Auch «Overwatch» ist ins Visier der Behörden geraten.
Auch «Overwatch» ist ins Visier der Behörden geraten.
HintergrundGaming

Kommt das Lootbox-Verbot und gilt es auch für die Schweiz?

Philipp Rüegg
Zürich, am 08.05.2018
Belgien und die Niederlande erklären Lootboxen zum Glücksspiel. «Fifa 18», «Overwatch» und «Counter-Strike: Global Offensive» werden explizit als Übeltäter genannt. Was für Auswirkungen hat das auf die Game-Branche und insbesondere auf die Schweiz?

So richtig ins Rollen gebracht, hat den Stein «Star Wars Battlefront 2». Das Lootbox-System im Herbstblockbuster hat für derart Aufruhr gesorgt, dass EA zurückrudern musste. Zu spät: Der Schaden war bereits angerichtet. Ironischerweise gehört «Battlefront 2» nicht zu den Titeln, die von der belgischen Glücksspielkommission geahndet wurden. Zum Zeitpunkt der Prüfung wurden die Microtransactions bereits wieder entfernt. Namentlich genannt wurden dagegen «Fifa 18», «Overwatch» und «Counter-Strike: Global Offensive». Die Lootboxen müssen entfernt werden, sonst droht eine Busse von bis zu 800 000 Euro und fünf Jahren Gefängnis. Kürzlich hat die Niederlande einen ähnlichen Entschluss gefasst. Dort trifft es «Fifa 18», «Dota», «PUBG» und «Rocket League». Während die Holländer eine Galgenfrist bis Juni gewähren, hat Belgien noch keinen konkreten Umsetzungstermin genannt.

EAs Antwort liess nicht lange auf sich warten. Gegenüber Eurogamer wies das Unternehmen die Vorwürfe zurück, dass die eigenen Spiele in irgendeiner Form Glückspiele sein sollen. Der belgische Justizminister Koen Geens gibt sich offen für einen Dialog, strebt aber gleichzeitig ein europaweites Verbot an. Für die Game-Hersteller könnte das verlustreiche Auswirkungen haben, die sie nicht kampflos auf sich nehmen werden. Die Leidtragenden könnten wir Gamer sein.

«Battlefront 2» hat die Diskussion angestossen, konnte den Kopf aber noch rechtzeitig aus der Schlinge ziehen.
«Battlefront 2» hat die Diskussion angestossen, konnte den Kopf aber noch rechtzeitig aus der Schlinge ziehen.

Um was geht’s konkret?

Microtransactions, DLCs und Season Passes sind bei der aktuellen Debatte nicht das Thema. Es geht ausschliesslich um Lootboxen. Also Beutekisten, die in vielen Spielen gegen In-Game-Währung oder gegen echtes Geld gekauft werden können. Sie enthalten manchmal neue Outfits, die rein optischer Natur sind und manchmal aber auch Ausrüstung oder neue Waffen, die Spielvorteile bringen. Die belgische Glücksspielkommission kritisiert die mangelnde Transparenz und das Spiel mit den Emotionen der Spieler – besonders von Kindern und Jugendlichen. Man weiss oft nicht genau, was man bei einer Lootbox erhält. In-Game-Währungen verschleiern zusätzlich den echten Wert. Das und weitere Faktoren haben zur Einstufung als Glücksspiel geführt. Die genannten Spielehersteller sind nun zum Handeln gezwungen.

Möglichkeiten der Branche

Die betroffenen Game-Hersteller gehören mit Ausnahme von Psyonix («Rocket League») zu den grössten oder aufstrebendsten der Welt. Sie haben genug Ressourcen und Anwälte, um sich dem Problem zu stellen und Schlupflöcher zu finden. Fürs erste sehe ich aber die folgenden kurz- bis mittelfristigen Lösungen.

Auch «Rocket League» macht sich dem Lootbox-System schuldig.
Auch «Rocket League» macht sich dem Lootbox-System schuldig.

Lootboxen entfernen

Die vermeintlich einfachste Lösung ist es, die Lootboxen aus den betroffenen Spielen zu entfernen – vorerst nur in den beiden Ländern. Allerdings hat «Battlefront 2» gezeigt, dass das nicht unbedingt ein simples Unterfangen ist. Teilweise sind die Lootboxen ein essenzieller Teil des Spiels und so weit ins System eingeflochten, dass man sie nicht von einem Tag auf den nächsten rausnehmen kann. Dennoch ist das wohl die kurzfristigste Lösung.

