippschalter einstellen kann, ob ich Fotos oder Videos machen will, ist zudem überflüssig. Denn auch beim Videomodus kann ich über den Auslöseknopf Fotos schiessen.

Die ausgedruckten Smartphone-Bilder gefallen mir.
Die ausgedruckten Smartphone-Bilder gefallen mir.

Der einzige Lichtblick bleibt der Smartphone-Printer: Die Kamera lässt sich als mobiler Fotodrucker für Smartphone-Bilder nutzen. Das spart den Kauf eines zusätzlichen Instax-Printers und liefert qualitativ bessere Ergebnisse als die internen Video-Stills.

Nieder mit dem Retro-Charme

In der Praxis zeigt sich, dass der optische Charme der Hardware nicht auf die Resultate abfärbt. Während klassische Fotos dank der Blende von f/1.8 bei guten Lichtverhältnissen durchaus den typischen Instax-Vibe versprühen, ist alles, was aus dem Videomodus kommt, schlicht unbrauchbar.

Die Video-Stills erscheinen im Ausdruck meist unscharf und wirken verwaschen – von Detailtreue fehlt jede Spur. Hinzu kommt, dass die digitalen Effekte oft viel zu stark eingreifen. Damit das nicht passiert, muss ich beim Filmen manuell gegensteuern und die Intensität am Objektivrad herunterschrauben. Zusätzlich stört der QR-Code im Bild.

Das Ergebnis der Video-Stills: leider oft unscharf und enttäuschend.
Das Ergebnis der Video-Stills: leider oft unscharf und enttäuschend.

Gekrönt wird das frustrierende Erlebnis von der schwachen Ausdauer des Geräts: Nach nur 30 Minuten intensiver Nutzung quittiert der Akku den Dienst. Für einen entspannten Tagesausflug ist das ein absolutes K.-o.-Kriterium, zumal ich für eine vollständige Ladung über eine Stunde einplanen muss. Ein kurzes Zwischenladen an der Powerbank hilft kaum weiter, wenn ich mitten im Geschehen sein will.

Fazit

Zu viele unnütze Funktionen

Die Instax Mini Evo Cinema ist ein klassisches Beispiel für «Feature-Overkill». Die Videofunktion bleibt eine nette Spielerei, die ich nach drei Versuchen nie wieder nutze – vor allem, weil ich am Ende doch wieder am Smartphone hänge, um den QR-Code zu scannen. Und das für einen sehr schlecht auflösenden Clip.

Kaufen würde ich sie nicht. Für den Preis von über 400 Franken lassen sich die Kunststoff-Haptik und die schwache Performance des Videomodus nicht rechtfertigen.

Für coole Retro-Fotos bietet Fujifilm preiswertere und bessere Alternativen. Ohne zu viel Schnickschnack empfehle ich die Instax Mini 99. Schicke Effekte gibt es hier genauso und die Ergebnisse finde ich durchs Band schön anzusehen. Eine coole Retro-Optik bietet ausserdem die Instax Mini Evo. Die ist noch etwas handlicher.

Pro

  • schicke Retro-Fotos
  • kann auch als Smartphone-Printer genutzt werden

Contra

  • viele überflüssige Funktionen
  • Videos taugen wenig
  • Video-Stills eignen sich nicht als Ausdrucke
  • Effekte greifen zu stark ein
  • im Vergleich zu sonstigen Fuji-Instant-Kameras viel zu teuer
Fujifilm Instax Mini Evo Cinema
Sofortbildkamera
−11%
CHF372.56 statt CHF419.95

Fujifilm Instax Mini Evo Cinema

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Seit ich einen Stift halten kann, kritzel ich die Welt bunt. Dank iPad kommt auch die digitale Kunst nicht zu kurz. Daher teste ich am liebsten Tablets – für die Grafik und normale. Will ich meine Kreativität mit leichtem Gepäck ausleben, schnappe ich mir die neuesten Smartphones und knippse drauf los. 


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