System modifizieren

EA, Valve, Blizzard und Co. könnten ihre Spielsysteme so anpassen, dass keine Lootboxen, Schlüssel etc. mehr gegen echtes Geld gekauft werden können. Natürlich müsste dann auch die Möglichkeit entfernt werden, dass gegen Geld In-Game-Währung gekauft werden kann. Oder sie sorgen für mehr Transparenz oder erlauben nur noch direkt Käufe von Gegenständen anstelle von zufälligen Beutekisten. So oder so müssten auch dabei umfangreiche Anpassungen am Spiel vorgenommen werden, um ein neues System aufzusetzen. Auch diese Lösung sehe ich als durchaus umsetzbar.

Spiel vom Markt nehmen

Die Hersteller könnten sich dazu entscheiden, ihre Spiele in den betroffenen Märkten nicht mehr zu verkaufen. Alle Spiele haben ihren Verkaufspeak längst hinter sich, daher wäre der Initialkaufsverlust minimal. Allerdings wäre ein Verkaufsstopp kein einfaches Unterfangen. Was passiert mit den bereits verkauften Spielen? Online-Dienste oder Server abschalten, damit keine Lootbox-Käufe mehr möglich wären? Für reine Online-Titel wie «Overwatch» und «Counter-Strike: GO» undenkbar. Die Hersteller würden sich damit keinen Gefallen tun, selbst wenn sie den Kunden ihr Geld zurückerstatten würden. Diese Möglichkeit sehe ich daher eher als unwahrscheinlich.

Videos, wie YouTuber Lootboxen öffnen, sind längst zum Massenphänomen geworden.

In jedem Fall ein Millionenverlust

Egal, wie man es dreht, für die Game-Branche entsteht ein riesiges finanzielles Loch. Viele Spiele werden heutzutage nur so lange bewirtschaftet und mit Inhalten gefüllt, weil nach dem Kauf des Spiels weitere Einnahmen aus DLCs, Microtransactions oder eben Lootboxen fliessen. Mit dem Spielmodus FIFA Ultimate Team verdient EA jährlich bereits über 800 Millionen Dollar. Gegen In-Game-Münzen, die verdient oder mit echtem Geld gekauft werden, können Fut Packs mit neuen Spielern und verschiedenen Boni gekauft werden.

Der belgische Justizminister Koen Geens betonte zwar, dass eine gemeinsame Lösung mit den Spieleherstellern angestrebt werde. Ob die Lootboxen deshalb überleben, bleibt ungewiss. Auch in Deutschland prüft die Jugendschutzkommision ein Verbot. Die Tragweite wird umso grösser, wenn der Beschluss auf alle EU-Staaten ausgeweitet würde. Die EU hat sich bereits im Datenschutzgesetz gegen internationale Konzerne behaupten können, da ist es durchaus denkbar, dass auch solche Bezahlsysteme dem Druck der europäischen Nationen nicht standhalten können.

«Fifa» generiert mittlerweile den grössten Teil der Einnahmen aus Lootboxen.
«Fifa» generiert mittlerweile den grössten Teil der Einnahmen aus Lootboxen.

Etwas anders sieht es in den USA aus. Dort ist der Konsumentenschutz etwas zahnloser. Nicht auszuschliessen, dass es in den nächsten Jahren darum verschiedene Lootbox-Systeme geben wird: eins für die USA und eines für Europa.

Auswirkungen auf die Schweiz

Sollte die EU Lootboxen als Glücksspiel deklarieren und die Hersteller zum Handeln zwingen, darf angenommen werden, dass die Schweiz die gleiche Behandlung erhält. Solange genug andere Länder auf der Welt das Lootbox-System beibehalten, wäre es zwar möglich, dass die Schweiz eine Ausnahme bleibt. Da wir aber ohnehin auf die übersetzten Versionen für Frankreich, Italien und Deutschland angewiesen sind, ist das eher unwahrscheinlich.

Umgekehrt ist es aber gar nicht nötig, dass wir auf die Entscheide unserer Nachbarn warten. Was sagt denn die Schweizer Rechtssetzung zu den Lootboxen? Im Bundesgesetz steht folgendes:

Art. 3 Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 18. Dezember 1998 über Glücksspiele und Spielbanken (Spielbankengesetz, SBG; SR 935.52) legt fest, dass Glücksspiele Spiele sind, bei denen gegen Leistung eines Einsatzes ein Geldgewinn oder ein anderer geldwerter Vorteil in Aussicht steht, der ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt. Die Durchführung solcher Spiele ist alleine den konzessionierten Spielbanken vorbehalten (Art. 4 Abs. 1 SBG); diese sind verpflichtet, die Vorschriften der Spielbankengesetzgebung und der Konzessionsbedingungen einzuhalten, und unterstehen der Aufsicht durch die ESBK.

Klingt in meinen Ohren exakt nach dem Lootbox-System, wie es in zahlreichen Spielen zum Einsatz kommt. Man kauft sich für echtes Geld eine Lootbox, die einen zufälligen Gewinn ausspuckt. Im Falle der Outfits in «PUBG» oder der Waffenskins in «CS:GO» sind diese teilweise viel Geld wert. Die Schweizerische Spielbankenkommission sieht aktuell allerdings noch keinen Grund zum Handeln.

«Bei den von Ihnen geschilderten erwähnten ‹Lootboxen› handelt es sich sozusagen um ein ‹Spiel im Spiel›, welches im Verlaufe des Computer- oder Videospiels auftaucht und in der Regel – im Verhältnis zum ganzen Computer- oder Videospiel – nur einen kleineren Teil des gesamten Spiels ausmacht.»

Da Computer-, Konsolen- und Videospiele in der Regel nicht zu den Glücksspielen gemäss Definition im Spielbankengesetz gehören, sollen sie zudem auch gar nicht in den Kompetenzbereich der ESBK fallen, sagt Maria Chiara Saraceni von der Eidgenössischen Spielbankenkommission. Sie fügt an, dass es sich hierbei um eine Einschätzung nach heutigem Stand handle.

Es sprechen also primär zwei Faktoren gegen die Einstufung als Glücksspiel: Wenn es ein Spiel im Spiel ist und wenn Lootboxen nicht den Hauptaspekt ausmachen. Also würde ein Spiel, in dem man ein voll funktionierendes Casino besucht, wohl nicht durchgehen: «Richtig. Wenn wir merken, dass es in erster Linie ein Glücksspiel ist, dann fällt es auch unter das Spielbankengesetz», so Saraceni. Sie betont aber auch, dass man jedes Spiel individuell prüfen müsste, um zu entscheiden, ob es ein Glücksspiel ist oder nicht.

«Overwatch» wird oft als positives Beispiel für Lootboxen genannt, gehört nun aber ebenfalls zu den Übeltätern.
«Overwatch» wird oft als positives Beispiel für Lootboxen genannt, gehört nun aber ebenfalls zu den Übeltätern.

Lösen wir uns einen Moment von der Game-Diskussion. Wie steht es denn um «Magic the Gathering»- oder aktuell die Panini-Bilder? Sind die nicht auch eine Form von Lootboxen? Du kaufst für einen bestimmten Betrag ein Päckchen, das fünf zufällige Bilder von Fussballern enthält. Je nach Seltenheitsgrad sind sie unterschiedlich wertvoll. Nicht viel, aber dennoch. «Hier fehlt es am Element des Gewinns, das bei einem Glücksspiel gegeben sein muss. Man kann die Bilder zwar tauschen oder verkaufen, aber man kann mit den Bildern der Fussballer keinen Gewinn direkt beim Verkäufer einlösen», findet Saraceni.

Von den Schweizer Behörden haben die Game-Entwickler also vorerst nichts zu befürchten. Saraceni macht jedoch klar, dass sie die Entwicklungen im Spielbereich weiterhin aufmerksam beobachten werden. «Sollten sich konkrete Gründe für allfällige Verletzungen des Spielbankengesetzes ergeben, werden wir intervenieren.» Es darf angenommen werden, dass diese Diskussion auf dem politischen Parkett ausgefochten wird.

Was kommt nach den Lootboxen?

Die guten Waffenskins gibt es in «PUBG» fast nur in den kostenpflichten Kisten.
Die guten Waffenskins gibt es in «PUBG» fast nur in den kostenpflichten Kisten.

Sollten Lootboxen konsequent verboten werden, wird das massive Folgen für die Game-Branche haben. Gerade im Free-to-Play-Sektor sind sie oft die einzige Einnahmequelle. Zurück zum alten System, wo Spieler einmalig ein Vollpreisspiel gekauft haben und in Ausnahmefällen noch ein kostenpflichtiges Addon dazu, ist unwahrscheinlich. Zu sehr lockt der lukrative Honigtopf mit Microtransactions und Co. Die Game-Branche wächst von Jahr zu Jahr und brachte es 2017 zu einem Umsatz von über 100 Milliarden US-Dollar. Am stärksten gewachsen ist zwar die Mobile-Sparte, aber auch Konsolen- und PC-Spiele haben nicht geschlafen. Die Branche wird also mit grösster Sicherheit irgendeinen Weg finden, uns weiterhin fleissig zur Kasse zu bitten. Über das nächste System kann ich nur orakeln. Was denkt ihr? Werden Lootboxen verschwinden und wenn ja, was wird sie ablösen?

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg
Senior Editor, Zürich
Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – nur leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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